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Im Luxus des Denkens

Philosophie ist Luxus. Der Überzeugung ist zumindest Siegfried Reusch, Chefredakteur und Mit-Herausgeber des Philosophie-Journals „Der Blaue Reiter“, das dieses Jahr 20-jähriges Jubiläum feiert. Auf dem […]

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HOHE LUFTpost – Fliegen und ihre Gefühle

HOHE LUFTpost vom 22.05.15: Fliegen und ihre Gefühle Was geht in einer Fliege vor, auf die gerade ein Mensch einen Mordanschlag verübt hat? Auf den […]

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HOHE LUFTpost – Frühling und Fortschritt

HOHE LUFTpost vom 13.03.15: Frühling und Fortschritt

Endlich ist er da, der Frühling. Immer gleich, immer ersehnt, und jedes Mal ein Erlebnis. Damit passt der Frühling nicht recht in unser gängiges Geschichtsverständnis, nach dem es stets vorangehen muss. Die Wirtschaft muss wachsen, die Zahlen müssen besser werden, und die Smartphones noch flacher. Wir sind Fortschrittsjünger.

Zu anderen Zeiten dachten die Menschen nicht so. Im alten Ägypten blieb 3000 Jahre lang alles mehr oder weniger gleich. Eine Pharaonendynastie folgte auf die nächste, und alle Jahre wieder kam das Nilhochwasser. Fortschritt? Wohin? Wozu?
Auch in der Neuzeit, als der Fortschritt seinen Lauf nahm, dachten die Historiker zunächst eher zyklisch als linear. Der italienische Philosoph Giambattista Vico (1668–1744) sah die Menschheitsgeschichte als ewigen Kreislauf. Ähnliche Vorstellungen finden sich im Denken Friedrich Nietzsches (1844–1900) und in fernöstlichen Religionen.

Das Fortschrittsdenken ist also weniger selbstverständlich, als wir es manchmal nehmen. Und der Frühling zeigt, wie schön und lebendig das Immergleiche sein kann.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Philosophen als Brillenputzer

HOHE LUFTpost vom 06.03.15: Philosophen als Brillenputzer

Da Sie diese Zeilen lesen, vermute ich, dass Sie sich für Philosophie interessieren. Warum eigentlich? Was bringt uns all das Grübeln? Seit mehr als zweitausend Jahren ringen die Philosophen mit den ewig gleichen Grundsatzfragen, könnte man einwenden, scheinbar ohne handfesten Antworten nähergekommen zu sein – während die Naturwissenschaftler bis ins Innerste der Atome und an den Anfang des Kosmos vorgedrungen sind.

Die Philosophie tritt also auf der Stelle, während die Wissenschaft weiter und weiter enteilt? Ich glaube nicht. In der Philosophie gab und gibt es gewaltige Fortschritte – nur treten sie anders in Erscheinung als die Fortschritte der Wissenschaft. Die Wissenschaft sagt uns, wie die Welt ist. Wenn sie etwas Neues findet, dann sehen wir etwas Neues – der Fortschritt ist offensichtlich. Die Philosophen erklären uns, wie wir die Welt sehen. Sie decken unsere Fehlschlüsse und ungeprüften Annahmen auf, und die Bedingungen der Möglichkeit von Moral und Erkenntnis. Sie putzen sozusagen die Brille, durch die wir sehen. Eine gut geputzte Brille nimmt man nicht wahr, man nimmt durch sie wahr. Man kann es also als Auszeichnung verstehen, dass der Fortschritt der Philosophie nicht so offensichtlich ist.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Griechenland und das Vertrauen

