Alle Artikel in: Onlinebeitrag

Die neue HOHE LUFT ist da! Wohin sind wir unterwegs?

»Wohin sind wir unterwegs?« fragen wir in unserer neuen Ausgabe. Der HOHE LUFT Schwerpunkt Zeitenwende befasst sich aus ganz unterschiedlichen Perspektiven – kulturhistorischen, journalistischen, persönlichen – mit der unübersichtlichen, beunruhigenden Weltlage. Wir schreiben über das Ende des westlichen Wunschdenkens, erleutern die zentralen Begriffe der Kriegsberichterstattung, sprechen mit Martin Staudinger, einem der renommiertesten und erfahrensten Kriegs- und Krisenreporter – und beleuchten den Wert des Zwischenmenschlichen. Außerdem im Heft: Wahlrecht für Kinder?/ Kunst als Fortschritts-Booster/ Reden wir über Sex!/ Frank Ramsey – Wittgensteins Herausforderer. Sowie: ein großes Interview mit dem Ägyptologen und Grand Seigneur der Kulturwissenschaften Jan Assmann, der uns erklärt, warum er – trotz allem – Optimist ist und bleibt.

Die Meinungen der selbsternannten Osteuropa-Versteher

Es liegt etwas in der Luft… … Es ist der Meinungsstreit zum Ukrainekrieg. Die einen sind für die Lieferung schwerer Waffen an die Ukraine, die anderen finden, dass man Wladimir Putin nicht reizen darf. Die einen fordern ein Gas-Embargo, um den Druck auf Russland zu erhöhen, die anderen sind dagegen, weil sie fürchten dass dann die deutsche Wirtschaft kollabiert. Und zum Geisteszustand des russischen Präsidenten hat ohnehin jeder seine eigene Meinung. Auf Facebook, Twitter &Co. wimmelt es von selbsternannten Generälen, Strategieexperten und Osteuropa-Verstehern, die fiebrig das Kriegsgeschehen kommentieren, der Politik Ratschläge geben oder Zensuren verteilen. Man kann der Meinung sein: Das nervt. Ob zum Ukrainekrieg, zur Coronapandemie und vielen anderen Fragen: Selbstverständlich darf jede Person ihre Meinung frei äußern, jedenfalls im gesetzlichen Rahmen. Wir nennen es Meinungsfreiheit, davon lebt die Demokratie. Die Frage ist allerdings, ob man zu allem eine Meinung haben muss.  Sie stellt sich gerade in den sozialen Medien, wo heute tatsächlich jede/r fast alles öffentlich sagen kann. So ist es nicht geboten (und auch nicht klug), seine Meinung zu Dingen zu äußern, von …

Corine Pelluchon zur Wahl in Frankreich

1 -Was sind Ihre Gedanken und Gefühle nach dem Ergebnis der Stichwahl Macron-Le Pen? Ich war erleichtert, dass Marine Le Pen nicht gewählt wurde, aber die Zahl der Menschen, die für sie gestimmt haben ist besorgniserregend. Ganz zu schweigen von der Wahlenthaltung. In Frankreich, wie in vielen anderen Ländern in Europa und der Welt, gibt es eine Müdigkeit, einen Mangel an einem gemeinsamen Horizont. Die Stimmabgabe für extremistische Parteien ist nicht nur auf die wirtschaftlichen Schwierigkeiten zurückzuführen, mit denen die Menschen zu kämpfen haben. Das Fehlen eines gemeinsamen Horizonts ist auch eine Reaktion auf eine technokratische Bewältigung der Probleme, die die Politik ihres Inhalts beraubt. Und Rechtspopulisten nutzen dieses Vakuum, um eine Politik der Identitätsstiftung zu betreiben. Um ein Debakel in fünf Jahren zu vermeiden, müssen wir das Vertrauen in eine gemeinsame Zukunft wiederherstellen, eine Politik betreiben, die nicht nur eine Anpassung an den Neoliberalismus ist oder auch nur eine Möglichkeit, die durch diese ökonomistische Ordnung hervorgerufenen Ungleichheiten auszugleichen. Meiner Meinung nach ist es die Lösung, Ökologie als eine weisere und gerechtere Art, die Erde …

