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Krankenschwestern der Nation

Ich bin wütend. Ich kann es mir leisten. Ich habe Zeit dazu. Anders als die meisten meiner Freundinnen kann ich mich voll und ganz auf meine Videokonferenzen konzentrieren… und zwischendurch über den Grund meiner Wut nachdenken. Ich muss nicht überlegen, was ich noch alles tun muss, eigentlich schon längst hätte erledigen sollen. Waschen, Putzen, Kochen, Schleppen, Hausaufgabenbetreuen, Streitschlichten. Ich bin nicht verheiratet und habe keine Kinder. Ich habe Zeit. Also artikuliere ich meine Wut stellvertretend für die vielen Frauen, die es nicht können. Weil sie noch die Wäsche machen müssen. Und die Mathe-Hausaufgaben. Und noch schnell zum Supermarkt und in die Drogerie. Weil ihr Mann noch zoomen und früh schlafen gehen muss. Weil er mehr verdient als sie.

Corona wird die Frauenbewegung um drei Jahrzehnte zurückwerfen, prophezeit die Soziologin Jutta Allmendinger. Ich glaube, es ist noch schlimmer. Wir befinden uns wieder in den frühen 60er Jahren. Ein Indiz hierfür ist die Aktualität einer alten Hollywoodkomödie mit Doris Day: Was diese Frau so alles treibt (1963). Protagonistin Beverly Boyer ist blond, mit einem Frauenarzt verheiratet, ein Sohn, eine Tochter, unentwegt lächelnd. Alles läuft super, bis Beverly das unwiderstehliche Angebot bekommt, als Seifen-Model groß rauszukommen. Sie macht richtig gut Kohle und ist selten zu Hause. Dr. Gerald Boyer reagiert zunehmend ungeduldig, Beverly kriegt ein schlechtes Gewissen und versemmelt ihre Kameraauftritte. Die Lösung des Problems wird eingeleitet, als der Doktor eine seiner Patientinnen Notfall-bedingt mit Unterstützung seiner Frau entbinden muss. Kaum ist das Baby da, kapiert Beverly, dass sie sich ein drittes Kind wünscht.

Beverly ist eine moderne Frau im Korsett der männlichen Norm. Zu Beginn des Films ist sie nur Frau und Hausfrau. „Frau“ bezieht sich auf die Tatsache ihres biologischen Geschlechts, „Hausfrau“ auf die Setzung einer weiblichen Idealnorm, der ihre soziale Rolle entspricht. „Hausfrau“ besagt, dass sie eine „echte“ und damit gute Frau ist. Die anatomische und die kulturelle Realität von Frau und Hausfrau passen perfekt zueinander. Zusammen schaffen sie ein eindeutiges, unkompliziertes Glück; eine Welt, in der sich Beverly ganz zu Hause fühlen kann. Aber Beverly will mehr. Sie weiß, dass sie mehr drauf hat als nur Marmeladeeinwecken.

Sobald sie ihre angestammte Sphäre verlässt, mutiert sie von der echten zur schlechten Frau. Daran kann auch die Tatsache nichts ändern, dass die Seife, für die sie wirbt, „Happy“ heißt. Was diese Frau so alles treibt ist ein soziales Experiment im Breitbildformat, das Frauen in den 1960er Jahren zeigen sollte, was geht und was nicht. Auch Corona ist ein soziales Experiment. Corona unterzieht den Feminismus einem Stresstest. Schon nach wenigen Wochen ist klar, dass ihn die Testpersonen kaum heil überstehen werden. All die „working moms“, die glaubten, sie seien ziemlich emanzipiert. All die Hauptverdiener, die dachten, sie seien moderne Väter. Hey, wir schreiben das 3. Jahrtausend. Und immer noch ist die Rede von der Gleichberechtigung eine einzige Heuchelei. Was diese Frauen so alles treiben! Der Corona-Test zeigt, dass sie es zu weit getrieben haben. #MeToo war nur ein schöner Traum. Wo ist die Wut geblieben? Kaum ist die #MeToo-Welle abgeebbt und mit ihr die Diskussionen um echte Gleichheit, ist alles wieder beim Alten, beim Uralten. Wie früher können Frauen nicht den Mund aufmachen und klar sagen, wer sie sind, was sie wollen und nicht mehr wollen, was ihnen zu ihrem Glück zusteht – ohne aus der binär untergeordneten Position zu sprechen. Jetzt erst recht nicht.

