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Intellektueller und moralischer Bankrott. Der Kern der sogenannten Missbrauchskrise.

Wieder förderte ein Gutachten neue Missbrauchsskandale innerhalb der katholischen Kirche zutage. Wieder vertuscht durch die eigenen Reihen. Wie kann das sein? Doris Reisinger wirft einen kritischen Blick auf die katholische Kirche – den, einer Kennerin der innersten Strukturen, und den, einer starken Frau, die den Überblick behält.

Text: Doris Reisinger

Seit 12 Jahren dauert die sogenannte Missbrauchskrise in Deutschland nun schon an. Inzwischen ist die Öffentlichkeit so an die Thematik und die zu ihr gehörenden Vokabeln gewöhnt, dass die Frage, was hier eigentlich geschieht, nur selten gestellt wird. Ein Blick zurück, auf den Wandel der Narrative, mit denen über diese Thematik gesprochen wurde, wirft ein Licht auf die Tiefenschichten eines ebenso langsamen wie schmerzlichen Erkenntnisprozesses.

Mitte der 90er Jahre, lange vor Ausbruch dessen, was heute Missbrauchskrise genannt wird, gingen die ersten überregionalen Schlagzeilen zum Thema durch die Presse. Da haftete ihm noch etwas Anrüchiges an. Damals bemühten einige katholische Bischöfe sogar den Begriff der Kirchenverfolgung: Als der Wiener Erzbischof und Kardinal Groër des sexuellen Kindesmissbrauchs beschuldigt wurde, zog nicht nur der damalige Wiener Koadjutor-Erzbischof Christoph Schönborn, einen Vergleich zum Dritten Reich: Die Kirche würde „verfolgt wie in der Nazizeit“.

Später entschuldigte er sich dafür. Als Groërs Vergehen nicht mehr zu leugnen waren, wich die Verfolgungserzählung einem anderen Narrativ, dem der Einzelfälle. Groër und andere Täter hätten persönliche Schuld auf sich geladen, hieß es nun. Schuld gibt es nun einmal. In jedem Kontext laden Menschen Schuld auf sich. Die Kirche schien nur ein Ort unter vielen, wo das so ist. Wie in Sportvereinen und Familien missbrauchten leider auch in Kirchen hin und wieder Amtsträger Kinder. Selbst als die Krise 2002 in den USA mit voller Wucht ausbrauch, sagte Kardinal Karl Lehman, damals Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, in Deutschland gäbe es das Problem nicht in dem Ausmaß: In den 19 Jahren, in denen er Bischof von Mainz gewesen sei, habe es „insgesamt vielleicht drei oder vier Fälle“ gegeben. Auch diese Behauptung ließ sich nicht lange halten. Ab 2010, spätestens aber seit Veröffentlichung der MHG-Studie 2018, war allen klar, dass das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs und insbesondere seiner gezielten Vertuschung in den Kirchen enorm war. Nun funktionierte das Narrativ der Einzelfälle nicht länger. Es wich dem der Lernkurve und des Reformbedarfs: Kirchliche Verantwortungsträger hätten zu spät begriffen, wie verheerend die Folgen solcher Taten für Kinder seien. Sie hätten vieles zu lernen und nicht zuletzt müsste auch die Kirche sich an manchen Stellen ändern.

In den Stellungnahmen leitender Verantwortlicher ist mit Händen greifbar, dass von einem Bewusstsein für eigene Fehler und einem Willen zum Lernprozess an den entscheiden institutionellen Schlüsselstellen der katholischen Kirche nichts zu spüren ist.

Um zu eruieren, wo und wie sie sich ändern müsse, wurde 2019 der sogenannte „synodale Weg“ ins Leben gerufen, ein Gesprächsprozess, an dem rund 200 katholische Gläubige teilnehmen, um unter anderem über „Macht und Gewaltenteilung in der Kirche“, „Priesterliche Existenz heute“ und „Leben in gelingenden Beziehungen“ zu sprechen. Dieses Narrativ ist bis heute das dominante im Diskurs. Aber Gutachten wie jenes, das letzte Woche zu sexuellem Missbrauch in der Erzdiözese München und Freising veröffentlicht wurde, könnten nach und nach auch die Erzählung von der Lernkurve verstummen lassen. In den Stellungnahmen leitender Verantwortlicher ist mit Händen greifbar, dass von einem Bewusstsein für eigene Fehler und einem Willen zum Lernprozess an den entscheiden institutionellen Schlüsselstellen der katholischen Kirche nichts zu spüren ist. Beispielsweise argumentiert Joseph Ratzinger, der ehemaligen Papst Benedikt XVI., als ein Priester sich vor Kindern selbst befriedigt hatte, habe es sich nicht um Missbrauch gehandelt, weil es „nicht zu Berührungen der Opfer gekommen sei“ . Nicht nur in Äußerungen wie dieser tritt ein ausgeprägtes Fremdeln der kirchlichen Verantwortungsträger mit den Kategorien des staatlichen Rechts und der säkularen Moral zutage. Im kirchlichen Strafrecht existiert das Schutzgut der „sexuellen Selbstbestimmung“ nicht. Das wäre „ein Begriff, der im staatlichen Recht verwendet werden kann, im Kirchenrecht aber keine Basis hat“, sagte erst im Dezember 2021 der Untersekretär des Päpstlichen Rates für die Gesetzestexte, Markus Graulich.

