Aktuell Gesellschaft HOHE LUFT Leseprobe Politik

Öffnet die Grenzen!

Innerhalb Deutschlands stehen wir für Chancengleichheit ein. Doch wenn es um die nationalen Außengrenzen geht, hört dieser Anspruch auf. Ist es moralisch vertretbar, Flüchtlinge abzuweisen? […]

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Aktuell Curiosa Veranstaltung

HATTE SCHOPENHAUER DOCH RECHT?

Empathie und Mitleid sind dasselbe. Letzteres war für den Philosophen Arthur Schopenhauer zugleich auch der Quell aller Moral. Schopenhauer konnte sich partout nicht für die Pflichtethik […]

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Die Ethik des Stil

Guter Stil ist mehr als eine Art, sich zu kleiden oder zu geben. Er ist eine Frage der Haltung. Es geht um Anstand, Respekt und Würde. Denn Stil hat nicht nur mit Geschmack zu tun, sondern auch mit Moral.

Der ganze Artikel zur Ethik des Stils aus unserer aktuellen Ausgabe ist jetzt online und kann hier gelesen werden.

Viel Spaß!

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Du musst dein Leben surfen!

Auch auf Hawaii kann man die Spiele der deutschen Mannschaft verfolgen – allerdings meist um neun Uhr morgens. In der bekanntesten Sportbar findet sich dann lediglich eine Hand voll Fussballfans ein, die Mehrheit davon Touristen. Das Herz der Einheimischen hingegen schlägt für einen ganz anderen Sport: Wellenreiten. Die Anzahl der Surfer am Strand von Waikiki übersteigt die der Fussballfans schon bei Sonnenaufgang um das dreifache. Doch auch wenn Surfen heute genauso wettbewerbsorientiert ausgeübt wird wie traditionelle Sportarten, ist es doch nur schwer mit diesen zu vergleichen. Der französische Philosoph Gille Deleuze erkannte im Umgang mit Energie die entscheidende Besonderheit des Wellenreitens. Im Ballsport oder der Athletik liefert der Akteur eine ausgehende oder blockierende Kraft. Er schießt den Ball, wirft den Speer oder pariert den Schlag des Gegners. Wellenreiten hingegen lebt vom Eintritt in eine entstehende Bewegung und dem Experimentieren mit dieser Energie. Wenn man Wellenreiten jedoch so charakterisiert, könnte man es durchaus als ein gelebtes Beispiel für Bergsons Philosophie der Intuition begreifen.

Der Lebensphilosoph und Nobelpreisträger Henri-Louis Bergson war nämlich der Ansicht, dass sich uns die Welt normalerweise nur in ihrer unbewegten Form erschließt, weil wir uns ausschließlich auf Analysen des Verstandes verlassen. Dabei entgeht uns jedoch die sogenannte “Dauer”, also der Prozess des Werdens der Dinge selbst. Dieses Werden können wir nicht analytisch erfassen, da unser Geist immer nur das bereits Entstandene erkennt – als blickten wir durch ein Kaleidoskop. Obwohl dessen Teilchen in flüssiger Bewegung ihre Positionen ändern, erfassen wir doch nur die bizarren Muster am Anfang und Ende der Drehung. Genau so ergeht es uns, wenn wir versuchen, die Welt ausschließlich intellektuell zu erfassen. Wir untersuchen ein herausgehobenes Standbild, während uns das eigentliche Geschehen entgeht. Weil das radikale Entstehen nicht geschaut werden kann, muss es erfühlt werden. Deswegen stellt Bergson dem Intellekt die Intuition als eines der wichtigsten Instrumente unserer “Einsicht” an die Seite. Diese Intuition darf jedoch nicht als antiintellektuelle Esoterik missverstanden werden. Der Surfer etwa befindet sich mitten in der realen Welt des Ozeans.

