Alle Artikel in: HOHE LUFTpost

HOHE LUFTpost – Wir gewinnt

HOHE LUFTpost vom 17. Juni 2016: Wir gewinnt In Europa grassiert das Fußballfieber, und auch meine Temperatur ist leicht erhöht. Es ist noch viel zu früh für ein Resumee, die Infektion ist ja noch nicht einmal voll ausgebrochen, aber zu diesem Zeitpunkt kann man sagen: Es war bisher ein Turnier der Kollektive, nicht der Einzelspieler. Mannschaften wie Italien zeigen, wie man Gegner von deutlich höherer individueller Klasse mit einem gut zusammenspielenden Team überwinden kann. Ein erstaunliches Phänomen, auch aus philosophischer Sicht. Die Mannschaftsleistung übersteigt die Summe der Beiträge aller Mitspieler. Es scheint geradezu, als habe die Mannschaft ein Eigenleben, als könne sie selbst denken und handeln. So ist es auch, sagt der irische Philosoph Philip Pettit, der eine Theorie der »Group Agency« entwickelt hat. Gut kooperierende Gruppen haben einen eigenen Geist, sie treffen Entscheidungen, sie sind Akteure, sagt Pettit. Wie gelingt es Menschen, sich zu solchen Superakteuren zu formieren? Durch ihre Fähigkeit zu »Wir-Intentionalität«, sagt Pettits amerikanischer Fachkollege John Searle: Sie können gemeinsame Absichten und Ziele haben, die mehr sind als die Schnittmenge ihrer einzelnen Absichten …

HOHE LUFTpost – Gift oder nicht?

HOHE LUFTpost vom 10. Juni 2016: Gift oder nicht? In Brüssel tobt gerade ein Lobbykampf um die Zulassung von Glyphosat. Es ist das weltweit meistverwendete Unkrautbekämpfungsmittel, in Deutschland wird es auf 40 Prozent der Ackerfläche eingesetzt. Wie giftig ist Glyphosat? Kann es Krebs auslösen? Unzählige wissenschaftliche Studien beschäftigen sich mit den Wirkungen des Mittels. Jede Seite beruft sich auf die Studien, die ihr ins Konzept passen. Warum können Forscher keine klare Antworten auf diese Fragen finden? Die Glyphosat-Debatte zeigt auch, wie verbreitet Missverständnisse über die Wissenschaft sind. Einzelne Studien haben wenig Aussagekraft – das ist zwar den Wissenschaftlern selbst klar, nicht aber vielen Laien. Was zählt ist das große Bild, das alle Studien zusammengenommen ergeben. Doch das sieht man nur mit unvoreingenommenem Blick. Wer einzelne Studien herauspickt, kann so ziemlich alles begründen. »Eine neue Studie zeigt, dass Zucker Krebs fördern kann«, meldete kürzlich ein großer Fernsehsender. »Fürze riechen kann Krebs verhindern, behaupten Wissenschaftler«, schrieb ein großes Nachrichtenportal. Damit illustrieren sie, wie gefährlich die interessengebundene Instrumentalisierung wissenschaftlicher Studien ist. Auch in Sachen Glyphosat sollten wir daher auf …

HOHE LUFTpost – Ich kann das, ich darf das, ihr nicht

HOHE LUFTpost vom 03. Juni 2016: Ich kann das, ich darf das, ihr nicht Letzthin hätte ein Autofahrer mich beinah vom Rad geholt. Er telefonierte gerade am Handy. Zahlreiche Studien zeigen, dass der Gebrauch von Mobiltelefonen beim Autofahren die Unfallgefahr deutlich erhöht. Eine Untersuchung amerikanischer Psychologen wirft ein neues Licht auf die Angelegenheit: Eine große Mehrheit der Autofahrer unterstützt ein Verbot von Handys am Lenkrad – und eine große Mehrheit der Autofahrer ist überzeugt, dass sie selbst sicher fahren können, während sie telefonieren. Bei anderen ist es vor allem gefährlich, bei sich selbst ist es vor allem praktisch, man kann noch ein paar Dinge erledigen und die Kontakte zu Freunden pflegen. Das klingt nach systematischer Selbstüberschätzung. Ich glaube jedoch, es steckt etwas anderes dahinter. Bei der Betrachtung unseres eigenen Tuns – nicht nur beim Telefonieren im Auto – sehen wir andere Aspekte im Vordergrund als bei der Betrachtung der Handlungen anderer: den potenziellen Nutzen statt des Risikos. Dieser Asymmetrie sollten wir uns bewusst sein, und nicht vergessen, uns in den richtigen Momenten in die Schuhe unserer …

