Alle Artikel in: Aktuell

Alice und Bob #6: Die Warteschlange

Fast wäre Bob zu seiner letzten Verabredung mit Alice zu spät gekommen, denn er hatte wirklich lange an der Supermarktkasse anstehen müssen. Dennoch, so berichtete er Alice gleich nach der Begrüßung, hatte er eigentlich eine müde alte Dame noch vorlassen wollen, die er ganz am Ende der Warteschlange erspäht hatte als er gerade dabei war, seine eigenen Einkäufe aufs Band zu legen. Freundlich hatte er ihr zugerufen, sie solle doch nach vorn kommen und sich vor ihm selbst einreihen, dann wäre sie direkt als nächste Kundin an der Kasse gewesen. Alice lächelte wissend, denn sie ahnte schon, was dann passiert war: „Das haben sich die anderen Kunden natürlich nicht gefallen lassen, stimmt’s?“ „So ist es,“ antwortete Bob aufgeregt, „manche Leute haben sich so empört, dass die arme Frau ganz eingeschüchtert in der Reihe stehen geblieben ist. Sie hat sich fast entschuldigt für meinen Vorschlag!“ „Du weißt natürlich nicht, wie es den Leuten ging, die selbst in der Schlange standen. Vielleicht war jemand krank, hatte Fieber und musste aber dringend was einkaufen? Vielleicht war eine alleinstehende …

Was ist ein Sprechverbot?

Von Manuel Güntert Aktuell gewichtigen Einfluss auf den Diskurs nimmt eine Figur, von der eigentlich angenommen werden muss, sie sei angetreten – worden! –, ihn zu unterbinden. Es handelt sich um das Sprechverbot. Die Frage dabei ist, ob es wirklich Sprechverbote gibt, die die Meinungsfreiheit empfindlich einschränken, oder ob einem dergestalt argumentierenden Sprecher der Verweis auf ein solches nicht eher dazu dient, seine eigene Sprechposition über einen nur vermeintlichen Tabubruch zu akzentuieren, um sich selbst in diesem Zug zu erhöhen. Es wäre dies eine Selbstheroisierung, die so weit gehen kann, dass die Kausalitäten sich kehren, und der Verweis auf ein Sprechverbot, das angeblich überschritten wird, dieses erst schafft. Die Kippfigur dazu wäre entsprechend die Selbstviktimisierung, in der ein Sprecher sich als Opfer eines Meinungsdiktates ausweist, obschon kein wirklich nachvollziehbarer Grund dafür vorliegt. Treten wir einmal einen Schritt hinter diese Debatte zurück, um die nur vermeintlich lapidare Frage zu stellen, was ein Sprechverbot eigentlich ist. Seinem Namen nach will es erreichen, dass etwas Bestimmtes nicht mehr gesagt werden kann. Es ließe sich noch zwischen einem expliziten …

Shortlist für den Tractatus Essaypreis

Das Philosophicum in Lech verleiht jedes Jahr den mit 25.000 Euro dotierten Essaypreis »Tractatus«. Nun hat die Jury, der neben Konrad Paul Liessmann, Barbara Bleisch und Michael Krüger auch unser Chefredakteur Thomas Vašek angehört, die Shortlist für den »Tractatus« 2019 bekanntgegeben. Hier gehts zu den sechs Nominierten: https://www.philosophicum.com/tractatus/shortlist/shortlist-2019  

Im Alten Griechenland #5: Mit Heraklit am Fluss

Nun war ich schon eine Weile bei Heraklit und endlich wollte ich ihm die Frage stellen, was es nun mit dem Fließenden auf sich hatte. Anderswo hatte ich gehört, dass der Satz πάντα ῥεῖ (pánta rhei – „alles bewegt sich / alles fließt“) von ihm stammen würde, ein Satz, der es ja als „geflügeltes Wort“ bis in unsere Zeit geschafft hatte. Der Satz klang natürlich irgendwie richtig, aber ich mochte nicht glauben, dass schon ein Denker aus dem alten Griechenland zu dieser Einsicht gekommen sein sollte. Selbst für uns heutige gab es doch vieles, was unveränderlich schien, die astronomischen Prozesse etwa, aber auch die Gebirge und die wichtigen Formen der Landschaften veränderten sich kaum. Wir brauchen Geschichtsbücher und die Wissenschaften, um davon überzeugt zu sein, dass auch in diesen Gegebenheiten stetiger Wandel stattfand. Wie sollte jemand, der keine moderne Naturwissenschaft kannte und für den auch die Lehren aus der Geschichte noch nicht unbedingt auf stetige Veränderung der Welt hinweisen mussten, zu einer solchen Einsicht kommen? Gerade die Flüsse zeugten doch in ihren Flussbetten von einer …

