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Alice und Bob #4: Ein gutes Messer

Wieder einmal war Bob bei Alice zu Besuch, und wieder einmal war sie mit dem Essen, das sie vorbereiten wollte, noch nicht fertig. Bob dachte „Eigentlich ist Alice keine gute Gastgeberin“ bevor er sich – wie immer – daran machte, ihr zu helfen. Ganz selbstverständlich griff er in die Schublade mit den Messern und begann, Salat zu schneiden. Gutes Werkzeug hat Alice, das musste man ihr lassen. Gerade wollte er das aussprechen, als Alice sagte: „Du bist wirklich ein guter Freund, du beschwerst dich nicht, dass ich noch nicht fertig bin, sondern hilfst einfach mit!“

Bob ließ das Messer sinken und erwiderte „Gerade wollte ich sagen, dass du gute Messer hast, denn dieses Messer schneidet wirklich wunderbar. Aber nun frage ich mich, ob ich als Freund genauso gut bin wie dieses Ding hier als Messer gut ist…“

Alice musste lachen und goss Wein in die Gläser: „Schneid ruhig weiter Salatblätter, ich erkläre dir inzwischen, was es mit dem Gut-Sein auf sich hat: Gut – das bedeutet eigentlich nichts anderes als: es entspricht der Idee von dem Begriff, den man verwendet, ideal. Ein Messer ist ein Schneide-Ding, und ein gutes Messer schneidet eben so, wie man es sich vom Messer nur wünschen kann. Übrigens bist du kein guter Koch, sonst würdest du den Salat gar nicht schneiden, sondern zupfen, schau…“ sagte sie und riss ein bisschen am Salat herum. Bob fand die geschnittenen Blätter schöner, außerdem ging es mit dem Schneiden schneller, aber er antwortete nur „Und ein Freund ist so ein Helfer-Ding und wer immer hilft, ist ein guter Freund?“

„Genau so ist es!“ rief Alice.

„Und wenn ich dir jetzt nicht geholfen hätte, wäre ich kein guter Freund? Was, wenn ich dir nur helfe, damit wir schneller fertig werden, weil du, als nicht ganz so gute Gastgeberin, nie mit dem Essen fertig bist, wenn ich komme – obwohl du weißt, dass ich Hunger habe!“

„Du findest, ich sei keine gute Gastgeberin, nur, weil das Essen noch nicht fertig ist?“ Alice war nun doch ein bisschen empört.

„Nein nein,“ versuchte Bob sie zu beruhigen, „Aber mit Begriffen wie ‚Freund‘ oder ‚Gastgeber‘ scheint mir die Sache mit dem ‚Gut-sein‘ eben nicht so einfach zu sein, wie mit dem Messer. Vielleicht bedeutet ‚Gut‘ ja bei Menschen was ganz anderes, als bei Gegenständen?“

„Nein, das glaube ich nicht. ‚Gut‘ – das ist immer: der Ideal-Vorstellung von dem Begriff entsprechen. Nur sind die Ideale, was Menschen betrifft, eben komplexer als die von Gegenständen. Bei Werkzeugen ist es ja ganz einfach, die sollen einen Nutzen haben, und was diesen Nutzen hat, ist gut, Nutzen und Ideal sind da dasselbe.“
„Stimmt, aber wenn du sagst, ich bin ein guter Freund, weil ich dir helfe, und weil Freund-Sein so ein Helfer-Ding ist, dann bestimmst du mein Gut-Sein eben doch über meinen Nutzen!“

„Ach Bob, du bist mein Freund, weil ich dich mag, und weil wir zusammen streiten und lachen, egal ob es Nutzen hat. Weil du mich anrufst, wenn ich bei dir eine Notiz vergessen habe. Klar, auch weil ich dir vertraue und dir manches anvertrauen kann – und da kann man natürlich wieder sagen, dass das für mich nützlich ist… Es ist kompliziert.“

So saßen sie wieder lange zusammen, der Salat war gut, der Wein war gut, die Stimmung war gut – es war überhaupt ein guter Abend.

Jörg Phil Friedrich lebt in Münster (Westf.). Er schreibt Bücher und Artikel zu Fragen der Praktischen Philosophie. 

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