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Zwischen den Geschlechtern

Text: Rebekka Reinhard … es sind die Fetzen der Debatten rund um das „Geschlechter”-Thema. Die Frage, ob es jenseits von Mann und Frau noch ‚etwas anderes’ gibt, geben darf, geben sollte, erhitzt die Gemüter weit stärker als die Erderwärmung. Mit ‚etwas anderes’ meine ich: das T-Wort. Die Transsexualität. Da ist die Biologin Marie-Luise Vollbrecht, die in ihrem erst abgesagten, dann nachgeholten Vortrag an der Humboldt Universtät erklärt, warum es aus biologischer Sicht zwei und nur zwei Geschlechter („sexes”) gibt. Da ist die Gender Studies-Soziologin Paula Villa-Braslavsky, die in der TAZ von der individuellen „Selbstgestaltung des auch körperlichen Geschlechts” spricht.  „Ich bin eine Frau.” Caitlyn Jenner Worum geht es wirklich? Die (begriffliche) Verwirrung ist groß. In den Medien ist abwechselnd mal von „Transsexualität”, mal von „Transgender” die Rede. Der erste Begriff lässt einen Zusammenhang mit bestimmten sexuellen Präferenzen assoziieren, der zweite suggeriert den Kontext des sozialen Geschlechts („gender”), also der geschlechtlichen Rolle, die wir im Alltag einnehmen. Häufig liest und hört man zudem von „in das jeweils andere Geschlecht” „umgewandelten” oder „umoperierten” Personen, wenn es um …

Weil wir Anfänger sind

Es liegt etwas in der Luft… Aus unserem Newsletter  … es ist der Wunsch nach einer politischen und erfolgreichen Revolution innerhalb Russlands. Es wäre die beste aller Welten: Putins Krieg fände ein Ende, ohne dass weitere Zivilisten und Soldaten stürben. Menschen müssten nicht mehr fliehen, Weizen könnte verschifft werden und so weitere Hungertode vermieden. Doch die Hoffnung auf Neubeginn innerhalb Russlands scheint derzeit utopisch. Zu Beginn des Krieges klammerte ich mich an einzelne Held:innen – Musiker:innen, Moderator:innen, Demonstrant:innen, kurz, alle die innerhalb Russlands gegen den Krieg aufstanden – und ich denke, mit diesem Klammern nicht alleine gewesen zu sein. Ihre Abbilder verbreiteten sich wie Lauffeuer in jeden abgelegenen Winkel der Erde (außer nach Russland). Wir wollen an die Kraft des Guten glauben, an den Mut und die Gerechtigkeit. Wir schauen den Hoffnungsschimmern hinterher. Jetzt deutet jedoch rein gar nichts auf solche Kräfte hin, die etwas Neues gebären. Warum ist dem so? Sicher hätte ich diesen Text nicht zu schreiben begonnen, wäre ich nicht zufällig über einen Text von Hannah Arendt gestolpert. In ihrem Essay »Die …

„Tupperware-Feminismus vs. No-Bullshit-Feminismus“

„Die Zentrale der Zuständigkeiten“ von Rebekka Reinhard ist nun im LUDWIG Verlag erschienen. Text: Lena Frings  Du rennst in alle Richtungen zugleich? Du machst Karriere, bereitest die Familienfeier vor, erzählst Gutenachtgeschichten und putzt zwischendurch noch schnell das Bad? Du bist alles zugleich: Liebende, Arbeitnehmerin oder Chefin, Mutter und sich kümmernde Tochter? Du bist (wie alle Frauen) eine Zentrale der Zuständigkeiten. Das gleichnamige Buch unserer stv. Chefredakteurin ist ein kurzes Innehalten und Aufwachen – praxisbezogen, direkt und händereichend. In 20 Kapiteln bietet die Autorin Überlebensstrategien für einen vollgestopften Alltag an, der so verschiedene Ansprüche an uns stellt, dass wir als denkende und fühlende Wesen hinter Terminkalendern und endlosen ToDos verschwinden. Witzig, scharf, manchmal wütend und erfrischend unideologisch bewegt sich der Text etwas versetzt zu vielen feministischen Diskursen. Das beginnt damit, dass Gendersternchen einer kreativen und sinnvollen Art zu gendern weichen. Grundsätzlich wird es dort, wo bestimmte Arten des Self-Empowerments als neoliberale Lügen und Marketing-Gag entschlüsselt werden. Denn eine „Emanzipation, die dauergestresste Superwomen produziert, widerspricht sich selbst.“ Sie zwängt uns vielmehr in ein neo-biedermeierliches Bewertungsraster – als Ergebnis …

