Alle Artikel in: Gesellschaft

Was die Pandemie uns sagt

Der 91-jährige Freiburger Philosoph Rainer Marten, einer der letzten Schüler Martin Heideggers, über die Spaßgesellschaft, die Zufälligkeit des Lebens – und den Sinn der Corona-Krise.   Vor der sich seit Anfang 2020 ausbreitenden Coronavirus-Seuche sind „alle Völker“ gleich. Mit der Zeit wird sie jedes Land auf der Erde heimsuchen. Unter den sehr Alten und Kranken als den Gefährdetsten breitet sich eine abschiedliche Stimmung aus. Lebensgemeinschaften droht der endgültige Weggang des Einen und Anderen. Die Endlichkeit aller menschlichen Dinge bringt sich mit Nachdruck in Erinnerung. Wie anders steht es doch um den Mond! Verlässlich begleitet er mit seinem Zunehmen, seiner Fülle und seinem Abnehmen seit Menschengedenken die Erde und wird es weiterhin tun. Mitte März 2020 steht er am frühmorgendlichen Himmel in Freiburg über dem Sternwald: als Halbmond, ganz weiß, durch den runden Bogen des A als abnehmend gezeichnet. Heute löst er, ganz überraschend, ein Treueerlebnis aus – der Treue zur Erde und zu denen, die ihn mit Augen suchen und finden. Die Seuche berührt ihn nicht, nicht ihre dissoziierende Macht. „Keine sozialen Kontakte!“ Wer jetzt …

Elende Organisation!

Organisationen können furchtbar bürokratisch, ineffizient und dumm sein. Ein Gedankenexperiment kann helfen, das Problem besser zu verstehen. Sagte jemand: »Diese Fabrik ist eine komplexe Organisation«, so würde ich antworten: »Nein, das ist ein Gebäude mit vielen Gegenständen darin.« Denn Organisation ist die Verknüpfung von Tätigkeiten zu einem bestimmten Zweck. Nach dieser Definition ist Organisation immer Organisieren – eine ideologische, das heißt an Interessen ausgerichtete Tätigkeit, mit der man sich die Welt so machen will, wie sie einem gefällt. Das Fabrikgebäude ist der Ort einer Organisation, wenn dort produziert wird: Tätigkeiten werden dazu zweckmäßig verknüpft. Wird die Belegschaft entlassen und die Fabrik geschlossen, so ist es mit dieser Organisation vorbei. Nach dieser Sicht ist die Horde der Altsteinzeit ebenso eine Organisation wie heutige Parteien, Firmen und Armeen. Aber auch kleine, viel speziellere Gebilde wie Pekipgruppen oder Kegelvereine sind Organisationen. Es ist fraglich, ob es überhaupt Kulturleistungen gibt, die nicht Organisationen in meinem Sinne sind. Dazu passt, dass das Konzept »Organisation« als gedanklicher Zugang zur sozialen Welt völlig unumstritten ist. Wir finden dies »gut« und jenes »schlecht …

Pro und Contra: positiv denken?

In einer kontingenten Welt entscheidet nicht der Mensch über sein Glück und Unglück. Oder doch?   pro Seit Jahrzehnten erforscht die Positive Psychologie, was eine gelungene Existenz ausmacht. Studien zeigen, dass eine engagierte, zukunftsbejahende Grundhaltung unsere Lebenszufriedenheit deutlich steigert. Wenn mich alle in den Wahnsinn treiben, mein Job mich aufreibt, kein Erfolgserlebnis weit und breit in Sicht ist, habe ich allen Grund, ins Kissen zu heulen. Ich kann aber auch positiv denken: egal. Was ich mir so unter »Glück« vorgestellt habe, entspricht eben nicht den Plänen des Universums. Vielleicht hält der Kosmos sogar etwas viel Besseres für mich bereit, als sich mein Spatzenhirn das momentan ausmalen kann. Positives Denken wurzelt in der antiken philosophischen Lebenskunst – den Mentaltrainings der Stoiker und Epikureer. »Keinen Schrecken erregen die Götter, keinen Argwohn der Tod; das Gute ist leicht zu beschaffen, das Bedrohliche leicht zu ertragen«, so lautete Epikurs »Vierfach­medizin« (tetrapharmakon). Vom Stoiker Epiktet stammt die Unterscheidung zwischen den Dingen, die in unserer Macht stehen, und denen, die nicht in unserer Macht stehen – die man folglich mit »heiterer …

