Alle Artikel in: HOHE LUFT

Intellektueller und moralischer Bankrott. Der Kern der sogenannten Missbrauchskrise.

Wieder förderte ein Gutachten neue Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen Kirche zutage. Wieder vertuscht durch die eigenen Reihen. Wie kann das sein? Doris Reisinger wirft einen kritischen Blick auf die katholische Kirche – den, einer Kennerin der innersten Strukturen, und den, einer starken Frau, die den Überblick behält. Text: Doris Reisinger Seit 12 Jahren dauert die sogenannte Missbrauchskrise in Deutschland nun schon an. Inzwischen ist die Öffentlichkeit so an die Thematik und die zu ihr gehörenden Vokabeln gewöhnt, dass die Frage, was hier eigentlich geschieht, nur selten gestellt wird. Ein Blick zurück, auf den Wandel der Narrative, mit denen über diese Thematik gesprochen wurde, wirft ein Licht auf die Tiefenschichten eines ebenso langsamen wie schmerzlichen Erkenntnisprozesses. Mitte der 90er Jahre, lange vor Ausbruch dessen, was heute Missbrauchskrise genannt wird, gingen die ersten überregionalen Schlagzeilen zum Thema durch die Presse. Da haftete ihm noch etwas Anrüchiges an. Damals bemühten einige katholische Bischöfe sogar den Begriff der Kirchenverfolgung: Als der Wiener Erzbischof und Kardinal Groër des sexuellen Kindesmissbrauchs beschuldigt wurde, zog nicht nur der damalige Wiener Koadjutor-Erzbischof Christoph …

Die Freiheit, die wir meinen

Freiheit schien uns lange selbstverständlich. Heute ist der Begriff umkämpft. Doch was ist Freiheit überhaupt? Was macht sie so wertvoll? Text: Thomas Vašek Der chinesische Künstler Ai Weiwei ist alles andere als ein freier Mensch. Seit einem Jahr steht er unter Hausarrest. Er darf seine Wohnung nur kurz und unter strenger Aufsicht verlassen. Die Geheimpolizei baute vor seinem Haus  berwachungskameras auf. Doch Ai Weiwei nahm sich die Freiheit. Im März installierte er selbst vier Kameras, die rund um die Uhr Bilder ins Internet übertrugen. Auf seiner Website sah man ihn beim Arbeiten, beim Essen, beim Schlafen. Ein paar Tage ging es so, bis die Behörden seine Seite sperrten. Mit seiner Selbstüberwachung protestierte er gegen die Berwachung durch das Regime. Ai Weiwei kann sich nicht frei bewegen. Doch seine Bilder gingen um die ganze Welt. Trotz seiner Unfreiheit, so scheint es, handelte er freier als viele andere. Aber was ist dann Freiheit? Bedeutet Freisein nur, von niemandem eingeschr nkt zu werden? Oder erfordert Freiheit mehr? Wird uns die Freiheit gegeben – oder müssen wir sie uns nehmen? …

Belügt mich mein Job?

Ein stressiges Arbeitsjahr liegt hinter uns – und auch 2022 werden unsere jobbezogenen ToDo’s kaum weniger werden. Wissen Sie, warum Sie tun, was Sie tun? Bereitet Ihnen Ihre Arbeit Freude? Die heutige Arbeitswelt verspricht Selbstverwirklichung, Freiheit, Sinn. Doch ist das, was heute unter dem Schlagwort „Purpose“ läuft, allzu oft bloß geschicktes Marketing. Im Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe von HOHE LUFT gehen wir daher der Beziehung von Arbeit und Lüge, Schein und Sein nach. Belügt mich mein Job?, fragen wir – und analysieren aus interdisziplinären Blickwinkeln, was sinnvolle Arbeit ausmacht; und was tatsächlich „Fake Work“ ist. Dazu gibt im großen Schwerpunkt-Interview die Arbeitssoziologin Sabine Pfeiffer Auskunft über die Aktualität der Kapitalismuskritik von Karl Marx. Außerdem im Heft: der ergreifende Essay eines 15-jährigen Schülers über seinen an Demenz erkrankten Vater; ein Porträt der Schriftstellerin und Philosophin Iris Murdoch; ein sehr persönlicher Bericht über die lebensnotwendige Funktion der Hoffung; Antworten der ehemaligen BUNTE-Chefredakteurin Patricia Riekel auf die Frage: „Was ist Macht?“. Sowie: ein großes Interview mit dem im Silicon Valley lebenden, sportbegeisterten Stanford-Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht über KI, …

Wir sind viele!

