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Serie: Die Weisheit der Gefühle / Teil 1 / Angstlust

Angstlust – Das Gefühl unserer Zeit

Von Rebekka Reinhard und Thomas Vašek

Jeder Mensch hat Emotionen – aber Philosophen 
machten lange Zeit einen Bogen um sie. Vielen Denkern 
galten »Leidenschaften« und »Affekte« als 
irrational und als Hindernis auf dem Weg zu Erkenntnis. 
Dieser Ansicht ist man heute nicht mehr. 
Deshalb widmen wir uns in einer vierteiligen Serie 
der Bedeutung und Weisheit der Gefühle.

Angst und Lust – es gibt kaum gegensätzlichere Empfindungen. Vor der Angst fliehen wir, der Lust jagen wir nach.
Und doch dominiert heute eine Art Hybrid – eine »Angstlust«, die uns beides zugleich fühlen lässt. Wieso? Und wie ist mit diesem ambivalenten Gefühl umzugehen?

Angst ist dunkel und schwer. Sie schnürt uns die Kehle zu, raubt uns den Atem, lässt uns erstarren. Angst ist ein Gefühl, das jeder kennt und niemand haben will. Sie zwingt uns, den ganzen Tag zu Hause zu hocken – oder ständig auf Achse zu sein. Oft liegt sie wie ein Zehn-Kilo-Gewicht auf unserem Brustkorb. Unerträglich. Unaushaltbar. Wer Angst hat, kann nicht mehr klar denken. Er fürchtet, etwas zu verlieren. Sein Gesicht. Sein Geld. Sein Kind. Seine Sicherheit. Worauf immer sich unsere Angst richten mag, ob sie rational oder irrational (neurotisch) erscheint; diffus, frei flottierend, objektbezogen, anfallsartig oder chro­nisch daherkommt: Sie ist in jedem Fall existenziell (»Es ist alles aus!«). Sie zeigt an, was wir verlieren könnten – und blockiert uns zugleich, den antizipierten Verlust zu verhindern.

In unsicheren Zeiten werden individuelle Ängste gern zur gesellschaftlichen Grundstimmung, zum Lebensgefühl eines ganzen Volkes erhoben. »Angststress ist Sinnstress, von dem einen kein Staat und keine Gesellschaft erlösen kann«, dramatisiert der Soziologe Heinz Bude die Lage. Heute muss die Angst für alles Mögliche herhalten: als Erklärung für den Populismus oder den Brexit, als Resultat der Flüchtlingskrise. Angesichts der wachsenden Komplexität einer Welt, in der alles mit allem verwoben ist und wo Nachrichten quasi in Echtzeit auf uns einprasseln, könnte man meinen: Die Angst ist die vorherrschende Emotion. Aber das wäre zu einfach gedacht.

Wir müssen nur die Augen aufmachen: In unseren Breiten sitzen Menschen nicht nur ängstlich zusammen-gekauert in ihrer Ecke, sie rennen nicht nur mit angstgeweiteten Augen in alle Richtungen davon, sie versuchen auch, ihr Leben in vollen Zügen zu genießen – und das gelingt ihnen nicht schlecht. Millionen Deutsche lieben gutes Essen, ihren Sommerurlaub, ihr tolles Auto und ihr Eigenheim. Dinge, die ihnen Lust bescheren. Ohne Lust könnten wir nicht leben. Während uns die Angst lähmt und blockiert, treibt uns das Streben nach Lust voran.

Lust und Angst scheinen einander auszuschließen. Die Angst meiden wir, die Lust suchen wir. Die Angst zieht uns herunter, die Lust lässt uns fliegen. Lust ist Leichtigkeit. Ein Gefühl wie eine frische Sommerbrise, das nie von Dauer ist, aber eben jetzt, in diesem Moment, wie ein Stück Unendlichkeit anmutet. Lustvoll kann ein Telefonat mit einem Freund sein, der Genuss von Pistazieneis oder das Streicheln eines Hundes. Millionen Deutsche finden Comedians wie Mario Barth oder Carolin Kebekus lustvoll. In Erwartung einer Lust, die das Bleigewicht des Lebens in Seifenblasen verwandelt, fangen sie schon vorsorglich an zu grinsen, bevor ihr Held oder ihre Heldin überhaupt den Mund aufgemacht hat.

