Aktuell HOHE LUFT Interview

Sonderheft HOHE LUFT kompakt

In über 20 Ausgaben HOHE LUFT sind zahlreiche Interviews mit den brillantesten Köpfen entstanden. Zeit, eine Sammlung der spannendsten Gespräche aus den letzten Jahren im […]

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Hohe Luft Leserreise: Philosophie zum Anfassen

19. PHiLOSOPHICUM LECH VOM 16. – 20. SEPTEMBER 2015 – NEUE MENSCHEN! BILDEN, OPTIMIEREN, PERFEKTIONIEREN

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HOHE LUFTpost – Wir Einwanderer

HOHE LUFTpost vom 15.05.15: Wir Einwanderer

Menschen überqueren auf abenteuerlichen Gefährten das Mittelmeer von Afrika nach Europa. Dort werden sie von der angestammten Bevölkerung nicht mit offenen Armen empfangen. Man feindet sich an, aber man freundet sich auch an. Das Zusammentreffen löst einen gewaltigen Entwicklungssprung aus.
Wann das war? Vermutlich so kam vor rund 50000 Jahren der Homo sapiens nach Europa, wo er auf den Neandertaler traf – und so kamen vor rund 500000 Jahren auch die Vorfahren des Neandertalers nach Europa. Was genau damals geschah, ist im Dunkel der Prähistorie verschwunden, aber über das Ergebnis können wir glücklich sein: Wir selbst sind das Ergebnis.
Heute kommen wieder Menschen auf abenteuerlichen Gefährten über das Mittelmeer. Wieder mit glücklichem Ergebnis? Es hängt von uns ab.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Jetzt streikt’s aber

HOHE LUFTpost vom 08.05.15: Jetzt streikt’s aber

Hat Sie der Streik der Lokführer auch betroffen? Meinen Wochenplan hat er durchkreuzt, und mich ziemlich genervt zurückgelassen, aber immerhin mit etwas Zeit zum Nachdenken. Lokführer und Piloten: Warum streiken immer wieder dieselben Berufsgruppen? Warum nicht mal – die Philosophen? »Die Wahrheitssuche steht still, bis unsere Forderungen erfüllt sind!« – »35 Stunden Grübeln pro Woche reicht!« – so eine philosophische Streikkundgebung wäre doch mal eine hübsche Abwechslung. Wird nicht passieren, klar. Der Rest der Welt kommt besser ohne Philosophen als ohne Lokführer aus, zumindest für ein paar Tage. Ich glaube aber, das ist nicht der eigentliche Grund. Philosophen können nicht so einfach streiken, weil die Philosophie nicht einfach ihr Job ist. Philosophie ist eine Haltung, die man nicht nach erfüllter Wochenarbeitszeit ablegt. Ein Lokführer, der keine Lok führt, ist immer noch er selbst. Ein Philosoph, der das Philosophieren lässt, ist nicht mehr ganz er selbst. Es gehört zu seinem Wesen. Darin sind Philosophen nicht einzigartig, gleiches gilt auch beispielsweise für Schriftsteller und Musiker – zwei weitere Berufe, die nicht für Streiks bekannt sind. Wir würden ihre Arbeit vermissen. Aber sie selbst würden ihre Arbeit noch mehr vermissen.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Die Vergebung des Unentschuldbaren

