Alle Artikel mit dem Schlagwort: Moral

Gibt es rein moralisches Handeln?

Von Manuel Güntert Durch meinen Facebook-Stream sind in der jüngeren Vergangenheit Postings gelaufen, in denen Partizipanten an diesem sozialen Medium sich als Spender an eine gute Sache ausgewiesen haben. Als jemand, der diese Gabe zur Kenntnis nimmt, bin ich gewissermaßen in sie involviert und nicht nur ich bin das: Je nach „sozialer Zugkraft“ des Spenders sind viele Menschen als Beobachter involviert. Denn sie alle sehen ja, dass da jemand etwas gegeben hat. Nur: Hat, wer unter dem Augenschein anderer gibt, wirklich gegeben? Da in den sozialen Medien alles, was „in ihnen“ geschieht, unter Beobachtung steht, scheint die Gelegenheit günstig, sich die etwas naiv anmutende Frage zu stellen, ob man überhaupt geben kann. So klar, wie das zu sein scheint, ist das mitnichten. Ein damit zusammenhängendes Thema ist kürzlich vom Philosophen Peter Trawny aufgeworfen worden. Er beruft sich auf eine Stelle im Matthäus-Evangelium, in der Jesus von seinen Zuhörern fordert, acht zu haben, die Gerechtigkeit nicht vor Leuten zu üben, um von ihnen gesehen zu werden; sonst haben sie keinen Lohn beim Vater im Himmel.[1] Dann …

Alice und Bob #6: Die Warteschlange

Fast wäre Bob zu seiner letzten Verabredung mit Alice zu spät gekommen, denn er hatte wirklich lange an der Supermarktkasse anstehen müssen. Dennoch, so berichtete er Alice gleich nach der Begrüßung, hatte er eigentlich eine müde alte Dame noch vorlassen wollen, die er ganz am Ende der Warteschlange erspäht hatte als er gerade dabei war, seine eigenen Einkäufe aufs Band zu legen. Freundlich hatte er ihr zugerufen, sie solle doch nach vorn kommen und sich vor ihm selbst einreihen, dann wäre sie direkt als nächste Kundin an der Kasse gewesen. Alice lächelte wissend, denn sie ahnte schon, was dann passiert war: „Das haben sich die anderen Kunden natürlich nicht gefallen lassen, stimmt’s?“ „So ist es,“ antwortete Bob aufgeregt, „manche Leute haben sich so empört, dass die arme Frau ganz eingeschüchtert in der Reihe stehen geblieben ist. Sie hat sich fast entschuldigt für meinen Vorschlag!“ „Du weißt natürlich nicht, wie es den Leuten ging, die selbst in der Schlange standen. Vielleicht war jemand krank, hatte Fieber und musste aber dringend was einkaufen? Vielleicht war eine alleinstehende …

Richtig streiten #4: Prinzipien und die herrschende Meinung

Die Logik des Begründens von Meinungen soll uns in dieser Serie beschäftigen. Dazu müssen jedoch immer noch einige Vorarbeiten geleistet werden, die das Feld, auf dem diese Logik wirkt, genauer beschreiben und damit den Gegenstand, das vernünftige Streiten um Meinungen, erst einmal hinreichend genau bestimmen. Schon diese Beschreibung liefert uns wertvolle Einsichten, auch wenn sie noch nicht die Logik des Streitens sind. Im ersten Teil dieser Serie hatte ich das vernünftige Sprechen durch die Bereitschaft des Sprechers bestimmt, für seine Meinung Begründungen anzugeben. Das begründete Sprechen hatte ich mit dem vernünftigen Sprechen identifiziert und die Ablehnung der Angabe von Gründen als unvernünftig gekennzeichnet. Allerdings kennen wir im Alltag viele Situationen, in denen eine Person es als absurd empfindet, Begründungen für ihre Meinung angeben zu sollen. Häufig stimmt sie darin mit der Mehrzahl derer überein, die sich an dem Gespräch beteiligen, in welchem die Meinung geäußert wurde. Golfspieler vor einem Waldbrand Ein aktuelles Beispiel soll das erläutern: Vor einigen Tagen wurde in sozialen Online-Netzwerken häufig ein Bild gepostet, auf dem Personen beim Golfspiel zu sehen waren, …

Die zwei Seiten der Empathie

In der Titelgeschichte der neuen Ausgabe von HOHE LUFT beschäftigen wir uns mit Empathie – dem derzeit so hochgelobten Mitgefühl. Empathie macht alles gut, liest und hört man oft. Stimmt aber nicht. Empathie ist oft gut, aber in manchen Zusammenhängen kann sie unsere Wahrnehmung und unser Moralgefühl verzerren. Eine interessante Diskussion über den Segen und den Fluch der Empathie zwischen den amerikanischen Psychologen Paul Bloom und Richard Davidson können Sie auch hier sehen: https://www.youtube.com/watch?v=CJ1SuKOchps

