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Alice und Bob #5: Die Gartenlaube

Letzten Samstag besuchte Bob Alice in ihrem Garten. Die war gerade dabei, ihre Gartenlaube neu zu streichen.

„Du werkelst ja schon wieder an deinem Schuppen herum“ rief er.

„Das ist schon lange kein Schuppen mehr, das ist eine Gartenlaube“ erwiderte Alice mit gespielter Empörung.

„Du hast recht. Ich glaube, in den letzten Jahren hast du alle Wände erneuert und auch der Fußboden und das Dach sind neu. Wahrscheinlich ist kein Brett von dem Schuppen übrig geblieben, der da früher stand!“

„Das stimmt. Und das Häuschen ist geräumiger geworden, die Fenster größer, die Tür breiter!“

„Wenn ich das richtig sehe“ meinte Bob, „hast du im Laufe der Zeit sogar das ganze Haus ein Stück zur Seite gerückt?“

„Gut erkannt!“ Alice lachte. „Ich hab erst an der einen Seite einen Meter angebaut und später, als ich die andere Seite erneuern wollte, hab ich mich entschlossen, das Häuschen doch wieder etwas schmaler zu machen. So ist es ein bisschen gewandert.“

„Genau genommen ist es gar nicht mehr das gleiche Haus,“ sinnierte Bob, indem er sich auf der Terrasse in die Sonne setzte. „Es steht nicht am selben Fleck, kein einziges Brett ist vom alten Haus übrig, und es ist auch kein Schuppen mehr,“ setzte er spöttisch hinzu „sondern eine Gartenlaube!“

„Was für ein Unsinn!“ Alice schien ärgerlich zu werden: „Natürlich ist es das selbe Haus! Ich bin jedes Jahr in dieses Haus hineingegangen und aus ihm herausgekommen. Es ist dasselbe Haus geblieben, es hat sich nur verändert!“

„Wie kann eine Gartenlaube mit großem Fenster und breiter Tür, sauber verarbeitetem dickem Holz, glattem Boden und regendichtem Dach das selbe Haus sein wie der windschiefe Schuppen, der vor Jahren hier stand?“ fragte Bob.

Alice erklärte: „Es kommt für die Identität gar nicht darauf an, dass alle Eigenschaften übereinstimmen. Es kommt auf die Kontinuität in der Veränderung an. Ich habe jedes Jahr an diesem Schuppen irgendetwas verändert, aber es war immer mein Gartenhäuschen, an dem ich gearbeitet habe. Und weil es immer das selbe Häuschen war, ist es auch noch dasselbe wie am ersten Tag.“

„Aber wenn wir Identität überprüfen, dann prüfen wir das an den Merkmalen, die wir jetzt feststellen. Wenn der Beamte an der Grenze in meinen Ausweis schaut, dann muss ich darin so aussehen, wie ich eben jetzt aussehe, deshalb brauche ich ja auch alle paar Jahre einen neuen Ausweis! Und wenn du jemandem ein Foto von dem Schuppen zeigst, der hier vor Jahren stand, dann wird der dir nie glauben, dass das der selbe ist wie der, der jetzt da steht. Wir können die Identität eines Dings nur an den Eigenschaften prüfen, die es jetzt hat!“

„Das Problem ist, dass wir das so sehen, ja.“ Antwortete Alice „Wir könnten ja auch die Geschichte des Dings erzählen, um seine Identität mit sich selbst zu belegen.“

Bob schwieg, schloss die Augen und genoss die Frühlingssonne. Er dachte, dass er früher, als Kind, nicht einfach so daliegen mochte, da wäre er durch den Garten getobt, hätte mit Alice gerauft… er hatte sich ganz schön verändert.

Alice hantierte mit ihrem Werkzeug, sie schlug schon wieder irgendwo einen Nagel ein: „Du bist auch nicht mehr derselbe wie früher! Früher hättest du mich gefragt, ob du mir helfen kannst!“

Vor zwei Wochen war Bob auch bei Alice zu Besuch. Sie sprachen über gute Messer und gute Freunde.

Jörg Phil Friedrich spricht und schreibt über viele Fragen der Praktischen Philosophie. Sein täglich Brot verdient er in der Softwarewelt.

 

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