Fokussiert wartet er auf die richtige Welle, welche sich scheinbar plötzlich und zufällig aus dem Meer erhebt. In Wirklichkeit ist die Welle jedoch ein Produkt komplexer Interaktionen von Wind, Wasser und Meerestiefe, die sich durchaus in mathematischen Graphen darstellen lassen. Diese Graphen repräsentieren nichts anderes als das Werden der Welle. Wenn der Surfer nun die Welle reitet, steigt er ein in das angehende Werden der Welle. Hier ist verloren, wer die Situation theoretisch erfassen will. In der Welle regiert die Intuition. Der Surfer erfühlt die Kräfte des Werdens im Moment ihrer Entstehung. Er fühlt den Sog, die Strudel um seine Finne, das Brechen der Röhre – und reagiert darauf mit Gewichtsverlagerung und Tempovariationen. Der Ritt auf der Welle gelingt nur durch dieses intuitive Erfassen der Dauer – und dem freien Spiel mit ihm. Doch irgendwann wird auch der erfahrenste Surfer ins Wasser stürzen. Er wird fallen, sich zurück aufs Brett ziehen und erneut hinaus paddeln. Sein Verstand analysiert den vorangegangenen Ritt – und korrigiert so die Intuition nachträglich. Nur diese Verbindung von analytischer Reflexion und intuitivem Erfühlen des Werdens lässt einen zum wahren Kern der Dinge vordringen – nicht der einseitige Fokus auf Verstand oder Gespür. Vielleicht würde daher sogar Bergson heute zustimmen, dass ein wirkliches Streben nach Erkenntnis nichts anderes heißt, als das Leben zu surfen.

- Robin Droemer

 

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Wenn Fußballer philosophieren

Nach Platon ist jeder ein Philosoph. So auch der Fußballnationalspieler Toni Kroos. Er hält die Philosophie anscheinend sogar für unverzichtbar, um die Weltmeisterschaft zu gewinnen: “Ich denke, dass es bei der WM entscheidend ist, seine eigene Philosophie durchzusetzen” sagt er im Interview mit der Sport Bild. Den ganzen Artikel lesen

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Reise in die Welt der Wahrnehmungen

„Ohne Worte“ können Gedanken schwerlich gefasst, Wahrnehmungen nicht geschildert werden. Doch das Sprachwerkzeug hilft nicht nur, es schränkt auch ein. Nur eine Realität existiert, aber sie wird von Benutzern verschiedener Muttersprachen bereits unterschiedlich wahrgenommen, und wir tragen vielerlei zusätzliche „Brillen“, die wir nicht einfach ablegen können. Wissbegierige mögen eine Methode der Beobachtung verfolgen, um Grade von Objektivität zu erreichen. Schaulustige mögen sich an der Subjektivität erfreuen, der Vielfalt, der kreativen Anreicherung ihrer Wahrnehmungen.

Jede Wahrnehmung ist teils Beobachtung (stärker kognitiv, stärker aktiv), teils Schauen (eher emotional, eher passiv), stets aber konstruktorisch, und die Schilderungen fallen mehr oder weniger artifiziell aus. Eine Reise, die aus gewohnter Umgebung herausführt, kann uns hier zur philosophisch-psychologischen Selbstwahrnehmung verhelfen – eine Schiffsreise zwischen Wellen, Küsten und Städten, zwischen Berufstätigen und Urlaubern, zwischen Natur und Technik, Gesellschaft und Kunst. Die schönste Landschaft vermag uns nur begrenzt zu faszinieren, solange wir noch unser Gleichgewicht auf schwankendem Deck suchen. Ist der Genuss dann vollkommen, kann die Hochstimmung auf das Bild abfärben, das wir uns von der Kreuzfahrt-Society machen. Wir witzeln über die Banausen, denen allein das Buffet etwas bedeutet. Doch sind „Naturschönheit“ und „Banausen“ nicht bereits von uns mitgebrachte Klischees, die unsere Wahrnehmung prägen, deren Interpretation vorwegnehmen? Wir geben unser Biografie auch nicht am Eingang zur fiktionalen Welt der Lichtkunst ab, wo versucht wird, uns hinsichtlich des Verhältnisses von Realität und Konstruktion zum Staunen zu bringen (oder gar zu verwirren): Gibt es hier etwas zu beobachten oder sind wir von vornherein aufs Schauen beschränkt?

