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Reflexe #6: Neue Partnerschaften

Jörg Friedrich sichtet für seine Kolumne »Reflexe« aktuelle philosophische Bücher und Strömungen. In dieser Folge bespricht er das Buch »Neue Freunde« des Publizisten und Kurators Björn Vedder

Auch philosophische Bücher haben eine Story, die sie erzählen wollen, eine Argumentation, die sich durchs ganze Werk zieht. Die Story des Buches „Neue Freunde“ von Björn Vedder geht ungefähr so: Moderne Menschen sind Narzissten, die nur aus ökonomischen Erwägungen heraus Freundschaften schließen. Der Investition in die Freundschaft muss ein Nutzen gegenüber stehen, sonst geben sie den Freund auf. Aber die Freundschaft versittlicht den Narzissten, macht ihn zu einem moralischen Menschen. Und dieser moralisierte Narzisst ist dann zu einer wahren Freundschaft fähig, die nicht am Nutzen aus der Verbindung zu den Freunden orientiert ist.

Diese Story hat das Problem, dass dem Leser bis zum siebten Kapitel ein Bild von Freundschaft präsentiert wird, das mit den eigenen Erfahrungen von Freundschaft womöglich recht wenig zu tun hat. Zwar mag es Menschen geben, die tatsächlich ihre Freundschaften nach ökonomischen Gesichtspunkten aufbauen, die ihre Freundlichkeit dem anderen gegenüber als Investition betrachten, die sich irgendwann auszahlen muss. Aber werden solche Leute ein philosophisches Essay über „Neue Freunde“ lesen? Es lohnt sich aber dennoch, bis zur Mitte des Buchs durchzuhalten, denn was Vedder in der zweiten Hälfte über die Freundschaft schreibt, ist durchaus lesenswert. Und auch die erste Hälfte erscheint dann in einem anderen, durchaus interessanten Licht.

Die ökonomische Perspektive

Lesen wir das Buch also „gegen den Strich“, ignorieren wir seine Story. Dann haben wir genau genommen in den ersten fünf Kapiteln eine Analyse einer Beziehungsform zwischen Menschen, die auf ökonomische Erwägungen gegründet ist. Ökonomisch heißt hier natürlich nicht, dass es immer um Geld oder materielle Leistungen und Werte gehen muss. Ökonomisch bedeutet: Ich verspreche mir etwas aus der Beziehung, ich erwarte einen Nutzen, und für diese Erwartung bin ich bereit, in Vorleistung zu gehen. Wenn sich meine Erwartung erfüllt, bin ich bereit, weiter zu investieren, wenn nicht, reduziere ich mein eigenes Investment.

Nacheinander betrachtet Vedder dann die verschiedenen Ausprägungen einer solchen Beziehung, eine, die er als „Kameradschaft“ bezeichnet, dann die „Freundschaft in der Not“, schließlich diskutiert er die Möglichkeit, auf der Basis von narzisstisch-ökonomischen Erwägungen „jedermanns Freund“ zu sein. Das ist alles sehr lesenswert, wenn man die ökonomische Beschreibung des jeweiligen Beziehungsphänomens als eine mögliche, aber keinesfalls notwendige oder gar hinreichende Interpretation realer Beziehungsstrukturen zwischen Menschen betrachtet. Vedder argumentiert geschickt mit bekannten fiktionalen Beispielen, Liedtexten und soziologischen Studien – der Leser tut aber gut daran, diese Argumente immer an eigenen Freundschaftserfahrungen zu spiegeln. Etwa, wenn Vedder die Kameradschaft beschreibt als eine Form der Freundschaft, die der modernen Gesellschaft nicht angemessen sei, da sie eigentlich nur für politische und kämpferische Beziehungen funktioniere, da sie immer auf ein Ziel, etwa den Sieg über einen Feind, gerichtet sei, deren Kraft somit versiegen würde, wenn das Ziel erreicht, etwa, wenn der Feind geschlagen sei. Da fragt man sich natürlich, warum sich Gemeinschaften wie Chöre, Freizeit-Fußballclubs, Kochfreundschaften oder Blaskapellen nicht als Kameradschaften interpretieren lassen sollten. Und wenn man die eigenen Freundschaftserfahrungen in solchen Kameradschaftsformen dann vor dem geistigen Auge Revue passieren lässt, fällt auch schnell auf, wie einseitig Vedder die Freundschafts-Phänomene beschreibt wenn er immer wieder versucht, sie auf ökonomische Nutzenserwartungen narzisstischer Menschen zu reduzieren. Das hat gar nichts damit zu tun, dass man sich selbst ungern als ökonomisch kalkulierenden Narzissten betrachtet, sondern dass man eben schnell bemerkt, dass das Modell nicht ausreicht, um zu erklären, warum man sich tatsächlich in Freundschaften bindet.

