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Serie: Die Weisheit der Gefühle / Teil 2 / Neid und Scham

Gift, Galle, Gram

Von Maja Beckers und Greta Lührs

Niemand ist gern neidisch, niemandem gefällt es, vor Scham zu erröten. Und doch haben diese Gefühle essenzielle Funktionen: Sie dienen als Wegweiser durch die soziale Welt und als Anzeiger dessen, was uns wichtig ist.

Wen beneiden Sie? Geschwister, Freunde, Kollegen oder gar eine Berühmtheit? Eine ziemlich indiskrete Frage, denken Sie vielleicht. Warum sollten Sie jemanden beneiden und es dann auch noch erzählen? Neidisch zu sein ist nichts, was man gern zugibt. Ertappt man sich dennoch dabei, überkommt einen häufig ein weiteres unangenehmes Gefühl: die Scham. Wir schämen uns dafür, anderen ihr Glück nicht zu gönnen.

Neid und Scham sind soziale Gefühle mit schlechtem Ruf. Beide scheinen denjenigen, der sie empfindet, klein zu machen. Wer sich schämt, fühlt sich fehlerhaft, schuldig, entblößt. Wer neidisch ist, gibt zu, mit sich unzufrieden zu sein. Dennoch steckt in diesen verwandten und doch sehr verschiedenen Emotionen etwas Produktives: Sie sind Indikatoren, die uns auf Spielregeln, Werte und Strukturen der sozialen Welt aufmerksam machen.

Neid gilt als ziemlich übles Laster. Frei von Neid zu sein, das zählte schon in der Antike, etwa bei Platon und Aristoteles, zu den moralischen und politischen Zielen. Der Neid lässt sich definieren als Betrübnis oder Ärger darüber, dass jemand anderes etwas hat oder ist, das man selbst auch will oder von dem man wünscht, der andere hätte es nicht.

Jemand ist »gelb vor Neid« oder »vom Neid zerfressen«

Wenn ich also den Nachbarn um sein tolles Haus beneide, kann das bedeuten, dass ich auch gern so eines hätte. Ich kann aber auch in dem Sinne neidisch sein, dass ich dem Nachbarn sein Haus nicht gönne. Ein Grund dafür könnte sein, dass ich denke, er hätte so ein Haus nicht verdient.

Schon Aristoteles (384–322 v. Chr.) versuchte sich an einer theoretischen Abgrenzung der verschiedenen Ausprägungen von Neid – und unterschied dabei zwischen Missgunst, einem Gerechtigkeitssinn und Rivalität. Während es für den Missgünstigen keine Rolle spiele, ob der Beneidete seine Vorzüge verdient hat oder nicht, empfinde man dann einen »gerechten Unwillen« (nemesis), wenn jemandem sein Wohlstand oder seine Rolle nicht gebühre. Hat jemand seinen Reichtum nicht selbst verdient oder ist einfach ein schlechter Mensch, so Aristoteles, ist das Gefühl der Ungerechtigkeit begründet. Es gäbe allerdings noch einen weiteren Affekt: Es ist der Eifer, der einen angesichts der Güter des anderen motiviert, aufzuholen. In der Psychologie würde man diese letzte Form »produktiven Neid« nennen im Gegensatz zu dessen destruktiven Formen, die darauf zielen, jemand anderen schlechter dastehen zu lassen.

Neid wird – etwa in der Literatur oder Kunst – gern mit Gift assoziiert, das den Neidischen selbst zersetzt, ihn langsam infiltriert, seinen Blick vernebelt. Alternativ wird er mit fiesen Kreaturen wie Schlangen, Kröten oder Skorpionen dargestellt. Man sagt, jemand sei »vom Neid zer­fressen« oder »gelb vor Neid«. Letzteres rührt von der
einst verbreiteten Lehre über die Körpersäfte, wie sie beispielsweise René Descartes (1596–1650) vertrat. Demnach sei Neid das Ergebnis von zu viel »gelber Galle« und »schwarzer Flüssigkeit« im Körper.

