Alle Artikel in: Aktuell

Die Sache mit dem Anstand – eine kleine Umfrage

Der Hohe Luft Zufallsgenerator hat aus der Masse unserer Mitmenschen sieben ausgewählt, um Fragen rund ums Anständigsein zu beantworten. Lest hier ihre Antworten!   Was ist ein anständiger Mensch? -Einer, der anderen gegenüber gut und hilfsbereit ist und auf sie eingeht. (Max, 12) -Der ist hilfsbereit und hat die richtige Sprachwahl. (Arthur, 11) -Ich möchte solche Fragen nicht gern beantworten, weil, wenn ich sie spontan beantwortete, es nicht das wäre, was eigentlich meine Antwort auf die Frage ist. (Emilia, 15) -Einer, der versucht, andere Leute nicht zu verletzten und nicht immer auf seinen Vorteil bedacht zu handeln. (Anja, 46) -Einer, der höflich ist und Respekt hat. Das kann gerade sehr gut an einem Schüler zeigen. Anständig ist, wer anderen gegenüber höflich ist oder Respekt zeigt, obwohl er selbst eigentlich gar nicht so höflich oder respektvoll ist. (Laura, 13) -Jemand, der einem freundlich die Meinung sagen kann, der sich nicht verstecken muss und mit dem man Spaß haben kann. Und mit dem man über alles reden kann. (Gabriel, 11) -Ein Mensch, der sich – passiv gesehen …

Unser digitales Image

Wenn jemand bei Facebook „postet“, dann löst er etwas von sich ab, und unterstellt es der Begutachtung und Bewertung all jener, denen der Einblick gewährt ist. Diese Ablösung vollzieht sich ohne dasjenige, was nunmehr einsehbar durch den Stream läuft, ganz von sich abtrennen zu können. Man erfährt eine Verdoppelung: Einen dafür ausgesuchten Teil von sich hat man der Öffentlichkeit „zur Verfügung gestellt“, „der Rest“ der Person verbleibt „dahinter“. Deshalb weist, was einem als Aktion erscheint, eher den Charakter einer Re-Aktion auf. Denn wer agiert, um einer (digitalen) Öffentlichkeit etwas von sich zu präsentieren, antizipiert notwendig erhoffte Reaktionen. Nichtsdestoweniger gibt, wer dergestalt re-agiert, etwas von sich frei. Zugleich bleibt er (potentiell) jederzeit mit dem, was einem digitalen Stream übermittelt worden ist, in Verbindung. Insofern steht das Gepostete einerseits unkontrollierbar im Netz; da man andererseits darauf reagieren kann, bleibt es zugleich jederzeit kontrollierbar. Obschon wir außerstande sind, unsere Hand an ihm zu benetzen, ist das Bild des Flusses für den Stream überaus zutreffend. Dieser Fluss fließt durch die Mitte all jener, die ihn dadurch, dass sie Informationen …

Pro und Contra: positiv denken?

In einer kontingenten Welt entscheidet nicht der Mensch über sein Glück und Unglück. Oder doch?   pro Seit Jahrzehnten erforscht die Positive Psychologie, was eine gelungene Existenz ausmacht. Studien zeigen, dass eine engagierte, zukunftsbejahende Grundhaltung unsere Lebenszufriedenheit deutlich steigert. Wenn mich alle in den Wahnsinn treiben, mein Job mich aufreibt, kein Erfolgserlebnis weit und breit in Sicht ist, habe ich allen Grund, ins Kissen zu heulen. Ich kann aber auch positiv denken: egal. Was ich mir so unter »Glück« vorgestellt habe, entspricht eben nicht den Plänen des Universums. Vielleicht hält der Kosmos sogar etwas viel Besseres für mich bereit, als sich mein Spatzenhirn das momentan ausmalen kann. Positives Denken wurzelt in der antiken philosophischen Lebenskunst – den Mentaltrainings der Stoiker und Epikureer. »Keinen Schrecken erregen die Götter, keinen Argwohn der Tod; das Gute ist leicht zu beschaffen, das Bedrohliche leicht zu ertragen«, so lautete Epikurs »Vierfach­medizin« (tetrapharmakon). Vom Stoiker Epiktet stammt die Unterscheidung zwischen den Dingen, die in unserer Macht stehen, und denen, die nicht in unserer Macht stehen – die man folglich mit »heiterer …

Immer schön anständig bleiben? Unsere Ausgabe 2/2020 ist da!

