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Alice und Bob #6: Die Warteschlange

Fast wäre Bob zu seiner letzten Verabredung mit Alice zu spät gekommen, denn er hatte wirklich lange an der Supermarktkasse anstehen müssen. Dennoch, so berichtete er Alice gleich nach der Begrüßung, hatte er eigentlich eine müde alte Dame noch vorlassen wollen, die er ganz am Ende der Warteschlange erspäht hatte als er gerade dabei war, seine eigenen Einkäufe aufs Band zu legen. Freundlich hatte er ihr zugerufen, sie solle doch nach vorn kommen und sich vor ihm selbst einreihen, dann wäre sie direkt als nächste Kundin an der Kasse gewesen.

Alice lächelte wissend, denn sie ahnte schon, was dann passiert war: „Das haben sich die anderen Kunden natürlich nicht gefallen lassen, stimmt’s?“

„So ist es,“ antwortete Bob aufgeregt, „manche Leute haben sich so empört, dass die arme Frau ganz eingeschüchtert in der Reihe stehen geblieben ist. Sie hat sich fast entschuldigt für meinen Vorschlag!“

„Du weißt natürlich nicht, wie es den Leuten ging, die selbst in der Schlange standen. Vielleicht war jemand krank, hatte Fieber und musste aber dringend was einkaufen? Vielleicht war eine alleinstehende Mutter dabei, deren Kinder zu Hause warteten? Vielleicht kam jemand von einer anstrengenden Schicht und brauchte noch etwas zum Abendbrot…“

Bob war unzufrieden: „Gut gut gut, mag alles sein. Aber wenn man so denkt, kann man nie einem Menschen gegenüber was Gutes tun! Es kann ja immer sein, dass man irgendwem anderes damit ein Leid zufügt, ohne es zu wissen.“

Alice überlegte: „Na, es gibt schon Situationen, in denen klar ist, dass du jemandem helfen kannst, ohne dass jemand anders betroffen ist. Wenn die Frau direkt hinter dir in der Schlange gewesen wäre, hättest du sie natürlich vorlassen können, das hätte niemanden gestört.“

„Aber selbst dann könnte man sagen, dass ich die Zeit, die ich selbst dabei verloren hätte, eher für jemanden anders hätte einsetzen sollen…“ antwortete Bob „auf jeden Fall aber bleiben nur wenige und sehr unbedeutende Momente übrig, in denen ich etwas Gutes tun könnte, wenn ich ständig über die Konsequenzen für andere nachdenke, bevor ich überhaupt etwas tue. Das kann nicht richtig sein.“

„Da hast du recht“ musste Alice zugeben. „Außerdem klingt das auch nach einer Ausrede, man überlegt so lange, ob es richtig wäre, zu handeln, bis die Situation vorbei ist. Irgendwie habe ich ja auch das Gefühl, dass es richtig war, dass du die alte Frau nach vorn durchlassen wolltest.“

Bobs Gesicht hellte sich auf: „Vielleicht liegt unser Denkfehler ganz woanders. Natürlich war es richtig, die Frau nach vorn zu bitten. Meine moralische Intuition hat es mir gesagt, und alle rationalen Erwägungen verwässern das nur. Aber es war falsch, über die anderen zu richten, die sich aufgeregt haben. Denn vielleicht waren sie auch im Recht, ich kannte ja ihre Gründe nicht.“

„Das hieße,“ antwortete Alice, „dass man eigentlich immer im Dilemma ist, wenn man moralisch handeln will. Man kann nicht alles richtig machen, und man hat nicht genug Zeit, alle Informationen zu beschaffen und alles zu erwägen. Man muss eben seiner Intuition, seinem Gewissen folgen. Aber man sollte auch nachsichtig mit denen sein, die meinen, dass diese Handlung falsch war.“

Jörg Phil Friedrich lebt und arbeitet in Münster (Westf.). Zuletzt erschien sein Buch Der plausible Gott.

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