HOHE LUFTpost vom 01.05.2015: Die Vergebung des Unentschuldbaren

Während des Auschwitz-Prozesses in Lüneburg ereignete sich letzte Woche etwas Außergewöhnliches. Der angeklagte frühere SS-Mann Oskar Gröning bekannte sich »moralisch mitschuldig« und sagte: »Ich bitte um Vergebung.« Er bekam sie. Eva Kor, die das Konzentrationslager überlebt hat, reichte Gröning die Hand und sagte: »Ich habe den Nazis vergeben.« Kors Geste stieß auf Kritik. So äußerte Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Kommitee die Befürchtung, die Geste könne als »moralischer Freispruch und Abschlusserklärung« missverstanden werden.
Ich bin anderer Ansicht. Es ist eine große, richtige Geste. Vergebung ist weder Freispruch noch Entschuldigung. Sie lässt die Schuld und die Verantwortung stehen und bietet dem Schuldigen dennoch an, in eine menschliche Beziehung zueinander zu treten. »Meine Vergebung spricht die Täter nicht frei«, sagte Kor und wandte sich an Gröning: »Ich hoffe, dass Sie und ich uns als ehemalige Gegner als Menschen begegnen können.« In der HOHE LUFTpost vom 13. Februar hatte ich geschrieben, dass ich die Fähigkeit, zu vergeben, an meinen Mitmenschen besonders hoch schätze. Und so hat Kor, die in Auschwitz ihre Familie verlor und grausame medizinische Experimente durchlitt, meinen ganzen Respekt.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Von Weibchen, Männchen und anderen

HOHE LUFTpost vom 24.04.15: Von Weibchen, Männchen und anderen

Viele Menschen betrachten sich entweder als Frau oder als Mann. Aber nicht alle. Manche Menschen fügen sich nicht in eine dieser zwei Geschlechter, sie sehen sich irgendwo dazwischen. Diese Menschen haben es nicht einfach, damit anerkannt zu werden. Manchmal werden sie diskriminiert. Zu fest verwurzelt sind die Geschlechterkategorien in unserem Denken. Und in unserer Sprache.

Sonst aber spricht wenig für die simple Männlich-vs.-weiblich-Weltsicht. Viele Begriffe wechseln ihr Geschlecht von Sprache zu Sprache: »der Mond«, »la luna«, »die Sonne« und »il soleil« sind berühmte Beispiele. Auch bei Menschen ist die Sache komplizierter, als ein flüchtiger Blick zwischen ihre Beine suggeriert. So erfuhr kürzlich eine schwangere Australierin zufällig bei einer Untersuchung, dass ihr Körper genetisch gesehen überwiegend männlich ist: Die Zellen haben ein X- und ein Y-Chromosom statt zwei X-Chromosomen.
Das Problem liegt also nicht bei denen, die sich irgendwo zwischen Mann und Frau sehen, sondern bei jenen, die kein Dazwischen kennen wollen. Die Geschlechter sind nicht so einfach – und die Polarität zwischen ihnen verliert nichts von ihrer Spannung dadurch, dass Menschen von beiden Polen etwas haben, in unterschiedlichen Gewichtungen. So wie auch der Mond eine männliche und eine weibliche Seite hat.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Mutterglück mit 65

HOHE LUFTpost vom 17.04.15: Mutterglück mit 65

Die 65-jährige Berlinerin Annegret R. wird Mutter, gleich vierfach, und Deutschland empört sich darüber. Sogar Reproduktionsmediziner schimpfen über das »Experiment am Leben« und nennen es eine »absolute Katastrophe«. Warum eigentlich? Diese Schwangerschaft sei »wider die Natur«, hört man immer wieder.
Stimmt ja auch, die Einpflanzung von fremden, in-vitro-fertilisierten Eizellen ist alles andere als natürlich. Aber sie gehört nun mal zu den Möglichkeiten der Medizin. Unnatürlichkeit ist im Allgemeinen ein schlechtes Argument mit geringer ethischer Kraft. Unser heutiges Leben ist in vieler Hinsicht unnatürlich, und oft ist das gut so.