Anstand – wie das klingt! Man denkt an Eltern, die einen ermahnen: „Zieh dir was Anständiges an!“ oder an die Benimmregeln von Adolph Freiherr von Knigge. Es klingt etwas altbacken, aber Anstand ist vielleicht tatsächlich genau das, was wir brauchen. Es gibt eine Vielfalt anspruchsvoller Moralphilosophie für den ethischen Umgang zwischen den Menschen. Aber wie bekommt man die Balance hin zwischen gutem Benehmen und Authentizität, zwischen Idealismus und Pragmatismus, zwischen eigenem Vorteilsstreben und Achtsamkeit? In unserem Titelessay schlagen wir zehn alltagstaugliche Maximen vor. Außerdem schauen wir in einem zweiteiligen Schwerpunkt auf die Zukunft der Medizin. Die Digitalisierung der Heilkunst führt zu einem grundlegenden Wandel im medizinischen Paradigma, der uns alle betrifft. Im großen Interview spricht diesmal der Londoner Starphilosoph Alain de Botton über das gute Leben, die Liebe und die Emotionen – und erklärt britisch kühl, warum er kein Romantiker ist. Gehört Alain de Botton eigentlich zur »Elite«? Wer oder was »Elite« eigentlich ist, auch darüber gibt es einen Essay. Und wir nähern uns dem Phänomen der Wärme – sie ist viel mehr als Temperatur: …

Die Wissenschaft vom richtigen Leben

Weisheit war bis vor Kurzem die Domäne der Philosophen. Jetzt entdecken Ökonomen und Psychologen sie neu. Ist das gut?   Der Physiker Paul Frampton ist ein Mann von Welt. Er hat die britische und die amerikanische Staatsbürgerschaft. Er war »Distinguished Professor of Physics and Astronomy« an der University of North Carolina in Chapel Hill. Seine Entwürfe einer »Theorie für alles« inspirierten eine Reihe von Experimenten am LHC, dem größten Teilchenbeschleuniger der Welt am Europäischen Kernforschungszentrum Cern bei Genf. Wie kommt solch ein hochintelligenter Mann dazu, sich an einem argentinischen Flughafen mit zwei Kilogramm Kokain im Koffer erwischen zu lassen? Im Jahr 2011, im Alter von 67 Jahren, begann Frampton mit Online-Dating. Bald entspann sich ein Kontakt zu einem Model namens Denise Milani, die im Internet kein Geheimnis aus der Größe ihrer Brüste machte. Dann lud Milani den Physiker ein, sie bei einem Shooting in Bolivien zu besuchen. Frampton flog hin, fand dort aber keine Milani vor, sondern nur eine Nachricht, sie sei ­bereits nach Argentinien weitergereist. Ob er nachkommen und ihren Koffer, den sie leider …

Zwergenwahl

Erwachsene dürfen wählen, Kinder und Jugendliche unter 18 jahren nicht. Das ist ungerecht. Eine leicht spielerisch-utopische Betrachtung. Die Jugend genießt in unserem Land etliche Rechte und Freiheiten. Schon ab dem ersten Lebensjahr ist es dem deutschen Bundesbürger erlaubt, demonstrieren zu gehen (so weit ihn seine Beinchen tragen!). Niemand kann ­einen 13-Jährigen einsperren, weil er gerade Bock hatte, den Schmuck seiner Stiefmutter zu klauen. Die Strafmündigkeit beginnt nämlich erst mit 14 Jahren. Zum Ausgleich für letztere Zumutung darf man sich dafür schon ab 17 als Soldat verpflichten. Angesichts dieser Logik fragt sich der philosophisch Versierte: Auf welch kryptischer Numerologie fußt der Sinn solcher Gesetze? Welch magischen Trunk hatten die Gesetzgeber wohl intus, als sie überdies stipulierten, dass dem Menschen das Grundrecht der Wahl erst nach Vollendung des 18. Lebensjahrs zustehen solle? Der Zustand der »Volljährigkeit« hat seinen historischen Ursprung im noch von Bismarck unterzeichneten »Gesetz, betreffend das Alter der Großjährigkeit« von 1875. »Volljährig« heißt nichts anderes, als dass man ab dem 18. Geburtstag (ursprünglich 21.) vollautomatisch aus ­seinem Zustand gesammelter Unfähigkeiten ­erlöst wird. Es macht klick, …

Ich sehe was, was du nicht siehst! Die Ausgabe 1/2020 ist da

»Hohe Luft« – was soll das eigentlich heißen? Diese Frage begleitet uns seit der Gründung unseres Magazins 2011. »Das klingt ja esoterisch«, meinten manche. Tatsächlich ist Hoheluft der Stadtteil von Hamburg, in dem unser Verlag sitzt – und eine Wortschöpfung aus Friedrich Nietzsches »Genealogie der Moral«. In dieser Ausgabe aber machen wir die Esoterik zum Thema. Wir versuchen, dem spannenden Verhältnis von Philosophie und Esoterik auf den Grund zu gehen. Wie eng die historische Verbindung zwischen beiden ist, zeigt ein berühmtes Zitat des Renaissance-Philosophen Pico della Mirandola, den wir in dieser Ausgabe auch portraitieren. In seiner »Rede über die Würde des Menschen« heißt es, gerichtet an denselben: »Du kannst zum Niedrigeren, zum Tierischen entarten. Du kannst aber auch zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden, wenn deine Seele es beschließt.« Die Stelle wird gemeinhin humanistisch im Sinn der freien menschlichen Wandlungs- und Entfaltungsmöglichkeiten interpretiert. Tatsächlich aber kann man sie auch esoterisch-spirituell deuten, gerade weil della Mirandola auch stark geprägt war von der Kabbala und anderen mystischen Quellen. Außerdem im Heft: Ein Interview mit Dietmar Dath, ein …

