Alle Artikel in: Onlinebeitrag

Alle mal die Klappe halten? Ausgabe 5/19 ist da

Wir sind heute Zeugen einer ungeheuren Dynamik. In den sozialen Medien geschieht zurzeit etwas, das wir noch nicht ansatzweise verstehen, für das wir noch keine adäquaten Begriffe haben – das aber dramatische Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft hat. In unserem Titelessay reflektieren wir den Wandel der öffentlichen Sphäre und machen einen Vorschlag für einen neuen Öffentlichkeitsbegriff. Begriffe neu und ganz anders denken – das ist auch die Mission des französischen Philosophen und Sinologen François Jullien. Im Interview mit Maja Beckers erläutert er, warum er das Konzept kultureller Identität ablehnt, und wettert gegen die Auswüchse der Populärphilosophie. Dass sich Philosophie und Sinnlichkeit nicht ausschließen, davon können Sie sich überzeugen bei der Lektüre des Textes über die Rolle von Farben für unser Leben oder der phänomenologischen Beschreibung einer Schwangerschaft unserer Redakteurin Greta Lührs. Einen außergewöhnlichen Zugang zum Thema Schrift und Begehren wählte unsere Autorin Lena Frings – nämlich eine Kurzgeschichte. Weitere Themen: Weisheit, die funktioniert. Wird das Leben zum Spiel? Averroës – der islamische Aufklärer. Kunst oder Lüge? A Propos Kunst: Besonders hinweisen möchten wir Sie auf …

Im Alten Griechenland #4: Unerreichbare Grenzen

Am Abend nach meinem ersten Gespräch mit Heraklit hatte ich noch eine Weile über die Psyche nachgedacht, diese Lebenskraft, deren Bedeutungsvielfalt sich selbst mehrt. Umso mehr ich darüber nachdachte, desto undeutlicher wurde mir wieder der Sinn des Satzes. Ich wollte Heraklit am nächsten Tag erneut danach fragen, was es mit dem Logos der Psyche, also der begrifflichen Vorstellung von dieser Lebenskraft auf sich hat. Heraklits neue Auskunft war nicht viel klarer als die, die er mir beim ersten Mal gegeben hatte. Er sagte: Ψυχῆς πείρατα ἰων οὐκ ἄν ἐχεύροιο· Psyches peirata ion ouk án echeúroio. Die Konstruktion ἄν ἐχεύροιο war neu für mich, ich verstand sie nicht gleich. ἐχεύροιο ist ein Optativ, ein Modus von Verben, den wir im Deutschen nicht haben, er drückt einen Wunsch aus. Mit ἄν zusammen drückt er aber eine Möglichkeit, eine Macht aus. Wörtlich genommen bedeutete Heraklits Satz also: Psyches Grenzen gehend nicht kannst herausfinden – wobei mir schon klar war, dass ich „Psyche“ nicht im modernen Sinn verstehen durfte. Aber ich konnte das Wort hier als meine geistige, seelische …

Alice und Bob #4: Ein gutes Messer

Wieder einmal war Bob bei Alice zu Besuch, und wieder einmal war sie mit dem Essen, das sie vorbereiten wollte, noch nicht fertig. Bob dachte „Eigentlich ist Alice keine gute Gastgeberin“ bevor er sich – wie immer – daran machte, ihr zu helfen. Ganz selbstverständlich griff er in die Schublade mit den Messern und begann, Salat zu schneiden. Gutes Werkzeug hat Alice, das musste man ihr lassen. Gerade wollte er das aussprechen, als Alice sagte: „Du bist wirklich ein guter Freund, du beschwerst dich nicht, dass ich noch nicht fertig bin, sondern hilfst einfach mit!“ Bob ließ das Messer sinken und erwiderte „Gerade wollte ich sagen, dass du gute Messer hast, denn dieses Messer schneidet wirklich wunderbar. Aber nun frage ich mich, ob ich als Freund genauso gut bin wie dieses Ding hier als Messer gut ist…“ Alice musste lachen und goss Wein in die Gläser: „Schneid ruhig weiter Salatblätter, ich erkläre dir inzwischen, was es mit dem Gut-Sein auf sich hat: Gut – das bedeutet eigentlich nichts anderes als: es entspricht der Idee von …