Neid schadet zwar dem Neidischen, aber auch denen, die beneidet werden, wenn die Situation dadurch in Feindschaft oder gar Gewalt umschlägt. Neid, so sah es Baruch de Spinoza (1632–1677), sei Hass, »sofern dieser den Menschen dergestalt affiziert, dass er bei dem Glück eines anderen sich betrübt und umgekehrt an dem Unglück eines anderen sich erfreut«. Schadenfreude und Neid seien somit Artverwandte, die sich auf das Unglück oder eben das Glück des anderen richten. Eifersucht klassifiziert Spinoza als besondere Form des Neides: Wer das, was er liebt, an jemand anderen verliert, fängt an, das einst Geliebte zu hassen und den zu beneiden, der es nun hat.

Im Christentum gilt Neid als Todsünde. Wer neidet, so Kirchenvater Thomas von Aquin (1225–1274), empfinde Groll über etwas Gutes, an dem man sich eigentlich erfreuen sollte. Man solle zudem Mitleid empfinden, wenn jemand einen Verlust erleidet, und sich nicht daran ergötzen. Der Neid, so legt es die christliche Lehre nahe, torpediert die Nächstenliebe.

Neid fußt auf dem Vergleich mit anderen. Bereits Aristoteles beobachtete, dass man nicht auf alle Menschen gleichermaßen neidisch ist, sondern insbesondere auf jene, mit denen man sich gut vergleichen kann. Ich mag Donald Trumps Reichtum obszön finden oder unverdient, doch bin ich auf ihn neidisch? Dafür scheint die Differenz unserer Leben zu groß zu sein. Der Töpfer beneidet den Töpfer, so Aristoteles, und nicht den König. Die Journalistin beneidet eher die geschliffenen Texte einer anderen Schreiberin als das Gehalt der Ärztin.

Die eigenen Freunde beneidet man nicht – oder doch?

Man kann Menschen darum beneiden, was sie sind, oder darum, was sie haben. Ersteres nennt der Philosoph Max ­Scheler (1874–1928) »Existenzialneid«, und er richtet sich auf Dinge wie Intelligenz, Schönheit oder Herkunft. Da diese Form von Neid keinerlei Aussicht darauf birgt, befriedigt oder ausgeglichen zu werden, führe er schnell zu Ohnmachtsgefühlen bis hin zum Ressentiment. Wer unter Existenzialneid leide, dem bleibe als Ausweg nur, das Beneidete abzuwerten, um den Abstand zu sich selbst zu verringern.

Neidet man hingegen etwas, das man selbst auch haben oder schaffen könnte, ist das Potenzial größer, den Neid in etwas Gewinnbringendes umzuwandeln. Beginnen meine Freundin und ich gemeinsam einen Surfkurs, und sie ist am zweiten Tag schon viel besser als ich, so ist es naheliegend, auf ihren Erfolg neidisch zu sein. Schließlich sind wir am gleichen Punkt gestartet, ihr Surftalent kann ich gewissermaßen als Vorwurf lesen – an mein eigenes Versagen. Ich kann mich durch das Neidgefühl aber auch anspornen lassen, noch mehr zu üben. Dass man auf eine gute Freundin neidisch sein könnte, ist obendrein schwer zu ertragen: Wem, wenn nicht unseren Freunden, sollten wir alles Glück der Welt von Herzen gönnen?

Neid und Scham gehen an dieser Stelle eine besonders intensive Verbindung ein. Man hat nicht neidisch zu sein, also ist man es nicht – und wenn doch, schämt man sich dafür. Man zweifelt an sich selbst, daran, was man ist und was man hat, ist verunsichert. Wenn man sein Neidgefühl reflektiert, kommt es einem irrational vor – schließlich würde man selbst auch dann nicht besser surfen, wenn die Freundin schlechter surfen würde. Man muss sich eingestehen, dass es nichts bringt, darüber zu jammern, was man nicht ist oder kann, sondern dass es einen, ganz im Gegenteil, bloß immer unglücklicher macht.

Scham wird in der Philosophie positiv und negativ gedeutet

Wer sich für seinen Neid schämt, spürt unmittelbar die spezielle Beziehung dieser beiden Gefühle. Sie können sich aufeinandertürmen wie in diesem Beispiel. Sie können aber auch parallel auftreten: Ich neide anderen vielleicht die tollen Reisen, die sie machen, und schäme mich zugleich dafür, zu sagen, dass ich nur an der Ostsee war, weil ich mir mehr nicht leisten konnte.