Zwergenwahl

Erwachsene dürfen wählen, Kinder und Jugendliche unter 18 jahren nicht. Das ist ungerecht. Eine leicht spielerisch-utopische Betrachtung. Die Jugend genießt in unserem Land etliche Rechte und Freiheiten. Schon ab dem ersten Lebensjahr ist es dem deutschen Bundesbürger erlaubt, demonstrieren zu gehen (so weit ihn seine Beinchen tragen!). Niemand kann ­einen 13-Jährigen einsperren, weil er gerade Bock hatte, den Schmuck seiner Stiefmutter zu klauen. Die Strafmündigkeit beginnt nämlich erst mit 14 Jahren. Zum Ausgleich für letztere Zumutung darf man sich dafür schon ab 17 als Soldat verpflichten. Angesichts dieser Logik fragt sich der philosophisch Versierte: Auf welch kryptischer Numerologie fußt der Sinn solcher Gesetze? Welch magischen Trunk hatten die Gesetzgeber wohl intus, als sie überdies stipulierten, dass dem Menschen das Grundrecht der Wahl erst nach Vollendung des 18. Lebensjahrs zustehen solle? Der Zustand der »Volljährigkeit« hat seinen historischen Ursprung im noch von Bismarck unterzeichneten »Gesetz, betreffend das Alter der Großjährigkeit« von 1875. »Volljährig« heißt nichts anderes, als dass man ab dem 18. Geburtstag (ursprünglich 21.) vollautomatisch aus ­seinem Zustand gesammelter Unfähigkeiten ­erlöst wird. Es macht klick, …

Die Macht der Körper

Der Feminismus ist präsent wie nie – auf dem Buchmarkt, in der Mode und in den sozialen Medien, und er wird zugleich heftig kritisiert. Zeit für eine Bestandsaufnahme, nicht der Geschlechtergerechtigkeit, sondern des Kampfes dafür. Wie steht es um den modernen Feminismus? Vor ein paar Monaten feierte »Sex and the City« Geburtstag: Zwanzig Jahre ist es her, dass die Serie zum ersten Mal im Fernsehen lief und in Folge zum Mega-Hit und kulturellen Fixpunkt mehrerer Generationen junger Frauen wurde, die die Serie auch für ihren Feminismus feierten. Schließlich dreht sie sich um vier New Yorker Freundinnen, allesamt: erfolgreich im Job, finanziell unabhängig, sexuell selbstbewusst und mit zahlreichen Affären beschäftigt, über die sie auch offen diskutieren. In einer Interview-Reihe des »Guardian« über die Serie schwärmte ein Fan: »Endlich konnte man über Vibratoren sprechen.« Das war 2003. Doch als jetzt, anlässlich des Jubi­läums, zurückgeschaut wurde, waren viele Frauen – nicht selten die gleichen, die in der Serie damals eine Befreiung sahen – irritiert. Vielen erscheint sie nun gar nicht mehr so feministisch. Sie stören sich daran, dass …

Hegel und der Brexit

»Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit«, ist ein berühmter Satz aus Georg Wilhelm Friedrich Hegels Vorlesungen über die Geschichte der Geschichte, die er in den 1820er Jahren hielt – zwei Jahrhunderte vor dem Brexit. Wenn sich heute jemand seine Freiheit ins Bewusstsein rufen möchte, kann er einen Blick auf seinen Reisepass werfen. »Europäische Union« steht drauf, er weist seinen Besitzer mithin auch als Bürger Lapplands, Transsylvaniens und Kataloniens aus, was ihn zum wohl größten Ausweis von Freiheit in der bisherigen Weltgeschichte macht. Die Briten geben diese Freiheit nun auf, ob willentlich oder nicht, versteht wohl niemand mehr so ganz. Was würde Hegel dazu sagen? Er hat in seinen Vorlesungen tatsächlich etwas dazu gesagt: »Der Engländer hat das Gefühl der Freiheit im besonderen; er bekümmert sich nicht um den Verstand, sondern im Gegenteil fühlt sich um so mehr frei, je mehr das, was er tut oder tun kann, gegen den Verstand, d. h. gegen allgemeine Bestimmungen, ist.« Wie immer das Brexit-Drama ausgeht, am Ende wird Hegel Recht gehabt haben. Tobias Hürter

Wo ist eigentlich vorne?