90. Geburtstag von Jürgen Habermas: „Der öffentliche Intellektuelle ist eine bedrohte Spezies“

  Der weltbekannte Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas feiert seinen 90. Geburtstag. Was können wir im Jahr 2019 von ihm lernen? Wieso liest man Habermas auch in China? Und welche Frage würde sein Biograf, Stefan Müller-Doohm, ihm selbst gerne stellen? Stefan Müller-Doohm ist emeritierter Professor für Soziologie an der Carl von Ossientzky Universität Oldenburg und Autor mehrerer Biografien, etwa von Theodor W. Adorno und  Jürgen Habermas (»Jürgen Habermas. Eine Biografie«, Suhrkamp). Im Interview mit HOHE LUFT spricht er darüber, warum Habermas nicht an die These der Postdemokratie glaubt, sehr wohl aber, dass wir uns mitten in einer Medienrevolution befinden und darüber, warum Habermas weltweit die Rolle eines geistigen Impulsgebers innehat.   HOHE LUFT: Mit Habermas sind viele theoretische Konzepte verknüpft – vom kommunikativen Handeln über den herrschaftsfreien Diskurs bis zur postsäkularen Gesellschaft. Welche Theorie hat heute die größte Aktualität?   Müller-Doohm: Man kann die von Ihnen genannten Elemente nicht auseinanderdividieren. Die Theorie von Habermas ist in ihrer Vielschichtigkeit ein Ganzes. Was wir 2019 in einer politischen Dimension ganz besonders von ihm lernen können, ist der …

Im Alten Griechenland #3: Bei Heraklit

Ich entschied mich, einen Philosophen aufzusuchen, von dem ich schon viel gehört hatte: Heraklit. Mir war zu Ohren gekommen, dass er gesagt haben soll, dass alles fließt und dass man nicht zweimal in den gleichen Fluss steigen könne. Der konnte ja unmöglich nur über sich selbst nachdenken, vermutete ich. Ich traf ihn als alten, offenbar ziemlich wohlhabenden Mann in Ephesos. Da ich ihn nicht gleich mit der Sache mit dem Fluss behelligen wollte, fragte ich ihn – auch wenn ich schon befürchtete, dass seine Antwort der von Thales und Chilon ähneln würde – doch als erstes danach, womit er sich in seinem Philosophenleben denn am meisten beschäftigt hätte. ἐδιζησάμην ἐμεωυτόν edizesámen emeouton Das war seine Antwort. Ich hatte es ja befürchtet. Wieder tauchte dieses „ich selbst“ in dem Satz auf: ἐμεωυτόν bedeutete, wenn auch wieder in einem etwas anderen Dialekt, „mich selbst“ oder „mir selbst“. Aber was ist die Bedeutung von ἐδιζησάμην? Schnell schlug ich in meinen Wörterbüchern nach und fand, dass es zu διζημαι gehört, also bedeutet, dass man nach etwas sucht, indem man …

Alice und Bob #3: Eine Notiz

Beim Aufräumen fand Bob einen Zettel, auf dem eine 3 notiert war. Nichts weiter als eine Drei. Alice musste sie bei ihrem letzten Besuch da draufgeschrieben haben und das Blatt dann wohl vergessen haben. Sogleich rief er sie an, denn es konnte ja sein, dass die Drei auf diesem Zettel eine wichtige Bedeutung hatte. Alice allerdings war verwundert: „Ich habe keine Drei auf einen Zettel bei dir geschrieben, ganz sicher! Warum sollte ich das tun?“ „Das weiß ich doch nicht,“ antwortete Bob, „wahrscheinlich wolltest du dir etwas wichtiges merken. Vielleicht, dass du noch drei Äpfel kaufen wolltest…“ Plötzlich lachte Alice: „Dreh das Blatt mal um. Das ist keine Drei. Das ist ein E! Mir war plötzlich eingefallen, dass ich meiner Freundin Eva noch ein Geschenk machen muss!“ „Für mich ist das kein E. Das ist eine Drei,“ gab Bob zurück. „Hör mal, das ist Unsinn, Bob. Für dich ist das gar nichts. Du hast dir nur eingebildet, dass es eine Drei sei. Ich hab es ja aufgeschrieben, ich weiß, was es ist: ein E!“ „Du …

Im Alten Griechenland #2: Eine lakonische Aufforderung

In Sparta traf ich einen weisen Mann, der auch nicht viel gesprächiger war als Thales. Er hieß Chilon. Die Einsilbigkeit war in diesem Landstrich, der Lakonien genannt wurde, typisch. Die Leute lebten spartanisch und gaben lakonische Auskünfte. Chilon war einer von ihnen und er sagte nicht viel. Also ich ihn fragte, was ich tun sollte, um ein weiser Mensch zu werden und die Welt zu verstehen, antwortete er nur: Γνῶθι σαυτόν – Gnothi sauton! Auch wenn Chilon einen anderen Dialekt als Thales sprach, brauchte ich gar nicht ins Wörterbuch zu schauen, um ihn zu verstehen. Γνῶθι gehört auch zum Verb γιγνώσκω (gignósko), das mich schon seit meinem Treffen mit Thales beschäftigte. „Verstehe oder erkenne dich selbst!“, „Lerne dich selbst kennen!“ – das war der Rat des weisen Chilon. Also genau das, was Thales als das Schwierigste bezeichnet hatte, sollte die Aufgabe sein? So sehr ich überlegte, ich kam immer wieder zu dem Ergebnis, dass es eigentlich doch das Einfachste sein müsste, sich selbst kennenzulernen. Schließlich habe ich zu mir selbst den besten Zugang, ich kann …

