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Pro und Contra: positiv denken?

In einer kontingenten Welt entscheidet nicht der Mensch über sein Glück und Unglück. Oder doch?

 

pro

Seit Jahrzehnten erforscht die Positive Psychologie, was eine gelungene Existenz ausmacht. Studien zeigen, dass eine engagierte, zukunftsbejahende Grundhaltung unsere Lebenszufriedenheit deutlich steigert. Wenn mich alle in den Wahnsinn treiben, mein Job mich aufreibt, kein Erfolgserlebnis weit und breit in Sicht ist, habe ich allen Grund, ins Kissen zu heulen. Ich kann aber auch positiv denken: egal. Was ich mir so unter »Glück« vorgestellt habe, entspricht eben nicht den Plänen des Universums. Vielleicht hält der Kosmos sogar etwas viel Besseres für mich bereit, als sich mein Spatzenhirn das momentan ausmalen kann. Positives Denken wurzelt in der antiken philosophischen Lebenskunst – den Mentaltrainings der Stoiker und Epikureer. »Keinen Schrecken erregen die Götter, keinen Argwohn der Tod; das Gute ist leicht zu beschaffen, das Bedrohliche leicht zu ertragen«, so lautete Epikurs »Vierfach­medizin« (tetrapharmakon). Vom Stoiker Epiktet stammt die Unterscheidung zwischen den Dingen, die in unserer Macht stehen, und denen, die nicht in unserer Macht stehen – die man folglich mit »heiterer Gelassenheit« (ataraxía) zu akzeptieren habe. Diese Leitunterscheidung liegt dem sogenannten Gelassenheitsgebet der Anonymen Alkoholiker zugrunde. Auch mir hilft Epiktet, bei größeren und kleineren Katastrophen nicht gleich durchzudrehen. Ich bin ein großer Fan der Stoiker und damit auch des positiven Denkens. Das Leben ist eine launische Diva. Es schert sich einen Dreck darum, welche Pläne wir haben, ob wir gute oder schlechte Menschen sind – wie sehr wir nach Sinn und Glück streben. Unsere Existenz ist voller Widersprüche, Ungerechtigkeiten und Absurditäten. Aber wir haben es in der Hand, die Richtung unserer Gedanken zu ändern – und dieses Leben in ein gutes Leben zu verwandeln. [Rebekka Reinhard]

 

 

contra

Positiv denken, das klingt nett, aber daraus ist in den letzten Jahren ein erstickender Positivitätskult geworden. Sie haben Ihren Job verloren? Positiv denken, dann kommt auch der nächste! Sie wurden gerade von jemandem verletzt? Positiv denken, dann geht das Gefühl wieder weg! Als könnte man sich das Gute einfach herbeidenken. Das ist das Schlimme am Dogma des positiven Denkens, dass es erstens das Individuum grundsätzlich zum Schuldigen macht. Wenn es mir nicht gut geht, wenn ich vielleicht nicht so schnell einen neuen Job finde, dann habe ich wohl nur nicht positiv genug gedacht. Die Welt ist hart, und manchmal ist es wohltuender, das mit jemandem zu teilen, als es rosarot zu überpinseln. Deshalb warnen auch Soziologinnen wie Eva Illouz und Psychologinnen wie die in Harvard promovierte Autorin Susan David immer öfter vor dem Umkehreffekt, dass eine Kultur des positiven Denkens unglücklich machen kann, weil es die Leute unter Druck setzt. Und weil es sie in kritischen Situationen eine ganze Palette von Gefühlen unterdrücken lässt und sie dadurch den Bezug zu sich selbst verlieren. Und schließlich kann posi­tives Denken Glück sogar regelrecht verhindern, weil es das Handeln ersetzt. Nur wer negative Gefühle zulässt, erkennt, dass er etwas ändern muss – und ergreift dann Maßnahmen, um sich vielleicht eine neue Wohnung zu suchen, statt sich die alte mit dem Schimmel im Bad schönzureden. Auf Dauer klappt das nämlich meist auch nicht. Es raubt einem bloß sehr viel Energie, etwa die Wohnung schöner zu sehen, als sie ist. Und sobald man die Gefühlszügel wieder locker lässt, dringt die Erkenntnis, dass die Wohnung einen fertigmacht, wieder durch, und man wünschte, man hätte früher gehandelt. Das heißt, positives Denken ist eine Sackgasse, und zwar eine, die wegführt von der Realität. [Maja Beckers]

Illustration: Gabriele Dünwald

 


Dieser Text stammt aus unserer Ausgabe (2/2020)

 

 

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