HOHE LUFTpost vom 27.02.15: Griechenland und das Vertrauen

Ein naiver Zeitungsleser könnte über das Gezerre um Griechenland und die EU-Hilfsprogramme den Kopf schütteln: Was ist eigentlich das Problem, da doch scheinbar alle das Gleiche wollen, nämlich den griechischen Staatshaushalt ordnen und Griechenland in der Währungsunion halten? Einen »Grexit« wünschen sich weder die griechische Regierung noch die EU-Partner. Warum also ziehen sie nicht an einem Strang – zumindest nicht in dieselbe Richtung?
Weil das Vertrauen fehlt. Keine Seite traut der anderen. Die Griechenland-Krise zeigt im Negativen, wie wertvoll Vertrauen ist, auch dort, wo es nur um nackte Ökonomie zu gehen scheint. Vertrauen reduziert Komplexität, sagte der Soziologe Niklas Luhmann (1927–1998). Gerade in einem Riesengebilde wie der Europäischen Union ist die Zukunft »übermäßig komplex« (Luhmann): Kein Mensch kann alle Möglichkeiten antizipieren. Die griechische Regierung und die EU-Partner versuchen es trotzdem, schreiben lange Listen mit Bedingungen und Reformversprechen – und werden dann alle paar Monate wieder von der Wirklichkeit überholt. Die Misere kann jedem eine Lehre sein, es selbst besser zu machen: seine persönlichen und geschäftlichen Beziehungen so zu gestalten, dass Vertrauen entsteht. Es macht das Leben entscheidend einfacher.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Alter, Vorurteile und Sprache

HOHE LUFTpost vom 20.02.15: Alter, Vorurteile und Sprache

Geschlechterklischees sind von gestern. Rassenklischees sind von vorgestern. Aber eine andere Sorte von Vorurteilen bleibt lebendig wie eh und je: die Stereotypen des Alters. Jeder Mensch wird alt, aber kaum einer möchte “alt” genannt werden. Die Sprache, mit der wir über Menschen über 50 reden, weckt fast nur negative Konnotationen. Alt ist gleich senil, tattrig, von gestern. Jung ist saftig, sexy, cool.
Stereotypen sind meistens dumm, aber die Diskriminierung des Alters ist besonders bescheuert, weil sie wirklich jeden mal betrifft, so unweigerlich, wie die Telomere an den Enden unserer Chromosomen zerbröseln. Laut Umfragen fühlen sich die allermeisten Menschen über 50 nicht “alt” im negativen Sinn. Dank der guten Lebensbedingungen unserer Zeit sind sie fit und leistungsfähig. In unserer Arbeitswelt gibt es genügend Aufgaben für sie – oder gäbe, wenn sie denn gemäß ihren Fähigkeiten behandelt würden. Nicht die Alten sollten ausrangiert werden, sondern die Altersdiskriminierung.
Die interessante Frage ist, wie das gehen soll mit dem Ausrangieren von Stereotypen. Ich glaube, hier kann die Philosophie helfen. Die Welt ist das, worüber wir reden, und sie ist so, wie wie wir darüber reden. Wenn wir also den Status einer Gruppe von Menschen ändern wollen, müssen wir bei unserer Sprache beginnen: sie von eingebauten Stereotypen entrümpeln. Ich habe mir vorgenommen, von »älteren Menschen« statt von »Senioren« oder »Rentnern« zu sprechen.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Der Witz an der Vergebung

HOHE LUFTpost vom 13.02.15: Der Witz an der Vergebung

Welche Fähigkeit schätzen Sie am meisten an Ihren Mitmenschen? Eine Bekannte stellte mir diese Frage letzthin. Ich hörte mich selbst antworten: »Die Fähigkeit, zu vergeben«. Natürlich verlangte sie eine Begründung. Nun musste ich nachdenken.

Was bedeutet es überhaupt, jemandem etwas zu vergeben? Zunächst einmal etwas anderes, als etwas zu entschuldigen. Vergebung beginnt erst dort, wo es keine Entschuldigung mehr gibt. Wer jemandem etwas vergibt, der hält es ihm nicht mehr vor, obwohl die Schuld bleibt. Auf den ersten Blick ist die Entschuldigung das schlüssigere Konzept: Schwamm drüber, vergessen wir es! Doch dann nimmt man den Schuldigen nicht mehr für ganz voll, denn man entbindet ihn der Verantwortung für sein Tun. Vergebung ist die Kunst, die Schuld und die Verantwortung des anderen anzuerkennen – und dennoch die Beziehung zum anderen nicht von ihnen zerstören zu lassen. »Was du getan hast, war nicht OK. Aber ich empfinde keine Abneigung gegen dich.«
Das »Aber« ist wesentlich. Vergebung hat etwas Paradoxes. Sie erzeugt eine Spannung, die der Vergebende aushalten muss. Daher teile ich nicht die häufig geäußerte Vermutung, Vergebung diene der psychischen Hygiene des Vergebenden. Nein, sie hilft, enge Beziehungen zwischen fehlbaren Menschen zu erhalten.
Vergebung bedeutet also, den anderen in einem besseren Licht zu sehen als jenem, in dem seine Taten ihn erscheinen lassen. Wie die anderen großen Emotionen – Liebe und Vertrauen – kann sie grandios gelingen oder kläglich schiefgehen. Und wie bei ihnen ist keineswegs jeder Mensch zu ihr fähig. Auch nachdem ich darüber nachgedacht habe, würde ich meine Antwort von damals wieder geben.

