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Die neue HOHE LUFT ist da!

Geld regiert die Welt – dabei war es doch nur als Mittel zum Zweck gedacht. In der neuen Ausgabe gehen wir der Frage nach, was […]

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Tractatus

Der Verein Philosophicum Lech hat die Shortlist für den Tractatus – Preis für philosophische Essayistik bekannt gegeben. Die Verkündung des Preisträgers erfolgt Anfang September, die […]

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Kunst, X-Man & Klapsmühle

Anlässlich der Kunstmesse ARTMUC, die kommenden Donnerstag (29.05.-01.06.) zum ersten Mal in München stattfindet, haben wir ARTMUC-Creative Director Marco Schwalbe interviewt. Gemeinsam mit seinem Bruder Raiko Schwalbe hat er auch eine der erfolgreichsten Kunst-Events in Bayern etabliert: die STROKE Art Fair.

Grund genug, Marco Schwalbe einige philosophische Fragen zur Kunst zu stellen…

Kann man Ihrer Meinung nach eine Definition von Kunst geben?

Das ist genau das Problem, bei dem sich die meisten Theoretiker verzetteln und die Debatte pseudointellektuell wird. Peter Weibel (Leiter des ZKM Karlsruhe) hat einmal gesagt: „Es gibt keine Kunst, es gibt nur das Gespräch über Kunst“.

Was ist Kunst für Sie?

Da halte ich es gerne mit Voltaire: “Zweifel ist (zwar) kein angenehmer Zustand, Gewissheit jedoch absurd.”

Arthur Schopenhauer sah in der Kunst eine Möglichkeit, dem Leid, für ihn zentrales Merkmal des Lebens, temporär zu entgehen. Teilen Sie seine Meinung? Brauchen Menschen die Kunst?

Für Schopenhauer war ja bekanntlich der Zustand von Mangel und Unzufriedenheit per se ein Leiden. Davon abgesehen hat er sich häufiger mit Musik und Moral beschäftigt. Auch nicht zu unterschlagen sei der Fakt, dass zu Schopenhauers Lebenszeit die Romantik, der Biedermeier oder der Realismus dominant waren. Alles Kunstrichtungen, die mit der heutigen Wahrnehmung und Bedeutung von Kunst nicht mehr viel zu tun haben. Ich behaupte: Die Menschen brauchen die Kunst nicht, sage jedoch im gleichen Atemzug: „Alkohol löst keine Probleme, Milch aber auch nicht!“. Einigen wir uns doch vielleicht darauf, dass die Kunst den Menschen braucht.

Welchen Wert hat Kunst für uns?

Über dieses Thema kann man sicherlich stundenlang diskutieren. Wenn man sich auf einen mehr theoretischen Ansatz einlassen möchte, muss man sagen, Kunst hat sowohl einen Symbol- als auch einen Marktwert.
Der Symbolwert sammelt schwer verifizierbare Faktoren wie Singularität, Bedeutung in der Kunsthistorie, intellektuelle Ansprüche … – und ist demnach so etwas wie eine Folge historischer Idealisierungsanstrengungen, die der bildenden Kunst ihre Einzigartigkeit und Überlegenheit bescheinigen soll (die sie ja zu Zeiten Schopenhauers noch nicht erreicht hatte). Da der Symbolwert nicht nahtlos in ökonomische Definitionen passt, lässt er sich auch nicht einfach in Geld umrechnen.
Der Marktwert wiederum ist arbiträr, da auch er sich auf objektiv nicht messbare Werte bezieht. Der einzige verifizierbare Anhaltspunkt ist hier der Preis. Er ist der Index des Marktwertes und kennt im Prinzip keine Obergrenze.

Der US-amerikanische Philosoph Arthur C. Danto schrieb einmal über Kunstwerke, dass sie die Kraft eines Textes hätten, sofern man sie zu lesen versteht. Würden Sie hierin mit Danto übereinstimmen?