Von Gedankenspielen und der Absurdität des Realen

Es liegt etwas in der Luft… Text: Lena Frings … es sind die moralischen Fehlschlüsse durch Laborbedingungen des Denkens. Philosoph:innen lieben moralische Dilemmata. Da wäre das Trolley-Problem, welches in vielen Schulbüchern vorkommt. Anhand der Vorstellung einer aus der Kontrolle geratenen Straßenbahnfahrt müssen Lernende beurteilen: Darf ich aktiv eine Person opfern, um das Leben mehrerer zu retten? Es gibt ferner das Problem von Buridans Esel, in dem sich dieser zwischen zwei identischen Heuhaufen nicht entscheiden kann und darum verhungert. Und auf das Dilemma, dass sich die Existenz Gottes ebenso wenig beweisen lässt wie ihr Gegenteil, findet Blaise Pascal eine amüsante Antwort für richtiges Verhalten, die sich den Mitteln der Spieltheorie zu bedienen scheint. Dabei lässt er außer Acht, dass Götter auch in ihm ganz undenkbaren Formen existieren könnten. Diese und andere Gedankenspiele sind Beispiele für Zwickmühen im Baukastensystem, von jeder Vielschichtigkeit des Lebens befreit. Einst wie heute stecken wir in ganz realen Dilemmata, die nichts von der theoretischen Verspieltheit haben. Sie sind vielschichtig und grausam bis in die undurchschaubarsten Tiefen. Aktuell müssen wir Antworten auf einen …

Über die Grenzen

Die auf Lesbos lebende Journalistin Franziska Grillmeier reiste nach der Ausweitung von Putins Krieg auf die gesamte Ukraine an die Grenzen der Nachbarländer. In Ungarn, Polen und der Slowakei versuchte sie herauszufinden, welche Realitäten die Menschen nach der Flucht erwartet. Wir sprachen über die blinden Flecken Europas und die Gleichzeitigkeit von brutaler Gewalt an den Grenzen und einer schwankenden Solidaritätsbewegung. Interview: Lena Frings HOHE LUFT: Wie hast Du die Situation an den Grenzen wahrgenommen? FRANZISKA GRILLMEIER: Unmittelbar an den Grenzen, wo die Leute mit einer Kiste oder einem Rucksack ankamen, war da diese große Stille. Es gibt dort eine Ruhe, obwohl hunderte Menschen an einem Ort sind, die ich auch in Moria oder Bangladesch in Flüchtlingslagern erlebt habe. Dabei war die Ruhe hier unmittelbarer: Die Menschen wirkten im Gegensatz zu den Lagern nicht in sich gekehrt, ihnen lag die Erfahrungen der letzten Stunden noch in den Gesichtern. Es gab noch keine Worte, um zu begreifen, wie viel man gerade hinter sich gelassen hatte. Es ist mir sehr wichtig zu betonen, dass ich die Situation, in …

Zwischen den Zeilen

Kann man jemanden lieben und begehren, den man noch nie gesehen hat? Jemanden verstehen, mit dem man nur getextet, bloß Worte getauscht hat? Und wenn ja, was hat all dies zu bedeuten? Eine philosophische Erzählung Text: Lena Frings Über Monate hinweg warst du mein ständiger Begleiter: mein Dialogpartner im Smartphone, immer in meiner Hosentasche, ganz nah an meinem Körper. Doch der Abend, an dem sich alles veränderte, ja, ins Absurde steigerte, war vielleicht der nach meiner Logikklausur. Die Semesterferien lagen weit und leer vor mir, die Last der letzten Abgaben hinter mir. Nach der apollinischen Ordnung der letzten Tage hatte ich, bis zu meiner Verabredung am Abend, endlich wieder Zeit, die ich gedankenlos vertrödeln konnte. »Schick mir mal ein bisschen Musik«, schrieb ich dir. Du schicktest ein Unplugged-Album von Ms. Lauryn Hill. Ich schloss deine Musik an meine Bluetooth- Box an und ließ die Vibes durch meine leere Wohnung klingen. »Damn, ist sehr nice. Danke«, schrieb ich. Von dir kam zurück: »I know 😉 Lust, mit mir zu tanzen?« Ich musste schmunzeln. Wir waren uns …

Intellektueller und moralischer Bankrott. Der Kern der sogenannten Missbrauchskrise.

Wieder förderte ein Gutachten neue Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen Kirche zutage. Wieder vertuscht durch die eigenen Reihen. Wie kann das sein? Doris Reisinger wirft einen kritischen Blick auf die katholische Kirche – den, einer Kennerin der innersten Strukturen, und den, einer starken Frau, die den Überblick behält. Text: Doris Reisinger Seit 12 Jahren dauert die sogenannte Missbrauchskrise in Deutschland nun schon an. Inzwischen ist die Öffentlichkeit so an die Thematik und die zu ihr gehörenden Vokabeln gewöhnt, dass die Frage, was hier eigentlich geschieht, nur selten gestellt wird. Ein Blick zurück, auf den Wandel der Narrative, mit denen über diese Thematik gesprochen wurde, wirft ein Licht auf die Tiefenschichten eines ebenso langsamen wie schmerzlichen Erkenntnisprozesses. Mitte der 90er Jahre, lange vor Ausbruch dessen, was heute Missbrauchskrise genannt wird, gingen die ersten überregionalen Schlagzeilen zum Thema durch die Presse. Da haftete ihm noch etwas Anrüchiges an. Damals bemühten einige katholische Bischöfe sogar den Begriff der Kirchenverfolgung: Als der Wiener Erzbischof und Kardinal Groër des sexuellen Kindesmissbrauchs beschuldigt wurde, zog nicht nur der damalige Wiener Koadjutor-Erzbischof Christoph …