Freundschaften in den sozialen Medien

Vedder meint, dass die Facebook-Freundschaft sozusagen die Idealform dieser ökonomischen Freundschaft des Narzissten sei, und deshalb seien Facebook-Freunde auch „echte Freunde“. Auch hier ist es gut, die oft gehörten und wohlfeil zu habenden Urteile über das, was auf Facebook und in anderen sozialen Medien passiert, mit den eigenen Erfahrungen abzugleichen. Das soll nicht bedeuten, dass Vedder hier irrt und die Freundschaften bei Facebook gar keine echten Freundschaften wären. Aber seine Argumentation der Ökonomie und des Narzissmus ist eben bezüglich der Facebook-Freundschaft genauso einseitig wie bezüglich der Freundschaft im „echten Leben“.

Im sechsten, vor allem aber im siebten Kapitel wechselt Vedder die Perspektive. Er spricht nicht mehr über Ökonomie, sondern über wechselseitige Anerkennung. Ab hier erscheint die Freundschaft in völlig neuem Licht. Freunde hat man nicht, um aus der Beziehung zu ihnen ökonomischen Nutzen zu ziehen, sondern weil es einfach schön ist, weil es angenehm ist, Freunde zu haben. Weil man in der Freundschaft glücklicher und zufriedener ist, als wenn man ohne echte Freunde durchs Leben geht.

Das sind nicht die Worte Vedders, für den der Grund der Freundschaft ein Rätsel zu bleiben scheint – weshalb er vielleicht auch meint, die Freundschaft aus ihrer Kraft zur moralischen Besserung des Narzissten heraus erklären zu müssen. Trotzdem ist die ausführliche Beschreibung dessen, was man als „wahre Freundschaft“ bezeichnen könnte, in der zweiten Hälfte des Buchs sehr erhellend.

Partnerschaft versus Freundschaft

Ein Vorschlag, eine neue Story zum Verstehen der „neuen Freundschaften“ zu finden, wäre, zunächst zwischen zwei Formen der Beziehungen freier, moderner Menschen zu unterscheiden. Die eine könnten wir als Partnerschaft bezeichnen, sie ist tatsächlich die auf ökonomischen Nutzenserwartungen basierende Beziehung, die Menschen miteinander eingehen, um Ziele zu erreichen. Den Begriff „Freundschaft“ sollten wir für die andere Beziehungsform nutzen, bei der es nicht darum geht, einen bestimmten Nutzen zu haben, sondern einfach darum, gemeinsam ein schönes Leben zu haben. Dabei geht es niemals vorrangig um ein nützliches Ergebnis, sondern darum Gemeinsamkeit zu erleben. Selbst wenn man zusammen Fußball spielt oder im Chor singt, ist der Sieg oder der Applaus für die Freundschaft sekundär, wichtig ist, zusammen zu sein und gemeinsam etwas zu tun. Das macht die Freundschaft aus.

Reale Beziehungen, das zeigt ein kurzes Durchdenken der eigenen Erfahrungen, oszillieren zwischen der Partnerschaft und der Freundschaft. Aus Partnerschaften, etwa zwischen Kollegen oder in einer Lerngruppe, können Freundschaften werden, wenn man merkt, dass man gemeinsam etwas erleben möchte, auch wenn es keinen Nutzen bringt. Umgekehrt können in Freundschaften Partnerschaften entstehen, wenn man merkt, dass man einander nützlich sein kann, und diese Partnerschaft kann bestehen bleiben, auch wenn vom freundschaftlichen Gefühl vielleicht nichts mehr übrig ist. Zudem, man merkt es beim gemeinsamen Wandern, Kochen, Fußballspielen und Singen, kann jedes gemeinsame Erleben auch Nutzen haben, so wie etwas, was als bloße Kooperation in einer Partnerschaft gedacht war, plötzlich zur gemeinsamen Freude werden kann.

Noch einmal Facebook

Tatsächlich sind auch die Beziehungen, die man mit einer Freundschaftsanfrage und deren Bestätigung bei Facebook eingeht, genau solche Mischungen aus Freundschaft und Partnerschaft. Dabei sollte man sich immer davor hüten, ein zu einseitiges, zu holzschnittartiges Bild der Facebook-Freundschaften zu zeichnen. Es gibt so viele verschiedene Formen der Kommunikation und der Beziehungen auf Facebook, dass ihre halbwegs erschöpfende Beschreibung wahrscheinlich ein dickes Buch füllen würde. Beschränken wir uns zum Schluss auf eine mögliche Variante, um zu zeigen, wie sich auch im sozialen Online-Netzwerk eine Mischung aus Partnerschaft und Freundschaft entwickeln kann.