Solche Zusammenspiele kommen vor allem daher, dass beide, Scham und Neid, soziale Gefühle sind. Um neidisch zu sein, muss ich auf eine andere Person blicken; um mich zu schämen, muss ich dem Blick eines anderen aus­gesetzt sein oder ihn mir zumindest vorstellen. Und beides hat mit einem Vergleich mit anderen zu tun, bei dem ich schlecht abschneide. Entweder weil ich etwas nicht habe, das jemand anderes hat, oder weil ich mich nicht so be­nommen habe, wie es angebracht wäre. Beide Male rückt also ein – zumindest so empfundener – Mangel oder eine Unzulänglichkeit meinerseits in den Fokus.

Obwohl Scham hoch unangenehm ist, wahrscheinlich die unangenehmste Form, sich unzulänglich zu fühlen, wurde sie, anders als der Neid, in der Philosophiegeschichte sowohl negativ als auch positiv gedeutet. Aristoteles bezeichnete sie als »uneigentliche Tugend«, weil sie einem anzeige, wenn man etwas »Schimpfliches« tue. Zugleich aber sei sie keine Tugend im eigentlichen Sinne, weil man sie nicht absichtlich herbeiführt; nach Aristoteles ist sie eher ein Affekt.

Anders als die oberflächliche
Peinlichkeit ist Scham oft
mit moralischen Grundsätzen verbunden.

Etwas »Schimpfliches« ist eine tolle Übersetzung, denn sie zeigt die Spannung an, die in der Scham steckt: Man kann sich für etwas schämen, das man selbst unmo­ralisch findet, es kann aber auch etwas sein, worüber die Allgemeinheit schimpft. Deshalb attackierte auch Friedrich Nietzsche (1844–1900) in seiner Moralkritik die »falsche Scham« und richtete sich gegen jene moralischen Instanzen, die Konventionen schaffen, die Beschämungsmechanismen in Gang setzen. Denn anders als die oberflächliche Peinlichkeit ist Scham oft mit moralischen Grundsätzen verbunden. Die Befreiung von Scham ist für Nietzsche das »Siegel der erreichten Freiheit«.

Diese Perspektive herrschte auch in der Philosophie der Aufklärung vor, welche die Scham als eine Art Sank­tionsangst ansah, die sich auf eine bestenfalls konventionelle Moral bezieht. Auch die Vorkämpfer von Emanzi­pationsbewegungen würden dem wohl zustimmen, denn Scham spielt in Unterdrückungsmechanismen stets auch eine zumindest subtile Rolle.

Besonders sichtbar wurde sie etwa in der Bewegung der 68er und der sexuellen Revolution, die von Konser­vativen auch gern als die große »Schamabschaffungs­offensive« bezeichnet wird.

Man kann jedoch auch für etwas beschämt werden, für das man gar nichts kann, einfach weil eine Gesellschaft bestimmte Normen und Ideale ausgebildet hat. In der Fami­lienpsychologie werden etwa Fälle beschrieben, in denen Kinder sich dafür schämen, dass der Vater die Familie ver­lassen hat und man nun keine »richtige« Familie mehr sei. Scham hat unter den Gefühlen außerdem die Besonderheit, sich selbst zu steigern, weil man sich auch dafür schämt, sich zu schämen.

Nacktheit ist kein eigener Zustand, nackt ist man vor den Augen anderer.

Deshalb kann es passieren, dass man sich in einer Situation wiederfindet, in der man statt die Ursache für die Scham zu verstecken – zum Beispiel einen Riss in der Hose–, eher die Scham selbst versteckt und sich wünscht, man würde nicht rot und es gelänge einem, cool zu bleiben. Außerdem ist Scham ansteckend. Man kann sich auch dafür schämen, dass jemand anderes sich schämt. Deshalb ist selbst das Reden über Scham schon ein bisschen unangenehm. Vielleicht sind auch Sie etwas zögerlich in diesen Text eingestiegen mit der Sorge, sich hier irgendwo mit Scham anstecken zu können?

Nach Jean-Paul Sartre (1905–1980) gehört die Scham zu den Gefühlen von philosophischem Rang. In der Scham erfahren wir uns als Mensch, als soziales Wesen, das für andere existiert, so Sartre. Er beschreibt den Moment der Scham als einen grundlegenden Perspektivwechsel. Wenn uns der Blick eines anderen trifft, reißt uns das aus einem Zustand ungestörter Subjektivität heraus. Wir nehmen wahr, dass wir wahrgenommen werden; dass andere uns beob­achten und beurteilen. Und das ist erst einmal unheimlich, denn ich kann nicht sehen, wie der andere mich sieht. Sein Blick »ist reiner Verweis auf mich selbst«, so Sartre.

