Aktuell, HOHE LUFT, Kolumne, Onlinebeitrag
Schreibe einen Kommentar

Der Sinn des Fliegens in der Dämmerung

Fast genau vor 200 Jahren hat Hegel die berühmten Worte über die Philosophie notiert, nach der „die Eule der Minerva […] erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug“ beginnt, denn die Vorrede zu den „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ wurde im Mai 1820 geschrieben. Seitdem ich diesen Satz, der zum Sprichwort geworden ist, zum ersten Mal gelesen habe, frage ich mich: warum fliegt die Eule dann überhaupt noch los? Warum bleibt sie nicht sitzen? Natürlich war Hegel kein Ornithologe sondern Philosoph, die Gründe, die die Eule hat, in der Dämmerung zu fliegen, waren ihm wahrscheinlich egal. Was er ja sagen wollte: Die Philosophie findet erst zu ihrer Sprache, wenn die Ereignisse, die die Menschen aufwühlen und umhertreiben, schon wieder der Ruhe der Müdigkeit gewichen sind. Die Philosophie kommt mit ihrem Nachdenken immer zu spät, und was sie dann vielleicht herausfindet, interessiert am nächsten, neuen Tag niemanden mehr. Vielleicht auch: die Philosophie redet, wenn niemand zuhört, weil alles schläft.

Zweierlei kann man sich nun fragen: erstens: Ist das wirklich so? Warum sollte die Philosophie nicht in die Ereignisse hineinreden, die gerade stattfinden? Ist es wirklich ausgeschlossen, dass sie zum aktuellen Geschehen etwas beizutragen hätte? Zweitens: welchen Sinn hat das philosophische Reden, wenn es nicht bei dem hilft, was die Menschen gerade umtreibt?

Beide Fragen könnten helfen, eine Antwort zu finden auf die Frage „Was ist der Mensch?“, und das ist bekanntlich eine philosophische Frage, was man schon daran merkt, dass man mit ihrer Antwort praktisch vermutlich nichts anfangen kann.

Wer handelt, denkt nicht nach

Wer handelt, denkt nicht nach, darf nicht nachdenken und sollte besser nicht zu viel nachdenken, denn das Nachdenken hält immer vom Handeln ab. Das klingt abwegig, weil wir ja ständig, schon von den kleinen Kindern, verlangen, erst nachzudenken, bevor sie etwas tun. „Denk doch erst mal nach, bevor du etwas tust!“ – wer hätte diese Forderung noch nicht gehört? Und wird nicht die Bundeskanzlerin gerade so dafür gelobt, dass sie erst ganz genau nachdenkt, die Wissenschaft befragt, abwägt, bevor sie – wie man gern anerkennend sagt – rational (also nachdenkend) entscheidet?

Ich weiß nicht, wie es genau abläuft, wenn Angela Merkel zu ihren Entscheidungen kommt. Ich weiß auch nicht, ob je ein Kind oder ein junger Erwachsener auf die Ermahnung zum Nachdenken gehört hätte. Aber probehalber kann ich mich an Situationen erinnern, bei denen ich selbst Entscheidungen zum Handeln zu treffen hatte. Wie sah das dann aus? Ich habe Informationen eingeholt, Handlungsalternativen ausfindig gemacht, vielleicht sogar abgewogen – und dann eben entschieden.

Was hieße „Nachdenken“ in einer solchen Situation? Die Konsequenzen der Alternativen zu ermitteln, gegeneinander abzuwägen, dabei Maßstäbe für die Abwägung zu suchen, diese Maßstäbe wiederum zu befragen, die Gründe für die Bewertung der Maßstäbe zu finden, diese Gründe wieder zu bewerten…

Kein Mensch kann das tun, wenn er entscheiden muss. Was man da vernünftigerweise tut, ist, sich möglichst unterschiedliche Informationen und Varianten „anzusehen“, Aspekte wenigstens zu benennen, Risiken auszumachen – und dann eben zu entscheiden.

Wer entscheiden und handeln muss, sollte mit dem Nachdenken möglichst bald aufhören, und wer das Nachdenken bevorzugt, sollte sich aus Entscheidungen raushalten und nicht versuchen, Entscheider in ihrem Handeln zu beeinflussen. Über „den Menschen“ sagt uns das: Wir sind viel zu schwach im Denken, um bei komplizierten, neuen Fragen, die eigentlich Nachdenken erfordern würden, wirklich nachzudenken. Die Frage ist, warum wir trotzdem halbwegs erfolgreich durchs Leben kommen.

Das Gute ist, dass wir eigentlich meistens nicht nachdenken müssen. Meistens leben wir in der Dämmerung. Wir leben so vor uns hin und alles läuft wie gewohnt, und wir machen, ohne groß nachzudenken, das, was gestern schon funktioniert hat, oder was bei anderen auch funktioniert – wir also nachmachen können.

Hier könnte nun die Philosophie ins Spiel kommen, die in der Dämmerung ihren Flug beginnt. Sie nutzt die Ruhe, um das zu durchdenken, was in der Hektik der Entscheidungen nicht durchdacht werden kann. Sie fragt nach den Maßstäben, sie weist darauf hin, dass wir oft ohne Gründe entscheiden, sie überlegt, wie Moral und Essen zusammenpassen. Das tut sie nicht, wenn das Böse uns attackiert oder das Essen knapp ist, sie tut es, wenn wir gerade weder gut noch böse sein müssen und auch halbwegs satt sind.

Nachdenken im Nachhinein

Was nützt das? Die Entscheidungen, die einmal getroffen sind, werden morgen nicht wieder zu treffen sein, für die durch Nachdenken im Nachhinein die „richtigen Lösungen“ zu finden, ist müssig.

Allerdings könnte es sein, dass das Nachdenken der Philosophie das Handeln und das Entscheiden auf eine subversive Weise doch beeinflusst, und dass das beharrliche philosophische Denken und Reden das erfolgreiche Handeln und Entscheiden mit vorbereiten kann, weil als Basis der Entscheidungen dann das Wissen um Gründe, Abgründe, Maßstäbe und Maßlosigkeiten mit eingeht. Unsere Zeit braucht insofern mehr Philosophie, aber nicht für die täglichen Entscheidungen, sondern für die Vorbereitung eines Entscheidens, das die Fragilität seiner Begründung kennt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.