Stellen wir uns vor, Bob versendet eine Freundschaftsanfrage an Alice, weil er ein paar interessante Posts und Kommentare von ihr zufällig gelesen hat und keinen ihrer Zukünftigen Posts verpassen möchte. Alice bestätigt diese Freundschaftsanfrage, weil sie mit ihren Facebook-Einträgen eine möglichst große Reichweite erzielen möchte. Soweit haben wir bei beiden eine ausschließlich auf Nutzenserwartungen gegründete Partnerschaft. Mit der Zeit bemerken beide, wie angenehm der Austausch ist, wie witzig die Dialoge werden, wieviel Freude es macht, dem anderen zu schreiben und schöne Antworten zu bekommen. Aus der Partnerschaft wird eine Freundschaft. Alice schreibt ihre Posts schon mit dem Gedanken an eine mögliche Reaktion von Bob, der wiederum reagiert auch voller Freude auf Posts von Alice, die ihn zuvor nicht interessiert hätten. Der Austausch selbst wird zum Genuss.

Der Narzisst hat sich verabschiedet

Wo bleibt der Narzisst bei dieser Kombination aus Freundschaft und Partnerschaft? Er wird zum Verstehen nicht mehr benötigt. Er hat sich aus der Story klammheimlich verabschiedet. Ob der moderne Mensch wirklich ein Narzisst ist, kann dahingestellt bleiben. Was er aber, im Gegensatz zu den Menschen früherer Gesellschaften ist: er ist radikal Einzelner, nicht mehr gebunden an traditionelle Verpflichtungen und kulturelle Prägungen aus Familie, Klasse oder Volk. Er ist nicht gebunden, er muss sich selbst binden – und dazu braucht er Partnerschaften genauso wie Freundschaften. Zum Verstehen dieser Phänomene muss noch einiges getan werden, Björn Vedders Buch über Neue Freunde ist ein wertvoller Beitrag dazu.

Jörg Friedrich lebt in Münster und ist Philosoph und IT-Unternehmer. Er schreibt und spricht vor allem über technik-und wissenschaftsphilosophische Themen und Fragen der praktischen Philosophie (Ethik, politische Philosophie, philosophische Ästhetik). In seiner monatlichen Kolumne »Reflexe« reflektiert er über einen aktuellen philosophischen Ansatz und lädt zum kritischen Weiterdenken ein.

5 Kommentare

  1. Björn Vedder sagt

    Lieber Herr Friedrich,

    herzlichen Dank für Ihre Überlegungen zu meinem Buch, auf die ich gerne antworten möchte – nicht nur, weil Sie mich darum gebeten haben, sondern auch, weil Sie natürlich völlig Recht haben. „Gemeinsamkeit zu erleben“, sich verstanden zu fühlen und das Gefühl zu haben, so, wie man ist, in Ordnung zu sein, die Freude am Zusammensein und „gemeinsam ein schönes Leben zu haben“, das alles zeichnet Freundschaften viel wesentlicher aus als irgendwelche „ökonomischen Nutzenserwartungen narzisstischer Menschen“.

    Auch deswegen spreche ich in meinem Buch gar nicht vom „Nutzen“, den Freunde in der Freundschaft suchen (das Wort „Nutzen“ kommt im gesamten Text nur ein einziges Mal vor, in einem Zitat, das ich ablehne). Mich verwundert deshalb, dass es in Ihrer Rezension so eine große Rolle spielt.

    Dass Freunde aneinander ein Interesse haben müssen und es folglich keine ganz und gar interesselose Freundschaft geben kann, glaube ich hingegen schon. Indes ist das gar kein so neuer Gedanke. Schon Aristoteles scheibt ja in der Nikomachischen Ethik, dass sich die Freundschaft durch eine besondere Zuneigung unter den Freunden auszeichnet und dass der Freund, wenn er mir als liebenswert erscheint, auch etwas haben muss, das für mich liebenswert ist. Und hier wäre dann die Frage, ob die von Ihnen angeführte Freude am gemeinsamen Erleben nicht auch zu dem hinzugezählt werden könnte, was den Freund für mich liebenswert macht. So leicht lässt sich also die vermeintlich einfache Lust am Zusammensein nicht gegen eine Ökonomie der Freundschaft ausspielen.