Wo sind die Frauen überhaupt? 72 % der systemrelevanten Berufe werden von Frauen bekleidet, sagt Jutta Allmendinger. Ich möchte diese Zahl auf 100% nach oben korrigieren. Denn alle Frauen sind Krankenschwestern – zumindest potenziell. Selbst wenn sie neben ihrem Job kinderlos und unverheiratet sind. Die männliche Norm erwartet es von ihnen. Frauen haben immer Bereitschaftsdienst. Ihr Platz war und ist die häusliche Sphäre (und wenn man sie hinprügeln muss). Echte, gute Frauen gehören an den Herd. Ihnen steht die Rolle der Dienenden, Sorgenden, Pflegenden zu. Eigentlich. In „echt“. Da kommt das Homeoffice gerade recht. Homeoffice wie Hausarbeit wie Hausaufgabenbetreuung. Das Recht auf Heimarbeit braucht das Recht auf einen Platz außerhalb der Familie, sagt Jutta Allmendinger. Wer gibt ihnen dieses Recht?

„Anstatt den Mann zu kastrieren, muss die Frau selbst in die Potenz finden: Aktion statt Reaktion. Positivität statt Negativität. Fülle statt Mangel“, schrieb Svenja Flaßpöhler vor nicht allzu langer Zeit. Klingt toll. Nur wie soll das unter den aktuellen Umständen gelingen? Schon von Corona zeigte sich, dass die arbeitende Frau im gebärfähigen Alter meist schlicht zu erschöpft war, um auch noch „in die Potenz (zu) finden“. Schon vor Corona stand sie viel zu sehr unter Druck, ihre „Echtheit“ zu potenzieren. Der neuen Ideal-Norm zu entsprechen, die nicht mehr wie zu Beverlys Zeiten im Frausein Hausfrauensein besteht, sondern darin, Supermom zu verkörpern – einerseits in der männlichen Sphäre bezahlter Arbeit durchzustarten (wenigstens in Teilzeit), andererseits ihrer weiblichen „Natur“ gemäß aber bloß nie zu vergessen, die Sphäre ehrenamtlichen Bedienens und Jasagens zu bespielen. Supermom hat nie Zeit. Nicht mal für ihre Wut. Jetzt erst recht nicht mehr. Sie wird an allen Ecken und Enden viel zu sehr gebraucht. „Wer sich seiner Wichtigkeit bewusst wird, wird sich seiner Macht bewusst. Und bei aller Verzweiflung über die aktuell riesigen Lasten für Frauen ist auch denkbar und gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass sie aus dem Bewusstsein, wie relevant sie sind, ein neues Selbstwertgefühl und damit eine verschärfte Kampffähigkeit schöpfen“, meint Margarete Stokowski. Auch das klingt sehr toll. Ich halte es aber für derzeit wenig realistisch. Denn die meisten Frauen haben keine Zeit, sich irgendetwas „bewusst“ zu machen, Transparente zu malen, auf die Barrikaden zu gehen, zu streiken. Sie müssen nämlich noch Nudeln kochen und die Toilette putzen. Sie sind auch zu müde. Viel zu müde, um wütend zu sein. Sie sind es jetzt, und sie werden es nach Corona sein.

Es gibt viele Männer, die das sehen und ändern möchten. Schon vor Corona wollten sie dazu beitragen, Alternativen zum Elend der alten Rollenverteilung finden. Diese Männer waschen, putzen, schleppen, kochen, tragen den Müll runter und plagen sich mit Hausaufgaben. Und doch läuft am Ende immer wieder das gleiche hellblau-rosarote Programm. Jetzt erst recht. Sobald die „echte“ Frau die weibliche Sphäre verlässt, um einem wie immer unterbezahlten Job nachzugehen, reißt sie ein Loch ins Gewebe der Beziehung, das nie dauerhaft von männlichem Servicepersonal gestopft wird.