Eine philosophische Mini-Kreuzfahrt „Kiel-Oslo-Kiel“ unter dem Motto „Wahrnehmen – Beobachten – Schauen“ versucht vom 14.-16.10.2014, an Bord eines Color-Line-Schiffs, Antworten auf die Frage „Wie verarbeiten wir unsere Sinneseindrücke?“ zu finden. Urlaub ist das nur am Rande, vielmehr ein anspruchsvolles geistiges Abenteuer: Studien in James Turrells Lichtkunstpark, Einführungen in Natur-, Technik-, Gesellschafts- und Kunstphilosophie, Denkarbeit in der Schiffsbibliothek.

- Helmut Stubbe da Luz

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Zum Tode Frank Schirrmachers

Wir müssen brennen

Wenn der Tod eines Menschen überhaupt etwas lehrt, dann das eine, dass wir das Leben ernst nehmen müssen.  Wir haben die Verantwortung, aus unserem Leben etwas zu machen.  Und wir dürfen unsere Zeit nicht verschwenden, weil das Leben jederzeit vorbei sein kann. Das sind die Gedanken, die mir zum Tod Frank Schirrmachers durch den Kopf gehen.

Der Tod eines Menschen nimmt ihm Chancen, er betrügt ihn um all die Möglichkeiten, die er noch hätte, wenn er weiterleben würde. Schirrmacher hätte noch viele Artikel  und Bücher schreiben und wichtige Debatten anstoßen können. Das Furchtbare seines Todes ist, dass er das alles nicht mehr tun kann; der Tod hat ihn darum betrogen. Tröstlich ist nur, dass er viele Möglichkeiten seines Lebens bereits verwirklicht hat. Dass er viele Menschen mit seinen Gedanken beeinflusst hat, dass er eine Familie und Freunde hatte.

Frank Schirrmacher hat für das gelebt, was er für wichtig (und richtig) hielt; er hat dafür gebrannt, mit seiner ganzen Seele. Wir dürfen annehmen, dass er ein gelungenes Leben gehabt hat, auch wenn er viel zu früh gestorben ist. Von seinem Tod können wir nur das eine lernen: Wir müssen die Chancen unseres Lebens nutzen – und für die Dinge brennen, die uns wichtig sind. Bis zum Ende, wann immer es kommt. Ein ungenütztes Leben ist schlimmer als der Tod.

- Thomas Vašek

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DAS SEIN, ALLEIN

Ganz für sich ist heute so gut wie niemand mehr. Selbst wer abends allein zu Hause sitzt, ist meist verbunden – mit dem sozialen Netz oder Instant-Messaging-Diensten. Ist das gut? Was macht das Alleinsein aus? Und woher rührt seine Kraft?

HOHE LUFT-Volontärin Greta Lührs geht diesen Fragen in unserer aktuellen Ausgabe nach. Ihr Artikel kann jetzt auch hier online gelesen werden.

Viel Spaß!

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Reich wie nie

Superreiche versus Habenichtse – in Deutschland wird intensiv diskutiert über die Umverteilung von Vermögen, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich und exorbitant hohe Managergehälter. Es geht um die Verteilungsgerechtigkeit. Nur die Gehälter im Profi-Fußball werden nicht erwähnt. Dabei steht die WM vor der Tür.

Zum Vergleich: Philipp Lahm verdient inklusive Werbeeinnahmen um die 14 Millionen Euro. Volkswagen Chef Martin Winterkorn hat 2013 15 Millionen Euro verdient und  2011 waren es sogar 17,4 Millionen. Das hat in der öffentlichen Diskussion so hohe Wellen der Empörung hervorgerufen, dass sich der VW-Aufsichtsrat auf neue Vergütungsregeln geeinigt hat. Manager Gehälter werden also als ungerecht empfunden, Gehälter im Profi-Fußball hingegen werden akzeptiert.
Wie kann das sein?

Man könnte mit den Utilitaristen argumentieren und nach dem Nutzen fragen: „Richtig ist, was das größte Glück für die größte Zahl von Menschen bewirkt“. Gerechtigkeit ist im utilitaristischen Verständnis wertvoll, wenn sie etwas zur allgemeinen Glücksvermehrung beiträgt. Im Gegensatz zum Manager schafft ein Fußballer keine Arbeitsplätze, produziert keine Güter und hat keine Mitarbeiterverantwortung. Aber ein Millionenpublikum will ihn auf dem Platz spielen sehen. In seinem Fall ergibt sich der Nutzen aus dem Wunsch eines großen Teils der Gesellschaftsmitglieder. Hier werden Ungleichheiten zugelassen, um den Gesamtnutzen maximal zu steigern.