    Mit der Beobachtung, dass die Freundschaft vor allem in einer Freude am gemeinsamen Erleben besteht, fangen daher die philosophischen Fragen erst an. Und ihnen gehe ich in meinem Buch nach: Was heißt es eigentlich genau, sich gut zu verstehen? Warum ist es schön, mit dem Freund zusammen zu sein? Ist es bloß eine gemeinsame Lust oder Freude, die man teilt, oder steckt u.U. noch mehr dahinter?

    Ich meine, hierbei geht es vor allem um die Anerkennung und Wertschätzung durch den Freund und beiden liegt eine ganz andere Ökonomie zugrunde als die der Gewinn- oder Nutzenmaximierung. Deshalb hat sie auch ein anderes Vokabular: Geschenk, Dank, Hilfe, Verzeihen. Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie schreiben, dass dann vor allem ethische Fragen gestellt werden.

    Und schließlich ist es natürlich interessant, was es in diesem Zusammenhang mit Freundschaften auf Facebook auf sich hat. Sind sie etwas völlig anderes als unsere übrigen Freundschaften oder können wir aus ihnen vielleicht sogar etwas über die Freundschaft überhaupt lernen?
    Dabei finde ich die größere Perspektive, die Sie am Ende Ihres Beitrags einnehmen, sehr interessant: Inwiefern spiegelt sich in den Beziehungen in den sozialen Netzwerken das Bedürfnis des modernen Menschen als „radikal Einzelner“ Bindungen jenseits der traditionell etablierten einzugehen? Und, nur als Nebenfrage: Sind wir wirklich „nicht mehr gebunden an traditionelle Verpflichtungen und kulturelle Prägungen aus Familie, Klasse oder Volk?“ Zeigt sich nicht in den sozialen Netzwerken das Bedürfnis nach einer Verstärkung oder Restituierung der traditionellen sozialen, kulturellen und politischen Bindungen? Es ist, wie Sie sagen: So viel, worüber man noch sprechen müsste.
    Beste Grüße
    Ihr
    Björn Vedder

    • „Freundschaft“ unterscheidet sich dahingehend, dass in einem Fall der „Freund“ nur Werkzeug zu einem Ziel, im anderen Falle der Freund weder Werkzeug noch Ziel. Bei Freundschaft von „Nutzen“ zu sprechen, legt nahe, dass der so Urteilende nur die Funktion „Werkzeug“ kennt. „Freunde“ im Gesichtsbuch für Freunde zu halten, ist ungefähr genauso intelligent, als würde vorübergehende Sympathie für Liebe ausgegeben. Solchen wäre die Lektüre von „Schillers Glocke“ zu empfehlen.

    • Lieber Björn Vedder, vielen Dank für Ihre Antwort! Ich habe lange überlegt, wie ich Ihren Kommentar beantworte, und ich bin noch immer nicht sicher, ob ich deutlich machen kann, worum es mir in meiner Kritik an der ersten Hälfte Ihres Buchs im Kern geht.

      Es kommt nicht darauf an, ob Sie das Wort „Nutzen“ verwenden oder nicht. In der ersten Hälfte des Buchs entwerfen Sie ein ökonomisches Modell der Freundschaft, und in einem ökonomischen Modell geht es immer um das Ausgleichen von Aufwand und Ertrag, von Investition und Rückfluss, und vor allem darum, dass schon im Moment des Investments erwartet wird, dass dem ein gewisser Ertrag gegenüber stehen wird. Das ist das, was Sie hier als das „Interesse“ am Freund bezeichnen, und dieser Gedanke durchzieht, wie gesagt, als roter Faden die ersten sechs Kapitel Ihres Buchs. Und dieses Interesse trifft eben meiner Meinung nach überhaupt nicht das Wesen des Phänomens Freundschaft. Unter den Beziehungen, die Menschen miteinander eingehen, wird die Partnerschaft wohl von Interessen geleitet, aber nicht die Freundschaft. Freundschaft ist interesselos.

      Noch eine Anmerkung zu Ihren Fragen am Schluss: Natürlich sind wir, als konkrete Menschen, noch eingebunden in die sozialen Strukturen von Familie, Volk und Klasse. Aber wenn wir den modernen Entwurf des Menschen betrachten, auf den hin wir uns interpretieren und selbst entwerfen, dann ist das der radikal Einzelne, der von diesen Strukturen befreit oder jedenfalls gelöst ist und der eben in Freundschaften und Partnerschaften – und dazwischen schwankend – neuen Halt sucht.

      Beste Grüße
      Jörg Friedrich

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