HOHE LUFT kompakt – Der Wert der Kunst

Zwischen Design und Technologie Die Kunst ist so präsent wie nie zuvor. Im neuen Sonderheft »HOHE LUFT kompakt« (erscheint am 29. Mai 2019) widmen wir uns der Frage nach ihrem Wert. Heute, da die Grenzen zwischen Kunst, Design und Technologie zunehmend verschwimmen, geht der ästhetische Wert von Kunstwerken nicht mehr einfach so aus einem bestimmten Kanon hervor. Philosophie kann dabei helfen, subjektive ästhetische Erfahrungen zu reflektieren und zu verstehen, was Kunst heute eigentlich ist und soll. Auch die Künstler selbst kommen zu Wort – im Schwerpunkt zum Thema Kunst in München. Wir stellen etablierte wie aufstrebende Protagonisten der Kunstszene vor und treten mit ihnen in einen philosophischen Dialog. Themen im neuen Sonderheft sind unter anderem außerdem: Was ist schön? Kultur als Marke Kunst und Kapitalismus Geschmack Ästhetisches Erleben Wann ist Kunst? Wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Lektüre! Hier können Sie das neue Sonderheft versandkostenfrei bestellen.

Das Wrack des Unglaublichen

Was hat Kunst mit alternativen Fakten zu tun? Mittlerweile vieles. Der Künstler Damien Hirst liefert den Beweis. Im Jahr 2008 fand man auf dem Grund des Indischen Ozeans ein riesiges Schiff voller Schätze, das »Wrack des Unglaublichen« (»Apistos«). In seinem Inneren: 100 Statuen und Torsi von Pharaonen, Göttinnen und Dämonen, Masken und andere, teils mit Korallen, Algen und Seewürmern bedeckte Objekte aus Afrika, China, Griechenland, Indien – alles Besitztümer des ehemaligen Sklaven Cif Amotan II, der nach seiner Freilassung zu großem Reichtum gelangt war. Die Bergung dieser einzigartigen Sammlung nahm fast zehn Jahre in Anspruch und wurde von dem schwerreichen Künstler Damien Hirst mitfinanziert. Zu bestaunen waren die Schätze im Frühjahr 2017 auf der Biennale in Venedig, verteilt über zwei Museen, die dem Unternehmer, Multimilliardär und Kunstsammler François Pinault gehören. Im Atrium des Palazzo Grassi wird man von einem über 18 Meter hohen mesopotamischen Dämon begrüßt, der Kopie einer kleineren Bronze, die man auf dem Schiff fand. Eine Unterwasser-Videodokumentation zeigt die aufwendigen Bergungsarbeiten. Man schreitet durch die Säle voller Kostbarkeiten aus Bronze, Jade, Achat, Carrara-Marmor …

Alice und Bob #2: Im Nebel

Alice und Bob joggten am Strand entlang und Bob sann noch ihrem letzten Gespräch über die Natur nach. Er sagte sich, dass dieser Strand und das Meer, wie sie waren, ganz sicher zur Natur zählten, denn auch sie waren ja im Laufe der Zeit so geworden, wie sie jetzt waren, ganz ohne (oder wenigstens fast ohne) Zutun der Menschen. Plötzlich wurde es neblig, der Nebel war wohl unmerklich vom Wasser aufgestiegen und waberte nun über das Land. Bob griff nach Alices Hand: „Ich sehe nichts!“. Spöttisch zog Alice ihre Hand zurück: „Du siehst noch den Sand zu deinen Füßen, und da, die Wellen siehst du auch noch. Sand und Wellen sind nicht Nichts.“ Bob ahnte schon, was kommen würde, trotzdem wandte er ein: „Ja, ich sehe noch ein bisschen vom Strand und vom Wasser, aber wenn ich weiter schaue, dann sehe ich sonst – Nichts!“ Alice lachte: „So so, du siehst also das Nichts. Wie sieht es denn aus, das Nichts?“ Bob hatte keine Lust auf philosophische Spitzfindigkeiten: „Ich rede nicht von ‚dem Nichts‘ – …