Alle Artikel mit dem Schlagwort: Philosophie

Corine Pelluchon zur Wahl in Frankreich

1 -Was sind Ihre Gedanken und Gefühle nach dem Ergebnis der Stichwahl Macron-Le Pen? Ich war erleichtert, dass Marine Le Pen nicht gewählt wurde, aber die Zahl der Menschen, die für sie gestimmt haben ist besorgniserregend. Ganz zu schweigen von der Wahlenthaltung. In Frankreich, wie in vielen anderen Ländern in Europa und der Welt, gibt es eine Müdigkeit, einen Mangel an einem gemeinsamen Horizont. Die Stimmabgabe für extremistische Parteien ist nicht nur auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zurückzuführen, mit denen die Menschen zu kämpfen haben. Das Fehlen eines gemeinsamen Horizonts ist auch eine Reaktion auf eine technokratische Bewältigung der Probleme, die die Politik ihres Inhalts beraubt. Und Rechtspopulisten nutzen dieses Vakuum, um eine Politik der Identitätsstiftung zu betreiben. Um ein Debakel in fünf Jahren zu vermeiden, müssen wir das Vertrauen in eine gemeinsame Zukunft wiederherstellen, eine Politik betreiben, die nicht nur eine Anpassung an den Neoliberalismus ist oder auch nur eine Möglichkeit, die durch diese ökonomistische Ordnung hervorgerufenen Ungleichheiten auszugleichen. Meiner Meinung nach ist es die Lösung, Ökologie als eine weisere und gerechtere Art, die Erde …

Das Geheimnis der Macht

Macht begegnet uns überall. Im Job, auf der Straße. In der Politik, in der Ehe. Vielen ist das unheimlich. Die Macht hat keinen guten Ruf. Die Frage ist: muss das so sein? Ein Polizist, der einen Ladendieb festnimmt. Der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern. Ein Internetkonzern, der die Suchergebnisse der Nutzer bestimmt. Ein Chef, der für den nächsten Bericht die Deadline auf Montagmorgen setzt – und der Angestellte, der dagegen protestiert. Ein Ehekrach um die Arbeitszeiten der Frau. Ein Vater, der geduldig versucht, seinem kleinen Kind Tischmanieren beizubringen. All das hat eines gemeinsam: Es geht um Macht. Wo Menschen zusammenleben, üben sie Macht aufeinander aus. Doch viele von uns finden das nicht gut. »Und nun ist die Macht an sich böse, gleichviel wer sie ausübe«, schreibt etwa der Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (1818–1897) in seinen »Weltgeschichtlichen Betrachtungen«. Und weiter: »Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier, und eo ipso unerfüllbar, daher in sich unglücklich und muss also andere unglücklich machen.« Man redet vom Willen zur Macht, nicht von der Liebe zur Macht. Macht wird bewundert, nicht …

Spirituelle Apokalypse

Der russische Nationalist Alexander Dugin erklärt dem Westen den Krieg. Er beruft sich auf Martin Heidegger und den italienischen Esoteriker Julius Evola. Dahinter steckt das gefährliche Projekt einer geistig-politischen Totalumwälzung – ein ontologischer Faschismus. Text: Thomas Vašek Alexander Geljewitsch Dugin hasst Amerika, den Westen, die moderne Welt, die für ihn immer mehr in Nihilismus und Dekadenz versinkt. Der 60-jährige Philosoph und Politologe träumt von einem wiedererstarkten Russland, das dem Siegeszug westlicher Werte Einhalt gebieten soll. Er beruft sich gern auf Martin Heidegger. Den Menschen im verkommenen Westen sage Heidegger nichts mehr, schreibt Dugin: Daher kann er zu uns sprechen. Dugins zweite Leitfigur ist in Deutschland bislang weniger bekannt. Es ist der italienische Kulturphilosoph und Esoteriker Julius Evola – ein protofaschistischer Rassentheoretiker und Antisemit, der die SS als heldenhaften Eliteorden verehrte, eine faschistische Rassenlehre entwickelte und ein Vorwort zu den »Protokollen der Weisen von Zion« schrieb. Der Philosoph Alexander Geljewitsch träumt von einem wieder erstarkten Russland, das dem Siegeszug westlicher Werte Einhalt gebieten soll. Dugin, Heidegger, Evola – ein auf den ersten Blick seltsames Gespann. Da ist …

Was ist guter Sex?