HOHE LUFTpost – Gesellschaft oder Gesellschaften?

HOHE LUFTpost vom 27.05.2016: Gesellschaft oder Gesellschaften?  Am Anfang letzter Woche kamen zwei politische Ereignisse zusammen, die in dieselbe, bedenkliche Richtung weisen. In der Wahl zum österreichischen Staatspräsidenten unterlag der Rechtspopulist Norbert Hofer von der FPÖ nur um Haaresbreite dem von einem breiten Bündnis der übrigen politischen Kräfte unterstützten Kandidaten Alexander Van der Bellen. Und in Berlin kam die AfD-Vorsitzende Frauke Petry mit dem Zentralrat der Muslime zusammen – für nicht einmal eine Stunde, dann ließ Petry das Gespräch platzen. Noch kläglicher war ein Gesprächsversuch von Hofer und Van der Bellen gescheitert, bei einem unmoderierten Fernsehduell blieben sie gerade mal 20 Minuten sachlich, dann brachten sie bloß noch Beschimpfungen und Polemik hervor. Das verheißt nichts Gutes für die Wahlkämpfe, die da kommen: US-Präsidentschaft 2016, deutscher Bundestag 2017. Wenn die konkurrierenden politischen Kräfte gar nicht mehr ernsthaft miteinander reden wollen, steht eine wichtige Voraussetzung einer funktionierenden Demokratie in Frage. Solange die Zickereien kalkulierte Inszenierungen von Berufspolitikern sind, hält der Schaden sich in Grenzen. Sollten sie aber Symptome für eine tiefere Entwicklung sein, dann wird es wirklich …

HOHE LUFTpost – Star Trek und Philosophie

HOHE LUFTpost vom 06. Mai 2016: Star Trek und Philosophie Vor 50 Jahren wurde in den USA die erste Folge der Science-Fiction-Serie »Raumschiff Enterprise« ausgestrahlt. Obwohl meine Eltern nicht immer begeistert waren, wenn ich mir die Abenteuer von Captain Kirk & Co. anschauen wollte, gehörten sie zu den wichtigsten Fernseh-Erlebnissen meiner Kindheit. Heute weiß ich, dass diese Geschichten zutiefst philosophisch sind. Ist ein Mensch, der beim Beamen komplett zerstört und an einem anderen Ort Atom für Atom wieder zusammengebaut wird, noch derselbe Mensch? Führen Zeitreisen in logische Paradoxien? Wie weit kommt man mit purer Logik à la Commander Spock überhaupt? Können Maschinen denken? Das sind Fragen, über die Philosophen intensiv grübeln, und über die auch ich damals nachdachte, ohne das Wort »Philosophie« zu kennen. Ich bin auch nicht immer begeistert, wenn meine Kinder fernsehen wollen. Aber Star Trek dürfen sie sich anschauen. – Tobias Hürter

HOHE LUFTpost – Der Dichterphilosoph

HOHE LUFTpost vom 29.04.2016: Der Dichterphilosoph Es ist Shakespeare-Woche. Am 23. April vor 400 Jahren ist der große Dichter gestorben, am 26. April vor 452 Jahren wurde er getauft – sein Geburtsdatum ist unbekannt. Es war keine Glanzzeit der Philosophie, in der er lebte. Die Systeme der Scholastiker waren längst verblasst, die Ära von Descartes, Hobbes, Locke & Co. hatte noch nicht begonnen. Dennoch dachte Shakespeare zutiefst philosophisch.