Aristoteles bestimmte in seiner »Rhetorik« die Furcht (phobos) als eine »gewisse Art von Kummer und Beunru­higung aufgrund der Vorstellung eines bevorstehenden schmerzhaften Übels«. Angst ist für ihn immer Angst »vor etwas«: eine spezifisch menschliche Erfahrung, die mit einer hohen intentionalen Aufmerksamkeit auf ein Objekt einhergeht. Wenn wir Angst vor Zahnärzten haben, erscheint uns eine Zahnbehandlung als furchterregend. Die bloße Vorstellung eines Bohrers, der sich mit schrillem Quietschgeräusch in unsere Kieferhöhle schraubt, löst schon Symptome der Beklommenheit aus: Herzrasen, Schweißausbrüche.

Aus evolutionstheoretischer Sicht trägt die Angst zur Verbesserung unserer Überlebenschancen bei. Wenn es während eines Campingurlaubs nachts im Gras raschelt, erschrecken wir und springen instinktiv zur Seite – es könnte ja eine giftige Schlange sein. Die Angst hilft uns aber nicht nur beim Überleben, sie weist uns auch auf Dinge hin, die für uns wichtig sind, die wir keinesfalls verlieren wollen. Zugleich warnt sie uns vor Handlungen, mit denen wir uns möglicherweise schaden oder gegen soziale Normen verstoßen. Menschen fürchten sich nicht nur vor wilden Tieren, sondern auch davor, an Krebs zu erkranken, ihren Job zu verlieren, zu versagen, zu verarmen, plötzlich allein und verlassen dazustehen.

Es war Søren Kierkegaard (1813–1855), der einst die Unterscheidung zwischen Angst und Furcht einführte, welche bis heute in Philosophie und Psychologie nachwirkt. Während sich die Furcht auf ein klar umrissenes Objekt
richtet, ist die Angst ein existenzielles Grundgefühl, das aus menschlicher Freiheit, unserem Wählenkönnen, resultiert. Für Martin Heidegger (1889–1976) ist die Angst eine »Grundstimmung« des Daseins, die uns vor den Abgrund des Nichts stellt. Aber wer hat je einen psychisch gesunden, volljährigen Menschen getroffen, der sich wirklich vor dem Nichts ängstigt?

Tatsächlich ängstigen sich die meisten vor mehr oder weniger konkreten Bedrohungen ihrer Existenz. Die Angst eines krebskranken Patienten vor dem Sterben kann genauso existenziell sein wie die Angst des Torwarts vor dem Elfmeter oder die Furcht eines erwachsenen Mannes vor einer winzigen Spinne.

Ängste sind nicht einfach da. Sie entwickeln sich zusammen mit den sozialen Strukturen und Umständen, in denen wir existieren. Sie sind abhängig von bestimmten Lebensformen, in denen man sich bewegt. Ob sich etwa eine Frau im gebärfähigen Alter mehr davor fürchtet, schwanger oder nicht schwanger zu werden, hängt nicht nur von ihrem Verständnis von der eigenen Identität und ihrer finanziellen Lage ab, sondern entscheidend auch von ihrem Umfeld, ihren privaten und beruflichen Beziehungen.

Die Lust schenkt vergessen, die Angst bringt Erinnerung zurück

Die Lust (hêdonê) bestimmt Aristoteles als das Gegenteil von Schmerz (lypê). Dahinter steht eine einfache Beobachtung des menschlichen Verhaltens. Menschen streben nach dem Angenehmen und meiden das Schmerzvolle. Die meisten von uns, sagt Aristoteles, wählen die Lust, sie schätzen ein angenehmes, sorgloses, vergnügliches Leben. Das heißt nach Aristoteles aber nicht, dass das lustvolle Leben ein gutes, gelungenes Leben ist. Denn es sind die rohesten Leute, die nach Lust und Genuss streben: »Die große Menge erweist sich als völlig sklavenartig, da sie das Leben des Viehs vorzieht«, schreibt er in der »Nikomachischen Ethik«.

Allerdings sieht Aristoteles auch, dass die Lust zugleich lebensnotwendig ist. Die Lust »vollendet [im Sinne von entelecheia, Vervollkommnung] das Leben, und dieses ist wünschbar«. Man könnte aber auch sagen: Die Lust verschafft uns die Leichtigkeit, die wir brauchen, um überhaupt irgendetwas zu tun, zu handeln, zu entscheiden. Als telos (Ziel) wirkt sie aber auch – genau wie die Angst – existenziell motivierend; wenn auch in entgegengesetzter Richtung. Die Lust zieht uns zu etwas hin, die Angst reißt uns davon weg. Die Lust schenkt uns Vergessen, die Angst bringt die schmerzliche Erinnerung zurück: Sie erinnert uns an den Sinn, den unser Leben für uns hat oder haben könnte. Sie zerreißt den Schleier, mit dem unsere alltäglichen Ri­tuale und Gewohnheiten (vom Arbeiten bis zum Shoppen, vom Netflix-Glotzen bis zum Joggen) die Sinnfrage verhüllen.