Der Philosoph John Rawls (1921-2002) hingegen betrachtet Fairness als den zentralen Begriff von Gerechtigkeit. Nicht die Maximierung des Allgemeinnutzens steht im Vordergrund wie bei den Utilitaristen, sondern dass alle Gesellschaftsmitglieder den Gerechtigkeitsgrundsätzen in Hinblick auf ihr eigenes Wohlergehen zustimmen können. Für Rawls folgt daraus, dass ökonomische und soziale Ungleichheit in Ordnung sein kann, wenn sie zum maximal zu erwartenden Vorteil der am schlechtesten Gestellten beiträgt. Das impliziert aber nicht, dass Spitzensportler es auch moralisch betrachtet verdienen, mehr Geld zu bekommen als eine Krankenschwester. Und es bleibt die Frage, wie durch überbezahlte Fußballer andere bessergestellt werden?

Und was wenn Lahm zu langsam ist und Schweinsteiger nicht fit genug? Dann erscheinen die hohen Gagen nicht mehr so gerecht. Da man als Fan einen beträchtlichen Anteil am Erfolg eines Fußballers hat, sollte Lahm bei schlechter Leistung, also für den Fall, dass er seine Millionen nicht wert ist, einen Teil seines Verdienstes an die zahlreichen Fans umverteilen. Damit wäre nicht nur der Verteilungsgerechtigkeit sondern auch der ausgleichenden Gerechtigkeit genüge getan. Schließlich sind enttäuschte Erwartungen eine Schädigung, die Wiedergutmachung erfordert. Allerdings stößt hier die Theorie an die Grenzen der Realität.
Doch bei aller (berechtigten) Kritik an den Millionenverdiensten eines Profifußballers, wünschen wir uns, dass Deutschland gewinnt und werden mitfiebern, wenn Philipp Lahm und seine Kollegen auf dem Platz stehen. Geld hin oder her.

- Pia Jaeger

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Vergiss mich!

Google muss künftig in bestimmten Fällen Sucheinträge sperren, wenn die betroffene Person einen guten Grund vorweisen kann, weshalb sie von der Suchmaschine nicht gefunden werden möchte. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofes räumt uns damit ein „Recht auf Vergessenwerden“ ein.

Ein Recht darauf, vergessen zu werden? Das klingt seltsam. Streben nicht sonst alle danach, in die Ewigkeit einzugehen und möglichst nicht in Vergessenheit zu geraten? Als hätten wir Kants These „Tot ist nur, wer vergessen wird“ verinnerlicht, probieren wir alles, um auch über den Tod hinaus in Erinnerung zu bleiben. Den ganzen Artikel lesen

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Wir Landschaftsmaler

Was für ein Panorama. Ich stehe am Ufer des Kawaguchi-Sees in Japan und blicke auf die tadellos konische Erscheinung mit der schneebedeckten Spitze. Der Fuji ist ein sanfter Riese, väterlich wacht er über die Umgebung. Seine Silhouette spiegelt sich auf der glatten Wasseroberfläche. Was gäbe ich dafür, dieses Bild jetzt in Öl festzuhalten. Leider fehlen mir dazu Leinwand, Farbe und künstlerisches Talent. Doch woher rührt bloß dieser plötzliche Wunsch nach dem Abbilden der Landschaft? Ginge es mir nur darum, den schönen Moment zu fixieren, könnte ich ja ein Foto schießen. Was ich auch tue. Doch die Sehnsucht nach einem gemalten Bild kann das Erinnerungsfoto nicht stillen. Landschaftsmalerei mag manch einer bieder und langweilig nennen. Aus
philosophischer Perspektive handelt es sich jedoch um eine durchaus interessante Kunstform.

