Alle Artikel mit dem Schlagwort: Freiheit

»Wir dürfen Freiheit nicht nur als Freiheit zum vernünftigen Handeln verstehen«

Der bekannte Staatsrechtler Christoph Möllers wird für sein Buch »Freiheitsgrade« 2021 mit dem renommierten Tractatus-Essaypreis des Philosophicum Lech ausgezeichnet. Wir sprachen mit dem Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin im Herbst 2020 über die Coronakrise, politischen Liberalismus und das Verhältnis von Wahrheit und Freiheit und Demokratie. Interview: Thomas Vašek Illustration: Gabriele Dünwald HOHE LUFT: Herr Möllers, inwieweit bedroht die ­Coronakrise unsere Freiheit? CHRISTOPH MÖLLERS: Ich würde nicht mehr von ­Bedrohung reden, wir sind ja real eingeschränkt. Wir haben Verluste an Freiheit, die wir auch nicht wieder einholen können. Die Frage ist, welche langfristigen Folgen das hat. Man kann sich vorstellen, dass es Gewöhnungseffekte gibt. Es wäre ein Problem, wenn die Gesellschaften sich auf Dauer zu sehr daran gewöhnten, dass sie derart eingeschränkt werden – selbst wenn dies aus vernünftigen Gründen geschieht. Wie würden Sie als Staatsrechtler den derzeitigen Zustand beschreiben? Ist das noch die rechtsstaat­liche »Normallage« – oder tatsächlich ein Ausnahmezustand, wie manche glauben? Das ist eine interessante Frage, die darauf hinweist, dass wir einen Begriff bräuchten, den wir nicht haben. Die Rede vom Ausnahmezustand …

Welche Freiheit brauchen wir?

Vom Sieg Donald Trumps bis zum Aufstieg der AfD: In den westlichen Demokratien wachsen Wut und Angst vor Terror. Was bisher selbstverständlich schien, wird immer mehr infrage gestellt – die liberale, offene Gesellschaft. Ein Plädoyer für eine neue »Radikale Freiheit«, ein freies Wir, das ein- und nicht ausschließt. Text: Rebekka Reinhard, Thomas Vašek So viel Freiheit wie heute war nie. wir können und dürfen tun und lassen, was wir wollen – shoppen, chatten, vögeln, völlern, hassen. man kann jederzeit und überall fast alles sagen. auf Facebook hat jeder seine Stimme. es ist möglich, über Flüchtlinge herzuziehen, Politiker zu beschimpfen, gegen die Burka zu wettern. Wir können es unter vollem Namen tun oder ein Pseudonym wählen. Wir sind auch frei, wie wir auf Wutreden und Hassbotschaften anderer reagieren möchten. Wir können sie mit Likes quittieren und einstimmen in den Chor der Gekränkten. wir können auch dagegen votieren, im Vertrauen auf das bessere Argument. Oder wir schalten gleich ab und schauen weg. Niemand zwingt uns zu wählen, zu heiraten, zu arbeiten, wenn wir etwas anderes vorziehen. All …

Hegel und der Brexit

»Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit«, ist ein berühmter Satz aus Georg Wilhelm Friedrich Hegels Vorlesungen über die Geschichte der Geschichte, die er in den 1820er Jahren hielt – zwei Jahrhunderte vor dem Brexit. Wenn sich heute jemand seine Freiheit ins Bewusstsein rufen möchte, kann er einen Blick auf seinen Reisepass werfen. »Europäische Union« steht drauf, er weist seinen Besitzer mithin auch als Bürger Lapplands, Transsylvaniens und Kataloniens aus, was ihn zum wohl größten Ausweis von Freiheit in der bisherigen Weltgeschichte macht. Die Briten geben diese Freiheit nun auf, ob willentlich oder nicht, versteht wohl niemand mehr so ganz. Was würde Hegel dazu sagen? Er hat in seinen Vorlesungen tatsächlich etwas dazu gesagt: »Der Engländer hat das Gefühl der Freiheit im besonderen; er bekümmert sich nicht um den Verstand, sondern im Gegenteil fühlt sich um so mehr frei, je mehr das, was er tut oder tun kann, gegen den Verstand, d. h. gegen allgemeine Bestimmungen, ist.« Wie immer das Brexit-Drama ausgeht, am Ende wird Hegel Recht gehabt haben. Tobias Hürter

Neues Heft: Rettet die Freiheit! Aber welche?

Ausgabe 02/2017 ab sofort im Handel Über Freiheit denken wir so wenig nach wie übers Atmen. Doch gerade erleben wir, wie unsere Freiheit bedroht wird und wir der Frage ausgesetzt sind: Was bedeutet es, ein freies Leben zu führen? Und welche Form von Freiheit können wir Terror, Populismus und Feindseligkeit entgegensetzen? Außerdem: Sein »Ich denke, also bin ich« ist weltberühmt. Im neuen Schwerpunkt dreht sich alles um René Descartes und seine Suche nach unumstößlicher Erkenntnis. Weitere Themen dieses Mal: Was kann effektiver Altruismus? Feminismus goes Pop! Ist Zufall Schicksal? Der mittelalterliche Gelehrte Moses Maimonides. Anonymität in Zeiten des Internets. Lob der Verlässlichkeit. Und: Was bleibt von Heidegger? Heidegger-Schüler Rainer Marten und »Schwarze Hefte«-Herausgeber Peter Trawny im Streitgespräch. Zum Inhaltsverzeichnis geht’s hier entlang. Hier können Sie das neue Heft und ältere Ausgaben versandkostenfrei bestellen.