Wenn Einfälle zur Falle werden, oder: Über die Wirkmacht des Denkens

Es liegt etwas in der Luft… Text: Lena Frings … es ist die Frage nach der Wirkmacht des Denkens. Ich habe mich selbst dabei ertappt: Bomben fallen, Klimaziele werden nicht erreicht – angesichts der Katastrophen mangelt es nicht an intellektuellen Gedanken, so redet meine innere Ungeduld, sondern an schlauen Taten. Doch eigentlich weiß ich natürlich, dass das eine das andere bedingt. Intellektuelle reflektieren nicht nur das Zeitgeschehen. Sie prägen es auch. Und das leider nicht immer zum Guten. Das Denken kann sehr erfindungsreich sein und die absurdesten oder grausamsten Dinge politisch zu rechtfertigen versuchen. Xi Jinping braucht seine Ideologie für die „Umerziehungslager“ der Uiguren, Putin die seine für einen grausamen Krieg. Er beruft sich dabei auf Alexander Dugin (siehe unten). Die Philosophin Hannah Arendt (1906 – 1975) hat dieses Elend in ihrem Interview mit Günter Gaus einmal treffend auf den Punkt gebracht: „Zu Hitler fiel [den Intellektuellen] etwas ein. Zum Teil ungeheuer interessante Dinge. Ganz fantastische und komplizierte und hoch über dem Gewöhnlichen schwende Dinge. Das habe ich als grotesk empfunden. Sie gingen ihren eigenen …

Wo steckt die Philosophie?

Es liegt etwas in der Luft… Text: Lena Frings … es sind neue Fragen und eine tiefe Sehnsucht nach Antworten. Waldbrände, Fluten und Tornados sind keine dystopischen Zukunftsszenarien mehr. In den letzten Tagen fegten Stürme über Deutschland und Kanada, während Sandstürme im Irak Menschen den Atem nahmen. Katastrophen dieser Art werden in Zukunft immer wahrscheinlicher. Wie begegnen wir dieser rauen Welt? Wir gehen wir mit Klimaflüchtlingen um, zu denen wir gleichermaßen zählen können? In seinem Hauptwerk »Das Prinzip Verantwortung« stellte der jüdische Philosoph Hans Jonas im Jahre 1979 heraus, dass wir für das Leben kommender Generationen mitverantwortlich sind – ein Gedanke, der heute bereits Konsens ist. Was machen wir daraus? Maschinelles Lernen wird unsere Arbeitswelt und unseren Alltag auf den Kopf stellen. Es gibt nun künstliche Intelligenzen zum Chatten, die immer ein »offenes Ohr« haben. Zoom und andere Anbieter von Video-Calls versuchen mittels Software Emotionen ihrer User:innen zu analysieren. Künstliche Intelligenz ist in der Lage, Lieder zu komponieren, Texte zu schreiben und Bilder herzustellen. Unzählige Philosoph:innen haben über das Verhältnis von Mensch und Technik nachgedacht. …

Ehrensache

Die Rede von der Ehre hat etwas Altertümliches. Sie klingt nach Duellen und Ehrenmorden. Dabei hat der Begriff eine große transformatorische Kraft. Wir könnten  sie nutzen. Text: Robin Droemer 635 000 Euro. Das ist die Summe, die der Springer-Verlag Jörg Kachelmann schuldet. Auch der Burda-Verlag hat schon gezahlt. Der berühmte Schweizer Wettermann hat beide Verlage verklagt, weil er sich durch ihre Presse seiner Berufsgrundlage beraubt sieht. 2010 warf ihm seine Geliebte Vergewaltigung vor, Kachelmann wurde festgenommen. Die Medien stürzten sich auf den Prozess. »Bild«-Kolumnistin Alice Schwarzer stellte Kachelmann bereits als schuldig dar, als die Verhandlung noch in vollem Gange war. Aber Kachelmann wurde freigesprochen. Trotzdem redete man ihn in Talkshows als »möglichen Vergewaltiger« an. Die Berichterstattung hat Kachelmanns Leben verändert. Er wird wohl nie wieder für das deutsche Fernsehen arbeiten. Doch der Wettermann kämpft weiter. Nicht, weil er das viele Geld bräuchte. Ihm geht es um etwas Wichtigeres als Geld. Ihm geht es um seine Ehre. Ehre, so scheint es, ist ein Relikt archaischer Zeiten. Und doch werden in der modernen Welt Ehrenprofessuren vergeben, Ehrenämter …

