Alle Artikel mit dem Schlagwort: Ethik

Alice und Bob #6: Die Warteschlange

Fast wäre Bob zu seiner letzten Verabredung mit Alice zu spät gekommen, denn er hatte wirklich lange an der Supermarktkasse anstehen müssen. Dennoch, so berichtete er Alice gleich nach der Begrüßung, hatte er eigentlich eine müde alte Dame noch vorlassen wollen, die er ganz am Ende der Warteschlange erspäht hatte als er gerade dabei war, seine eigenen Einkäufe aufs Band zu legen. Freundlich hatte er ihr zugerufen, sie solle doch nach vorn kommen und sich vor ihm selbst einreihen, dann wäre sie direkt als nächste Kundin an der Kasse gewesen. Alice lächelte wissend, denn sie ahnte schon, was dann passiert war: „Das haben sich die anderen Kunden natürlich nicht gefallen lassen, stimmt’s?“ „So ist es,“ antwortete Bob aufgeregt, „manche Leute haben sich so empört, dass die arme Frau ganz eingeschüchtert in der Reihe stehen geblieben ist. Sie hat sich fast entschuldigt für meinen Vorschlag!“ „Du weißt natürlich nicht, wie es den Leuten ging, die selbst in der Schlange standen. Vielleicht war jemand krank, hatte Fieber und musste aber dringend was einkaufen? Vielleicht war eine alleinstehende …

Alice und Bob #4: Ein gutes Messer

Wieder einmal war Bob bei Alice zu Besuch, und wieder einmal war sie mit dem Essen, das sie vorbereiten wollte, noch nicht fertig. Bob dachte „Eigentlich ist Alice keine gute Gastgeberin“ bevor er sich – wie immer – daran machte, ihr zu helfen. Ganz selbstverständlich griff er in die Schublade mit den Messern und begann, Salat zu schneiden. Gutes Werkzeug hat Alice, das musste man ihr lassen. Gerade wollte er das aussprechen, als Alice sagte: „Du bist wirklich ein guter Freund, du beschwerst dich nicht, dass ich noch nicht fertig bin, sondern hilfst einfach mit!“ Bob ließ das Messer sinken und erwiderte „Gerade wollte ich sagen, dass du gute Messer hast, denn dieses Messer schneidet wirklich wunderbar. Aber nun frage ich mich, ob ich als Freund genauso gut bin wie dieses Ding hier als Messer gut ist…“ Alice musste lachen und goss Wein in die Gläser: „Schneid ruhig weiter Salatblätter, ich erkläre dir inzwischen, was es mit dem Gut-Sein auf sich hat: Gut – das bedeutet eigentlich nichts anderes als: es entspricht der Idee von …

Ethik für alle – HOHE LUFT kompakt #5

Die Ethik ist in aller Munde. Alle rufen nach ihr, überall verlangt man nach ihren Antworten, ob es um Automobile geht oder Großtwitterer Donald Trump. Von der Wirtschaft zur Politik – bei großen gesellschaftlichen Fragen scheint es immer irgendwie um Ethik zu gehen. Aber haben sie sich schon mal gefragt, was dieser Begriff mit Ihnen zu tun hat? Mit unserem neuen HOHE LUFT kompakt präsentieren wir eine Ethik für alle. Eine, die Ihnen und uns helfen soll, das eigene Handeln und Nicht-Handeln besser zu verstehen. Eine, die dazu verführt, das banale Montag-bis-Freitag-dann-Wochenende-und-schon-wieder-Montag-Einerlei kritisch-selbstironisch zu hinterfragen. Sind Lügen grundsätzlich schlecht? Was hat ethisches Verhalten mit Stil zu tun? Kann man, ohne es zu merken, böse sein? Wozu sich überhaupt ums Gutsein bemühen? Unsere Ethik für alle enthält aber nicht nur nachdenkenswerte und nachdenklich machende Texte und ein Glossar, sondern auch einen kleinen Selbsttest. Wir wünschen viel Freude beim Lesen! Hier können Sie einen Blick auf den Inhalt werfen.  Und hier können Sie das neue Heft versandkostenfrei bestellen.  Wie gefällt Ihnen das neue kompakt-Heft? Lob, Anregungen und …