Der Gedanke von Danto liest sich im ersten Moment klug – man ist geneigt, ihm zuzustimmen. Aber Danto hat Warhols Brillo Box (1964) auch als den letzten, zutiefst ambivalenten Fortschritt der Kunst bezeichnet und damit postuliert, dass kein Wandel mehr stattfinden kann. Einen solch polemischen Mann sollte man kritisch hinterfragen. Der Aufbau eines Textes basiert auf Gesetzmäßigkeiten (von Ausnahmen wie dem Dadaismus einmal abgesehen). Sätze, Wörter und Buchstaben machen sein Lesen erst möglich. Grammatikalische Regeln, Ausdrucksformen und auch Rechtschreibung formen einen Text. Er kann berühren, die Phantasie beflügeln, zum Lachen wie zum Weinen bringen – aber das alles bleibt eben an das definierte Machwerk der Sprache gebunden. Würden sich Schriftsteller und/oder Autoren nicht mehr an diese allgemeinverbindlichen Richtlinien halten, wären wir nicht mehr in der Lage, ihre Texte zu verstehen und zu interpretieren.
Der Künstler hingegen hat die Freiheit, alles zu benutzen, was er als Material für sinnvoll oder zumindest brauchbar hält. Er kennt keine Grenzen in der Form seiner Arbeit. Im Prinzip ist er absolut vogelfrei.
Aber nehmen wir mal an, es gäbe eine genetische Mutation und – damit es plakativ wird – schreiben wir sie einem X-Man zu. Dieser X-Man kann kein Feuer speien, ist nicht unsichtbar und hat auch keine Messerklingen in seiner Faust – er kann aber Kunstwerke lesen! Ganz gleich, vor welches Kunstwerk sie ihn stellen, er kann ihnen daraus vorlesen. Klingt komisch? Ist es auch! Dieser X-Man hätte es nie in die Eliteeinheit von Professor X geschafft. Man hätte ihn wahrscheinlich in die Klapsmühle eingewiesen.

- Marco Schwalbe im Interview mit HOHE LUFT-Redakteurin Christina Geyer

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DIE NEUE HOHE LUFT!

Ab heute ist die neue HOHE LUFT im Handel! 

HL_fb_profilbild_2Starke Emotionen wie Wut kommen bei Philosophen meistens eher schlecht weg – stattdessen predigen sie stoische Gelassenheit. In der neuen Ausgabe zeigen wir, wie man richtig wütend wird.
Außerdem sprechen wir mit Axel Honneth, dem wichtigsten Vertreter der Frankfurter Schule in dritter Generation, über sein Prinzip der Anerkennung.

Weiters im Heft: wie Körper und Gedanken zusammenhängen – die “Embodied Mind“-Theorie.
Und viele weitere spannende Themen, u.A.: Soll man Prostitution verbieten? Und im Fokus: Die Kraft der Visionen.

Hier geht es zum aktuellen Inhaltsverzeichnis der neuen Ausgabe.

Diesmal erwarten Sie übrigens doppelt so viele Denkanstöße:
Zum ersten Mal finden Sie in unserer aktuellen Ausgabe eine 52-seitige Beilage zum Thema “Was ist gute Arbeit?“.

VIEL SPASS!

 

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Die Würde des Menschen

“Jeder Mensch erwartet instinktiv oder im Unterbewusstsein, dass man Respekt für seine Menschenwürde aufbringt”
(Fjodor Dostojewski)

Die Achtung vor der Menschenwürde ist eines der heiligsten Gebote unserer Zeit. Sie zu wahren gilt als oberstes Gesetz. So heißt es auch in Artikel 1 des deutschen Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Eine Forderung, die unter die Ewigkeitsklausel fällt und daher weder abgeschafft noch verändert werden darf. Was genau aber ist diese „Würde des Menschen“ und wie kann ihre Wahrung sichergestellt werden?

Die sogenannte Objektformel versucht Antworten zu geben und den Begriff der Menschenwürde näher zu bestimmen. Sie konzentriert sich dabei vor allem auf den Anspruch des Menschen, stets als Subjekt und nie als bloßes Objekt behandelt zu werden. Nicht umsonst gilt Immanuel Kant als geistiger Vater der Objektformel, greift diese doch auf die Selbstzweckformel des Königsberger Philosophen zurück. Kant sieht im Menschen einen Zweck an sich – dieser Zweck ist absolut und darf nie missachtet werden: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchtest“, schreibt Kant in seiner Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Dabei ist es durchaus legitim, sein eigenes Glück zu suchen, sofern dieses nicht die Würde anderer Menschen tangiert. Der persönliche Zweck darf sich also nicht über den Gebrauch von Menschen als Mittel erfüllen, denn diese sind selbst zweckgebend: Sie dürfen somit nicht zum reinen Mittel degradiert werden.