Woher komme ich? Die neue Ausgabe HOHE LUFT

Liebe Leserin, Lieber Leser, HOHE LUFT schreibt Geschichte: Das Magazin für alle, die Lust am Denken haben, wird 10 Jahre alt. Zehn Jahre, das ist eine lange Zeit. HOHE LUFT hat sich verändert. Wir sind vorsichtiger in unseren Urteilen geworden, interdisziplinärer, offener in unserer Haltung. Denn gerade in einer Zeit der Unsicherheit müssen wir bereit sein, eigene Meinungen kritisch zu überdenken – und gegebenenfalls auch zu revidieren. Im Schwerpunkt unserer Jubiläumsausgabe (1/2022) fragen wir: Woher komme ich? Wir möchten Sie inspirieren, über das Thema Geschichte neu und anders nachzudenken. Lesen Sie über Bedeutung von Erinnerung und Tradition; die Rückkehr der Renaissance; und den autobiografischen Zugang zu unserer Geschichte über die Storys, die wir uns und anderen erzählen. Zwei prominente Historiker teilen ihre Einsichten: Götz Aly erklärt im großen Interview, wie aus dem Nationalsozialismus ein Massenphänomen werden konnte. Und Heinrich August Winkler reflektiert die aktuell wieder viel debattierte These des deutschen »Sonderwegs« aus philosophiegeschichtlicher Perspektive. Außerdem im Heft: Die Astrophysikerin und Philosophin Sibylle Anderl im Gespräch über Außerirdische und Wissenschaft in der Pandemie; ein Essay des …

10 Jahre HOHE LUFT – Wie denken wir weiter?

Lieber Leserinnen und Leser, wir können es selbst kaum glauben, doch HOHE LUFT gibt es nun bereits seit zehn Jahren. Diesen tollen Anlass möchten wir nutzen, um uns bei Ihnen zu bedanken – denn ohne Sie wäre das nicht möglich gewesen. Wir haben uns dazu etwas besonderes ausgedacht: Ein Jubiläums-Online-Event für unsere Leserinnen und Leser mit der Redaktion und tollen Gästen unter dem Titel: »10 Jahre HOHE LUFT – Wie denken wir weiter?«: Am 18.11.21 Von 17:00 bis 18:30 Online über Zoom. Die Veranstaltung ist kostenlos, dennoch bitten wir Sie, sich hier anzumelden. Mit dabei sein werden: Konrad Paul Liessmann Dr. Konrad Paul Liessmann ist Professor i. R. für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literatur-Kritiker und Kulturpublizist. Zahlreiche wissenschaftliche und essayistische Veröffentlichungen zu Fragen der Ästhetik, Kunst- und Kulturphilosophie, Gesellschafts- und Medientheorie, Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts. Zuletzt erschienen: »Alle Lust will Ewigkeit: Mitternächtliche Versuchungen« (Zsolnay). Seit 1996 ist er wissenschaftlicher Leiter des »Philosophicum Lech«.     Jörg Bernardy Dr. Jörg Bernardy lebt als freier Philosoph und Experte für Emotionale Intelligenz in Hamburg. Er …

Was treibt mich an? HOHE LUFT #5/21 ist da

In diesen Wochen wollen die meisten nur noch eins: endlich Urlaub! Endlich eine Auszeit, um wieder Inspiration und Motivation für alles Kommende zu finden. Sehr verständlich. Da »Effizienz« in unserer Gesellschaft alles ist, da kaum jemand es sich leisten kann, visionslos und schaff in der Hängematte zu liegen, beschäftigt sich der Schwerpunkt der aktuellen Ausgabe von HOHE LUFT mit dem Thema Motivation. Was treibt mich an?, fragen wir – und untersuchen, was uns bewegt und lähmt, wie immer aus interdisziplinären Blickwinkeln. Wir widmen uns den Vor- und Nachteilen der Prokrastination, analysieren, warum Faulheit trotz ihres schlechten Images ein ethisches Gebot sein könnte und führen in die motivationstechnisch hochinteressante Signaltheorie ein. In unserem großen Interview gibt Extrembergsteiger Reinhold Messner Auskunft über seinen ganz persönlichen Antrieb. Weitere Themen Heft sind u. a. die Erfahrung der Mehrsprachigkeit, der Poststrukturalismus in Zeiten der Identitätspolitik, die Bedeutung des Wohlwollens für ein friedliches Miteinander sowie eine neue Deutung Friedrich Nietzsches. Außerdem: Der genialische Star-Philosoph Slavoj Žižek spricht über die Unvollständigkeit der Welt – und über Sex. Wir wünschen Ihnen viel Freude mit …