Autor: HOHE LUFT Magazin

Zwischen den Geschlechtern

Text: Rebekka Reinhard … es sind die Fetzen der Debatten rund um das „Geschlechter”-Thema. Die Frage, ob es jenseits von Mann und Frau noch ‚etwas anderes’ gibt, geben darf, geben sollte, erhitzt die Gemüter weit stärker als die Erderwärmung. Mit ‚etwas anderes’ meine ich: das T-Wort. Die Transsexualität. Da ist die Biologin Marie-Luise Vollbrecht, die in ihrem erst abgesagten, dann nachgeholten Vortrag an der Humboldt Universtät erklärt, warum es aus biologischer Sicht zwei und nur zwei Geschlechter („sexes”) gibt. Da ist die Gender Studies-Soziologin Paula Villa-Braslavsky, die in der TAZ von der individuellen „Selbstgestaltung des auch körperlichen Geschlechts” spricht.  „Ich bin eine Frau.” Caitlyn Jenner Worum geht es wirklich? Die (begriffliche) Verwirrung ist groß. In den Medien ist abwechselnd mal von „Transsexualität”, mal von „Transgender” die Rede. Der erste Begriff lässt einen Zusammenhang mit bestimmten sexuellen Präferenzen assoziieren, der zweite suggeriert den Kontext des sozialen Geschlechts („gender”), also der geschlechtlichen Rolle, die wir im Alltag einnehmen. Häufig liest und hört man zudem von „in das jeweils andere Geschlecht” „umgewandelten” oder „umoperierten” Personen, wenn es um …

Zombies des Zasters

Mit der Erfindung des Geldes wollte der Mensch einst den Tausch von Waren erleichtern. Mit einem rechnete er nicht: dass es ein Eigenleben entwickeln würde. Dass die Moneten zum Meister werden würden, die den Lauf der Welt diktieren – und die Menschen nicht nur dessen Diener, sondern in letzter Konsequenz sogar: überflüssig würden. Text: Tobias Hürter und Thomas Vašek Im Frühjahr 1827 ging es Ludwig van Beethoven gar nicht gut. Nachdem er viele Jahre lang großzügig dem billigen Weißwein zugesprochen hatte, zeigte der 56-Jährige nun schwere Symptome einer Leberzirrhose: Gelbsucht, Wasser in den Beinen und im Unterleib. Drei Operationen hatten ihn geschwächt. Um seine Lebensgeister wieder zu wecken, verschrieben die Ärzte ihm »Punsch-Eis in bedeutender Quantität täglich«. Zunächst schien es zu funktionieren: Beethoven konnte sogar wieder seinen Lesesessel beziehen. Er nahm Walter Scott zur Hand. Der Komponist schätzte den schottischen Nationaldichter, hatte sogar ein paar von dessen Texten vertont. Doch dieses Mal wollte Scott ihm nicht gefallen. Beethoven musste sich furchtbar aufregen. »Der Kerl schreibt doch bloß fürs Geld!«, rief er und schleuderte den Band …

Worauf wir bauen können

Oder: Warum wir in haltlosen Zeiten vor allem eines brauchen – eine eigene Haltung, die uns durchs Leben navigiert. Text: Rebekka Reinhard, Tobias Hürter, Thomas Vašek Irgendwas stimmt nicht mehr, und keiner weiß warum. Die Menschen können nicht mehr vernünftig miteinander reden, nicht mehr miteinander diskutieren. Die Flüchtlingsfrage entzweit Freundeskreise, ja ganze Familien. Man fetzt sich wegen Trump, regt sich auf über die »Eliten«, schimpft auf Merkel und die Politik. Und jeder glaubt, es besser zu wissen als der andere. Auf Facebook herrscht mittlerweile ein Erregungs- und Empörungspegel, der kaum noch auszuhalten ist. Dabei gäbe es genug Gründe für ein wenig Zuversicht. Ökonomisch geht es uns gut; rund 60 Prozent sind mit ihrer wirtschaftlichen Lage zufrieden, wie eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach ergab. Die Flüchtlingskrise scheint halbwegs im Griff zu sein, die demokratischen Verhältnisse wirken stabil, ein Phänomen Trump blieb uns bisher erspart. Die Deutschen könnten also durchaus optimistisch in die Zukunft blicken. Und doch scheint es, als wäre das Gegenteil der Fall. Überall herrschen Angst, Besorgnis und Wut. Laut Allensbach- Zahlen sieht …

Die neue HOHE LUFT ist da!

