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Alice und Bob #3: Eine Notiz

Beim Aufräumen fand Bob einen Zettel, auf dem eine 3 notiert war. Nichts weiter als eine Drei. Alice musste sie bei ihrem letzten Besuch da draufgeschrieben haben und das Blatt dann wohl vergessen haben. Sogleich rief er sie an, denn es konnte ja sein, dass die Drei auf diesem Zettel eine wichtige Bedeutung hatte.
Alice allerdings war verwundert: „Ich habe keine Drei auf einen Zettel bei dir geschrieben, ganz sicher! Warum sollte ich das tun?“

„Das weiß ich doch nicht,“ antwortete Bob, „wahrscheinlich wolltest du dir etwas wichtiges merken. Vielleicht, dass du noch drei Äpfel kaufen wolltest…“
Plötzlich lachte Alice: „Dreh das Blatt mal um. Das ist keine Drei. Das ist ein E! Mir war plötzlich eingefallen, dass ich meiner Freundin Eva noch ein Geschenk machen muss!“

„Für mich ist das kein E. Das ist eine Drei,“ gab Bob zurück.

„Hör mal, das ist Unsinn, Bob. Für dich ist das gar nichts. Du hast dir nur eingebildet, dass es eine Drei sei. Ich hab es ja aufgeschrieben, ich weiß, was es ist: ein E!“

„Du meinst, für mich ist das, was du geschrieben hast, nichts, nur weil du es geschrieben hast?“

„Genau, für dich hat das keine Bedeutung, ich habe die Bedeutung festgelegt, als ich den Stift aufs Papier gesetzt habe.“

Bob überlegte: „Aber es ist auch für mich nicht nichts, ich sehe, dass es eine Notiz ist, ich habe dich angerufen, weil ich dachte, dass es wichtig sein könnte. Es hatte Bedeutung für mich, weil ich wusste, dass es Bedeutung für dich hat!“

Alice lachte, und wieder einmal kam dieser spöttische Tonfall in ihre Stimme: „Nein, das hast du nur vermutet. Es hätte auch sein können, dass ich diese Linie nur aus Langweile aufs Papier gemalt habe, weil du so lange im Keller warst, um Wein zu holen.“

„Du malst aus Langweile eine Drei aufs Papier?“

„Es ist ein E! Aber es könnte auch sein, dass ich einfach mit dem Stift gekritzelt habe! Du konntest nicht einmal wissen, dass es ein Symbol für irgendwas ist. Für dich war es nichts. Du hast nur eine Bedeutung da hineingedichtet…“

Bob widersprach: „Ich hatte aber Recht mit meiner Vermutung, dass es sich eben nicht um irgendein Gekritzel handelt, sondern um ein Symbol, das eine Bedeutung hat. Und wenn es ein A gewesen wäre, oder eine 7, dann hätte ich auch recht gehabt, wenn ich gesagt hätte ‚Da steht ein A, oder eben eine 7, auf dem Papier.“

Alice schwieg, und Bob fuhr fort: „Du kannst eben nicht allein festlegen, was von dem Bedeutung hat, was du machst, und was nicht. Schließlich weiß ich auch, wie Buchstaben und Zahlen aussehen, und wie es aussieht, wenn du kritzelst!“

„Aber du kannst dich auch irren, du hast dich geirrt. Ich hatte ein E aufgeschrieben, und du hast es für eine Drei gehalten!“

„Ich hab mich vielleicht darin geirrt, was es genau für ein Symbol ist, aber das es ein Symbol ist, dass es etwas bedeutet, darin habe ich Recht gehabt. Also war es auch für mich nicht ‚Nichts‘.“

Alice schwieg wieder. Bob hatte ein Argument auf seiner Seite, und das mochte sie nicht. Ich muss mich endlich um das Geschenk für Eva kümmern, dachte sie, und verabschiedete sich schnell von Bob. Natürlich nicht, ohne sich bei ihm dafür zu bedanken, dass er sie wegen dieses E, oder wegen der Drei, angerufen hatte.

Jörg Phil Friedrich lebt in Münster (Westf.). Auch in seinem letzten Buch Der plausible Gott diskutieren Alice und Bob über die Drei auf dem Zettel. Im Kapitel über Existenz geht es nämlich um die Frage, ob die Drei überhaupt existiert.

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