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Zwergenwahl

Erwachsene dürfen wählen, Kinder und Jugendliche unter 18 jahren nicht. Das ist ungerecht. Eine leicht spielerisch-utopische Betrachtung. Die Jugend genießt in unserem Land etliche Rechte und Freiheiten. Schon ab dem ersten Lebensjahr ist es dem deutschen Bundesbürger erlaubt, demonstrieren zu gehen (so weit ihn seine Beinchen tragen!). Niemand kann ­einen 13-Jährigen einsperren, weil er gerade Bock hatte, den Schmuck seiner Stiefmutter zu klauen. Die Strafmündigkeit beginnt nämlich erst mit 14 Jahren. Zum Ausgleich für letztere Zumutung darf man sich dafür schon ab 17 als Soldat verpflichten. Angesichts dieser Logik fragt sich der philosophisch Versierte: Auf welch kryptischer Numerologie fußt der Sinn solcher Gesetze? Welch magischen Trunk hatten die Gesetzgeber wohl intus, als sie überdies stipulierten, dass dem Menschen das Grundrecht der Wahl erst nach Vollendung des 18. Lebensjahrs zustehen solle? Der Zustand der »Volljährigkeit« hat seinen historischen Ursprung im noch von Bismarck unterzeichneten »Gesetz, betreffend das Alter der Großjährigkeit« von 1875. »Volljährig« heißt nichts anderes, als dass man ab dem 18. Geburtstag (ursprünglich 21.) vollautomatisch aus ­seinem Zustand gesammelter Unfähigkeiten ­erlöst wird. Es macht klick, …

Die Macht der Körper

Der Feminismus ist präsent wie nie – auf dem Buchmarkt, in der Mode und in den sozialen Medien, und er wird zugleich heftig kritisiert. Zeit für eine Bestandsaufnahme, nicht der Geschlechtergerechtigkeit, sondern des Kampfes dafür. Wie steht es um den modernen Feminismus? Vor ein paar Monaten feierte »Sex and the City« Geburtstag: Zwanzig Jahre ist es her, dass die Serie zum ersten Mal im Fernsehen lief und in Folge zum Mega-Hit und kulturellen Fixpunkt mehrerer Generationen junger Frauen wurde, die die Serie auch für ihren Feminismus feierten. Schließlich dreht sie sich um vier New Yorker Freundinnen, allesamt: erfolgreich im Job, finanziell unabhängig, sexuell selbstbewusst und mit zahlreichen Affären beschäftigt, über die sie auch offen diskutieren. In einer Interview-Reihe des »Guardian« über die Serie schwärmte ein Fan: »Endlich konnte man über Vibratoren sprechen.« Das war 2003. Doch als jetzt, anlässlich des Jubi­läums, zurückgeschaut wurde, waren viele Frauen – nicht selten die gleichen, die in der Serie damals eine Befreiung sahen – irritiert. Vielen erscheint sie nun gar nicht mehr so feministisch. Sie stören sich daran, dass …

Das fatale Phantasma

Wie kann es sein, dass immer wieder Antisemitismus aufkommt? Selbst bei uns, im Land des Holocaust? Wie ist umzugehen mit jenem Phänomen, das sich der rationalen Diskussion entzieht? Es gibt nur einen Weg: Wir müssen die Projektionen verstehen, die mit Antisemitismus zusammenhängen – immer wieder aufs Neue. Dieser Text aus stammt aus unserer Ausgabe 6/2018. Aus gegebenem Anlass veröffentlichen wir ihn nun online. »Mir wurde offenbar, was sonst niemand anderes sah«, rappt Kollegah in seinem Song »Apokalypse«, einem 13-minütigen Epos über den Kampf zwischen Gut und Böse, in dem er den Retter der Welt spielt. Dieser Retter hat die »verbotenen Schriften« gelesen und die »Symbole« erkannt: »Jetzt weiß ich, was das Geheimnis der Erleuchteten war, erkenn’ am heutigen Tag ihren teuflischen Plan«. Wer diese »Erleuchteten« sind, wird nicht klar benannt, Kollegah vermischt diverse Mythen und Verschwörungstheorien, aber die finale Schlacht kämpft er in Jerusalem gegen eine »endlose Macht auf dem Tempelberg«. Klarer geht Judenhass kaum. Und klassischer in seinen Motiven auch nicht. Da ist es wieder, das Phantasma einer jüdischen Weltverschwörung – in einem Musikvideo …