Im Hinblick auf die Wahrung der Menschenwürde in Interaktionen heißt das, sein eigenes Wollen ständig mit der Moral abzugleichen – als Frage an sich selbst formuliert: Ist mein Wollen tugendhaft? Die Antwort soll unsere innere Stimme, die Stimme der Vernunft, einflüstern – ihr müssen wir Folge leisten.

Versuche, Artikel 1 des Grundgesetzes zu konkretisieren, wie die Objektformel sie etwa unternimmt, rücken meist negative Formulierungen in den Mittelpunkt. Philosoph Julian Nida-Rümelin spricht in der Serie ZEIT Akademie Philosophie über die Ethik der Menschenwürde und rückt sie in Anlehnung an Autor Avishai Margalit (Politik der Würde) in die Nähe der Achtung. So heißt es, dass demütigende Praktiken vermieden werden müssen, um die Würde Anderer nicht zu beschädigen. Hier geht es also weniger um die Wahrung, als um die Nicht-Verletzung von Würde.

Kant hingegen sieht die Wahrung der Menschenwürde als „enge Pflicht“, also als eine unnachlässige Pflicht – im Gegensatz zu verdienstlichen Pflichten, wie sie sich bei den weiten Pflichten finden. Im Interagieren mit anderen Menschen müsse als Leitmaxime immer die eigene Vollkommenheit sowie die fremde Glückseligkeit im Vordergrund stehen. Die Stimme unserer Vernunft soll unsere Partikularinteressen dabei in Übereinstimmung mit den Interessen Anderer durchsetzen. Sie ist gewissermaßen unsere innere Gesetzgebung, der zu folgen unsere moralische Verpflichtung ist. Und mal ehrlich: Wenn alle diesen Selbstzwang befolgen würden, bräuchten wir dazu nicht einmal mehr einen Artikel im Grundgesetz.

- Christina Geyer

Hinweis zum aktuellen Essaywettbewerb von philosophie.ch:

Dem Homo sapiens vorbehalten und unantastbar: die Menschenwürde. Durch Themen wie Folter, Abtreibung und Sterbehilfe verliert sie nicht an Brisanz.
Doch was ist sie genau? Woher haben wir sie? Wo fängt sie an und wo hört sie auf? Und wieso ist sie überhaupt schützenswert?

Zu diesen und weiteren Fragen können sich Jugendliche im Alter zwischen 15 und 21 Jahren äußern.
Die besten drei Essays werden am 07.08.2014 auf der Veranstaltung “Philosophische Perspektiven zum Thema Menschenwürde“ im Forum Altenberg in Bern prämiert.
Einsendeschluss ist am 15.06.2014!

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WUNDER MODERNE MEDIZIN

»NICHT FORT SOLLT IHR EUCH ENTWICKELN, SONDERN HINAUF!« (Friedrich Nietzsche)

Die moderne Medizin ist ein Wunder. Ärzte operieren am offenen Herzen, transplantieren Lungen, Nieren, Haaransätze und vergrößern Brüste. Doch all dies hat seinen Preis…

Unser Redakteur Robin Droemer geht den Fragen der medizinischen Ethik nach. Der Text aus der nächsten Ausgabe von HOHE LUFT kann bereits jetzt hier gelesen werden.

Viel Spaß!

Hinweis:

Die Freigeist-Akademie für Geisteswissenschaften ist ein Bildungsprojekt für Oberstufenschüler und Schulabsolventen, die sich jenseits von schulischen Zwängen mit gesellschaftlich brisanten Grundfragen beschäftigen wollen.

Im Sommer 2014 wird neben anderen Themen auch die Ethik in der Medizin behandelt. Zentrale Frage: Wollen wir alles, was wir können?
Die Freigeist-Akademie findet vom 03.-16.08.2014 in einem ehemaligen Kloster in Collevecchio bei Rom statt.
Anmeldeschluss ist am 31.05.2014!

 

 

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VISION EUROPA?

Europa steht derzeit vor fundamentalen Fragen: Zerfällt die EU? Verliert sie ihre Währung? Warum überhaupt Europa? Ein guter Zeitpunkt, um die Idee »Europa« bis auf ihren Grund zu durchleuchten. Sie kam lange vor der Gründung der EU auf. Bereits zur Zeit des höfischen Absolutismus ersann der Geistliche Abbé de Saint-Pierre (1658 –1743) einen Zusammenschluss aller christlichen europäischen Staaten. Auch Kant erwähnte 1795 in seinem Werk »Zum ewigen Frieden« ein solches Bündnis. Tatsächlich finden sich einige Kernideen der EU sowohl bei Saint-Pierre als auch bei Kant wieder. Doch trotz vieler Ähnlichkeiten ist es wichtig, die Konzepte von Saint-Pierre und Kant in ihrem historischen Kontext zu betrachten.