„Was gibt uns Zuversicht?” fragen wir in unserer neuen Ausgabe. Mit gutem Grund, meinen wir, denn was wir angesichts der düsteren Nachrichtenlage brauchen ist, ist vor allem: Vertrauen, Optimismus, Mut, die eigenen Fähigkeiten zur Überwindung von Krisen (neu) zu entdecken. Der Mensch kann allen, oder zumindest sehr vielen Widrigkeiten trotzen. Denn was uns eint, ist die Fähigkeit und die Kraft zur Zuversicht. In unserem Schwerpunkt ‚Zukunft’ geht es darum, was Zuversicht wirklich heißt; außerdem fragen wir, wie und was wir aus vergangenen Irrtümer für die Zukunft lernen können; im großen Schwerpunkt-Interview fordert die Philosophin, Umwelt- und Tierethikerin Corine Pelluchon eine neue Aufklärung, die für mehr Naturschutz und Gerechtigkeit sorgt.Außerdem im Heft: Ein Essay über den Sinn der Eifersucht; ein Porträt von Nikolaus Kopernikus; ein Lob des Lasters; sowie: Enfant terrible der Philosophie Slavoj Zizek im Gespräch über Freiheit, Freud – und das Nirvana; …und vieles mehr!

Die Freiheit des Müssens

Das Leben als To-do-Liste: Wir sind freier als je zuvor , und doch »müssen« wir immer mehr. Aber was heißt das für unsere Vorstellung von Selbstbestimmung? Ein Argument für einen zeitgemäßen Autonomiebegriff. Text: Thomas Vašek  Müssen Sie morgen früh wirklich aufstehen? Warum bleiben Sie nicht einfach im Bett? Und warum tun wir alle nicht überhaupt nur das, was uns gefällt? Zur Arbeit gehen, Rechnungen bezahlen, die Steuererklärung machen, Behördengänge erledigen, Verwandte besuchen oder einfach nur E-Mails beantworten: Das Leben ist eine einzige To-do-Liste – überall nur Pflichten, Zwänge, Normen und Gebote. Ständig stellt jemand Ansprüche an uns. Ständig »müssen« wir irgendwas tun. Aber was müssen wir wirklich? Warum müssen wir? Müssen wir überhaupt irgendwas? Wahrscheinlich fallen Ihnen sofort viele Dinge ein, die Sie unbedingt tun »müssen« – und zwar womöglich heute noch. Vielleicht müssen Sie einen Anruf tätigen, einkaufen gehen oder auch nur die Blumen gießen. Nichts davon müssen Sie natürlich im eigentlichen Sinn. Etwas tun zu müssen, heißt ja streng genommen, dass es das Einzige ist, was man überhaupt tun kann – dass es …

Weil wir Anfänger sind

Es liegt etwas in der Luft… Aus unserem Newsletter  … es ist der Wunsch nach einer politischen und erfolgreichen Revolution innerhalb Russlands. Es wäre die beste aller Welten: Putins Krieg fände ein Ende, ohne dass weitere Zivilisten und Soldaten stürben. Menschen müssten nicht mehr fliehen, Weizen könnte verschifft werden und so weitere Hungertode vermieden. Doch die Hoffnung auf Neubeginn innerhalb Russlands scheint derzeit utopisch. Zu Beginn des Krieges klammerte ich mich an einzelne Held:innen – Musiker:innen, Moderator:innen, Demonstrant:innen, kurz, alle die innerhalb Russlands gegen den Krieg aufstanden – und ich denke, mit diesem Klammern nicht alleine gewesen zu sein. Ihre Abbilder verbreiteten sich wie Lauffeuer in jeden abgelegenen Winkel der Erde (außer nach Russland). Wir wollen an die Kraft des Guten glauben, an den Mut und die Gerechtigkeit. Wir schauen den Hoffnungsschimmern hinterher. Jetzt deutet jedoch rein gar nichts auf solche Kräfte hin, die etwas Neues gebären. Warum ist dem so? Sicher hätte ich diesen Text nicht zu schreiben begonnen, wäre ich nicht zufällig über einen Text von Hannah Arendt gestolpert. In ihrem Essay »Die …

Und dann kam die Flut

STARKREGENFÄLLE LIESSEN DIE AHR MITTE JULI ÜBER DIE UFER TRETEN. SIE STÜRZTEN ORTE IN DEN AUSNAHMEZUSTAND UND MENSCHEN INS UNGLÜCK. EIN PERSÖNLICHER BERICHT ÜBER GEDANKEN, DIE KOMMEN, WENN ES STILL WIRD IN DER NACHT. Text: Lena Frings  ES GIBT DINGE, von denen wir glauben, sie seien beständig. Wir fragen uns nicht, ob die Sonne am Morgen aufgehen wird oder ob unser Haus noch steht, wenn wir am Abend zurückkommen. Auch meine Heimat war für mich Ausdruck von Beständigkeit – eine ländliche Region, in der sich der Dialekt hartnäckig in schmalen Tälern hält. Menschen sind dort so tief verwurzelt wie Bäume. Eichen stehen auf Felsformationen aus Jahrmillionen alten Ablagerungen, unter Druck zu Schiefer verdichtet, umspült von dem kleinen Flüsschen Ahr. Spätsommertage verbrachten wir als Kinder an diesem Ufer, blieben, bis die Sonne hinter die Pappeln sank und Mückenschwärme um die hohen Gräser flirrten. Später haben wir dort die ersten Lagerfeuer mit Freund*innen gemacht, das erste Bier getrunken und das erste Mal nachts und nackt gebadet. Noch ein bisschen später wurde alles zu eng. Identitäten schienen über …