Was ist Ihre Antwort? Welche Fähigkeit schätzen Sie am meisten an Ihren Mitmenschen?

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Menschen und andere Tiere

HOHE LUFTpost vom 06.02.15: Menschen und andere Tiere

Wir Menschen haben die Neigung, Tiere zu vermenschlichen – außer bei ihren Rechten. Wir sperren sie ein, wir essen sie, wir experimentieren mit ihnen. Wer so mit anderen Menschen umginge, würde als Unmensch verurteilt.

Stehen nichtmenschlichen Tieren Menschenrechte zu? Mit dieser Frage befasste sich im Dezember ein amerikanisches Gericht. Tierrechtler hatten im Namen von vier Schimpansen geklagt, die ihrer Ansicht nach zu Unrecht in Zoos festgehalten werden. Schimpansen seien ähnlich schlau und empfindsam wie Menschen, daher müssten sie gleiche Rechte haben. Das Gericht lehnte die Klage ab. Zu jedem Recht gehörten auch Pflichten, argumentierte es, etwa Unterwerfung unter das Rechtssystem und soziale Verantwortung. Da die Schimpansen diese Pflichten nicht wahrnehmen könnten, seien sie keine Personen.
Ich habe den Verdacht, da ist etwas schiefgegangen, auch auf Seiten der Tierrechtler. Die Rechte von Tieren können sich nicht darauf gründen, dass sie den Menschen ähnlich sind. Es ist nun mal nicht zu leugnen, dass es wesentliche Unterschiede zwischen Menschen und anderen Tieren gibt. Die größten Unterschiede liegen in der Vernunftbegabung und im Urteilsvermögen der Menschen. Doch aus diesen Unterschieden folgt nicht, dass Menschen moralisch über den anderen Tieren stehen. Im Sinne des von Immanuel Kant formulierten kategorischen Imperativs sollten alle Tiere, nicht nur Menschen, als »Zweck an sich selbst« behandelt werden, nicht als Mittel zu irgendeinem anderen Zweck.
Das bedeutet eben keine Gleichmacherei zwischen Menschen und anderen Tieren. Es bedeutet, Tiere so zu behandeln, wie es ihnen gemäß ist. So sah es offenbar auch ein argentinisches Gericht, das kurz nach dem amerikanischen Urteil dem in Deutschland geborenen Orang-Utan-Weibchen Sandra den Status einer »nichtmenschlichen Person« zusprach. Nun darf Sandra nach 20 Jahren im Zoo ihren Lebensabend in einem Schutzgebiet verbringen.
Das ist die richtige Richtung. Nach Kant liegt es in der freien Entscheidung von uns Menschen, jemanden oder etwas als Zweck an sich selbst zu behandeln. Es seien gerade diese Entscheidungen, die gute Menschen auszeichnen. Unser Umgang mit Tieren betrifft also unseren eigenen moralischen Status ebenso wie den der Tiere.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Engel mit Killerinstinkt

HOHE LUFTpost vom 30.01.15: Engel mit Killerinstinkt

Es ging wüst zu im alten Dänemark. Ein internationales Forscherteam hat Skelette aus alten Friedhöfen untersucht und dabei Spuren eines überaus rauen zwischenmenschlichen Umgangs entdeckt. An jedem elften Schädel fanden sie eine verheilte Fraktur, vor allem an Männerschädeln. Offenbar wurden Streitigkeiten damals deutlich häufiger als heute mit kräftigen Schlägen auf den Kopf geklärt.