Insbesondere der Entwurf von Saint-Pierre ist geprägt vom Ancien Régime, einer Zeit des erbitterten Kampfes um Vorherrschaft und Macht. Der Geistliche propagierte einen Zusammenschluss der europäischen Staaten zum Zwecke des Friedens, doch man kann ihm unterstellen, auch andere Motive gehegt zu haben. So betonte er immer wieder die Bedeutsamkeit des Handels zwischen den christlichen Staaten. Darin stecken gleich zwei Motive: Wirtschaftsförderung und Einheit der Christenstaaten. Von Letzterem erhoffte sich Saint-Pierre eine klare Abgrenzung des Christentums zum Osmanischen Reich. Es waren also vornehmlich hegemoniale Interessen, die Saint-Pierre mit einem geeinten Europa verfolgte.
Ganz anders Kant: Der große Königsberger Philosoph dachte an einen »föderativen Verein«, dem sich alle gewillten Staaten anschließen dürften, nicht nur christliche. Inspiriert vom Geist der Französischen Revolution entwarf er ein universelles Recht mit drei Grundkomponenten: der bürgerlichen, republikanischen Verfassung; dem föderal verfassten Völkerrecht und schließlich dem Weltbürgerrecht. Hierüber wollte er sämtliche kriegerischen Konflikte für alle Zeit beenden und den Frieden als Selbstzweck einführen.

Was davon findet sich nun in der heutigen EU wieder? Auf der offiziellen Seite der Europäischen Union wird die Gründung der EU mit folgender Absicht erklärt: »Alles begann mit der Förderung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Dahinter stand die Idee, dass Länder, die Handel miteinander treiben, sich wirtschaftlich verflechten und daher kriegerische Auseinandersetzungen eher vermeiden.«
Wirtschaft und Frieden – ein bisschen Saint-Pierre, ein bisschen Kant. Dass es allerdings fragwürdig ist, Frieden ausschließlich an wirtschaftliche Beziehungen zu knüpfen, zeigt heute die Finanz- und Wirtschaftskrise. Es braucht mehr, um die Identität eines geeinten Europas zu stiften. Es fehlt an Solidarität und europäischer Selbstbegründung, wie die Schuldenkrise um Griechenland veranschaulicht.

Was also bleibt vom geeinten Europa, wenn der Bestandteil, der es zusammenhalten sollte, die Wirtschaft, ins Wanken gerät? Eine von der Europäischen Kommission in Auftrag gegebene Meinungsumfrage gibt eine traurige Antwort: 2012 empfinden insgesamt nur noch 28 Prozent aller EU-Bürger das Bild der Union als »positiv«. Im Vergleich hierzu: 2007 waren es noch 49 Prozent. In den Herzen ist Europa noch nicht angekommen – in den über 200 Jahren seit Saint-Pierre und Kant.

- Christina Geyer

(Der Beitrag ist in HOHE LUFT 03/13 als Miniatur erschienen)

VERANSTALTUNGSHINWEIS:

Freiheitskongress NovoArgumente, 17.05.2014 im Kino Zukunft in Berlin.

Eine Woche vor der Europawahl beschäftigen sich Experten im Rahmen des Freiheitskongress’ mit der Frage, welchen Wert die Freiheit in der EU noch hat.
In welchem Europa wollen wir leben und welche Rolle fällt dabei der Toleranz zu?
Hier geht es zum Flyer!

 

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KLAPPE HALTEN! SONST KNALLT’S!

Der Bonner Autor Akif Pirinçci hat eine Hasstirade in Buchform geschrieben.
Wie geht man mit so etwas um?
Ignorieren? Wäre fahrlässig.
Verbieten? Wäre kontraproduktiv.

Im Leitartikel aus der nächsten Ausgabe von HOHE LUFT plädieren Thomas Vašek und Tobias Hürter dafür zurückzuschlagen, denn: Redefreiheit muss für alle gelten.
Der Leitartikel kann bereits jetzt hier gelesen werden.

Viel Spaß!