Die Freiheit zum Irren, mit Heidegger

Der französische Semiotiker François Rastier über die Schrift »Irrnisfuge« des Philosophen Peter Trawny, Mitherausgeber der Heidegger-Gesamtausgabe und maßgeblich beteiligt an der Diskussion um Heideggers Antisemitismus in seinen »Schwarzen Heften«. Rastiers neues Buch »Naufrage d’un prophete« ist vor Kurzem erschienen und befasst sich mit heutiger Heidegger-Rezeption radikaler Theoretiker aus dem linken und rechten Spektrum. 

Warum Sisyphos glücklich ist

Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen, forderte Albert Camus (1913-1960) 1942: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.“ In den Räumlichkeiten der Buchhandlung Moser in Graz sprach HOHE LUFT-Chefredakteur Thomas Vašek mit NZZ-Feuilletonchef Martin Meyer, der erst letzten Sommer seine Camus-Biographie im Hanser-Verlag herausbrachte, über den großen Philosophen des Absurden, der im November seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Es klingt erst einmal wie ein Widerspruch, wenn Camus Freiheit predigt und zugleich von einem glücklichen Sisyphos spricht – wie könnten wir uns diesen als frei vorstellen? Dazu verdonnert, ein- und denselben Felsen immer und immer wieder den Berg hinauf zu wälzen, scheint Sisyphos vielmehr Inbegriff des gefangenen, denn freien Individuums zu sein. Doch genau das ist die Dialektik bei Camus, erklärt Meyer: Erst erfährt das Individuum die Welt als undurchdringbar und sinnlos, dann beginnt es sie hinzunehmen und zu akzeptieren. So gesehen ist Sisyphos als Allegorie des Lebens zu verstehen: Er sucht vergeblich nach einem Sinn, kann die ewig gleiche Handlungsabfolge jedoch hinnehmen und so ein Stück weit seine Freiheit zurückerobern. Freiheit …

Freiheit und Abhängigkeit

Überwachung! Angriff auf die Privatsphäre! Beim Blick in die Zeitungen könnte man meinen, wir seien so unfrei wie nie zuvor. Wenn wir nicht sorglos im Internet surfen oder persönliche E-mails verschicken können, ohne dass wir ausgespäht werden könnten, fühlen wir uns in unserer persönlichen Freiheit eingeschränkt. Dabei hängt die Freiheit nicht nur an staatlicher Nicht-Einmischung, wie ein globaler Sklavenindex zeigt.

Risiko und Selbstbestimmung

Was macht es heute für viele junge Menschen so attraktiv, sich selbstständig zu machen? Offenbar ist es verlockend, sein eigener Chef zu sein. Aber wird nicht der Ruf nach Absicherung und klaren Strukturen ebenfalls immer lauter? Das Bedürfnis nach Sicherheit steigt heute in fast allen Lebensbereichen. Ein Bedürfnis, das ein Start-Up-Unternehmen, das vor allem anfänglich mit Risiken verbunden ist, kaum befriedigt. Jean-Paul Sartre (1905 – 1980) war als Vertreter des Existentialismus der Ansicht, dass Leben überhaupt erst im Begreifen und Benutzen der eigenen Freiheit stattfindet. „Der Mensch ist nichts anderes als wozu er sich macht“ sagte er. Da der Mensch für sich selbst, sein Leben und seine Identität selbst verantwortlich ist, muss er auch selbst handeln. Sich in vorgefertigte Formen einzufügen, wird der dem Menschen eigentümlichen Freiheit nicht gerecht. Dass der Mensch frei ist, ist sowohl ein Segen als auch ein Fluch. Denn er kann niemanden für sein Handeln verantwortlich machen als sich selbst, hat aber gleichzeitig die Möglichkeit und die Pflicht, über sich selbst zu bestimmen.

Fressen oder Freiheit?

Luxus – für den einen sind das gute Jahrgänge, teure Düfte und schwere Klunker, für den anderen ein Termin beim Friseur oder ein Urlaubstag extra. Luxus ist all das, was man genießt, obwohl es eigentlich verzichtbar wäre. Wenn ein Milliardär sich seine dritte Jacht kauft, nennt er das Luxus. Für viele Familien in Malawi hingegen bedeutet Luxus, ihren Kindern die 90 Euro Schulgeld im Jahr zu bezahlen. Offenbar kann alles zum Luxus werden, wenn man den passenden Blickwinkel einnimmt. Ist Luxus aber wirklich so relativ? Oder gibt es auch etwas, das niemals Luxus ist? In dem Artikel „Fressen oder Freiheit?“ (PDF, HOHE LUFT 04/2013) geht Robin Droemer diesen Fragen nach.