Bahners vs. Flaßpöhler vs. Habermas

Patrick Bahners hat in der FAZ die Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie-Magazins, Svenja Flaßpöhler, dafür kritisiert, wie sie sich „an Habermas abarbeitet“. Sie würde ihm in unzähligen Interviews etwas vorwerfen, was sie jedoch nicht belegen kann. „Das wäre auch nicht möglich, denn Flaßpöhler stellt Habermas auf den Kopf.“ behauptet Bahners. Ist das wirklich so? Bahners zitiert mehr als ein halbes Dutzend Stellen, in denen Flaßpöhler in der Tat immer das Gleiche über Habermas wiederholt. In einer Version lautet die Behauptung: „Zur Kerneinsicht seiner deliberativen Demokratietheorie gehört, dass nur zum öffentlichen Diskurs zugelassen wird, was ,vernünftig‘ ist.“ Für Bahners bedeutet das offenbar, Flaßpöhler würde Habermas die Forderung unterstellen, dass am Eingang zum Diskurs eine „Zugangskontrolle mit dem Philosophen als Türsteher“ stattfindet, welche dafür sorgt, dass die Unvernünftigen draußen bleiben. Das hat Habermas natürlich nicht gefordert, aber das behauptet Flaßpöhler auch nicht. Was ist vernünftig? Wenn Bahners meint Vernünftig an der demokratischen Entscheidung aufgrund von gemeinschaftlicher Überlegung ist für Habermas das Verfahren, und zwar genau dann, wenn es die Kriterien der Öffentlichkeit und Offenheit erfüllt. irrt er …

Alice und Bob #5: Die Gartenlaube

Letzten Samstag besuchte Bob Alice in ihrem Garten. Die war gerade dabei, ihre Gartenlaube neu zu streichen. „Du werkelst ja schon wieder an deinem Schuppen herum“ rief er. „Das ist schon lange kein Schuppen mehr, das ist eine Gartenlaube“ erwiderte Alice mit gespielter Empörung. „Du hast recht. Ich glaube, in den letzten Jahren hast du alle Wände erneuert und auch der Fußboden und das Dach sind neu. Wahrscheinlich ist kein Brett von dem Schuppen übrig geblieben, der da früher stand!“ „Das stimmt. Und das Häuschen ist geräumiger geworden, die Fenster größer, die Tür breiter!“ „Wenn ich das richtig sehe“ meinte Bob, „hast du im Laufe der Zeit sogar das ganze Haus ein Stück zur Seite gerückt?“ „Gut erkannt!“ Alice lachte. „Ich hab erst an der einen Seite einen Meter angebaut und später, als ich die andere Seite erneuern wollte, hab ich mich entschlossen, das Häuschen doch wieder etwas schmaler zu machen. So ist es ein bisschen gewandert.“ „Genau genommen ist es gar nicht mehr das gleiche Haus,“ sinnierte Bob, indem er sich auf der Terrasse …

Die politischen Akteure 2019 – eine kleine Typologie

DER JUNGMANAGER besticht durch seine algorithmische Perfektion und Reinheit. Sein Denken ist so glatt wie seine Haut. Er ersetzt Ideologie mit Empathie, Wut mit Geduld. Gleich einem selbstlernenden System findet er Lösungen für jedes Problem. Prototyp des Jungmanagers ist Sebastian Kurz, der den Systemfehler »Strache« durch die allseits anschlussfähige Rhetorik der Sanftheit beseitigte. Spontan wirkt das inhaltsfreie Programm des Jungmanagers höchst sympathisch. Seine wahren Absichten und sein Haltbarkeitsdatum sind (noch) hinter der glänzenden Oberfläche verborgen. DER BÄR strahlt eine behagliche pelzige Wärme aus, welche die authentische Atmosphäre guter alter Zeiten evoziert. Seine Autorität speist sich aus einer unaufdringlichen Attraktivität, wie sie paradigmatisch von Robert Habeck repräsentiert wird. Diese Augen, dieses Lächeln! Ein Mensch, der sich vor den menschenverachtenden Effekten von Twitter fürchtet, kann nicht lügen. Er verspricht vielmehr eine neue Übersichtlichkeit. Er krempelt die Ärmel hoch und karrt selbst die Erde an, mit der die Kluft zwischen traditioneller Poli‑ tik und globalem digitalen Chaos zugeschüttet werden soll. DIE SUPERINTELLIGENZ operiert anders als die elegante Polit- und PR-Maschine des Jungmanagers, anders auch als der warme Bär …

