Alle Artikel in: HOHE LUFT

Ehrensache

Die Rede von der Ehre hat etwas Altertümliches. Sie klingt nach Duellen und Ehrenmorden. Dabei hat der Begriff eine große transformatorische Kraft. Wir könnten  sie nutzen. Text: Robin Droemer 635 000 Euro. Das ist die Summe, die der Springer-Verlag Jörg Kachelmann schuldet. Auch der Burda-Verlag hat schon gezahlt. Der berühmte Schweizer Wettermann hat beide Verlage verklagt, weil er sich durch ihre Presse seiner Berufsgrundlage beraubt sieht. 2010 warf ihm seine Geliebte Vergewaltigung vor, Kachelmann wurde festgenommen. Die Medien stürzten sich auf den Prozess. »Bild«-Kolumnistin Alice Schwarzer stellte Kachelmann bereits als schuldig dar, als die Verhandlung noch in vollem Gange war. Aber Kachelmann wurde freigesprochen. Trotzdem redete man ihn in Talkshows als »möglichen Vergewaltiger« an. Die Berichterstattung hat Kachelmanns Leben verändert. Er wird wohl nie wieder für das deutsche Fernsehen arbeiten. Doch der Wettermann kämpft weiter. Nicht, weil er das viele Geld bräuchte. Ihm geht es um etwas Wichtigeres als Geld. Ihm geht es um seine Ehre. Ehre, so scheint es, ist ein Relikt archaischer Zeiten. Und doch werden in der modernen Welt Ehrenprofessuren vergeben, Ehrenämter …

Welzer und Melnyk

Es liegt etwas in der Luft… … Es ist diskursive Apathie. Letzten Sonntag bei »Anne Will«: Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk und der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer geraten aneinander. Es geht um die Frage der deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine, es geht um Pazifismus oder Bellizismus – um die Dilemmata der Politik im Umgang mit einer Atommacht. Es geht um die Frage, wie man der Ukraine helfen kann, ohne selbst zur Kriegspartei zu werden. Als einer der Erstunterzeichner des von Alice Schwarzer initiierten »offenen Briefes« an Olaf Scholz votiert Welzer für Zurückhaltung, um eine Eskalation der Gewalt zu verhindern. Dabei beruft er sich auf die historische Erfahrung der Deutschen im und mit dem Zweiten Weltkrieg, die bis heute in vielen Familien präsent sei. Während Welzer von Melnyk »Zuhören« fordert, wirft Melnyk Welzer vor, was dieser anzubieten habe, sei »moralisch verwahrlost«. Das entgleiste Gespräch in einer Sonntagabend-Talkshow ist beispielhaft für die Schwierigkeiten der öffentlichen Debatte in einer Mediendemokratie. Wie soll man über den Krieg denken und diskutieren? Wieviel soll überhaupt darüber geredet werden – und wer …

Vom Wehtun

Was ist eigentlich Schmerz? Ist er allein ein Übel, oder kann man ihm auch Gutes abgewinnen? Hat er einen Sinn? Gibt es Erlösung? Sollten wir uns mit ihm anfreunden? Eine kritische Befragung des »Weh« und unseres Umgangs mit ihm.   Schmerz macht klein und dehnt aus, staucht und streckt, schießt auf uns herunter und wallt in uns auf, ist ebenso oft der wie mein und nur selten unser.« So versucht die amerikanische Lyrikerin Lisa Olstein zu fassen, was womöglich nie vollständig beschrieben und »gesagt« werden kann. Diese Unfreiheit. Diese Ohnmacht. Man fühlt sich wie ein Käfer in einer Schachtel, der ständig gegen den Deckel anflattert. Wehtun ist etwas, das jeder von uns empfinden, erleben, erleiden muss; körperlich, seelisch, geistig. Es gibt kein Leben ohne Schmerz. Das Drama der Existenz beginnt lautstark mit den Schreien der Gebärenden – und endet leise mit dem Stöhnen des Sterbenden. Geburt und Tod bilden den Rahmen für ein Stück, das zwischen Komödie, Tragödie und Farce changiert und von uns, seinen Protagonisten, bis zuletzt ununterbrochene Präsenz verlangt. Bis der Regisseur ein …

Die neue HOHE LUFT ist da! Wohin sind wir unterwegs?