Ein geheimnisvolles Band hält uns zusammen – immer wieder und immer wieder neu. Dabei besteht es bloß aus drei Buchstaben: wir. Wie kann das sein? Was ist das Wir für ein Ding? Wie kommt es zu dieser Verbundenheit – selbst unter Unbekannten? Und wann ist ein Wir ein gutes Wir? Text: Thomas Vašek und Tobias Hürter Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem voll besetztenZugabteil, zusammen mit wildfremden Menschen. Mitten auf der Strecke bleibt der Zug stehen, es gibt keine Durchsagen, keiner weiß, wann es weitergeht. Unter Ihren Mitreisenden entsteht Unmut, man tauscht genervte Blicke aus, kommt miteinander ins Gespräch. Jemand sagt: »Nun warten wir schon seit einer halben Stunde. Das können die mit uns doch nicht machen.« Doch: Wer ist hier »wir«? Und was heißt da »uns«? Es ist eine ganz alltägliche Situation. Dabei ist etwas Wundersames passiert: Ein »Wir« hat sich gebildet, zwischen Menschen, die einander noch nie gesehen haben. Natürlich ist dieses »Wir« flüchtig, spätestens beim Aussteigen löst es sich wieder auf, jeder geht seiner eigenen Wege. Und doch bleibt die …

Wohin bewegen wir uns?

Fortschritt – für die einen klingt das nach einem Versprechen. Nach Entwicklung, höher, schneller, weiter, moderner. Andere wittern in ihm Gefahr. Abwege, Überforderung. Früher war ja schon alles besser. Vielleicht ist es Zeit, Fortschritt neu zu denken. Text: Thomas Vašek Unter »Fortschritt« verstehen wir zumeist eine durch menschliches Handeln herbeigeführte Veränderung zum Besseren. Der Begriff hat also eine positive Konnotation; meist meinen wir damit eine erstrebenswerte Entwicklung. Doch der Fortschrittsbegriff hat seine Tücken. Einerseits bezeichnen wir damit eine reale Veränderung. Wir behaupten also, dass es Fortschritt wirklich gibt oder gegeben hat. Zugleich drückt der Glaube an den Fortschritt aber auch die Zuversicht aus, dass sich die Dinge in Zukunft zum Besseren verändern werden oder wenigstens verändern können. Aber woher wissen wir, was »das Bessere« ist? Im Alltag reden wir von Fortschritt vor allem im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel. Zum Beispiel sagen wir, dass ein Heilungsprozess »Fortschritte« macht, wenn man dem Ziel der Gesundung näherkommt. Ähnlich sprechen wir von Fortschritten beim Erlernen einer Sprache oder beim Lösen eines Problems. Unter Fortschritt im historischen Sinne verstehen …

Club der freien Geister

Der Mensch Rudolf Steiner und die Anthroposophie sind umstritten. Die einen sehen in ihr eine Heilslehre, die anderen Humbug. Wer also war der Mann, der die Anthro­posophie begründete? Wie kam er zu seinem Denken? Und wieso kommt die Welt davon nicht los? Text: Thomas Vašek Rudolf Steiners Anhänger schwärmten von seinen dunklen Augen, seinem durchdringenden Blick. Manche verehrten ihn als Propheten, als Eingeweihten, der Zugang zu einer höheren Wirklichkeit besaß. Für andere war er nur einer von vielen Spinnern und Sektierern, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit neuen Heilslehren herumliefen. Was mit Vorträgen vor einer Handvoll Zuhörern begann, das ist heute eine Erfolgsmarke im globalen Sinngeschäft. Von der Waldorf­pädagogik über den biodyna­mischen »Demeter«-Landbau bis zur alternativen Medizin, von der Weleda-Kosmetik bis zur Privatuniver­sität Witten/Herdecke, deren Gründungsgeschichte mit der Anthroposophie verbunden ist: Kaum eine andere Lehre hat auf derart viele Bereiche des praktischen Lebens gewirkt wie Steiners »Anthroposophie«. Auch deshalb ist es hoch an der Zeit, sich mit dieser Lehre kritisch auseinanderzusetzen. Seit Jahren schwelt die Diskussion über Methoden und Lehrinhalte der Waldorfpädagogik, es gab …

»Unsicherheit ist ein entscheidender Teil von Wissenschaft und kein Makel«

Sibylle Anderl ist Astrophysikerin, Philosophin und Journalistin. Wir fragten sie, was sie für real hält, vor welchen Herausforderungen die Wissenschaft in einer Pandemie steht und was sie Außerirdische fragen würde, sollte sie ihnen begegnen. Interview: Thomas Vašek Fotos im Heft: Katrin Binner Es gibt wohl nicht viele Philosophinnen, die schon einmal nächtens auf knapp 5000 Meter Höhe in der chilenischen Atacamawüste am Teleskop standen, um den Sternenhimmel zu beobachten. Die Astrophysikerin und Philosophin Sibylle Anderl hat über interstellare Stoßwellen promoviert und arbeitete mehrere Jahre in der Wissenschaft, unter anderem zu Fragen der Sternentstehung und der Philosophie der Astrophysik. Heute ist sie Mitherausgeberin der Politik- und Kulturzeitschrift »Kursbuch« und Wissenschaftsredakteurin der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Dort schreibt Anderl über die Forschung zur Coronapandemie, die sie auch als Wissenschaftstheoretikerin vor viele schwierige Fragen stellt. HOHE LUFT: Frau Anderl, sind Sie sicher, dass unsere Interviewsituation jetzt real ist – und dass wir uns nicht in einer Computersimulation befinden? SIBYLLE ANDERL: Das ist in der Tat eine nicht ganz abwegige Frage, die eine lange philosophische Tradition hat. Und in der …