Die weltliche Moral hat die kirchliche um Längen überholt.

Damit existiert im kirchlichen Recht auch kein Begriff des „sexuellen Kindesmissbrauchs“. Dort ist vielmehr von einem „Straftat gegen das sechste Gebot“ die Rede. In der Logik des kirchlichen Rechts sind Minderjährige, mit denen ein Priester gegen das sechste Gebot verstößt strenggenommen auch keine Opfer einer Straftat, sondern nur Zeugen eines klerikalen Zölibatsvertoßes. Opfer haben kaum Rechte. Aber nicht nur sie: Diese Kirche pflegt nach wie vor eine Ständeordnung. Geweihte und nicht Geweihte haben grundlegend verschiedene Rechte und existieren in einem Verhältnis klarer Über- und Unterordnung. Die Journalistin Christiane Florin kommentierte nach der Veröffentlichung des Münchner Gutachtens: „Für viele ist die katholische Kirche der letzte Rest Absolutismus, den man sich in einer Demokratie leistet.“ – Die Missbrauchskrise zeigt uns, welchen Preis dieser Luxus im Extremfall kosten kann. Sie zeigt uns auch, dass mit einem Ende der Krise nicht zu rechnen ist, solange ihre Bewältigung gerade der Institution überlassen bleibt, der die begrifflichen und logischen Grundlagen dafür fehlen, das Problem erfassen zu können. Wir haben es nicht mit einem Lernprozess einer schwerfälligen Institution zu tun. Sondern wir haben es mit ihrem intellektuellen und moralischen Bankrott zu tun. Nicht nur in Sachen Missbrauch zeigen lehramtliche und oberhirtliche Verlautbarungen, dass die römische Kirche den gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Diskursen schon lange nicht mehr folgen kann oder auch nur folgen will. Und nicht nur die Missbrauchskrise zeigt: Die weltliche Moral hat die kirchliche um Längen überholt. Es wäre traurig, sollte die Zukunft des Katholizismus tatsächlich denen überlassen sein, die ihn für absolutistische Ausflüchte aus dem anstrengenden demokratischen Alltag gebrauchen und dafür einen hohen Preis zu zahlen bereit sind.

Zur Autorin: Doris Reisinger ist eine deutsche Buchautorin, Theologin und Philosophin sowie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Mitglied der Forschungsgruppe Gender, Sex and Power am Cushwa Center der Notre Dame University in Indiana. Als ehemaliges Mitglied der geistlichen Familie „Das Werk“ erstatte sie nach ihrem dortigen Austritt im Jahr 2011 Anzeige wegen Vergewaltigung gegen einen einstigen Mitbruder. Als Betroffene von sexueller Gewalt durch Vertreter der katholischen Kirche verhalf sie dem Thema durch ihre Texte und Vorträge zu mehr öffentlicher Sichtbarkeit.

Doris Wagner/Christoph Schönborn, Schuld und Verantwortung. Ein Gespräch über Macht und Missbrauch in der Kirche, Herder 2019.

https://www.spiegel.de/politik/der-papst-hat-das-heft-in-der-hand-a-122581ed-0002-0001-0000-000022955262 »Der Papst hat das Heft in der Hand«, von Ulrich Schwarz und Peter Wensierski, 23.06.2002, DER SPIEGEL 26/2002

Westpfahl Spilker Wastl Rechtsanwälte, Sexueller Missbrauch Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019. Online abrufbar: https://westpfahl-spilker.de/wp-content/uploads/2022/01/WSW-Gutachten-Erzdioezese-Muenchen-und-Freising-vom-20.-Januar-2022.pdf

Kirchenrechtler Graulich: Neues Strafrecht braucht Mentalitätswandel, Von Roland Juchem (KNA), Vatikanstadt am 07.12.2021, online abrufbar: https://www.katholisch.de/artikel/32271-kirchenrechtler-graulich-neues-strafrecht-braucht-mentalitaetswandel
Missbrauch ohne Ende? Die Katholische Kirche hat ein historisches Problem.

Interview mit Christiane Florin am 20. Januar 2022 im DLF Kultur, online abrufbar: https://www.deutschlandfunkkultur.de/missbrauch-ohne-ende-die-katholische-kirche-hat-ein-historisches-problem-dlf-kultur-80aab5ef-100.html

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