»Wohin sind wir unterwegs?« fragen wir in unserer neuen Ausgabe. Der HOHE LUFT Schwerpunkt Zeitenwende befasst sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven – kulturhistorischen, journalistischen, persönlichen – mit der unübersichtlichen, beunruhigenden Weltlage. Wir schreiben über das Ende des westlichen Wunschdenkens, erleutern die zentralen Begriffe der Kriegsberichterstattung, sprechen mit Martin Staudinger, einem der renommiertesten und erfahrensten Kriegs- und Krisenreporter – und beleuchten den Wert des Zwischenmenschlichen. Außerdem im Heft: Wahlrecht für Kinder?/ Kunst als Fortschritts-Booster/ Reden wir über Sex!/ Frank Ramsey – Wittgensteins Herausforderer. Sowie: ein großes Interview mit dem Ägyptologen und Grand Seigneur der Kulturwissenschaften Jan Assmann, der uns erklärt, warum er – trotz allem – Optimist ist und bleibt.

Die Meinungen der selbsternannten Osteuropa-Versteher

Es liegt etwas in der Luft… … Es ist der Meinungsstreit zum Ukrainekrieg. Die einen sind für die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine, die anderen finden, dass man Wladimir Putin nicht reizen darf. Die einen fordern ein Gas-Embargo, um den Druck auf Russland zu erhöhen, die anderen sind dagegen, weil sie fürchten dass dann die deutsche Wirtschaft kollabiert. Und zum Geisteszustand des russischen Präsidenten hat ohnehin jeder seine eigene Meinung. Auf Facebook, Twitter &Co. wimmelt es von selbsternannten Generälen, Strategieexperten und Osteuropa-Verstehern, die fiebrig das Kriegsgeschehen kommentieren, der Politik Ratschläge geben oder Zensuren verteilen. Man kann der Meinung sein: Das nervt. Ob zum Ukrainekrieg, zur Coronapandemie und vielen anderen Fragen: Selbstverständlich darf jede Person ihre Meinung frei äußern, jedenfalls im gesetzlichen Rahmen. Wir nennen es Meinungsfreiheit, davon lebt die Demokratie. Die Frage ist allerdings, ob man zu allem eine Meinung haben muss.  Sie stellt sich gerade in den sozialen Medien, wo heute tatsächlich jede/r fast alles öffentlich sagen kann. So ist es nicht geboten (und auch nicht klug), seine Meinung zu Dingen zu äußern, von …

Sex, Lügen und Ontologie

Philosophen sind Liebhaber der Weisheit. Aber sind sie auch weise Liebhaber? Ein Blick in ihre Biografien zeigt: meistens nicht. Text: Tobias Hürter Wenn Philosophie das Ringen mit den großen Fragen des Lebens ist, dann ist jeder verliebte Teenager ein Philosoph: »Ist sie die Richtige?« – »Liebt sie mich auch?« – »Ist sie mir treu?« Wer kann ihm da helfen? Am ehesten müsste es ein Berufsphilosoph können, der den großen Fragen sein Leben widmet. Wenn man aber die Lebensläufe der Philosophen betrachtet, so zeigt sich: Liebhaber der Weisheit sind oft keine weisen Liebhaber. Der Existenzialist Jean-Paul Sartre (1905–1980) adoptierte seine Geliebte als Tochter. Der Stoiker Seneca (ca. 1–65 n. Chr.) wurde wegen einer außerehelichen Affäre vom Kaiser aus seiner Heimat Rom verbannt. Der Marxist Louis Althusser (1918–1990) erdrosselte gar seine Frau. Kann man einem Teenie guten Gewissens empfehlen, sich bei diesen Leuten Rat zu holen? Die Misere begann schon mit dem großen Philosophentrio der Antike: Sokrates, Platon und Aristoteles. Sie alle hatten einiges über die Liebe zu sagen, und die Beziehungen zwischen den Charakteren in ihren …

Corine Pelluchon zur Wahl in Frankreich

1 -Was sind Ihre Gedanken und Gefühle nach dem Ergebnis der Stichwahl Macron-Le Pen? Ich war erleichtert, dass Marine Le Pen nicht gewählt wurde, aber die Zahl der Menschen, die für sie gestimmt haben ist besorgniserregend. Ganz zu schweigen von der Wahlenthaltung. In Frankreich, wie in vielen anderen Ländern in Europa und der Welt, gibt es eine Müdigkeit, einen Mangel an einem gemeinsamen Horizont. Die Stimmabgabe für extremistische Parteien ist nicht nur auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zurückzuführen, mit denen die Menschen zu kämpfen haben. Das Fehlen eines gemeinsamen Horizonts ist auch eine Reaktion auf eine technokratische Bewältigung der Probleme, die die Politik ihres Inhalts beraubt. Und Rechtspopulisten nutzen dieses Vakuum, um eine Politik der Identitätsstiftung zu betreiben. Um ein Debakel in fünf Jahren zu vermeiden, müssen wir das Vertrauen in eine gemeinsame Zukunft wiederherstellen, eine Politik betreiben, die nicht nur eine Anpassung an den Neoliberalismus ist oder auch nur eine Möglichkeit, die durch diese ökonomistische Ordnung hervorgerufenen Ungleichheiten auszugleichen. Meiner Meinung nach ist es die Lösung, Ökologie als eine weisere und gerechtere Art, die Erde …