HOHE LUFTpost – Über Moral lässt sich streiten

HOHE LUFTpost vom 24.07.2015: Über Moral lässt sich streiten Was halten Sie von Ehrenmorden? Richtig oder falsch? Wahrscheinlich falsch – hoffentlich! Aber wie begründen Sie es? Wie würden Sie versuchen, jemanden aus einer traditionell islamischen, von der Sharia-Gesetzgebung geprägten Gesellschaft davon zu überzeugen, dass Ehrenmorde nicht OK sind? Oder grundsätzlicher gefragt: Lässt sich über Moral sinnvoll diskutieren? Die Philosophen sind da geteilter Meinung. Empiristen wie David Hume waren überzeugt, dass die Moral ihrem Wesen nach subjektiv ist, dass also moralische Urteile letztlich auf einem Moralgefühl gründen, das man halt hat oder nicht. Immanuel Kant hingegen versuchte, die Moral mit raffinierten Argumenten in der Vernunft zu verankern – wobei ich bezweifle, ob sie die Ehrenmord-Frage befriedigend lösen würden. Der amerikanische Philosoph Alex Rosenberg betrachtete all dies kürzlich in einem Artikel auf der Website der New York Times und kam zu dem Schluss: Über Moral lässt sich nicht streiten. Ich muss Rosenberg widersprechen. Was wäre eine Moral wert, über die sich nicht streiten ließe? Ich bin überzeugt, dass es sinnvoll ist, mit Muslimen darüber zu streiten, ob ein Mord …

„Gerechtigkeit ist ein ständiger Prozess“
HOHE LUFT-Interview mit Rainer Forst

Wenn sich wohlhabende Gesellschaften beispielsweise dazu durchringen, das zu leisten, was man früher »Entwicklungshilfe« nannte und heute etwas schöner »Entwicklungszusammenarbeit«, also einen – kleinen – Teil ihres Wohlstands großzügig abzugeben, dann hat das nichts mit Gerechtigkeit zu tun, wenn dies nicht im Bewusstsein geschieht, dass der Wohlstand hier historisch und aktuell mit der Armut dort zu tun hat und die Strukturen, die dies bedingen, zu ändern sind. Man kann immer noch sagen, dass es besser ist, solche Hilfe zu leisten, als sie nicht zu leisten. Die Gerechtigkeit wird aber dadurch nicht berührt, wenn nicht die existierenden Strukturen der Abhängigkeit infrage gestellt werden. Im HOHE LUFT-Interview spricht der Philosoph Rainer Forst darüber, wie wir Menschen miteinander umgehen sollten. (PDF, HOHE LUFT 4/2013) Sie würden die Gedanken von Rainer Forst gern ergänzen? Sie haben eine völlig andere Vorstellung von Gerechtigkeit? Dann machen Sie mit beim großen HOHE LUFT-Schreibwettbewerb zum Thema „Gerechtigkeit“. Alles über den Wettbewerb finden Sie hier.

Wie viel Neugier ist erlaubt?

Sie sitzen im Zug von Hamburg nach Lüneburg. Drei Männer mittleren Alters, ausgerüstet mit Sonnenhüten und Kameras. Einer sagt: „Mal sehen, wie weit wir an die Elbe rankommen.“ „Da bin ich auch gespannt“, sagt ein anderer. „Ob der Bus überhaupt noch so weit fährt? Vielleicht ist ja schon alles abgesperrt.“ Katastrophentouristen auf dem Weg zu einer großen Show: dem Hochwasser an der Elbe.

Was den Banker von der Katze unterscheidet

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, fordert Immanuel Kant. Aber liegt unser Verstand immer richtig? Während Tiere ganz instinktiv handeln, muss der Mensch, um handeln zu können, erst zwischen verschiedenen Optionen abwägen und dann eine Entscheidung treffen. Das ist, was gemeinhin der „freie Wille“ genannt wird. Ist aber dieser freie Wille besser als das instinktive Handeln?

„Der Taliban der Moralphilosophie“ –
Hohe Luft live über die Frage: Darf man lügen?

„Die Lüge ist wahrer als die Wahrheit, weil die Wahrheit so verlogen ist“. Mit diesem Zitat des österreichischen Künstlers André Heller eröffnete der Philosoph und Journalist Martin Koch den zweiten Abend der Reihe HOHE LUFT live in der modern life school in Hamburg. Gemeinsam mit HOHE-LUFT-Chefredakteur Thomas Vašek diskutierte Koch, ob man eigentlich lügen darf und welche moralischen Probleme sich im Zusammenhang mit dem Lügen ergeben können. Schnell verständigten sich die Philosophen darauf, dass die Lüge die Kenntnis der Wahrheit voraussetzt- und damit eine gewisse Raffinesse erfordert. Der Lügner habe demzufolge, so Thomas Vašek, durchaus ein Interesse an der Wahrheit, allerdings eines perverser Natur.