Ich nehme jetzt genau das wahr, von dem ich nicht möchte, dass es andere wahrnehmen, woran ich, mir selbst überlassen, aber gar nicht gedachte hätte. Habe ich mich grob verhalten? Habe ich einen Fleck auf dem Pullover? Habe ich mir am Buffet zu viel aufgehäuft? Der Blick des anderen, so Sartre, ist ein unentbehrliches »Mittelglied, das von mir auf mich selbst verweist«.

Eine der ältesten Geschichten, die von diesem Moment erzählt, und davon, wie konstitutiv er für das Menschsein ist, ist die Vertreibung aus dem Paradies: »Und sie
waren beide nackt, der Mensch und sein Weib, und sie schämten sich nicht«, heißt es zunächst im 1. Buch Mose. Nachdem Adam und Eva aber vom Baum der Erkenntnis
gegessen hatten, »wurden ihnen beiden die Augen aufgetan, und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze«. In ihnen wird ein Bewusstsein für sich selbst geweckt – denn Nacktheit ist ja kein eigener Zustand, nackt ist man vor den Augen anderer.

Wie die Vertreibung aus dem Paradies beschreibt Sartre also die Vertreibung aus einer ungestörten, unreflektierten Subjektivität. Meine möglichen Verfehlungen, die dort sozusagen im Schatten lagen, treten jetzt schlagartig vor mir in Erscheinung. Daraus schließt die Philosophin Maria-Sibylla Lotter, die an der Ruhr-Universität Bochum lehrt, dass Schamgefühle weder reine Normkontrolle durch Sanktionen von außen sind noch ein autonomer moralischer Kompass: »Vielmehr nötigt mich der andere, mich im Lichte von Normen, Idealen und Werten zu betrachten.«

Scham ist ein Gefühl mit sozialer Funktion

Diese Normen, Ideale und Werte sind natürlich veränderbar und Scham, oder ausbleibende Scham, also auch ein Anzeiger für diese Veränderungen. Der Soziologe Norbert Elias (1897–1990) beschrieb in seinem Klassiker »Über den Prozess der Zivilisation« das Ansteigen von Scham zwischen 800 und 1900 in Westeuropa als ein zentrales Merkmal dieses Zivilisationsprozesses: Als es enger wurde in den Städten, tauchten immer mehr Schamschwellen auf, um das Zusammenleben zu organisieren.

Man begann, mit Messer und Gabel statt mit den Händen zu essen und nicht mehr überall herumzuspucken. Scham hat als soziales Gefühl also eine soziale Funktion. Sie sorgt dafür, dass sich Menschen an soziale Regeln halten, mit denen eine Gesellschaft sich organisiert.

Scham, die neu irgendwo auftaucht, oder das Ausbleiben von Scham, wo sie erwartet wird, zeigt, dass sich hier Werte verschieben. Das kann über die Zeit passieren, sich in der liberalen Gesellschaft aber auch in unterschiedlichen Wertegemeinschaften unterschiedlich ausprägen. Am pro­minentesten hat der französische Soziologe Didier Eribon davon erzählt, wie er sich als Jugendlicher in Reims für seine Homosexualität geschämt hat, was später in Paris kein Grund mehr zum Schämen war, dafür aber seine Herkunft aus einer Arbeiterfamilie.

Neid und Scham zeigen etwas an: Werte, Ideale, Bedürfnisse

Fragt man nach der Weisheit der Scham, ist das ein wesent­licher Punkt: Sie zeigt uns, was diese Gesellschaft und die Gemeinschaft, in der wir uns bewegen, für richtig hält.
»Ich möchte mich dafür nicht mehr schämen«, ist heute oft der erste Satz, wenn jemand etwas über die Grenze vom Geächteten zum Angesehen heben will. Gay-Pride-Umzüge sind so ein Beispiel – ein gezielter Akt, Scham mit ihrem
Gegenteil, dem Stolz, zu bekämpfen und dadurch etwas aus der Ausgrenzung zu holen.