Warum werden Menschen gewalttätig? Liegt es in ihrer Natur, oder an den Umständen? Diese Frage ist so alt wie die exhumierten Skelette. Thomas Hobbes (1588–1679) war überzeugt, dass der Naturzustand des Menschen in einem brutalen »Krieg aller gegen alle« bestehe. Dagegen glaubte Jean-Jacques Rousseau (1712–1778), dass Menschen von Natur aus die Harmonie suchen und am liebsten Hand in Hand über Blumenwiesen tanzen.
Die heutige Verhaltensforschung neigt eher zu Hobbes. Schimpansen, die nächsten lebenden Verwandten des Homo sapiens, sind kriegerisch. Wenn Mitglieder verschiedener Clans aufeinandertreffen, gibt es üblicherweise Tote. Die Autoren eines kürzlich erschienenen und vielbeachteten Papers im Wissenschaftsjournal Nature zum tödlichen Aggressionsverhalten von Schimpansen führen das menschliche Kriegsunwesen auf unsere Verwandtschaft mit ihnen zurück. Tatsächlich leben wir, global betrachtet, in unfriedlichen Zeiten. Angesichts der vielen gewaltsamen Konflikte weltweit erwog das Nobel-Kommittee in Oslo sogar, den Friedenspreis 2014 erstmals seit 42 Jahren nicht zu vergeben.
So könnte man zu dem Schluss kommen, dass wir alle Killer sind, deren bösartiges Wesen nur durch ein dünnes Zivilisationsmäntelchen verdeckt wird. Aber ich glaube, das wäre zu schnell geschlossen. Auch Rousseau hat einen Teil der Wahrheit getroffen. Menschen lieben den Frieden nicht weniger als den Krieg. Ihr Konfliktverhalten wird nicht entweder von den Genen oder von den Lebensumständen bestimmt, sondern von einem Zusammenspiel beider Faktoren – und ebenso bei Schimpansen. Manche Kritiker des Nature-Papers vermuten, dass das ruppige Verhalten der Schimpansen auf menschliche Störeinflüsse zurückgeht, etwa auf Füttern und Waldrodung.
Die Gene haben wir nicht in der Hand. Sehr wohl aber die Umstände, unter denen diese Gene ihre Wirkung entfalten. Ob der Engel in uns herauskommt, oder der Killer, hängt davon ab, wie wir unsere Welt gestalten.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Gotteslästerung heute und damals

HOHE LUFTpost vom 23.01.15: Gotteslästerung heute und damals

Es ist leicht, sich fortschrittlich zu fühlen angesichts der Proteste von Millionen Menschen weltweit – und nicht nur Muslimen – gegen die neuerlichen Mohammed-Zeichnungen in Charlie Hebdo. Haben die noch immer nicht verstanden, dass die Zeiten unangreifbarer Religionen vorbei sind?

Dabei sollte man allerdings nicht vergessen, dass diese Zeiten auch bei uns noch nicht so lang her sind. In den 1960er Jahren brachte die in München gegründete Künstlergruppe SPUR eine Zeitschrift heraus, deren Zeichnungen und Texte weitaus harmloser waren als Charlie Hebdo. Die Ausgabe Nr. 6 geriet in die Hände von Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI. Er nahm Anstoß an Sätzen wie »Christi agfacoloreskes Blut beschmutzt meinen Anzug« und erstatte Anzeige. Die Gerichte folgten ihm in mehreren Instanzen und verurteilten die Künstler wegen »Gotteslästerung und Pornographie« zu Gefängnisstrafen. In solchen Sätzen trete »die Verhöhnung Christi klar zu Tage«. Noch 1975 lehnte das Bundesverfassungsgericht eine Verfassungsbeschwerde der SPUR ab – obwohl das Grundgesetz die Freiheit der Kunst als ein besonders hohes Gut schützt.
Heute hängen Werke der SPUR-Künstler in der Londoner Tate Gallery und im New Yorker Museum of Modern Art. Aber nicht im Münchner Haus der Kunst. Dort haben sie bis heute Ausstellungsverbot. Auch die offiziell verordnete Schwärzung der SPUR 6 wurde bisher nicht aufgehoben.
Die Ära der Toleranz, in der wir heute leben, ist jung, sie begann eigentlich erst in den 1990er Jahren, als es nicht mehr nur um Religion ging, sondern auch um Ethnien, Kulturen, Lebensformen und sexuelle Orientierungen. Und offenbar gibt es Leute, die würden sie gern schon wieder beenden. Nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo kamen Forderungen aus dem Bundestag, den Blasphemie-Paragraphen wieder zu verschärfen. Ich hoffe, dass wir großzügig bleiben, und die Künstler aufmüpfig.

