Autor: Jörg Phil Friedrich

Im Alten Griechenland #3: Bei Heraklit

Ich entschied mich, einen Philosophen aufzusuchen, von dem ich schon viel gehört hatte: Heraklit. Mir war zu Ohren gekommen, dass er gesagt haben soll, dass alles fließt und dass man nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen könne. Der konnte ja unmöglich nur über sich selbst nachdenken, vermutete ich. Ich traf ihn als alten, offenbar ziemlich wohlhabenden Mann in Ephesos. Da ich ihn nicht gleich mit der Sache mit dem Fluss behelligen wollte, fragte ich ihn – auch wenn ich schon befürchtete, dass seine Antwort der von Thales und Chilon ähneln würde – doch als erstes danach, womit er sich in seinem Philosophenleben denn am meisten beschäftigt hätte. ἐδιζησάμην ἐμεωυτόν edizesámen emeouton Das war seine Antwort. Ich hatte es ja befürchtet. Wieder tauchte dieses „ich selbst“ in dem Satz auf: ἐμεωυτόν bedeutete, wenn auch wieder in einem etwas anderen Dialekt, „mich selbst“ oder „mir selbst“. Aber was ist die Bedeutung von ἐδιζησάμην? Schnell schlug ich in meinen Wörterbüchern nach und fand, dass es zu διζημαι gehört, also bedeutet, dass man nach etwas sucht, indem man …

Alice und Bob #3: Eine Notiz

Beim Aufräumen fand Bob einen Zettel, auf dem eine 3 notiert war. Nichts weiter als eine Drei. Alice musste sie bei ihrem letzten Besuch da draufgeschrieben haben und das Blatt dann wohl vergessen haben. Sogleich rief er sie an, denn es konnte ja sein, dass die Drei auf diesem Zettel eine wichtige Bedeutung hatte. Alice allerdings war verwundert: „Ich habe keine Drei auf einen Zettel bei dir geschrieben, ganz sicher! Warum sollte ich das tun?“ „Das weiß ich doch nicht,“ antwortete Bob, „wahrscheinlich wolltest du dir etwas wichtiges merken. Vielleicht, dass du noch drei Äpfel kaufen wolltest…“ Plötzlich lachte Alice: „Dreh das Blatt mal um. Das ist keine Drei. Das ist ein E! Mir war plötzlich eingefallen, dass ich meiner Freundin Eva noch ein Geschenk machen muss!“ „Für mich ist das kein E. Das ist eine Drei,“ gab Bob zurück. „Hör mal, das ist Unsinn, Bob. Für dich ist das gar nichts. Du hast dir nur eingebildet, dass es eine Drei sei. Ich hab es ja aufgeschrieben, ich weiß, was es ist: ein E!“ „Du …

Im Alten Griechenland #2: Eine lakonische Aufforderung

In Sparta traf ich einen weisen Mann, der auch nicht viel gesprächiger war als Thales. Er hieß Chilon. Die Einsilbigkeit war in diesem Landstrich, der Lakonien genannt wurde, typisch. Die Leute lebten spartanisch und gaben lakonische Auskünfte. Chilon war einer von ihnen und er sagte nicht viel. Also ich ihn fragte, was ich tun sollte, um ein weiser Mensch zu werden und die Welt zu verstehen, antwortete er nur: Γνῶθι σαυτόν – Gnothi sauton! Auch wenn Chilon einen anderen Dialekt als Thales sprach, brauchte ich gar nicht ins Wörterbuch zu schauen, um ihn zu verstehen. Γνῶθι gehört auch zum Verb γιγνώσκω (gignósko), das mich schon seit meinem Treffen mit Thales beschäftigte. „Verstehe oder erkenne dich selbst!“, „Lerne dich selbst kennen!“ – das war der Rat des weisen Chilon. Also genau das, was Thales als das Schwierigste bezeichnet hatte, sollte die Aufgabe sein? So sehr ich überlegte, ich kam immer wieder zu dem Ergebnis, dass es eigentlich doch das Einfachste sein müsste, sich selbst kennenzulernen. Schließlich habe ich zu mir selbst den besten Zugang, ich kann …