Wie lange noch? Solange die Wut der Frauen stumm bleibt oder nur sanft vor sich hin köchelt, werden alle die kostenlose rosarote Systemrelevanz selbstverständlich finden. Was können wir tun? Wahre Emanzipation – frei von jeder Ideologie – hieße Glück und Freiheit für beide. Für alle. Es hieße, die immer entweder hellblauen oder rosaroten Lebensläufe umzuschreiben, bunt zu färben und Entscheidungen von Gleichheit und Chancengerechtigkeit auf Basis von Fakten und guten Gründen zu treffen; Lasten und Privilegien zu teilen. Ich bin wütend, und ich habe Zeit. Ich wünsche mir von allen Männern und Frauen, die auch Zeit haben, ihre Wut stellvertretend für die, auf deren Schultern wir uns ausruhen, rauszubrüllen. Mitzuhelfen, die Ungleichheit zu beenden. Es ist Zeit für echte Solidarität. Für einen No-Bullshit-Feminismus. Schluss mit der Heuchelei.

Von Rebekka Reinhard

 

 

Verwendete und weiterführende Quellen:

-Jutta Allmendinger bei Anne Will (3. Mai 2020):

https://daserste.ndr.de/annewill/Raus-aus-dem-Corona-Stillstand-hat-die-Regierung-hierfuer-den-richtigen-Plan,annewill6544.html

-Mary Beard, Frauen und Macht. Fischer, 2018

-Caroline Fetcher, „Häusliche Gewalt nimmt stark zu“

https://www.tagesspiegel.de/politik/notrufe-in-der-corona-krise-teils-verdoppelt-haeusliche-gewalt-nimmt-stark-zu-was-nun-passieren-muss/25720404.html

-Svenja Flaßpöhler. Die potente Frau. Rowohlt, 2018.

-Julia Jäkel, „Zurück in die Männerwelt“:

https://www.zeit.de/2020/19/frauen-beruf-fuehrungspositionen-rollenbilder-coronavirus-krise

-Caroline Kitchener, “Women academics seem to be submitting fewer papers during coronavirus”

https://www.thelily.com/women-academics-seem-to-be-submitting-fewer-papers-during-coronavirus-never-seen-anything-like-it-says-one-editor/

-Elzbieta Korolczuk, “Crisis is gendered”

https://pl.boell.org/en/2020/04/29/czy-kryzys-ma-plec-kobiety-w-czasach-pandemii?fbclid=IwAR3gOuzsrihsyoqzrlKLq6s1xxm1KrH-HpQfKiTbdMn4mHjSeXqf_zozJxg

-Rebekka Reinhard, Kleine Philosophie der Macht (nur für Frauen). Ludwig, 2015.

-Margarete Stokowski, „Frauen sind systemrelevant, aber das System ist kaputt“

https://www.spiegel.de/kultur/corona-und-gleichberechtigung-frauen-sind-systemrelevant-aber-das-system-ist-kaputt-a-93c7ee35-04dc-469a-9e42-37655c43c8fe

1 Kommentare

  1. Susanne S. sagt

    Liebe Frau Reinhard,
    Dieser Versuch an Empathie ehrt Sie. Die Prämisse des Textes erschließt sich mir dennoch nicht, wie der Zeitgeist auch selbst, der diesem innewohnt, und der zu dieser unnötigen „Wut“ führt. Aber vielleicht bin ich auch nur mit einer tollen Familie gesegnet. Und wie sollte man den Text denn instantiieren? Ich meine auf der individuellen Ebene? Systemrelevant ist in der Tat gerade alles. Aber eben auch alles, was jeder in- und außerhalb der Familie leistet. Und ja, wir sind stehend KO (3 Kinder), beide, und das jeder in seiner Rolle. Warum immer wieder diese antizipierte Spaltung? Oder allgemeiner gefragt: Wann haben wir eigentlich angefangen, die Autonomie, und die komplementäre Schaffenskraft einer Paarbindung in Frage zu stellen? Es (Aufgabenverteilung, Zukunftsplanung) bleibt doch die Sache zwischen zwei Menschen, und niemand anderem sonst.
    Herzliche Grüße,
    Susanne Schreiber

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