Framing und Dialektik

Framing ist in den letzten Jahren zu einem Begriff geworden, an dem sich die Gemüter erhitzen. Gemeint ist mit diesem Begriff eine Methode, Aussagen durch geschickte Auswahl von begriffen und Formulierungen in einen Kontext zu rücken, der eine gewünschte emotionale und moralische Bewertung des Sachverhalts provoziert. Politiker verwenden bestimmte Wörter in ihren Aussagen, die das, was sie sagen, in einen bestimmten Kontext schieben, die eine gewisse Einfärbung zur vermeintlichen Aussage hinzufügen. Die verwendeten Wörter geben der Aussage einen Rahmen, der die Deutung des gesagten in eine bestimmte gewünschte Richtung lenkt.

Jetzt hat ein Dokument für großes Aufsehen und auch für empörte Kritik gesorgt, in dem die Sprachforscherin Elisabeth Wehling der ARD Empfehlungen für den Einsatz von Framing formuliert. Es geht vor allem um die Eigendarstellung der Sendeanstalt im Vergleich und in Abgrenzung zu anderen Medien.

Die Empörung ist deshalb so groß, weil „Framing“ bisher immer als Vorwurf der Manipulation durch geschickte Einbindung einer sachlich korrekten Information in einen moralischen oder ideologischen Kontext verurteilt wurde. Dass nun die ARD-Mitarbeiter Framing sozusagen für einen guten Zweck verwenden sollen, stößt bei denen, die Framing vor allem als Methode politisch extremer Akteure bekämpft haben, auf erbitterte Ablehnung.

Aber gibt es Framing überhaupt?

Wer eine Aussage unter die Leute bringen will, muss dazu Wörter verwenden, die die Leute schon kennen. Die gleiche Aussage lässt sich mit verschiedenen Wörtern formulieren, deren Bedeutung mehr oder weniger voneinander abweicht. Insbesondere kann ich die gleiche Sache mit unterschiedlichen Begriffen bezeichnen. Wenn ich etwa sagen will, dass die Entscheidungen des amerikanischen Präsidenten zumeist irrational sind, kann ich sagen „Trumps Entscheidungen sind schwer nachvollziehbar“, ich kann aber auch sagen „Ich verstehe überhaupt nicht, wie Trump denkt“ – schließlich kann ich auch schlicht sagen „Trump ist ein Idiot“. Statt „Idiot“ kann ich auch „Trottel“, „Dummkopf“ oder „Geisteskranker“ sagen. Statt „Trump“ kann ich auch sagen „Der amerikanische Präsident“ oder „der alte Mann im Weißen Haus“ oder „der Typ mit der XY-Frisur“. Meine Aussage wird jedesmal in einen anderen Rahmen des  Sprechens eingebaut, mal ist sie moralisch wertend, mal klingt sie medizinisch, in einer anderen Form sachlich analytisch, dann wieder politisch-verurteilend. Framing bedeutet, sich zu überlegen, welchen begrifflich-sprachlichen Rahmen man verwenden will, um der Aussage den gewünschten Effekt zu geben.

Die Idee des Framings setzt allerdings eine undialektische Weltsicht voraus. Sie funktioniert nur, wenn man annimmt, dass die Begriffe feste und klare Bedeutungen unabhängig von der Aussage haben, die ich gerade mache. Die Bedeutungen sind schon vor dem Aussprechen der Aussage da und sie sind anschließend immer noch die gleichen. Ein begrifflicher Rahmen rahmt in diesem Vorstellung ein Aussage-Bild und verändert damit das Ausgesagte. Er wird von diesem Bild selbst aber nicht verändert.

Dieses Modell des Sprechens ist völlig untauglich für die Beschreibung oder gar die Gestaltung einer öffentlich geäußerten Aussage. Natürlich bindet sich jede Aussage durch die verwendeten Begriffe und Formulierungen in den Diskurs der Gesellschaft ein, und sie erhält ihre Bedeutung auch durch das, was an Bedeutungen schon vorher im Diskurs da war. Gleichzeitig verändert jede Aussage aber auch diesen Diskurs und die Bedeutungen der verwendeten Begriffe. Die Gleichzeitigkeit ist wichtig, denn die tatsächlichen Bedeutungen der Begriffe entstehen auch erst durch die Aussage. Wenn ich sage „Trump ist ein Idiot“, definiere ich dadurch mit, was ein „Idiot“ ist – ich knüpfe zwar an das Vorverständnis dieses Begriffs an, aber zugleich sage ich auch, was ich mit „Idiot“ meine, wenn ich zugleich auf Trump zeige. Die Bedeutung des verwendeten Wortes ist von seiner Verwendung nicht unabhängig, auch wenn zugleich die Möglichkeit, dass mein Satz verstanden wird, von der Vor-Bedeutung des Wortes abhängt. Mit jeder Verwendung eines Wortes entsteht seine Bedeutung neu.

Framing entsteht erst, wenn jemand „Framing!“ ruft

Es ist aber noch dramatischer: Dass die Verwendung des Wortes „Idiot“ in diesem Fall womöglich als Framing verstanden werden kann, fällt erst dann auf, wenn jemand „Framing!“ ruft. Die Rahmung entsteht erst, wenn jemand an dem Satz „Rahmen“ und „Bild“ voneinander unterscheidet. Man stelle sich einen Menschen Bob vor, der Bilder betrachtet, ohne eine Vorstellung davon zu haben, dass sie aus einem „Rahmen“ und einem „eigentlichen Bild“ bestehen. Für Bob gibt es nur Bilder, die ihm gefallen oder missfallen. Wenn nun Alice kommt und den Rahmen vom Bild trennt und sagt, das eine sein ja nur der Rahmen, der dem Bild eine gewisse Wirkung verleiht, das das Bild ohne den Rahmen nicht hätte, dann wird Bob vermutlich zunächst Alice verständnislos ansehen. Natürlich, so wird Bob sagen, ist es ein anderes Bild, wenn man es in seine Teile zerlegt. Erst durch Alices Zergliederung ist der Rahmen überhaupt entstanden.

Jedes Äußern von Aussagen ist ein dialektisches Spiel, in dem Bedeutungen entstehen und sich verschieben, Bedeutungen, die merkwürdigerweise aber schon „da sein müssen“, damit sie sich überhaupt verändern können. Dieses Dasein der Bedeutungen entsteht aber erst dadurch, dass sie festgestellt werden, aber dieses Feststellen funktioniert nur für einen kurzen flüchtigen Moment, denn jede neue Verwendung löst den Begriff wieder aus seinem Bedeutungsrahmen. Alle Bedeutungen sind zugleich Bild und Rahmen füreinander, und jedes reden ist ein Umgestalten von Bildern zu Rahmen und von Rahmen zu Bildern. Ein gutes Gespräch sollte nicht krampfhaft die einen Begriffe als Rahmen und die anderen als Bilder festzuhalten versuchen, sondern das Spiel der Bedeutungen, die sich dynamisch aneinander binden und verändern, sichtbar machen.

Jörg Phil Friedrich lebt in Münster und denkt und schreibt über Fragen der Praktischen Philosophie. Seinen Lebensunterhalt verdient er u.a. damit, Internet-Lösungen für Unternehmen und Institutionen zu entwerfen und zu entwickeln.