Alice und Bob #2: Im Nebel

Alice und Bob joggten am Strand entlang und Bob sann noch ihrem letzten Gespräch über die Natur nach. Er sagte sich, dass dieser Strand und das Meer, wie sie waren, ganz sicher zur Natur zählten, denn auch sie waren ja im Laufe der Zeit so geworden, wie sie jetzt waren, ganz ohne (oder wenigstens fast ohne) Zutun der Menschen. Plötzlich wurde es neblig, der Nebel war wohl unmerklich vom Wasser aufgestiegen und waberte nun über das Land. Bob griff nach Alices Hand: „Ich sehe nichts!“. Spöttisch zog Alice ihre Hand zurück: „Du siehst noch den Sand zu deinen Füßen, und da, die Wellen siehst du auch noch. Sand und Wellen sind nicht Nichts.“ Bob ahnte schon, was kommen würde, trotzdem wandte er ein: „Ja, ich sehe noch ein bisschen vom Strand und vom Wasser, aber wenn ich weiter schaue, dann sehe ich sonst – Nichts!“ Alice lachte: „So so, du siehst also das Nichts. Wie sieht es denn aus, das Nichts?“ Bob hatte keine Lust auf philosophische Spitzfindigkeiten: „Ich rede nicht von ‚dem Nichts‘ – …

Im Alten Griechenland #1: Das Schwierige

In seiner Kolumne »Im Alten Griechenland« streift Jörg Phil Friedrich durch die Denkwelt der alten Meister. Im ersten Teil trifft er auf Thales und fragt ihn: Was ist das Schwierigste? Ich hatte mich auf eine lange Reise begeben. Mein Ziel war der Anfang, die Quelle des Stroms, von dem wir uns heute noch ernähren. Die Gegend, die ich erkunden wollte, deren Bewohner ich kennenlernen wollte, lag ganz im fremden Inneren unserer Welt, die Reise war zugleich eine Wanderung auf höchste Berge wie sie eine Erkundung tiefster Erdschichten war. Die Leute, die ich treffen wollte, sprachen eine fremde Sprache, auch wenn mir viele Worte, die sie hatten, vertraut vorkamen, wusste ich doch, dass ich den Bedeutungen, die ich kannte, nicht trauen konnte. Zwar gab es viele freundliche Dolmetscher, aber ich hielt es für klug, mir ein paar dicke Wörterbücher einzupacken, mit deren Hilfe ich den Sinn dessen erkunden wollte, was mir die Weisesten der Leute dort, wie ich hoffte, anvertrauen würden. Ohne Halt hatte ich fast bis ganz in den innersten und ältesten Bezirk dieses Landes …

Alice und Bob #1: In die Natur

Was ist die Natur? Und wodurch unterscheidet sie sich von der Wildnis? Jörg Phil Friedrich nähert sich in seiner neuen Kolumne großen philosophischen Themen und Begriffen durch die Erlebnisse zweier Hauptfiguren: Alice und Bob. „Lass uns hinaus in die Natur fahren!“ hatte Bob am Morgen vorgeschlagen. Alice war skeptisch: „Wo soll denn das sein?“ fragte sie. Bob, der auf schwierige Fragen beim Frühstück noch keine Lust hatte, antwortete einfach: „Lass dich überraschen!“ Nun radelten sie über schmale Straßen durch Felder und Wälder, Bob genoss die Luft und den Anblick der Bäume und Pflanzen. An einer Bank, die am Wegesrand stand, machten sie Rast. Bob wollte wissen, wie Alice die Landschaft gefiel. „Ganz schön“ antwortete diese, dann fragte sie mit spöttischem Lächeln: „… und wann kommt die Natur?“ Bob hoffte noch, der philosophischen Diskussion entgehen zu können: „Schau dich um, die Wälder, die Bäume, das alles ist doch Natur!“ Natürlich ließ Alice nicht locker: „Natur? Das ist doch alles künstlich angelegt, der Wald ist ein Forst, die Bäume sind gezüchtet, die Felder sind auf hohen Ertrag …

Reflexe #12: Wege ins griechische Denken

Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten der europäischen Philosophietradition, dass sie ihre Wurzeln bei den Denkern im alten Griechenland hat. Viele der Sätze, die Thales, Heraklit, Anaximander und anderen zugeschrieben werden oder die sich in den Schriften von Platon, Aristoteles finden lassen, haben es in unsere Alltagssprache geschafft, wenn auch oft zum Sprichwort verkürzt und kaum noch wiederzuerkennen. Und bis in die Philosophie unserer Tage hinein kreist das philosophische Denken um Fragen, die in den Fragmenten der Vorsokratiker, den Dialogen des Platon und Aristoteles‘ Schriften gefunden werden können.

Richtig streiten #10: Warum streiten wir überhaupt?

Nachdem es in der letzten Folge dieser Serie darum ging, plausibel zu machen, dass Meinungen im Streit zumeist nicht als Behauptungen zu verstehen sind, denen sich die anderen Streitenden zwingen anschließen müssten, bleibt die Frage, was es denn sonst mit diesen Meinungsäußerungen auf sich hat. Wenn wir unsere Meinungen zumeist gar nicht äußern, um andere davon zu überzeugen, warum äußern wir sie dann? Warum streiten wir überhaupt?