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WENIGER HABEN UND MEHR SEIN

Besitz macht bekanntlich nicht glücklich. Dennoch giert alle Welt danach. Aber sollten wir uns nicht vielmehr über unser Sein definieren? Lässt sich vielleicht sogar eine Brücke vom Haben zum Sein schlagen?

Thomas Vašek und Tobias Hürter gehen diesen Fragen in ihrem Artikel aus der aktuellen Ausgabe von HOHE LUFT nach – und haben einen Vorschlag für einen Ausweg. Der ganze Beitrag kann jetzt auch online hier gelesen werden.
Viel Spaß – wir freuen uns auf Ihre Meinung!

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Unkultur?

In den Bergen Nordvietnams ist die Zeit stehen geblieben. So fühlt es sich zumindest an, als ich ein Dorf der Hmong erreiche. Frauen in traditionellen Trachten aus indigofarbenen Leinen verkaufen bestickte Jacken und Röcke, Männer rauchen Bambus-Bong und Kinder spielen mit einem Ball aus Rattan. Ein Volk, das sich seine ursprüngliche Kultur bewahrt hat – denke ich, bis in der Schürze einer der zahnlosen Stammesfrauen ein Handy klingelt. Das zeigen sie nie auf den Postkarten, indigene Omas mit Smartphone. Jetzt habe ich sechs Stunden auf dem Motorrad auf mich genommen und bekomme nicht einmal hier eine unverfälschte Kultur zu sehen. Doch was macht eine Kultur eigentlich zu einer authentischen Kultur?

Als einer der ersten Philosophen versuchte der Aufklärer Johann Gottfried Herder das Wesen von Kulturen zu beschreiben. Seiner Ansicht nach handelt es sich bei Kulturen um nichts anderes als eine Kugel – also eine in sich geschlossenen Einheit. Diese Kulturkugeln können entweder friedlich nebeneinander her rollen oder sich stoßen wie beim Billard. In beiden Fällen bleiben sie jedoch klar voneinander unterschieden. Ein Smartphone im Bergdorf wäre also ein Stoß einer fremden, in diesem Falle westlichen, Kugel, den es abzuwehren gilt.
Doch das Bild der Kulturen als Kugeln ist äußert zweifelhaft, wenn man die Beschaffenheit moderner Kulturen bedenkt. Durch Internet, Flugverkehr und andere Neuerungen ist die Welt um einiges kleiner geworden. Alles befindet sich zumindest in mittelbarer Reichweite, egal ob es sich um Sushi handelt oder das indische Farbenfest Holi. Anstatt in einer Welt der Kugeln leben wir in einem kulturellen Netz, in dem alles Fremde immer schon mögliches Eigenes ist – ein Phänomen, dass der deutsche Philosoph Wolfgang Welsch als Transkulturalität beschreibt. Doch für Welsch ist Transkulturalität nicht bloß eine moderne Erscheinung, sondern ein essentieller Bestandteil von Kulturen an sich.

Dies wird deutlich anhand der Geschichte der deutschen Kultur (was auch immer diese genau beinhalten mag). Deutsche Kultur, mit ihren Bräuchen und Institutionen, ließe sich nicht begreifen ohne Rückgriff auf zahlreiche fremde Traditionen. Ihrem prägenden Einfluss verdanken wir dasjenige, was wir heute als ursprünglich Deutsch verstehen. Unsere Verfassung etwa wäre in ihrer Form undenkbar ohne die Errungenschaften der französischen Revolution. Gleiches gilt für die Kunst ohne die Renaissance oder unsere Vokabeln und Grammatik ohne Einflüsse aus West- und Osteuropa.
Kulturen verharren nicht als isolierte Inseln, sondern bilden sich erst im Austausch mit anderen. Die technischen und ökonomischen Entwicklungen der Moderne haben diese Prozesse lediglich beschleunigt. Was früher Generationen brauchte, geschieht heute in wenigen Jahren – was erklärt, weshalb die Hmong-Frauen überwiegend Trachten tragen und gleichzeitig Handys besitzen.

Man kann das betrauern und über den Wandel klagen, doch muss man dann an sich selbst die gleichen Standards anlegen – zum Beispiel wenn man Spaghetti isst, Tango tanzt, Yoga übt, amerikanische Serien schaut oder Flip-Flops trägt (deren kulturelle Wurzeln eigentlich in Japan liegen). Wenn wir ehrlich sind, leben wir alle transkulturell – und wollen es auch nicht anders. Wir lieben es, dass wir die Wahl haben und nicht mehr ausschließlich auf die traditionelle Lebensweise unseres Geburtsortes festgelegt sind. Warum sollten wir Angehörigen anderer Kulturen diese Freiheiten nicht zugestehen?