R.’s Mutterglück zeigt, wie tief die Medizin inzwischen in das innerste Sanctum unserer Art, unsere Fortpflanzung, eingreifen kann. Das gibt uns neue Möglichkeiten, die neue Verantwortlichkeiten mit sich bringen. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, wie Kinder, deren Mütter vom Alter her auch ihre Großmütter sein könnten, gut aufwachsen können – eine Frage übrigens, die auch immer mehr Mütter betrifft, die auf »natürlichem« Weg schwanger werden. Ich finde es interessanter und fruchbarer, sich diesen Fragen zu stellen, als sich zu empören.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Die Dialektik des Fremdenhasses

HOHE LUFTpost vom 10.04.15: Die Dialektik des Fremdenhasses

Wieder brennen Flüchtlingsunterkünfte in Deutschland. Nicht nur in Tröglitz. Die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen – im Osten wie im Westen. Laut einer neuen Studie der Universität Leipzig sind fremdenfeindliche Ansichten besonders in Sachsen-Anhalt verbreitet – und in Bayern, das sich selbst gern seiner Liberalität brüstet.
Hat sich denn gar nichts getan seit der so unselig einseitigen Asyldebatte der 1990er Jahre? Doch, hat es. Neben den alten Vorurteilen wächst eine neue Kultur der Fremdenfreundlichkeit.
Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl ist stark geworden, in vielen Städten sind lokale Initiativen entstanden, die Neuankömmlingen helfen. Oft war es gerade der schäbige Umgang mit Flüchtlingen, der sie wachsen ließ.
Nun liegt es an der Politik: Welche Seite fördert sie, die Feindlichkeit oder die Freundlichkeit? Noch ist kein klarer Trend erkennbar. Noch ist nicht erkennbar, wohin die Dialektik des Fremdenhasses führt.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Das Rätsel Auferstehung

HOHE LUFTpost vom 03.04.15: Das Rätsel Auferstehung

Das höchste christliche Fest steht bevor, und das rätselhafteste. Wer wirklich Christ ist, glaubt an Jesu Auferstehung, hört man immer wieder. Aber was genau man da glauben soll, bleibt oft unklar. Ein deutscher Bischof gestand mir kürzlich, dass auch er sich manchmal mit dem Glauben an die Auferstehung schwertue.

»Gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich der Toten, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel«, so sagt es das apostolische Glaubensbekenntnis über Gottes »eingeborenen Sohn«. Viele Christen deuten es so, dass Jesus als Geisteswesen wiederauferstanden ist. Sein sterblicher Körper mag am Kreuz zugrunde gerichtet worden sein, aber seine Seele überwand den Tod.
In der Bibel steht es allerdings anders. Die frühen Zeugen legten großen Wert darauf, dass Jesus leiblich auferstanden ist. »Das Grab war leer«, heißt es. Der Körper, der den Jüngern nach dem dritten Tag wiederbegegnete, war derselbe, der am Kreuz hing. Sie berührten seine Wunden, um sich davon zu überzeugen.
Eine wirklich schwer zu glaubende Geschichte. Geht das überhaupt? Im Prinzip ja, sagt der amerikanische Philosoph Peter van Inwagen. Aber nur, wenn Gott dabei getrickst hat. Es würde nicht einmal genügen, wenn Gott den zermarterten und zerfallenen Körper Jesu Atom für Atom wieder zusammengesetzt hat, denn dann wäre Jesus nicht mehr derselbe. Er wäre dann nämlich nicht der natürlich Herangewachsene von früher, sondern eben ein von Gott Zusammengesetzter. Daher, so van Inwagen, müsse Gott kurz vor Jesu Tod dessen Körper (oder zumindest die wesentlichen Organe) durch ein Double ersetzt haben. Das Original bewahrte er auf und ließ es am dritten Tage auferstehen. Auf diese Weise könne die leibliche Kontinuität gewahrt geblieben sein, spekuliert van Inwagen.

Wenn Peter van Inwagen recht hat, dann ist die Auferstehung also metaphysisch möglich. Aber die Herausforderung, an sie zu glauben, wird dadurch nicht geringer.

Frohe Ostern!