HOHE LUFTpost – Wir und unsere Wurzeln

HOHE LUFTpost vom 22. April 2016: Wir und unsere Wurzeln Inge Lohmann (66) wüsste gern, wer ihr Vater ist. Sie ist bis vor das Bundesverfassungsgericht gegangen, um Gewissheit darüber zu erhalten, ob der Mann, den sie für ihren Vater hält, sie wirklich gezeugt hat. Das Gericht hat diese Woche entschieden: Frau Lohmann hat kein Recht auf diese Gewissheit.

HOHE LUFTpost – Kunst, Kontext und Jan Böhmermann

HOHE LUFTpost vom 15. April 2016: Kunst, Kontext und Jan Böhmermann Vor hundert Jahren vollbrachte Marcel Duchamp ein Wunder: Er hob ein gewöhnliches Pinkelbecken (unbenutzt) auf einen Sockel – und es ward Kunst. Mit seinen »Readymades« stürzte er die Kunst in eine Krise, die zu einem gründlich neuen Verständnis dessen führte, was Kunst überhaupt ist. Eine der Lehren von damals war, dass alles vom Kontext abhängt. Von zwei physikalisch gleichen Objekten kann eines ein Kunstwerk und das andere nicht, nur weil wir unterschiedlich mit ihnen umgehen.

HOHE LUFTpost – Von Bürgern und Würgern

HOHE LUFTpost vom 08. April 2016: Von Bürgern und Würgern Niemand zahlt gern Steuern. Die Enthüllung der Panama Papers diese Woche nährt den Verdacht, dass eine beträchtliche Zahl unserer Mitbürger so ungern Steuern zahlt, dass sie mit Hilfe von Banken und spezialisierten Anwaltskanzleien hunderttausende Briefkastenfirmen in entfernten Inselstaaten gegründet haben, um ihr Vermögen den Finanzbehörden zu entziehen. »Warum dürfen diese Diebe mir dauernd was von meinem hart verdienten Geld abknöpfen?« Diese Frage kann einem beim Öffnen eines Steuerbescheides schon mal kommen. Der amerikanische Philosoph Robert Nozick (1938–2002) hielt Zwangssteuern für eine Form der Zwangsarbeit. Niemandem dürfe rechtmäßig erworbenes Eigentum entzogen werden, argumentierte er in seinem Buch »Anarchy, State, and Utopia« (1974). Wenn jemand für Polizei und Müllabfuhr bezahlen möchte, ist das natürlich OK. Aber Nozick hielt es für unrechtmäßig, Bürger dazu zu zwingen. Mit dieser Position ist Nozick allerdings Außenseiter unter Philosophen. Sein Kollege John Rawls (1921–2002) hielt Steuern für ein rational begründetes Mittel, um Gerechtigkeit herzustellen. Nehmen wir an, wir hätten die Wahl zwischen zwei Gesellschaften: A und B. In Gesellschaft A sind die Einkommensunterschiede geringer …

HOHE LUFTpost – Bedrohung, die Zweite

HOHE LUFTpost vom 01.04.2016: Bedrohung, die Zweite Auf die letzte HOHE LUFTpost, die von Terrorismus, abstrakter und konkreter Bedrohung handelte, schrieb mir eine Leserin aus Frankreich. Dort sei von Bedrohung nichts zu spüren: »Alltag, Gewöhnung, Feiern«. Wenig überraschend kam die Rede auf die »German Angst«, die in Deutschland verbreitete Neigung, die eigene Angst zu kultivieren: nicht nur vor Terrorismus, sondern auch vor Infektionskrankheiten, saurem Regen, Radioaktivität, Zuwanderung und vielem anderen. So etwas endet leicht in Vorurteilen und Allgemeinplätzen.