- Robin Droemer

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DIE ANDERS-MACHER

„Man verdirbt einen Jüngling am sichersten, wenn man ihn verleitet, den Gleichdenkenden höher zu achten als den Andersdenkenden.“, schrieb einst Friedrich Nietzsche in seinen „Gedanken über die moralischen Vorurteile“. „Anders-Sein“ ist ein äquivoker Begriff, er kann sowohl positiv wie negativ konnotiert sein – abhängig vom jeweiligen Gebrauch. Jedenfalls enthält er eine stark normative Komponente. Während Nietzsche zugunsten der „Andersdenkenden“ argumentiert, stößt der Begriff des „Anders-Seins“ im alltäglichen Sprachgebrauch nicht immer in dieselbe Richtung. Wer jemandem „Andersartigkeit“ attestiert, kann damit meinen, dass dieser Jemand seltsam und darum anders ist, zugleich kann damit aber auch jemand bezeichnet werden, der anders im Sinne von besonders ist. So kann ein außerordentlich begabter Schriftsteller, ein Genie, genauso „anders“ sein wie das Mitglied einer Subkultur. In beiden Fällen kann „Anders-Sein“ positiv wie negativ ausgelegt werden.

Anders-Sein heißt erst einmal „nicht-gewöhnlich“ – es bewegt sich abseits der Norm. Nicht selten stellen „Andersartige“ gängige Vorstellungen in Frage und rütteln an den Grundfesten unseres kulturellen Normensystems. Der außerordentlich begabte Schriftsteller kann gegen die Gesellschaft anschreiben, der Punk optisch ein Zeichen zur Abgrenzung setzen, etwa durch das Tragen eines Irokesen.
„Andersartigkeit ist für eine Gesellschaft enorm wichtig“, sagt Soziologe Prof. Ronald Hitzler im ARD-Nachtcafé zur Frage „Anders sein – Bürde oder Chance?“. Nur durch Andersartigkeit, so Hitzler, kann Neues entstehen, können Entwicklungen angestoßen werden. Die „Anders-Seienden“ warten mit Ideen und Ansichten auf, die gleichermaßen unkonventionell, befremdlich wie innovativ sein können. Was sie vom durchschnittlichen „Normalo“ unterscheidet, ist ein außergewöhnlicher Blick auf Gesellschaft, Politik oder Kunst.

So verfasste etwa Beststeller-Autor Timothy Ferriss ein leidenschaftliches Plädoyer für eine 4-Stunden-(Arbeits-)Woche in seinem gleichnamigen Buch, das immerhin Platz 1 auf der New York Times-Bestsellerliste belegte. Ferris, der ganz nebenbei auch noch den Weltrekord für die meisten aufeinander folgenden Tango-Drehungen in einer Minute hält, verteidigt darin das MBA: Management by Absence. Man mag von diesem Ansatz halten, was man will – Ferriss rührt mit seinem Konzept an ein Tabu, indem er die klassische 40-Stunden-Woche in Frage stellt.
Und darin liegt letztlich auch die Zündkraft der „Anders-Seienden“: Obwohl sie in der Unterzahl sind, kommt gerade ihnen das Potenzial zu, Veränderungen durchzusetzen. Wieso? Sie haben den Mut, Neues zu denken – und anders zu handeln.

Veranstaltungshinweis:
Die Konferenz für Andersmacher: Am 15.05. findet ACT DIFFERENT! im Kosmos Berlin statt. Die Konferenz bietet eine Plattform für Ideen, Erfahrungen und Grundhaltungen, die nicht selbstverständlich sind. 13 Impulsgeber vermitteln großartige Ideen aus ungewohnter Perspektive.
HOHE LUFT verlost 1 Karte im Wert von 990€!
Schreiben Sie uns einfach eine Nachricht – mit etwas Glück sind Sie dabei!