Pro und Contra: Politische Karikaturen

Die »New York Times« veröffentlicht künftig keine politischen Karikaturen mehr. Was soll man davon halten? Brauchen wir sie zur Meinungsbildung?   pro Zu jeder ordentlichen Zeitung eines freien, demokratischen Landes gehört eine Meinungsseite, zu jeder Meinungsseite die Kritik an den herrschenden Verhältnissen, Normen, Akteuren. In einem Umfeld, in dem es von allem zu viel zu geben scheint – zu viele Fakten, Meinungen, Bilder –, erhebt sich die Frage, welche Form von Kritik heutige Leser überhaupt noch zum Nachdenken bringen kann. Die draufhauerische? Als sich die »New York Times« entschied, künftig auf politische Karikaturen zu verzichten, votierte sie damit auch gegen kritische Ambivalenz. Denn keine Karikatur, sie mag noch so platte Stereotype befördern, »sagt«, was sie meint. Wie jedes Bild produziert sie unkontrollierbare rhetorische Effekte, die die mutmaßliche Intention ihres Schöpfers an Wirkkraft weit überragen. Wo die Existenzberechtigung politischer Karikaturen in Zeitungen verneint wird, weil diese (auch) beleidigen, empören und kränken können, wird nicht nur die Notwendigkeit von Freiheit bestritten – mit all ihren Chancen und Gefahren. Dort wird auch so getan, als könnte man Menschen …

Die politischen Akteure 2019 – eine kleine Typologie

DER JUNGMANAGER besticht durch seine algorithmische Perfektion und Reinheit. Sein Denken ist so glatt wie seine Haut. Er ersetzt Ideologie mit Empathie, Wut mit Geduld. Gleich einem selbstlernenden System findet er Lösungen für jedes Problem. Prototyp des Jungmanagers ist Sebastian Kurz, der den Systemfehler »Strache« durch die allseits anschlussfähige Rhetorik der Sanftheit beseitigte. Spontan wirkt das inhaltsfreie Programm des Jungmanagers höchst sympathisch. Seine wahren Absichten und sein Haltbarkeitsdatum sind (noch) hinter der glänzenden Oberfläche verborgen. DER BÄR strahlt eine behagliche pelzige Wärme aus, welche die authentische Atmosphäre guter alter Zeiten evoziert. Seine Autorität speist sich aus einer unaufdringlichen Attraktivität, wie sie paradigmatisch von Robert Habeck repräsentiert wird. Diese Augen, dieses Lächeln! Ein Mensch, der sich vor den menschenverachtenden Effekten von Twitter fürchtet, kann nicht lügen. Er verspricht vielmehr eine neue Übersichtlichkeit. Er krempelt die Ärmel hoch und karrt selbst die Erde an, mit der die Kluft zwischen traditioneller Poli‑ tik und globalem digitalen Chaos zugeschüttet werden soll. DIE SUPERINTELLIGENZ operiert anders als die elegante Polit- und PR-Maschine des Jungmanagers, anders auch als der warme Bär …

Serie: Die Weisheit der Gefühle / Teil 4 / Liebe und Hass

Die Bande, die uns zusammenhalten Von Tobias Hürter Kein anderes Gefühl ist so überladen mit Ansprüchen wie die Liebe. Sie soll uns glücklich machen, die Gesellschaft einen und uns mit Gott verbinden. Kann sie das alles? Und was ist mit ihrem missratenen Bruder, dem Hass?   Fragt man Biologen, dann ist Liebe das Einfachste auf der Welt: Frauen lieben Männer mit breiten Schultern, dichtem Haarwuchs und dickem Geldbeutel. Männer lieben Frauen mit gebärfreudigem Becken, großen Brüsten und straffer Haut. Ginge es nur um die Verbreitung der Gene, dann wäre das Rätsel Liebe schnell gelöst: Man käme zusammen, um die Brut zu pflegen, und geht auseinander, wenn diese Aufgabe erledigt ist. Aber jeder, der gelegentlich Radio hört oder in die Ratgeber-Abteilung einer Buchhandlung schaut, weiß, dass Liebe das Komplizierteste auf der Welt ist. Die meisten Popsongs handeln von der Liebe, und unzählige Lebenshilfe-Bücher davon, wie man das Glück seines Lebens findet und bewahrt – sprich: die Liebe seines Lebens. Die Liebe seines Lebens«, da fängt es schon an mit den Merkwürdigkeiten. Viele  Menschen sehnen sich nach …

