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Freiheit und Abhängigkeit

Überwachung! Angriff auf die Privatsphäre! Beim Blick in die Zeitungen könnte man meinen, wir seien so unfrei wie nie zuvor. Wenn wir nicht sorglos im Internet surfen oder persönliche E-mails verschicken können, ohne dass wir ausgespäht werden könnten, fühlen wir uns in unserer persönlichen Freiheit eingeschränkt. Dabei hängt die Freiheit nicht nur an staatlicher Nicht-Einmischung, wie ein globaler Sklavenindex zeigt.

Zum ersten Mal wurde 2013 der Global Slavery Index veröffentlicht, eine Studie, die für jedes Land die Anzahl an Menschen erfasst, die ein Leben führen, das nach heutigen Maßstäben als Sklavendasein bezeichnet werden kann. Insgesamt kommt die Studie auf beinahe 30 Millionen Menschen weltweit, die in besonders hohem Ausmaß entrechtet, fremdbestimmt und Arbeitszwängen ausgesetzt sind. Versklavt zu sein, das bedeutet keinerlei Verfügungsgewalt über das eigene Leben zu haben, jemand anderem unterstellt zu sein, diesem zu gehören. Besonders Prostitution und Menschenhandel spielen dabei eine herausragende Rolle. Unser Jubilar der Woche, Friedrich Nietzsche, bietet eine etwas andere Definition an: „Wer von seinem Tage nicht zwei Drittel für sich hat, ist ein Sklave“ schreibt er in Menschliches, Allzumenschliches. Demnach müssten wir alle vom Global Slavery Index erfasst werden. Trotz wenig Freizeit würden sich die wenigsten von uns als Sklaven oder als unfrei bezeichnen. Der Unterschied wird dann deutlich, wenn man sich fragt, was wir überhaupt damit meinen, wenn westeuropäische Mittelschichtler von Freiheit sprechen. Wir neigen dazu, die staatliche Kontrolle als größte Bedrohung für unsere Freiheit wahrzunehmen. Freiheit ist demnach durch möglichst wenig staatliche Intervention gekennzeichnet, wie es der klassische Liberalismus postuliert. Bei der modernen Versklavung liegt die Unfreiheit der Betroffenen aber nicht darin, dass der Staat ihre Freiheit beschneidet, sondern in der extremen Abhängigkeit von anderen, die sich gerade dem staatlichen Zugriff entzieht. Der irische Philosoph Philip Pettit vertritt die These, dass jede Abhängigkeit potentiell unfrei macht. Damit meint er nicht nur die Beziehung von Staat und Bürger, sondern vor allem jedes andere Abhängigkeitsverhältnis. Die Sklaven der Gegenwart sind nicht auf Galeeren angekettet, sondern befinden sich in so starken Abhängigkeiten von ihren Zuhältern, Arbeitgebern oder Ehemännern, die einem Zwang gleichkommen. Betrachtet man Freiheit unter diesem Aspekt, wird deutlich, warum ein Mensch in einem sklavenähnlichen Verhältnis sehr viel unfreier ist als jemand, der sich nur Sorgen um seine Mails machen muss und sonst in keinem nennenswerten Abhängigkeitsverhältnis lebt. Pettits Freiheitsbegriff kann darüber hinaus auch uns klarer vor Augen führen, dass nicht bloß der Staat das große Schreckgespenst der Freiheit ist, sondern Unfreiheit auch durch zwischenmenschliche Beziehungen entstehen kann, nicht nur im Extremfall Sklaverei.

– Greta Lührs

VERANSTALTUNGSHINWEIS

10. Bayreuther Dialoge: „Was ist dir deine Freiheit wert?“
Ein Symposium des Studiengangs Philosophy & Economics der Universität Bayreuth

26. + 27. Oktober 2013
Universität Bayreuth
Universitätsstraße 30
95447 Bayreuth

1 Kommentare

  1. Reinhardt sagt

    Letztens hörte ich in einem Beitreg, ich denke, es war im Radio, über den Urpsrung des Wortes „cool“. Dieser uns so geläufige Ausdruck aus dem englischen Sprachraum entstamme aus der Zeit der Versklavung afrikanischer Bürger in Amerika. Als cool galten diejenigen Sklaven, die in ihrer Heimat Könige waren und in Amerika als Slkaven niedrige Taetigkeiten verrichten mussten, und nicht nur das. Als Sklaven mussten sie sich einem anderen unterwerfen, dessen Bewusstsein und Selbstverstaendnis oft weit unter dem eines Königs lagen. Cool waren diejenigen, die diese Erniedrigung mit einer inneren Haltung der Groesse aufrecht ertrugen und es schweigend hinnahmen.
    Dieser Habitus wurde zur Grundlage einer inneren Freiheit, die sich aus der Versklavung entwickelt hat. Noch heute nennen wir jemanden cool, wenn diesem gesellschaftliche Konventionen nicht als absolut gesetzt sind, also diejenigen, die selbstbewusst, ohne große Aufregung ihren Weg gehen, alleine stehen können und relativ unabhängig entscheiden.
    Abhängigkeit und Freiheit sind zwei Gegensätze, die einander bedingen. Löschte man die Abhängigkeit aus der Welt, so gäbe es auch keine Freiheit. So wie Nietzsche es für den Irrtum erkannte, ohne den es keine Wahrheit gibt. Je geringer die Abhaemgigkeit ist umso geringer ist auch die Freiheit.
    Freiheit lebt nur dadurch, dass diese erlebt wird. Erleben kann man Freiheit nur, wenn man sie sich erlangt. Das geht nur durch die Überwindung der Abhängigkeit.
    Freiheit erlebt man diesbezüglich in zwei Formen, durch den Mangel an selbiger als Verlust im Zustand der Abhaemgigkeit oder als absoluten Zustand im Moment der Überwindung der Abhängigkeit.
    Will man sich von diesem kurzen Freiheitskick emanzipieren, gelingt einem dies nur über die Unterwerfung unter die Disziplin geistiger Übungen wie Meditation oder Kontemplation. Aber auch körperliche Übungen wie zum Beispiel Yoga dienen der Befreiung der Seele.
    Was den Diskurs betrifft, so liegt Freiheit jedoch jenseits von Gut und Böse, um bei unserem Jubilar zu bleiben.
    Doch was ist die Freiheit, wenn diese als zu überwindender Wert nur ein Spielball des Diskurses über Freiheit und Abhängigkeit ist? Nach Nietzsche liegt die wahre Freiheit hinter den Werten Freiheit und Abhängigkeit, in einem Zustand des absoluten Nichts. Dieser Zustand kennzeichnet sich durch das Ruhen des Denkens, des Intellekts. Dieser Zustand ist die Grundlage eines meditativen Lebens, das sich zurückgezogen von der Gesellschaft, sich selbst genügt.
    Wer diesen Zustand der Feiheit erlangt hat wird jedoch nicht mehr über das Gegensatzpaar Freiheit und Abhaengigkeit sprechen wollen. Wenn sich dieser Befreite jedoch dazu entschließen wuerde, an einem Diskurs über Freihet teilzunehmen, koennte dieser einen Hauch von Freiheit in diesen Diskurs tragen, auch wenn er es nur durch Schweigen täte. Doch Platon hat bereits im Hoehlengleichnis gezeigt, wie es diesem Befreiten ginge.
    In diesem Sinne wünsche ich allen versklavten zumindest das Erlebnis der inneren Freiheit gegenüber der Macht, in deren Abhaemgigkeit sie stehen.

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