Von Gedankenspielen und der Absurdität des Realen

Es liegt etwas in der Luft… Text: Lena Frings … es sind die moralischen Fehlschlüsse durch Laborbedingungen des Denkens. Philosoph:innen lieben moralische Dilemmata. Da wäre das Trolley-Problem, welches in vielen Schulbüchern vorkommt. Anhand der Vorstellung einer aus der Kontrolle geratenen Straßenbahnfahrt müssen Lernende beurteilen: Darf ich aktiv eine Person opfern, um das Leben mehrerer zu retten? Es gibt ferner das Problem von Buridans Esel, in dem sich dieser zwischen zwei identischen Heuhaufen nicht entscheiden kann und darum verhungert. Und auf das Dilemma, dass sich die Existenz Gottes ebenso wenig beweisen lässt wie ihr Gegenteil, findet Blaise Pascal eine amüsante Antwort für richtiges Verhalten, die sich den Mitteln der Spieltheorie zu bedienen scheint. Dabei lässt er außer Acht, dass Götter auch in ihm ganz undenkbaren Formen existieren könnten. Diese und andere Gedankenspiele sind Beispiele für Zwickmühen im Baukastensystem, von jeder Vielschichtigkeit des Lebens befreit. Einst wie heute stecken wir in ganz realen Dilemmata, die nichts von der theoretischen Verspieltheit haben. Sie sind vielschichtig und grausam bis in die undurchschaubarsten Tiefen. Aktuell müssen wir Antworten auf einen …

Die Getriebene

KAUM JEMAND SCHRIEB SO LEIDENSCHAFTLICH UND KRITISCH ÜBER DIE WIRKMACHT VON BILDERN UND METAPHERN WIE DIE ESSAYISTIN UND SCHRIFTSTELLERIN SUSAN SONTAG, KAUM EINE INTELLEKTUELLE MUTIERTE SCHNELLER ZUR IKONE. WER WAR DER MENSCH HINTER DEM MYTHOS? Text: Rebekka Reinhard Die Fotografie eines Menschen ist nicht identisch mit ihm. Sie zeigt einen Moment im Leben dieser Person, einen Ausschnitt aus dem Raum, in dem sie sich gerade befindet. Wie sehr greifen Reales und Imaginiertes ineinander? Welche Wirklichkeit liegt jenseits des Abbilds? Solche Fragen faszinierten die Frau mit der legendären weißen Haarsträhne – Susan Sontag (1933–2004), Essayistin, Schriftstellerin, Dramatikerin und Aktivistin. Für die Spannung zwischen Realität, Ästhetik und Ethik fand sie eine einzigartige Sprache. Deutlicher als viele ihrer Zeitgenossen erkannte sie die oft brutale Wirkmacht von Bildern und Metaphern; eine Macht, deren Nähe sie suchte und die sie zugleich abstieß. Kaum wurde sie mit ihren kulturkritischen Texten Mitte der 1960er berühmt, galt »Sontag« schon als Mythos. Alle kannten Sontag – auch jene, die keine Ahnung hatten von Intellektuellen – und Sontag kannte alle. In den 60er- und 70er-Jahren …

Mehr als guter Wille – Anleitung zum Helfen

Es liegt etwas in der Luft… … es ist die Hilfsbereitschaft der deutschen Bevölkerung angesichts des Krieges. Bisher: beeindruckend. Viele spenden Geld, viele engagieren sich ehrenamtlich bei lokalen Hilfsorganisationen. Andere gehen ohne zu zögern zum Bahnhof und laden ankommende ukrainische Familien zu sich nach Hause ein, geben ihnen ein provisorisches Obdach, integrieren sie liebevoll-pragmatisch in ihren Alltag. Wieder andere wollen helfen – denken aber viel zu viel über die Art des „richtigen” Helfens nach. Wer zu sehr an Theorien und Hypothesen klebt, kann nicht praktisch werden. Jedenfalls nicht so schnell, wie jetzt erforderlich! Allen, die sich von diversen Bedenken wie gelähmt fühlen, möchten wir hier etwas Orientierung geben. „Es ist überall nichts in der Welt, ja auch außerhalb derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut gehalten werden (sic), als allein ein guter Wille”, schrieb Immanuel Kant über das unbedingt Gute. „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es”, meinte dagegen Erich Kästner. Für Kant zählt allein die gute Absicht, für Kästner allein die gute Konsequenz. Angesichts der vielen Menschen, die jetzt unsere Unterstützung brauchen, scheint …