- Christina Geyer

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Kunst meets Öffentlichkeit

„Kunst im öffentlichen Raum kann andere Atmosphären schaffen, die gewohnten Kleinigkeiten des Alltags umstellen und Ideen weiter tragen. Es sind die sozialen Kräfte, die bei den Interventionen das Verständnis der Themen auslösen“, sagt Matthias Ulrich, Kurator der Schirnkunsthalle in Frankfurt, gegenüber dem Kunstmagazin art. Kunst im öffentlichen Raum meint die Erschließung städtischer Räume und findet meist in sogenannter „Street Art“ oder „Urban Art“ ihren Ausdruck. Hannah Arendt schreibt in ihrem Werk „Vita Activa oder Vom tätigen Leben“ von einem „Zwischen“, einem Raum, der durch „Handeln und Sprechen“ etabliert wird. Ein solcher Raum muss gemäß Arendt öffentlich sein, da erst die Öffentlichkeit das Selbst sichtbar machen kann. Das muss konsequenterweise auch auf Kunst zutreffen – oder kann sich Kunst auch dann noch Kunst nennen, wenn sie auf dem Dachboden verstaubt? Wohl eher nicht. Vielmehr scheint die Öffentlichkeit ein zentrales Moment von Kunst zu sein: Sie gibt sich somit, im Licht der Öffentlichkeit, ihren Betrachtern preis.

Koppelt man Kunst nun an öffentliche Räume, so verändert sich der Charakter von Öffentlichkeit – der Raum wird gewissermaßen umgewidmet, umgeschrieben und kann in diesem Sinn als Heterotopie verstanden werden. Der Neologismus Heterotopie wurde vom Philosophen Michel Foucault (1926-1984) geprägt – er meint damit „wirkliche Orte, die in die Einrichtung der Gesellschaft hineingezeichnet sind, sozusagen Gegenplatzierungen, tatsächlich realisierte Utopien, gewissermaßen Orte außerhalb aller Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können“. Ein gelungenes Beispiel für eine solche Heterotopie ist die  Messe STROKE ART FAIR  (30.04.-04.05.2014) in München, die junge, spannende und vor allem bezahlbare Kunst präsentiert. Die STROKE nutzt dafür öffentlichen Raum – genauer: Die Praterinsel in München. Dabei verschmelzen öffentlicher Raum und Kunst zu einem Gesamt(kunst)werk, zu urbanem Lifestyle. Überlebensgroße Figuren lehnen an Bäumen, während Wände von Sprayern live vor Ort bemalt werden. Heuer gibt es sogar ein Tattoo-Studio auf der Praterinsel – für alle, die Kunst im wahrsten Sinne des Wortes hautnah erleben wollen.

Öffentlicher Raum wird genutzt, um etwas zu präsentieren, wobei das Zu-Präsentierende selbst auf den Raum angewiesen ist, der es nämlich erst zu dem macht, was es ist. Das heißt: Öffentlicher Raum und Kunst bedingen sich wechselseitig und ergeben erst in Kombination das endgültige Ergebnis. Und damit wird die STROKE Art Fair auch „eine Art junge Protestaktion gegen den klassischen Kunstmarkt, der mit seinen Höchstpreisen eine Welt schafft, die nur einer handvoll Menschen zugänglich ist.“ (Kultur-Port)
Raiko Schwalbe, der gemeinsam mit seinem Bruder Marco Schwalbe die STROKE Art Fair ins Leben gerufen hat, bestätigt das auf der Webseite der Schwestern-Messe ARTMUC (29.05.-01.06.2014), die ebenfalls in München stattfindet: „Im Gegensatz zu vielen anderen Messen geht uns nicht um eine möglichst schnelle Gewinnmaximierung. Die Teilnehmergebühren für die ARTMUC sind daher keine absurden Beträge. Andere Veranstaltungen auf ähnlichem Niveau kassieren gern mal das Zehnfache.“

Was in dem Fall aus der Verbindung von öffentlichem Raum und Kunst resultiert, ist eine Plattform, die sich durch Erlebnis, Gestaltung und Statement auszeichnet. Pop-Art trifft auf Live-Acts, Graffitis auf schreiend bunte Bilder. Kultur-Port prophezeit: „Es ist zu erwarten, dass das Einheitsschwarz der sonst üblichen Kustmessengänger auch bunter Neonkleidung und auffälligen Turnschuhen weichen muss.“ – und vielleicht ist das das größte Verdienst der STROKE: Sie weicht gängige Assoziationen zur Kunst auf und schreibt sich Understatement auf die Fahnen. Überteuerte Farbkleckse auf weißer Leinwand sucht man hier vergeblich – und das ist auch gut so.

- Christina Geyer

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