Mit dem englischen Begriff des »Shamings« hat dieser uralte Prozess des gesellschaftlichen Ausgrenzens über Schamgefühle einen modernen Namen bekommen und wird gezielt politisiert. Aktivisten kämpfen gegen Bodyshaming, Fatshaming, Slutshaming etc. Damit wird dieser Prozess
ungewohnt sichtbar. In diesen Worten kristallisiert sich die Verhandlung um Werte und Ideale heraus, die über Scham ausgetragen werden.

Die Eigenschaft, weit über sich hinaus auf etwas zu verweisen, hat die Scham mit dem Neid gemeinsam, und vielleicht ist das ihre interessanteste Verbindung.

Neid ist nicht nur ein schlechtes Gefühl, sondern, wie jede Emotion, intentional, also auf etwas gerichtet. Ist man in der Lage, seinen Neid zu reflektieren, gibt er einem darüber Auskunft, was man begehrt. Was man beneidet, stellt einen Wert dar – für einen selbst und für die Gesellschaft, in der man lebt. Neid bewertet also, setzt Ziele, sucht Vorbilder.

Wer sich eingesteht, neidisch zu sein, kann besser einschätzen, wo er selbst steht, und sich fragen, wieso er nicht hat, was er offensichtlich gern hätte. Wie sehr unsere Gesellschaft den Neid verurteilt, scheint außerdem in einem selt­samen Gegensatz zu stehen zu dem hohen Ansehen, das Wettbewerb und Leistung genießen. Dabei liegt es nahe, dass Neid und Bewunderung gar nicht so verschieden sind, sondern vielleicht sogar ineinander übergehen.

Wir tendieren dazu, den Neidischen allein für sein bitteres Gefühl verantwortlich zu machen. Dabei betont John Rawls (1921–2002) in seiner Gerechtigkeitstheorie, dass Neid als Triebkraft des Gerechtigkeitssinns verstanden werden kann. Müssten die Privilegierten und Mächtigen keine Angst vor dem Neid der Schlechtergestellten haben, so könnte ihre Gier ins Unermessliche wachsen. Debatten um die Deckelung von Managergehältern, über eine Vermögensteuer oder Politiker-Diäten werden aber gern als »Neid­debatten« verunglimpft – und das Problem so zurück an die »Neidischen« gegeben. Dass es sich tatsächlich um ungerechte Zustände handeln könnte und der Neid, sofern er denn da ist, berechtigt sein könnte, geht dann unter.

Als Indikatoren können Scham und Neid nicht nur auf Gesellschaftliches hinweisen. In beiden Gefühlen liegt auch das Gewahrwerden, den eigenen Idealvorstellungen nicht zu genügen. Sowohl Scham- als auch Neidgefühle können helfen, uns selbst besser zu verstehen. Neid kann neben Ungerechtigkeiten auch verborgene Wünsche und Sehnsüchte enthüllen, also das, was fehlt, die Art, wie man selbst gern wäre. Die Weisheit von Scham und Neid liegt darin, dass sie anzeigen, wer man ist – und wer man hofft zu sein.


Der Artikel stammt aus der Ausgabe 1/2019:

 

HOHE LUFT 1/2019

1 Kommentare

  1. Reinhardt sagt

    Beim Lesen dieses interessanten Artikels sind mir spontan zwei Zitate eingefallen:

    „Tue nichts, worüber du dich schämen würdest, wenn du einem anderen davon erzählst.“ (Dieses stammt von Epiktet, auf die Frage, wie man sein eigener Lehrmeister wird, aus: Horn, Antike Lebenskunst);

    und ein afrikanisches Sprichwort: „Lösche nicht das Licht eines anderen, damit deines heller leuchtet.“

    Dem Schluss des Artikels kann ich durchaus folgen: Neid und Scham zeigen uns, wer wir sind und wer man gerne sein würde.

    Jedoch erst dann, wenn wir bereit dazu sind, dort hin zu sehen. Wenn wir uns dazu überwunden haben dort hin zusehen, erkennen wir, dass wir nicht wir selbst sind, wenn wir neidisch sind, sondern der andere.

    Neid ist also die Folge mangelnden Selbstbewusstseins. Wenn wir bewusst in uns selbst ruhen, haben wir gar keinen Raum für Neid oder andere überschwängliche und schadhafte Gefühle (negative wie positive), sondern sind einfach nur zufrieden.

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