»Wir alle sind gefragt« – Ethik-Konferenz Beyond Good

2014 gründeten Julia Kalmund und Nina Schmid das Projekt »Street Philosophy«, eine philosophische Inspirationsquelle, die einen Blog und einen Newsletter, sowie Events, Workshops und Kleidung umfasst. Das Mutter-Tochter-Gespann organisiert gemeinsam mit dem Salon Luitpold am 9. November 2017 die Ethik-Konferenz »Beyond Good« im Münchener Literaturhaus, unter anderen mit Richard David Precht, Julian Nida-Rümelin und Armin Nassehi. Im Vorfeld haben wir mit Nina Schmid und Julia Kalmund über den Hintergrund der Konferenz gesprochen. Die Fragen haben beide gemeinsam beantwortet. Was ist Ihr maßgebliches Motiv, eine Ethik-Konferenz abzuhalten? Wir betrachten das Projekt Beyond Good – Die Ethik-Konferenz als wichtigen Beitrag in Zeiten, wo viele Menschen in unserer Gesellschaft mit immer schwierigeren Fragen konfrontiert werden, die oft von den Medien, von der Politik und von der Wirtschaft nicht genügend beachtet werden, und allzu oft unbeantwortet bleiben. Das Wort ‚Krise‘ taucht überall auf, aber kaum werden Lösungen oder Handelsmaximen aufgezeichnet. Wenn wir verantwortungsvoll in der Gesellschaft agieren möchten, dann kommen wir nicht umhin uns zu fragen, wie unsere Einstellung zu den aktuellen Herausforderungen ist. Wie tangiert mich die Migration? …

Wie man sich richtig entscheidet

Ja? Nein? Vielleicht? Ausgabe 2/16 ist da! Nie zuvor hatten wir mehr Möglichkeiten als heute – doch wie soll man angesichts dieses Überangebotes die richtige Wahl treffen? Was gutes Entscheiden ausmacht erfahren Sie in unserer neuen Titelgeschichte. Die Frankfurter Schule ist eine der einflussreichsten Theorieströmungen der Neuzeit und prägt den Diskurs in Philosophie und Soziologie bereits seit drei Generationen. Den Schwerpunkt widmen wir darum dieses Mal den kritischen Denkern in der Tradition von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Weitere Themen: Wie moralisch müssen Ethiker sein? Fünf Thesen zur Pubertät. Ein Lob des Stadtlebens. Die Rhetorik der Hassredner. Ansichten eines Geisteskranken. Und die Philosophin Mirjam Schaub im Gespräch über Radikalität und Popkultur. Wir wünschen viel Freude beim Lesen! Hier können Sie das neue Heft versandkostenfrei bestellen.

HOHE LUFTpost – Einfach mal nichts tun

HOHE LUFTpost vom 27.11.2015: Einfach mal nichts tun Es gibt Situationen, in denen kann man es nur falsch machen, und es gibt Menschen, die meisterhaft darin sind, andere Menschen in solche Situationen zu bringen. Dazu gibt es den Witz von der Mutter, die ihrem Sohn zwei Krawatten schenkt. Am nächsten Tag bindet er sich gleich eine davon um – Mama zuliebe. »Aha«, sagt sie, »die Andere gefällt dir wohl nicht.« Was tun in solchen Situationen, in denen alles Tun irgendwie falsch ist? Leicht kann man eine weitere Option vergessen: nichts tun. »Wo das Tun in unserer Gewalt ist, da ist es auch das Unterlassen«, schreibt Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik. Es gilt nicht immer, aber es gilt oft: Wer in ein faules Spiel gerät, tut am besten daran, nicht mitzuspielen. – Tobias Hürter

Verantwortung für Flüchtlinge

Verantwortung für Flüchtlinge. Die moralische Macht der Bilder über das Bewusstsein Wie ist eine Ethik der Hilfsbereitschaft denkbar? Der französisch-litauische Philosoph Emmanuel Lévinas sah in der Erfahrung des anderen Gesichts eine Grundlage für ethisches Handeln. Hans-Martin Schönherr-Mann, Professor für politische Philosophie an der LMU in München, darüber, wie uns diese Ethik angesichts der Flüchtlingsdramas an unsere Verantwortung erinnert. 