Elixier mit Eigenschaften

Das Gute am Wein ist, dass man so gut über ihn philosophieren kann. Die Frage ist bloß: Sind die ihm zugeschriebenen Eigenschaften wie »Tiefe«, »Fülle« oder »Maracujanoten« Bullshit? Oder ist etwas dran? Und was hat das mit Immanuel Kant und David Hume zu tun? Text: Tobias Hürter und Thomas Vašek Antizyklisches Feiern besteht zum Beispiel darin, am Eröffnungsabend des Oktoberfestes durch die Münchner Weinlokale zu ziehen. Wenn die bayerische Hauptstadt und die halbe Welt sich am Bier berauschen, hat man den Wein für sich. So ist das Oktoberfest auch eine Chance für die Philosophie. Eine Gruppe von Weinexperten und Philosophen nutzte jenen Abend, um den Zusammenhang zwischen Denken und Trinken näher zu untersuchen. Mit dabei: Jakob Steinbrenner, Philosophieprofessor in Stuttgart, das Winzerpaar Florian und Ulrike Weingart aus Spay am Rhein sowie die Chefredaktion von HOHE LUFT, Thomas Vašek und Tobias Hürter – letztere zwei blutige Weinlaien. Wein ist ein altbewährtes Hilfsmittel der Philosophen. Sokrates, ihr aller großes Vorbild, kam denkerisch erst richtig in Fahrt, wenn er in Gesellschaft und auf Pegel war, so hat es …

„Tupperware-Feminismus vs. No-Bullshit-Feminismus“

„Die Zentrale der Zuständigkeiten“ von Rebekka Reinhard ist nun im LUDWIG Verlag erschienen. Text: Lena Frings  Du rennst in alle Richtungen zugleich? Du machst Karriere, bereitest die Familienfeier vor, erzählst Gutenachtgeschichten und putzt zwischendurch noch schnell das Bad? Du bist alles zugleich: Liebende, Arbeitnehmerin oder Chefin, Mutter und sich kümmernde Tochter? Du bist (wie alle Frauen) eine Zentrale der Zuständigkeiten. Das gleichnamige Buch unserer stv. Chefredakteurin ist ein kurzes Innehalten und Aufwachen – praxisbezogen, direkt und händereichend. In 20 Kapiteln bietet die Autorin Überlebensstrategien für einen vollgestopften Alltag an, der so verschiedene Ansprüche an uns stellt, dass wir als denkende und fühlende Wesen hinter Terminkalendern und endlosen ToDos verschwinden. Witzig, scharf, manchmal wütend und erfrischend unideologisch bewegt sich der Text etwas versetzt zu vielen feministischen Diskursen. Das beginnt damit, dass Gendersternchen einer kreativen und sinnvollen Art zu gendern weichen. Grundsätzlich wird es dort, wo bestimmte Arten des Self-Empowerments als neoliberale Lügen und Marketing-Gag entschlüsselt werden. Denn eine „Emanzipation, die dauergestresste Superwomen produziert, widerspricht sich selbst.“ Sie zwängt uns vielmehr in ein neo-biedermeierliches Bewertungsraster – als Ergebnis …

Wenn Einfälle zur Falle werden, oder: Über die Wirkmacht des Denkens

Es liegt etwas in der Luft… Text: Lena Frings … es ist die Frage nach der Wirkmacht des Denkens. Ich habe mich selbst dabei ertappt: Bomben fallen, Klimaziele werden nicht erreicht – angesichts der Katastrophen mangelt es nicht an intellektuellen Gedanken, so redet meine innere Ungeduld, sondern an schlauen Taten. Doch eigentlich weiß ich natürlich, dass das eine das andere bedingt. Intellektuelle reflektieren nicht nur das Zeitgeschehen. Sie prägen es auch. Und das leider nicht immer zum Guten. Das Denken kann sehr erfindungsreich sein und die absurdesten oder grausamsten Dinge politisch zu rechtfertigen versuchen. Xi Jinping braucht seine Ideologie für die „Umerziehungslager“ der Uiguren, Putin die seine für einen grausamen Krieg. Er beruft sich dabei auf Alexander Dugin (siehe unten). Die Philosophin Hannah Arendt (1906 – 1975) hat dieses Elend in ihrem Interview mit Günter Gaus einmal treffend auf den Punkt gebracht: „Zu Hitler fiel [den Intellektuellen] etwas ein. Zum Teil ungeheuer interessante Dinge. Ganz fantastische und komplizierte und hoch über dem Gewöhnlichen schwende Dinge. Das habe ich als grotesk empfunden. Sie gingen ihren eigenen …