– Tobias Hürter 

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HOHE LUFTpost – Warum ich nicht Charlie bin

HOHE LUFTpost vom 16.01.15: Warum ich nicht Charlie bin

»Je suis Charlie« ist der Slogan dieser Tage, er steht für die weltweite Solidarität mit dem Satiremagazin Charlie Hebdo, dessen Redaktion vergangene Woche das Ziel des brutalsten Terroranschlags der letzten Jahre in Europa war. Er soll bedeuten: »Wer die Meinungsfreiheit angreift, der greift auch mich an«. Der Anschlag zielt auf ein Grundprinzip unserer Gesellschaft: das Recht auf freie Rede. Doch es steht noch mehr auf dem Spiel: unsere Toleranz. Sie erlaubt Menschen mit verschiedensten Werten und Lebensweisen, friedlich miteinander auszukommen.
Das Magazin Charlie Hebdo ist ein Testfall für unsere Toleranz. Seine Karikaturen vermischen oft das Religiöse mit dem Sexuellen, sie zeigen Jesus und Gottvater beim Analsex und Frauen in Ganzkörperschleier mit einem dreieckigen Loch für die Vagina. Ich persönlich finde sie schrecklich geschmacklos. Nein, ich bin nicht Charlie. Aber gerade deshalb verteidige ich das Recht, solche Zeichnungen zu veröffentlichen. Toleranz bedeutet, dasjenige in Ruhe sein zu lassen, was man für sich ablehnt.
Wir sollten uns vom Anschlag von Paris anspornen lassen, diese Tugend zu pflegen – und das Gefühl für ihre Grenzen zu schärfen. Wer unsere Toleranz mit Kalaschnikows angreift, verdient keine Toleranz.

– Tobias Hürter

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HOHE LUFTpost – Das Fremde fremd sein lassen

HOHE LUFTpost vom 09.01.15: Das Fremde fremd sein lassen

Unsere Zeit ist nicht nur von schönen Tönen geprägt. Von »Islamismus« ist viel die Rede, und von »Fremdenhass«. Warum wirkt das Fremde auf viele Menschen so feindlich, so bedrohlich? Mit diesen Fragen beschäftigt sich seit langem der in München lebende Philosoph Bernhard Waldenfels. Seine Antwort ist einfach, aber überzeugend: Das Fremde ist uns nicht geheuer, weil es sich nicht in unsere Ordnungen fügt – sonst wäre es ja nicht fremd. Da wir aber die Neigung haben, alles zu ordnen und zu kategorisieren, widerstrebt uns alles Fremde.
Was wäre eine bessere Haltung gegenüber dem Fremden? Nach Waldenfels ist es nicht der richtige Weg, das Fremde verstehen zu wollen. Denn auch Verstehen hat unweigerlich etwas von Einordnen und Kategorisieren. Es würde dem Fremden die Fremdheit nehmen – und damit einen Teil seines Wesens. Waldenfels hält es für besser, das Fremde erst einmal auf sich wirken zu lassen. Zu fragen: Was löst es in mir aus? Und sich jedes Urteils, ob positiv oder negativ, zu enthalten. Wäre diese Haltung verbreiteter, dann würde der Streit über den Umgang mit Flüchtlingen sicherlich besonnener ausfallen. Ein guter Vorsatz für das neue Jahr wäre also, sich in dieser Haltung gegenüber dem Fremden zu üben.

– Tobias Hürter

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