Wo die Angst aufbricht und der Schleier zerreißt, steht plötzlich das große »Warum?« und »Wofür?« im Raum. Jede Situation der Angst ist eine Chance, uns aus der Erstarrung zu lösen und unsere Existenz neu auszurichten; hin zur Lust, die uns leben lässt.

Im menschlichen Leben scheinen sich also Phasen der Angst und der Lust abzuwechseln. Doch heute ist dieses Wechselspiel eine Kombination, das Nacheinander eine Gleichzeitigkeit geworden – die Angstlust. Das Nebeneinander, die Gleichzeitigkeit von Angst und Lust, ist die Emotion unserer Zeit. Unter Angstlust verstand der Psychoanalytiker Michael Balint (1896 –1970) eine leichte ängstliche Anspannung, die unsere Konzentration erhöht und die wir als lustvoll erleben.

Die Angstlust ist »thrilliges« zeitliches Entrücktsein

Sie ist das Gefühl des Karrieristen, des Bungee-Jumpers, der jungen Generation. Angstlust entsteht in einem Umfeld von Unsicherheit, »sensation seeking« und sich stetig verkürzender Aufmerksamkeitsspannen – in einer »breiten Gegenwart« (Gumbrecht), die den Sinn für Vergangenes und Zukünftiges verloren hat. Angstlust ist zeitliches Entrücktsein. Ein völliges Aufgehen im Augenblick des Stillstands, in dem uns dasjenige am meisten anzieht, vor dem wir fliehen.

Die Angst zieht uns nach unten, die Lust nach oben. Wo sich Angst und Lust treffen, entsteht ein Schwebezustand des Hin-und-weg; des Weder-hoch-noch-runter, Weder-
vor-noch-zurück. Ein »thrilliges« Gefühl, das in oszillierender Widersprüchlichkeit verharrt. Ein Oxymoron. Die Lust sagt Ja, die Angst sagt Nein. Die Angstlust ist das Gefühl unserer Zeit. Sie dominiert eine Epoche der Uneindeutigkeit, in der Tradition und Zukunft in einem krassen Missverhältnis erscheinen.

Auf der einen Seite die politische Ordnung der Nachkriegszeit, der tradierte Bildungskanon, die »Normal«-Biografien, auf der anderen eine durch Digitalisierung grund­legend veränderte (Arbeits-)Welt; die sozialen Medien, die neue Formen der Partizipation schaffen; neue Autokraten in Europa; der Klimawandel und politische Krisenherde in Nahost oder Syrien, die Völkerwanderungen ungeahnten Aus­maßes zur Folge haben könnten. Diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen lässt uns vergessen, woher wir kamen und wohin wir gehen könnten. Sie produziert jenen Schwebezustand der Angstlust, der unsere Aufmerksamkeit inten­tional bannt und gleich wieder zerstreut, sobald ein neues Objekt, eine neue Information am Horizont erscheint.

Angstlust ist so real und surreal wie unsere Wirklichkeit, die wir begreifen wollen und doch nicht fassen können. Angstlust ist ein zutiefst ambivalentes Gefühl, das die Ambivalenzen unserer Zeit als ein Verlangen nach dem Unangenehmen – sowie (tiefenpsychologisch) als Reaktionsbildung, als Abwehr des jederzeit drohenden »Untergangs« – sinnlich repräsentiert. Die Angstlust verwandelt den Ernst des Lebens in ein Spiel. Wer will mitspielen?

DIE EPIKUREISCHE LUST
Epikur (ca. 341–270 v. Chr), der Begründer der epikureischen Lebenskunstschule, sieht die Philosophie als eine Art Ent­spannungsübung. Er plädiert für die Leichtigkeit, die Locker­heit, die Entkrampfung. Jede Gelegenheit soll uns Anlass zur Heiterkeit sein: »Notwendigerweise also währt unser Dasein nicht ewig, du aber, der du nicht Herr über den morgigen Tag sein kannst, du schiebst die Freude auf später auf.« Glück­lich sein heißt für Epikur, sich auf den Augenblick zu konzentrieren. Weder das Glück noch die Philosophie ist eine Frage der richtigen Umstände. Es geht vielmehr um die richtige Haltung: Die Vernunft allein weist uns den Weg zu den »natürlichen und notwendigen Lüsten«. Laut Epikur ist der Gipfel der Lust schon mit der Abwesenheit eines körperlichen Schmerzgefühls erreicht.

Der Artikel stammt aus der Ausgabe 6/2018:

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