Jede Art von Kunst besitzt ihre eigenen Besonderheiten. Die der Landschaftsmalerei besteht in dem schöpferischen Zwischenschritt, der vollzogen wird, noch bevor der Maler den Pinsel ansetzt. Denn in der Natur gibt es keine Landschaft. Bäume, Blätter, Berge, Bäche. Alles einzelne Erscheinungen, eingebunden in einen allumfassenden Kreislauf aus Entstehen und Vergehen, ohne Anfang, ohne Ende. Das ist die Natur. Wer stattdessen eine Landschaft sieht, der fügt eine Anhäufung von Einzeldingen zu einer imaginären Einheit zusammen. Gleichzeitig enthebt er diese Einheit dem Naturganzen, wobei die Landschaft an ihren Rändern jedoch immer noch in jenes hinüber fließt.  Der Maler erschafft also die Landschaft, bevor er sein eigentliches Werk beginnt. Jeder, der eine Landschaft betrachtet, vollzieht diesen kreativen Akt – die Vorstufe des Kunstwerks. Doch wie leimt man ein so verstreutes Nebeneinander wie die Natur zu einem adäquaten Gefüge? Der deutsche Philosoph Georg Simmel sah den Träger dieser Einheit in der besonderen “Stimmung” einer Landschaft. Jedes einzelne Teil der Landschaft sei von ihr durchdrungen. Und dennoch könne man sie nicht als eigenständige Entität außerhalb der Landschaft erfahren. Doch das wirft Fragen auf. Schließlich scheint eine Stimmung doch vom Betrachter abhängig zu sein. Was der eine als melancholische Schönheit empfindet, stimmt den anderen depressiv. Wie kann dann aber jeder Stein und jeder Baum an so etwas wie einer objektiven Stimmung teilhaben?

Wenn man sich das Wesen einer Landschaft vor Augen führt, erkennt man, dass die Frage falsch gestellt ist. Denn die Landschaft als solche entsteht erst im Auge des Betrachters – sie existiert nur als geistiges Gebilde. Man kann sie weder anfassen noch in einer mathematischen Gleichung ausdrücken. Wir sind es, die Landschaften schaffen, und mit ihnen eben auch die jeweilige Stimmung. Landschaften und Stimmungen sind nie objektiv, aber dennoch untrennbar aneinander geknüpft. Nur so entsteht eine “stimmige” Einheit, die sich von den Einzeldingen abhebt. Eine Landschaft zu betrachten bedeutet also, unsere Schöpferkraft mit dem Gegebenen zu verweben. Dafür eignet sich die Natur besonders, denn anders als die Stadt ist sie ursprünglich und roh. Und leistet im Gegensatz zu menschlichen Motiven auch keinen Widerstand gegen künstlerische Umformung. Wer Landschaften erblickt, vollbringt unweigerlich etwas Künstlerisches – wenn auch nur in einem rudimentären Stadium. Der Wunsch, diese Landschaft auch noch zu malen ist nicht die Sehnsucht nach einer Fixierung des schönen Moments, sondern vielmehr eine Resonanz der primitiven schöpferischen Tat.

- Robin Droemer

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Kunst, X-Man & Klapsmühle

Anlässlich der Kunstmesse ARTMUC, die kommenden Donnerstag (29.05.-01.06.) zum ersten Mal in München stattfindet, haben wir ARTMUC-Creative Director Marco Schwalbe interviewt. Gemeinsam mit seinem Bruder Raiko Schwalbe hat er auch eine der erfolgreichsten Kunst-Events in Bayern etabliert: die STROKE Art Fair.

Grund genug, Marco Schwalbe einige philosophische Fragen zur Kunst zu stellen…

Kann man Ihrer Meinung nach eine Definition von Kunst geben?

Das ist genau das Problem, bei dem sich die meisten Theoretiker verzetteln und die Debatte pseudointellektuell wird. Peter Weibel (Leiter des ZKM Karlsruhe) hat einmal gesagt: „Es gibt keine Kunst, es gibt nur das Gespräch über Kunst“.

Was ist Kunst für Sie?

Da halte ich es gerne mit Voltaire: “Zweifel ist (zwar) kein angenehmer Zustand, Gewissheit jedoch absurd.”

Arthur Schopenhauer sah in der Kunst eine Möglichkeit, dem Leid, für ihn zentrales Merkmal des Lebens, temporär zu entgehen. Teilen Sie seine Meinung? Brauchen Menschen die Kunst?