Welzer und Melnyk

Es liegt etwas in der Luft… … Es ist diskursive Apathie. Letzten Sonntag bei »Anne Will«: Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk und der deutsche Sozialpsychologe Harald Welzer geraten aneinander. Es geht um die Frage der deutschen Waffenlieferungen an die Ukraine, es geht um Pazifismus oder Bellizismus – um die Dilemmata der Politik im Umgang mit einer Atommacht. Es geht um die Frage, wie man der Ukraine helfen kann, ohne selbst zur Kriegspartei zu werden. Als einer der Erstunterzeichner des von Alice Schwarzer initiierten »offenen Briefes« an Olaf Scholz votiert Welzer für Zurückhaltung, um eine Eskalation der Gewalt zu verhindern. Dabei beruft er sich auf die historische Erfahrung der Deutschen im und mit dem Zweiten Weltkrieg, die bis heute in vielen Familien präsent sei. Während Welzer von Melnyk »Zuhören« fordert, wirft Melnyk Welzer vor, was dieser anzubieten habe, sei »moralisch verwahrlost«. Das entgleiste Gespräch in einer Sonntagabend-Talkshow ist beispielhaft für die Schwierigkeiten der öffentlichen Debatte in einer Mediendemokratie. Wie soll man über den Krieg denken und diskutieren? Wieviel soll überhaupt darüber geredet werden – und wer …

Vom Wehtun

Was ist eigentlich Schmerz? Ist er allein ein Übel, oder kann man ihm auch Gutes abgewinnen? Hat er einen Sinn? Gibt es Erlösung? Sollten wir uns mit ihm anfreunden? Eine kritische Befragung des »Weh« und unseres Umgangs mit ihm.   Schmerz macht klein und dehnt aus, staucht und streckt, schießt auf uns herunter und wallt in uns auf, ist ebenso oft der wie mein und nur selten unser.« So versucht die amerikanische Lyrikerin Lisa Olstein zu fassen, was womöglich nie vollständig beschrieben und »gesagt« werden kann. Diese Unfreiheit. Diese Ohnmacht. Man fühlt sich wie ein Käfer in einer Schachtel, der ständig gegen den Deckel anflattert. Wehtun ist etwas, das jeder von uns empfinden, erleben, erleiden muss; körperlich, seelisch, geistig. Es gibt kein Leben ohne Schmerz. Das Drama der Existenz beginnt lautstark mit den Schreien der Gebärenden – und endet leise mit dem Stöhnen des Sterbenden. Geburt und Tod bilden den Rahmen für ein Stück, das zwischen Komödie, Tragödie und Farce changiert und von uns, seinen Protagonisten, bis zuletzt ununterbrochene Präsenz verlangt. Bis der Regisseur ein …

Die neue HOHE LUFT ist da! Wohin sind wir unterwegs?

»Wohin sind wir unterwegs?« fragen wir in unserer neuen Ausgabe. Der HOHE LUFT Schwerpunkt Zeitenwende befasst sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven – kulturhistorischen, journalistischen, persönlichen – mit der unübersichtlichen, beunruhigenden Weltlage. Wir schreiben über das Ende des westlichen Wunschdenkens, erleutern die zentralen Begriffe der Kriegsberichterstattung, sprechen mit Martin Staudinger, einem der renommiertesten und erfahrensten Kriegs- und Krisenreporter – und beleuchten den Wert des Zwischenmenschlichen. Außerdem im Heft: Wahlrecht für Kinder?/ Kunst als Fortschritts-Booster/ Reden wir über Sex!/ Frank Ramsey – Wittgensteins Herausforderer. Sowie: ein großes Interview mit dem Ägyptologen und Grand Seigneur der Kulturwissenschaften Jan Assmann, der uns erklärt, warum er – trotz allem – Optimist ist und bleibt.

Die Meinungen der selbsternannten Osteuropa-Versteher

Es liegt etwas in der Luft… … Es ist der Meinungsstreit zum Ukrainekrieg. Die einen sind für die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine, die anderen finden, dass man Wladimir Putin nicht reizen darf. Die einen fordern ein Gas-Embargo, um den Druck auf Russland zu erhöhen, die anderen sind dagegen, weil sie fürchten dass dann die deutsche Wirtschaft kollabiert. Und zum Geisteszustand des russischen Präsidenten hat ohnehin jeder seine eigene Meinung. Auf Facebook, Twitter &Co. wimmelt es von selbsternannten Generälen, Strategieexperten und Osteuropa-Verstehern, die fiebrig das Kriegsgeschehen kommentieren, der Politik Ratschläge geben oder Zensuren verteilen. Man kann der Meinung sein: Das nervt. Ob zum Ukrainekrieg, zur Coronapandemie und vielen anderen Fragen: Selbstverständlich darf jede Person ihre Meinung frei äußern, jedenfalls im gesetzlichen Rahmen. Wir nennen es Meinungsfreiheit, davon lebt die Demokratie. Die Frage ist allerdings, ob man zu allem eine Meinung haben muss.  Sie stellt sich gerade in den sozialen Medien, wo heute tatsächlich jede/r fast alles öffentlich sagen kann. So ist es nicht geboten (und auch nicht klug), seine Meinung zu Dingen zu äußern, von …