»Autonom ist man nur zusammen mit anderen«

Wie kann ich so leben, wie ich es gern möchte? Diese Frage stellt sich wohl jeder, der einen genaueren Blick auf sein Leben wirft und sie ist immer wieder Bestandteil gesellschaftlicher Debatten. Macht der Kapitalismus unfrei? fragen die einen. Werden wir von den sozialen Medien manipuliert? die anderen. Oder auch: Wie können wir die Strukturen der Diskriminierung durchbrechen, die die #metoo-Debatte anklagt? Beate Rössler, Professorin für Philosophie an der Universität Amsterdam, ist für diese Themen genau die richtige Gesprächspartnerin. Seit Jahren erforscht sie das Gebiet der Autonomie. Bekannt wurde die Philosophin zunächst durch ihr Buch »Der Wert des Privaten« (2001), in dem sie eine Theorie des Privaten für die moderne, vernetzte Gesellschaft entwirft, die später reichlich philosophisches Futter für die Debatte um Überwachung lieferte. Eine der Grundthesen Rösslers lautet: Privatheit ist eine Voraussetzung für Autonomie. »Autonomie« ist auch der Titel ihres aktuellen Werkes, das noch größeres Medieninteresse geweckt hat. Weshalb Selbstbestimmung gerade heute eine so wichtige Rolle spielt, darüber möchten wir mit ihr reden. Beate Rössler empfängt uns zum Gespräch in ihrem Büro auf dem …

90. Geburtstag von Jürgen Habermas: „Der öffentliche Intellektuelle ist eine bedrohte Spezies“

  Der weltbekannte Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas feiert seinen 90. Geburtstag. Was können wir im Jahr 2019 von ihm lernen? Wieso liest man Habermas auch in China? Und welche Frage würde sein Biograf, Stefan Müller-Doohm, ihm selbst gerne stellen? Stefan Müller-Doohm ist emeritierter Professor für Soziologie an der Carl von Ossientzky Universität Oldenburg und Autor mehrerer Biografien, etwa von Theodor W. Adorno und  Jürgen Habermas (»Jürgen Habermas. Eine Biografie«, Suhrkamp). Im Interview mit HOHE LUFT spricht er darüber, warum Habermas nicht an die These der Postdemokratie glaubt, sehr wohl aber, dass wir uns mitten in einer Medienrevolution befinden und darüber, warum Habermas weltweit die Rolle eines geistigen Impulsgebers innehat.   HOHE LUFT: Mit Habermas sind viele theoretische Konzepte verknüpft – vom kommunikativen Handeln über den herrschaftsfreien Diskurs bis zur postsäkularen Gesellschaft. Welche Theorie hat heute die größte Aktualität?   Müller-Doohm: Man kann die von Ihnen genannten Elemente nicht auseinanderdividieren. Die Theorie von Habermas ist in ihrer Vielschichtigkeit ein Ganzes. Was wir 2019 in einer politischen Dimension ganz besonders von ihm lernen können, ist der …

Reflexe #8: Figuren auf der Schwelle

Jörg Friedrich sichtet für seine Kolumne »Reflexe« aktuelle philosophische Bücher und Strömungen. In der achten Folge: Dieter Thomäs philosophiegeschichtliche Analyse des Störenfrieds. Die politische Philosophie wird von „Figuren“ bevölkert. Da gibt es den Anderen und den Fremden, natürlich den Freund und den Feind. Diesen Figuren hat Dieter Thomä nun eine weitere hinzugefügt: Den Störenfried. Genauer gesagt: in seinem Buch „Puer Robustus“ hat er den Störenfried in der Philosophiegeschichte aufgespürt und über die Jahrhunderte begleitet, um eine Theorie des Störenfrieds zu entwickeln.