Woher komme ich? Die neue Ausgabe HOHE LUFT

Liebe Leserin, Lieber Leser, HOHE LUFT schreibt Geschichte: Das Magazin für alle, die Lust am Denken haben, wird 10 Jahre alt. Zehn Jahre, das ist eine lange Zeit. HOHE LUFT hat sich verändert. Wir sind vorsichtiger in unseren Urteilen geworden, interdisziplinärer, offener in unserer Haltung. Denn gerade in einer Zeit der Unsicherheit müssen wir bereit sein, eigene Meinungen kritisch zu überdenken – und gegebenenfalls auch zu revidieren. Im Schwerpunkt unserer Jubiläumsausgabe (1/2022) fragen wir: Woher komme ich? Wir möchten Sie inspirieren, über das Thema Geschichte neu und anders nachzudenken. Lesen Sie über Bedeutung von Erinnerung und Tradition; die Rückkehr der Renaissance; und den autobiografischen Zugang zu unserer Geschichte über die Storys, die wir uns und anderen erzählen. Zwei prominente Historiker teilen ihre Einsichten: Götz Aly erklärt im großen Interview, wie aus dem Nationalsozialismus ein Massenphänomen werden konnte. Und Heinrich August Winkler reflektiert die aktuell wieder viel debattierte These des deutschen »Sonderwegs« aus philosophiegeschichtlicher Perspektive. Außerdem im Heft: Die Astrophysikerin und Philosophin Sibylle Anderl im Gespräch über Außerirdische und Wissenschaft in der Pandemie; ein Essay des …

10 Jahre HOHE LUFT – Wie denken wir weiter?

Lieber Leserinnen und Leser, wir können es selbst kaum glauben, doch HOHE LUFT gibt es nun bereits seit zehn Jahren. Diesen tollen Anlass möchten wir nutzen, um uns bei Ihnen zu bedanken – denn ohne Sie wäre das nicht möglich gewesen. Wir haben uns dazu etwas besonderes ausgedacht: Ein Jubiläums-Online-Event für unsere Leserinnen und Leser mit der Redaktion und tollen Gästen unter dem Titel: »10 Jahre HOHE LUFT – Wie denken wir weiter?«: Am 18.11.21 Von 17:00 bis 18:30 Online über Zoom. Die Veranstaltung ist kostenlos, dennoch bitten wir Sie, sich hier anzumelden. Mit dabei sein werden: Konrad Paul Liessmann Dr. Konrad Paul Liessmann ist Professor i. R. für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literatur-Kritiker und Kulturpublizist. Zahlreiche wissenschaftliche und essayistische Veröffentlichungen zu Fragen der Ästhetik, Kunst- und Kulturphilosophie, Gesellschafts- und Medientheorie, Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts. Zuletzt erschienen: »Alle Lust will Ewigkeit: Mitternächtliche Versuchungen« (Zsolnay). Seit 1996 ist er wissenschaftlicher Leiter des »Philosophicum Lech«.     Jörg Bernardy Dr. Jörg Bernardy lebt als freier Philosoph und Experte für Emotionale Intelligenz in Hamburg. Er …

Der Rebell in uns

Greta Thunberg will, dass die Alten Panik haben, Rezo mit seinen Videos die CDU zerstören. Den Jungen reicht’s! Und was machen die Alten? Schauen blöd aus der Wäsche. Was ist da los? Erleben wir einen Generationenkonflikt neuen Ausmaßes? Oder geht es um etwas ganz anderes – um einen Streit zweier Perspektiven in uns selbst? Text: Rebekka Reinhard, Thomas Vašek Mitarbeit: Maja Beckers In der Fußgängerzone einer Großstadt. Man reiht sich in die Herde der Window-Shopper ein. Vor einem: eine Figur in Kapuzenshirt, Jeans im Destroyed-Look und Yeezy-Sneakers, die Ohren mit Earpods verstöpselt. Jeder kennt diese Szene, diese Gestalt. Solange sie einem den Rücken zuwendet, sind Alter und Geschlecht unklar. Ist es ein 20-jähriger Student? Oder ein jung gebliebener 50-Jähriger? Eine Working Mom auf dem Weg ins Yogastudio? Auf den ersten Blick lassen sich Alt und Jung heute nicht mehr so leicht unterscheiden. Die Lebensformen wie auch die Moden ähneln sich, erst recht die digitalen Devices. Mit dem Smartphone laufen heute alle herum. Andererseits scheint sich zwischen den Generationen eine Kluft aufzutun. Die Alten haben oft …