Für Schopenhauer war ja bekanntlich der Zustand von Mangel und Unzufriedenheit per se ein Leiden. Davon abgesehen hat er sich häufiger mit Musik und Moral beschäftigt. Auch nicht zu unterschlagen sei der Fakt, dass zu Schopenhauers Lebenszeit die Romantik, der Biedermeier oder der Realismus dominant waren. Alles Kunstrichtungen, die mit der heutigen Wahrnehmung und Bedeutung von Kunst nicht mehr viel zu tun haben. Ich behaupte: Die Menschen brauchen die Kunst nicht, sage jedoch im gleichen Atemzug: „Alkohol löst keine Probleme, Milch aber auch nicht!“. Einigen wir uns doch vielleicht darauf, dass die Kunst den Menschen braucht.

Welchen Wert hat Kunst für uns?

Über dieses Thema kann man sicherlich stundenlang diskutieren. Wenn man sich auf einen mehr theoretischen Ansatz einlassen möchte, muss man sagen, Kunst hat sowohl einen Symbol- als auch einen Marktwert.
Der Symbolwert sammelt schwer verifizierbare Faktoren wie Singularität, Bedeutung in der Kunsthistorie, intellektuelle Ansprüche … – und ist demnach so etwas wie eine Folge historischer Idealisierungsanstrengungen, die der bildenden Kunst ihre Einzigartigkeit und Überlegenheit bescheinigen soll (die sie ja zu Zeiten Schopenhauers noch nicht erreicht hatte). Da der Symbolwert nicht nahtlos in ökonomische Definitionen passt, lässt er sich auch nicht einfach in Geld umrechnen.
Der Marktwert wiederum ist arbiträr, da auch er sich auf objektiv nicht messbare Werte bezieht. Der einzige verifizierbare Anhaltspunkt ist hier der Preis. Er ist der Index des Marktwertes und kennt im Prinzip keine Obergrenze.

Der US-amerikanische Philosoph Arthur C. Danto schrieb einmal über Kunstwerke, dass sie die Kraft eines Textes hätten, sofern man sie zu lesen versteht. Würden Sie hierin mit Danto übereinstimmen?

Der Gedanke von Danto liest sich im ersten Moment klug – man ist geneigt, ihm zuzustimmen. Aber Danto hat Warhols Brillo Box (1964) auch als den letzten, zutiefst ambivalenten Fortschritt der Kunst bezeichnet und damit postuliert, dass kein Wandel mehr stattfinden kann. Einen solch polemischen Mann sollte man kritisch hinterfragen. Der Aufbau eines Textes basiert auf Gesetzmäßigkeiten (von Ausnahmen wie dem Dadaismus einmal abgesehen). Sätze, Wörter und Buchstaben machen sein Lesen erst möglich. Grammatikalische Regeln, Ausdrucksformen und auch Rechtschreibung formen einen Text. Er kann berühren, die Phantasie beflügeln, zum Lachen wie zum Weinen bringen – aber das alles bleibt eben an das definierte Machwerk der Sprache gebunden. Würden sich Schriftsteller und/oder Autoren nicht mehr an diese allgemeinverbindlichen Richtlinien halten, wären wir nicht mehr in der Lage, ihre Texte zu verstehen und zu interpretieren.
Der Künstler hingegen hat die Freiheit, alles zu benutzen, was er als Material für sinnvoll oder zumindest brauchbar hält. Er kennt keine Grenzen in der Form seiner Arbeit. Im Prinzip ist er absolut vogelfrei.
Aber nehmen wir mal an, es gäbe eine genetische Mutation und – damit es plakativ wird – schreiben wir sie einem X-Man zu. Dieser X-Man kann kein Feuer speien, ist nicht unsichtbar und hat auch keine Messerklingen in seiner Faust – er kann aber Kunstwerke lesen! Ganz gleich, vor welches Kunstwerk sie ihn stellen, er kann ihnen daraus vorlesen. Klingt komisch? Ist es auch! Dieser X-Man hätte es nie in die Eliteeinheit von Professor X geschafft. Man hätte ihn wahrscheinlich in die Klapsmühle eingewiesen.

- Marco Schwalbe im Interview mit HOHE LUFT-Redakteurin Christina Geyer

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