Noch nie war die sexuelle Freiheit so groß. Aber was ist überhaupt Sex? Was heißt es, guten Sex zu haben? Und was bedeutet das für unser monogames Beziehungsmodell? Text: Thomas Vašek Sex ist überall, in allen Variationen. Man kann ihn kaufen, einschlägige Klubs besuchen oder sich im Netz spontan dazu verabreden. Und wenn einem das zu kompliziert ist, macht man es sich einfach selbst. So frei wie heute war der Sex noch nie. Ob hetero oder schwul, bi- oder pansexuell, monogam oder promiskuitiv: Alles geht. Erlaubt ist, was gefällt, mit den Ausnahmen sexuelle Gewalt, Inzest und Pädophilie. Ansonsten kann jeder Sex haben – nach eigenen Neigungen, nach eigenem Geschmack. Heutige Sexratgeber geben keine Unterweisungen mehr, geschweige denn moralische Belehrungen, eher empfiehlt man Mut zur Grenzverletzung, zum fantasievollen, tabulosen Spiel. Die sexuelle Revolution hat uns von vielen ungesunden Zwängen befreit. Aber die grenzenlose Freiheit wirft auch neue Fragen auf. Sie alle haben zu tun mit der Bedeutung des Sex für unser Leben, für unsere Beziehungen mit anderen. Was drückt Sex eigentlich aus? Was ist guter Sex, …

Wir sind viele!

Ein geheimnisvolles Band hält uns zusammen – immer wieder und immer wieder neu. Dabei besteht es bloß aus drei Buchstaben: wir. Wie kann das sein? Was ist das Wir für ein Ding? Wie kommt es zu dieser Verbundenheit – selbst unter Unbekannten? Und wann ist ein Wir ein gutes Wir? Text: Thomas Vašek und Tobias Hürter Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem voll besetztenZugabteil, zusammen mit wildfremden Menschen. Mitten auf der Strecke bleibt der Zug stehen, es gibt keine Durchsagen, keiner weiß, wann es weitergeht. Unter Ihren Mitreisenden entsteht Unmut, man tauscht genervte Blicke aus, kommt miteinander ins Gespräch. Jemand sagt: »Nun warten wir schon seit einer halben Stunde. Das können die mit uns doch nicht machen.« Doch: Wer ist hier »wir«? Und was heißt da »uns«? Es ist eine ganz alltägliche Situation. Dabei ist etwas Wundersames passiert: Ein »Wir« hat sich gebildet, zwischen Menschen, die einander noch nie gesehen haben. Natürlich ist dieses »Wir« flüchtig, spätestens beim Aussteigen löst es sich wieder auf, jeder geht seiner eigenen Wege. Und doch bleibt die …

Club der freien Geister

Der Mensch Rudolf Steiner und die Anthroposophie sind umstritten. Die einen sehen in ihr eine Heilslehre, die anderen Humbug. Wer also war der Mann, der die Anthro­posophie begründete? Wie kam er zu seinem Denken? Und wieso kommt die Welt davon nicht los? Text: Thomas Vašek Rudolf Steiners Anhänger schwärmten von seinen dunklen Augen, seinem durchdringenden Blick. Manche verehrten ihn als Propheten, als Eingeweihten, der Zugang zu einer höheren Wirklichkeit besaß. Für andere war er nur einer von vielen Spinnern und Sektierern, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit neuen Heilslehren herumliefen. Was mit Vorträgen vor einer Handvoll Zuhörern begann, das ist heute eine Erfolgsmarke im globalen Sinngeschäft. Von der Waldorf­pädagogik über den biodyna­mischen »Demeter«-Landbau bis zur alternativen Medizin, von der Weleda-Kosmetik bis zur Privatuniver­sität Witten/Herdecke, deren Gründungsgeschichte mit der Anthroposophie verbunden ist: Kaum eine andere Lehre hat auf derart viele Bereiche des praktischen Lebens gewirkt wie Steiners »Anthroposophie«. Auch deshalb ist es hoch an der Zeit, sich mit dieser Lehre kritisch auseinanderzusetzen. Seit Jahren schwelt die Diskussion über Methoden und Lehrinhalte der Waldorfpädagogik, es gab …