Ihr Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Der Absturz, der Tod und die Trauer

HOHE LUFTpost vom 27.03.15: Der Absturz, der Tod und die Trauer

Deutschland ist erschüttert vom Absturz der Germanwings-Maschine in den französischen Alpen. »Wir trauern um euch«, titelte gestern eine Münchner Zeitung. Wie kann man um Menschen trauern, die man gar nicht kannte? Tritt man damit nicht den Angehörigen zu nahe, die nun wirklich trauern?
Ich glaube aber, dass es gerechtfertigt ist. Der schreckliche Absturz zeigt uns, dass der Tod uns näher ist, als wir es oft wahrhaben wollen. Man kann unsere Zivilisation mit all ihren technischen und medizinischen Errungenschaften als ein gewaltiges Programm verstehen, um den Tod zu bannen. Doch das kann niemals vollständig gelingen. Der Tod lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Die Risiken lassen sich nie ganz eliminieren. Jeder von uns hätte in dieser Maschine sitzen oder einen geliebten Menschen darin verlieren können. Das ist ein Grund, mitzutrauern.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Die Philosophie des Pieks

HOHE LUFTpost vom 20.03.15: Die Philosophie des Pieks

Die Masern gehen um in Deutschland, dieses Jahr sind es schon über tausend Fälle. Eigentlich wollten die Gesundheitsbehörden diese besonders ansteckende Krankheit bereits ausgerottet haben, doch stattdessen folgt eine Infektionswelle auf die andere. Dahinter steckt ein Glaubensstreit: Impfbefürworter gegen Impfgegner.

Experten sagen entschieden, dass die guten Wirkungen der Masernimpfung die schlechten überwiegen. Die Nebenwirkungen sind meist leicht und folgenlos. Todesfälle durch Masernimpfung gibt es so gut wie gar nicht. Hingegen sterben weltweit pro Tag 400 Kinder an Masern.
Doch es gibt eine Asymmetrie zwischen den Nebenwirkungen einer Impfung und den Folgen der Krankheit – eine Asymmetrie, die diese Zahlen offenbar in manchen Köpfen verblassen lässt. Man versetze sich in Eltern, die ihr Kind zum Impfen gebracht haben. Nun leidet es unter seltenen Nebenwirkungen. Dann fühlen sich diese Eltern womöglich eher schuldig als andere Eltern, deren ungeimpftes Kind unter den Masern leidet. Die einen Eltern sind aktiv geworden, die anderen haben »nur« etwas unterlassen: Wir waren das nicht, es waren die Masern.
Meine Vermutung ist: Diese Asymmetrie trägt dazu bei, dass die Schauergeschichten über das Impfen von manchen Menschen ernster genommen werden als die Zahlen. Aber die Asymmetrie täuscht. Durch Unterlassung kann man sich ebenso schuldig machen wie durch Handeln.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Frühling und Fortschritt

HOHE LUFTpost vom 13.03.15: Frühling und Fortschritt

Endlich ist er da, der Frühling. Immer gleich, immer ersehnt, und jedes Mal ein Erlebnis. Damit passt der Frühling nicht recht in unser gängiges Geschichtsverständnis, nach dem es stets vorangehen muss. Die Wirtschaft muss wachsen, die Zahlen müssen besser werden, und die Smartphones noch flacher. Wir sind Fortschrittsjünger.

Zu anderen Zeiten dachten die Menschen nicht so. Im alten Ägypten blieb 3000 Jahre lang alles mehr oder weniger gleich. Eine Pharaonendynastie folgte auf die nächste, und alle Jahre wieder kam das Nilhochwasser. Fortschritt? Wohin? Wozu?
Auch in der Neuzeit, als der Fortschritt seinen Lauf nahm, dachten die Historiker zunächst eher zyklisch als linear. Der italienische Philosoph Giambattista Vico (1668–1744) sah die Menschheitsgeschichte als ewigen Kreislauf. Ähnliche Vorstellungen finden sich im Denken Friedrich Nietzsches (1844–1900) und in fernöstlichen Religionen.

Das Fortschrittsdenken ist also weniger selbstverständlich, als wir es manchmal nehmen. Und der Frühling zeigt, wie schön und lebendig das Immergleiche sein kann.

– Tobias Hürter

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