Wer jetzt ungefähr zwischen 7 und 22 Jahren alt ist, gehört zur sogenannten Generation Z. Das klingt wie: die letzte. Deshalb liegt die Frage nahe: Was kommt danach? Von Maja Beckers Was kommt eigentlich nach der Generation Z – die Sintflut? Es ist doch bemerkenswert, dass ausgerechnet die Generation, die derzeit den Rest der Welt an die drohende Apokalypse erinnert, auch den apokalyptischen Namen Generation Z hat. Die letzten. Das klingt schlimm. Eingebrockt hat uns das auf den ersten Blick die Generation X und diejenigen, die von da einfach weiter gezählt haben. Es ist natürlich ungünstig, wenn man schon so weit hinten im Alphabet anfängt. Aber das war ursprünglich auch nicht die Idee. Das X stand damals dafür, dass sich diese Generation nach den Babyboomern so erfolgreich der Benennungswut entzogen hatte. Man konnte sich auf nichts einigen, das die zwischen 1965 und 1980 Geborenen ausmachte, also wurde sie die Generation X und der gleichnamige Roman des kanadischen Schriftstellers Douglas Coupland von 1991 machte den Titel berühmt. Ein bisschen faul nannte man die darauf in den …

»Während wir sprechen ist eine kulturelle Revolution im Gange«

Der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama hat ein Buch über »Identität« ­geschrieben. Wir sprachen mit ihm über die ­Gefahren einer Politik, die sich einzelnen Gruppen verschreibt, über die Gründe für Nationalismus und ­darüber, was es braucht, damit ­Gesellschaften offen bleiben und sich dennoch als Einheiten verstehen. Anfang der 1990er-Jahre rief Francis Fukuyama das »Ende der Geschichte« aus – damals ahnte er noch nicht, in welchem Zustand die westlichen Demokratien im Jahr 2019 sein würden. Die berühmt gewordene These des Politikwissenschaftlers, der an der kalifornischen Stanford Universität lehrt, wurde von vielen missverstanden. Fukuyama wollte nicht sagen, dass die Weltgeschichte in dem Sinne zu Ende sei, dass ab diesem Zeitpunkt nichts Nennenswertes mehr geschähe. Seine Aussage war in einem Hegel’schen Geschichtsverständnis gemeint, nach welchem sich die weltgeschichtliche Entwicklung auf ein Ziel hin bewege. Nicht im Kommunismus, wie Karl Marx (1818–1883) dachte, sondern in der liberalen Marktwirtschaft fänden die gesellschaftlichen Entwicklungskämpfe ihr Ende, so Fukuyama. Einer der Gründe, weshalb sich die Demo­kratie als System durchsetzen würde, sei, dass Demokratien ihren Bürgern die Anerkennung ihrer Identität am besten zusichern könnten. …

Was ist ein Sprechverbot?

Von Manuel Güntert Aktuell gewichtigen Einfluss auf den Diskurs nimmt eine Figur, von der eigentlich angenommen werden muss, sie sei angetreten – worden! –, ihn zu unterbinden. Es handelt sich um das Sprechverbot. Die Frage dabei ist, ob es wirklich Sprechverbote gibt, die die Meinungsfreiheit empfindlich einschränken, oder ob einem dergestalt argumentierenden Sprecher der Verweis auf ein solches nicht eher dazu dient, seine eigene Sprechposition über einen nur vermeintlichen Tabubruch zu akzentuieren, um sich selbst in diesem Zug zu erhöhen. Es wäre dies eine Selbstheroisierung, die so weit gehen kann, dass die Kausalitäten sich kehren, und der Verweis auf ein Sprechverbot, das angeblich überschritten wird, dieses erst schafft. Die Kippfigur dazu wäre entsprechend die Selbstviktimisierung, in der ein Sprecher sich als Opfer eines Meinungsdiktates ausweist, obschon kein wirklich nachvollziehbarer Grund dafür vorliegt. Treten wir einmal einen Schritt hinter diese Debatte zurück, um die nur vermeintlich lapidare Frage zu stellen, was ein Sprechverbot eigentlich ist. Seinem Namen nach will es erreichen, dass etwas Bestimmtes nicht mehr gesagt werden kann. Es ließe sich noch zwischen einem expliziten …