Der Sinn des Fliegens in der Dämmerung

Fast genau vor 200 Jahren hat Hegel die berühmten Worte über die Philosophie notiert, nach der „die Eule der Minerva […] erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“ beginnt, denn die Vorrede zu den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ wurde im Mai 1820 geschrieben. Seitdem ich diesen Satz, der zum Sprichwort geworden ist, zum ersten Mal gelesen habe, frage ich mich: warum fliegt die Eule dann überhaupt noch los? Warum bleibt sie nicht sitzen? Natürlich war Hegel kein Ornithologe sondern Philosoph, die Gründe, die die Eule hat, in der Dämmerung zu fliegen, waren ihm wahrscheinlich egal. Was er ja sagen wollte: Die Philosophie findet erst zu ihrer Sprache, wenn die Ereignisse, die die Menschen aufwühlen und umhertreiben, schon wieder der Ruhe der Müdigkeit gewichen sind. Die Philosophie kommt mit ihrem Nachdenken immer zu spät, und was sie dann vielleicht herausfindet, interessiert am nächsten, neuen Tag niemanden mehr. Vielleicht auch: die Philosophie redet, wenn niemand zuhört, weil alles schläft. Zweierlei kann man sich nun fragen: erstens: Ist das wirklich so? Warum sollte die Philosophie nicht in …

Im Alten Griechenland #1: Das Schwierige

In seiner Kolumne »Im Alten Griechenland« streift Jörg Phil Friedrich durch die Denkwelt der alten Meister. Im ersten Teil trifft er auf Thales und fragt ihn: Was ist das Schwierigste? Ich hatte mich auf eine lange Reise begeben. Mein Ziel war der Anfang, die Quelle des Stroms, von dem wir uns heute noch ernähren. Die Gegend, die ich erkunden wollte, deren Bewohner ich kennenlernen wollte, lag ganz im fremden Inneren unserer Welt, die Reise war zugleich eine Wanderung auf höchste Berge wie sie eine Erkundung tiefster Erdschichten war. Die Leute, die ich treffen wollte, sprachen eine fremde Sprache, auch wenn mir viele Worte, die sie hatten, vertraut vorkamen, wusste ich doch, dass ich den Bedeutungen, die ich kannte, nicht trauen konnte. Zwar gab es viele freundliche Dolmetscher, aber ich hielt es für klug, mir ein paar dicke Wörterbücher einzupacken, mit deren Hilfe ich den Sinn dessen erkunden wollte, was mir die Weisesten der Leute dort, wie ich hoffte, anvertrauen würden. Ohne Halt hatte ich fast bis ganz in den innersten und ältesten Bezirk dieses Landes …

Verständlich unverständlich?

Jörg Phil Friedrich zweifelt daran, dass es ein »richtiges« Verstehen von Texten gibt. Offenbar meint er damit, dass es gar nicht auf die Verständlichkeit eines Textes ankommt, sondern vielmehr darauf, welche Wirkung er auf uns hat, zu welchen Einsichten er uns führt. Friedrich schreibt: „Ein philosophischer Text wäre dann verständlich, wenn er mir hilft, etwas zu verstehen, nicht unbedingt den Text selbst, sondern eine grundsätzliche Eigenschaft meiner Welt.“

Verständliche Philosophie in einer schwer verständlichen Welt?

Wer möchte nicht verständlich sein? Zwar wird manchmal behauptet, es gäbe Philosophen, die würden extra so schreiben, dass sie keiner versteht. Sie würden, so hört man, sich ganz bewusst einer Sprache bedienen, die irgendwie geheimnisvoll und wichtig klingt, aber eigentlich inhaltsleer ist. Sie sagen nichts, tun das aber auf eine Weise, die nach sehr viel klingt. Am Ende kann dann jeder in die Worte des Philosophen hineinlegen, was er selbst möchte, aber was der Philosoph wirklich sagen wollte, bleibt unverständlich, vielleicht, so meint man, weil es da auch gar nichts zu verstehen gibt.