Die Macht der Körper

Der Feminismus ist präsent wie nie – auf dem Buchmarkt, in der Mode und in den sozialen Medien, und er wird zugleich heftig kritisiert. Zeit für eine Bestandsaufnahme, nicht der Geschlechtergerechtigkeit, sondern des Kampfes dafür. Wie steht es um den modernen Feminismus? Vor ein paar Monaten feierte »Sex and the City« Geburtstag: Zwanzig Jahre ist es her, dass die Serie zum ersten Mal im Fernsehen lief und in Folge zum Mega-Hit und kulturellen Fixpunkt mehrerer Generationen junger Frauen wurde, die die Serie auch für ihren Feminismus feierten. Schließlich dreht sie sich um vier New Yorker Freundinnen, allesamt: erfolgreich im Job, finanziell unabhängig, sexuell selbstbewusst und mit zahlreichen Affären beschäftigt, über die sie auch offen diskutieren. In einer Interview-Reihe des »Guardian« über die Serie schwärmte ein Fan: »Endlich konnte man über Vibratoren sprechen.« Das war 2003. Doch als jetzt, anlässlich des Jubi­läums, zurückgeschaut wurde, waren viele Frauen – nicht selten die gleichen, die in der Serie damals eine Befreiung sahen – irritiert. Vielen erscheint sie nun gar nicht mehr so feministisch. Sie stören sich daran, dass …

Das fatale Phantasma

Wie kann es sein, dass immer wieder Antisemitismus aufkommt? Selbst bei uns, im Land des Holocaust? Wie ist umzugehen mit jenem Phänomen, das sich der rationalen Diskussion entzieht? Es gibt nur einen Weg: Wir müssen die Projektionen verstehen, die mit Antisemitismus zusammenhängen – immer wieder aufs Neue. Dieser Text aus stammt aus unserer Ausgabe 6/2018. Aus gegebenem Anlass veröffentlichen wir ihn nun online. »Mir wurde offenbar, was sonst niemand anderes sah«, rappt Kollegah in seinem Song »Apokalypse«, einem 13-minütigen Epos über den Kampf zwischen Gut und Böse, in dem er den Retter der Welt spielt. Dieser Retter hat die »verbotenen Schriften« gelesen und die »Symbole« erkannt: »Jetzt weiß ich, was das Geheimnis der Erleuchteten war, erkenn’ am heutigen Tag ihren teuflischen Plan«. Wer diese »Erleuchteten« sind, wird nicht klar benannt, Kollegah vermischt diverse Mythen und Verschwörungstheorien, aber die finale Schlacht kämpft er in Jerusalem gegen eine »endlose Macht auf dem Tempelberg«. Klarer geht Judenhass kaum. Und klassischer in seinen Motiven auch nicht. Da ist es wieder, das Phantasma einer jüdischen Weltverschwörung – in einem Musikvideo …

Hegel und der Brexit

»Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit«, ist ein berühmter Satz aus Georg Wilhelm Friedrich Hegels Vorlesungen über die Geschichte der Geschichte, die er in den 1820er Jahren hielt – zwei Jahrhunderte vor dem Brexit. Wenn sich heute jemand seine Freiheit ins Bewusstsein rufen möchte, kann er einen Blick auf seinen Reisepass werfen. »Europäische Union« steht drauf, er weist seinen Besitzer mithin auch als Bürger Lapplands, Transsylvaniens und Kataloniens aus, was ihn zum wohl größten Ausweis von Freiheit in der bisherigen Weltgeschichte macht. Die Briten geben diese Freiheit nun auf, ob willentlich oder nicht, versteht wohl niemand mehr so ganz. Was würde Hegel dazu sagen? Er hat in seinen Vorlesungen tatsächlich etwas dazu gesagt: »Der Engländer hat das Gefühl der Freiheit im besonderen; er bekümmert sich nicht um den Verstand, sondern im Gegenteil fühlt sich um so mehr frei, je mehr das, was er tut oder tun kann, gegen den Verstand, d. h. gegen allgemeine Bestimmungen, ist.« Wie immer das Brexit-Drama ausgeht, am Ende wird Hegel Recht gehabt haben. Tobias Hürter