HOHE LUFTpost – Die »abscheuliche« Folgerung

HOHE LUFTpost vom 30.10.15: Die »abscheuliche« Folgerung Soll man Kinder kriegen? Für viele Menschen bedeutet diese Frage einen Scheideweg in ihrem Leben. Auch Philosophen denken darüber nach. Der Ethiker Torbjörn Tännsjö, Professor an der Universität Stockholm, hat gerade einen Essay dazu veröffentlicht. Er kommt zu dem, was in der Philosophie »die abscheuliche Folgerung« (repugnant conclusion) genannt wird: Kinderkriegen ist eine moralische Pflicht. Möglichst viele Kinder! Wer sich der ungebremsten Fortpflanzung verweigert, handele schlecht. Tännsjös Argument ist ziemlich einfach: Das Leben der meisten Menschen ist überwiegend glücklich. Wer Menschen in die Welt setzt, vermehrt also das Glück. Wer sie aber ungezeugt lässt, verwehrt ihnen das Glück. Klingt recht einleuchtend – allerdings kommen sogenannte Antinatalisten nach demselben Muster zum entgegengesetzten Schluss: Kinderkriegen ist schlecht. Denn leben bedeute leiden, wer also Kinder in die Welt setzt, vermehrt das Leid. Wer hat nun recht, Natalisten oder Antinatalisten? Keiner von beiden. Die moralisch optimale Kinderzahl variiert von Mensch zu Mensch und liegt meist weder bei Null noch bei Unendlich, sondern irgendwo dazwischen. Der Fall der »abscheulichen« Folgerung und ihres Gegenstücks offenbart den …

HOHE LUFTpost – Über Moral lässt sich streiten

HOHE LUFTpost vom 24.07.2015: Über Moral lässt sich streiten Was halten Sie von Ehrenmorden? Richtig oder falsch? Wahrscheinlich falsch – hoffentlich! Aber wie begründen Sie es? Wie würden Sie versuchen, jemanden aus einer traditionell islamischen, von der Sharia-Gesetzgebung geprägten Gesellschaft davon zu überzeugen, dass Ehrenmorde nicht OK sind? Oder grundsätzlicher gefragt: Lässt sich über Moral sinnvoll diskutieren? Die Philosophen sind da geteilter Meinung. Empiristen wie David Hume waren überzeugt, dass die Moral ihrem Wesen nach subjektiv ist, dass also moralische Urteile letztlich auf einem Moralgefühl gründen, das man halt hat oder nicht. Immanuel Kant hingegen versuchte, die Moral mit raffinierten Argumenten in der Vernunft zu verankern – wobei ich bezweifle, ob sie die Ehrenmord-Frage befriedigend lösen würden. Der amerikanische Philosoph Alex Rosenberg betrachtete all dies kürzlich in einem Artikel auf der Website der New York Times und kam zu dem Schluss: Über Moral lässt sich nicht streiten. Ich muss Rosenberg widersprechen. Was wäre eine Moral wert, über die sich nicht streiten ließe? Ich bin überzeugt, dass es sinnvoll ist, mit Muslimen darüber zu streiten, ob ein Mord …

HOHE LUFTpost – Veganismus und das gute Gewissen

HOHE LUFTpost vom 17.07.2015: Veganismus und das gute Gewissen Essen Sie Fleisch? Eier? Tragen Sie Leder? Der Veganismus gewinnt derzeit merklich an Anhängern. Im Gegensatz zur Vegetarier-Bewegung von früher stehen dabei oft ethische Gründe im Vordergrund, nicht die Gesundheit. Wer Fleisch konsumiert, unterstützt Massenschlachtungen. Wer Eier isst, finanziert die industrielle Haltung von Hühnern. Kurz gesagt: Wer tierische Produkte kauft, vermehrt das Leid in der Welt. Und Leid ist schlecht. Folglich ist Veganismus gut. Einfach, oder? Nein, ganz so einfach ist es nicht. Denn nicht immer führt der Konsum tierischer Produkte zu vermehrtem Leid. Man kann sich Eier von wirklich glücklichen Hühnern in die Pfanne hauen. Man kann Milch von Kühen trinken, die auf saftigen Bergweiden leben. Oder Insekten essen, die nach der Auffassung von Biologen gar nicht in der Lage sind, Schmerzen zu empfinden. Ethischer Veganismus ist zunächst mal ein erfreuliches Phänomen. Doch so richtig überzeugt er mich nur, wenn er konsequent ist in seiner ethischen Ausrichtung – und wenn er Teil eines Lebensstils ist, der auch in anderen Bereichen so konsequent ist in seiner …