Alle mal die Klappe halten? Ausgabe 5/19 ist da

Wir sind heute Zeugen einer ungeheuren Dynamik. In den sozialen Medien geschieht zurzeit etwas, das wir noch nicht ansatzweise verstehen, für das wir noch keine adäquaten Begriffe haben – das aber dramatische Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft hat. In unserem Titelessay reflektieren wir den Wandel der öffentlichen Sphäre und machen einen Vorschlag für einen neuen Öffentlichkeitsbegriff. Begriffe neu und ganz anders denken – das ist auch die Mission des französischen Philosophen und Sinologen François Jullien. Im Interview mit Maja Beckers erläutert er, warum er das Konzept kultureller Identität ablehnt, und wettert gegen die Auswüchse der Populärphilosophie. Dass sich Philosophie und Sinnlichkeit nicht ausschließen, davon können Sie sich überzeugen bei der Lektüre des Textes über die Rolle von Farben für unser Leben oder der phänomenologischen Beschreibung einer Schwangerschaft unserer Redakteurin Greta Lührs. Einen außergewöhnlichen Zugang zum Thema Schrift und Begehren wählte unsere Autorin Lena Frings – nämlich eine Kurzgeschichte. Weitere Themen: Weisheit, die funktioniert. Wird das Leben zum Spiel? Averroës – der islamische Aufklärer. Kunst oder Lüge? A Propos Kunst: Besonders hinweisen möchten wir Sie auf …

Im Alten Griechenland #4: Unerreichbare Grenzen

Am Abend nach meinem ersten Gespräch mit Heraklit hatte ich noch eine Weile über die Psyche nachgedacht, diese Lebenskraft, deren Bedeutungsvielfalt sich selbst mehrt. Umso mehr ich darüber nachdachte, desto undeutlicher wurde mir wieder der Sinn des Satzes. Ich wollte Heraklit am nächsten Tag erneut danach fragen, was es mit dem Logos der Psyche, also der begrifflichen Vorstellung von dieser Lebenskraft auf sich hat. Heraklits neue Auskunft war nicht viel klarer als die, die er mir beim ersten Mal gegeben hatte. Er sagte: Ψυχῆς πείρατα ἰων οὐκ ἄν ἐχεύροιο· Psyches peirata ion ouk án echeúroio. Die Konstruktion ἄν ἐχεύροιο war neu für mich, ich verstand sie nicht gleich. ἐχεύροιο ist ein Optativ, ein Modus von Verben, den wir im Deutschen nicht haben, er drückt einen Wunsch aus. Mit ἄν zusammen drückt er aber eine Möglichkeit, eine Macht aus. Wörtlich genommen bedeutete Heraklits Satz also: Psyches Grenzen gehend nicht kannst herausfinden – wobei mir schon klar war, dass ich „Psyche“ nicht im modernen Sinn verstehen durfte. Aber ich konnte das Wort hier als meine geistige, seelische …

Serie: Die Weisheit der Gefühle / Teil 4 / Liebe und Hass

Die Bande, die uns zusammenhalten Von Tobias Hürter Kein anderes Gefühl ist so überladen mit Ansprüchen wie die Liebe. Sie soll uns glücklich machen, die Gesellschaft einen und uns mit Gott verbinden. Kann sie das alles? Und was ist mit ihrem missratenen Bruder, dem Hass?   Fragt man Biologen, dann ist Liebe das Einfachste auf der Welt: Frauen lieben Männer mit breiten Schultern, dichtem Haarwuchs und dickem Geldbeutel. Männer lieben Frauen mit gebärfreudigem Becken, großen Brüsten und straffer Haut. Ginge es nur um die Verbreitung der Gene, dann wäre das Rätsel Liebe schnell gelöst: Man käme zusammen, um die Brut zu pflegen, und geht auseinander, wenn diese Aufgabe erledigt ist. Aber jeder, der gelegentlich Radio hört oder in die Ratgeber-Abteilung einer Buchhandlung schaut, weiß, dass Liebe das Komplizierteste auf der Welt ist. Die meisten Popsongs handeln von der Liebe, und unzählige Lebenshilfe-Bücher davon, wie man das Glück seines Lebens findet und bewahrt – sprich: die Liebe seines Lebens. Die Liebe seines Lebens«, da fängt es schon an mit den Merkwürdigkeiten. Viele  Menschen sehnen sich nach …