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Wohin bewegen wir uns?

Fortschritt – für die einen klingt das nach einem Versprechen. Nach Entwicklung, höher, schneller, weiter, moderner. Andere wittern in ihm Gefahr. Abwege, Überforderung. Früher war ja schon alles besser. Vielleicht ist es Zeit, Fortschritt neu zu denken.

Text: Thomas Vašek

Unter »Fortschritt« verstehen wir zumeist eine durch menschliches Handeln herbeigeführte Veränderung zum Besseren. Der Begriff hat also eine positive Konnotation; meist meinen wir damit eine erstrebenswerte Entwicklung. Doch der Fortschrittsbegriff hat seine Tücken. Einerseits bezeichnen wir damit eine reale Veränderung. Wir behaupten also, dass es Fortschritt wirklich gibt oder gegeben hat. Zugleich drückt der Glaube an den Fortschritt aber auch die Zuversicht aus, dass sich die Dinge in Zukunft zum Besseren verändern werden oder wenigstens verändern können. Aber woher wissen wir, was »das Bessere« ist?

Im Alltag reden wir von Fortschritt vor allem im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel. Zum Beispiel sagen wir, dass ein Heilungsprozess »Fortschritte« macht, wenn man dem Ziel der Gesundung näherkommt. Ähnlich sprechen wir von Fortschritten beim Erlernen einer Sprache oder beim Lösen eines Problems. Unter Fortschritt im historischen Sinne verstehen wir ganz analog, dass sich die menschliche Zivilisation in eine erstrebens­werte Richtung entwickelt hat und weiter entwickeln wird. Doch da gibt es eine Schwierigkeit. Offenbar können wir nicht sagen, auf welches »Ziel« diese Entwicklung zustrebt – und ob es überhaupt ein Ziel gibt.

Unsere Vorstellung von Fortschritt unterliegt selbst einem historischen Wandel. Die Griechen hatten vermutlich noch gar keine Idee, was Fortschritt überhaupt ist. Die Geschichte sahen sie als ein zyklisches Geschehen, als ewiges Auf und Ab im Rahmen einer festen Weltordnung. Zugleich war ihre eigene Geschichte noch zu kurz, um darin große Veränderungen zu erkennen. Zwar machten sie großartige wissenschaftliche Entdeckungen, doch diese Fortschritte hatten kaum Auswir­kungen auf das Leben der Menschen.

Im Mittelalter gab es zwar die Idee eines heilsgeschicht­lichen Fortschritts der Menschheit. Doch diese Fortschrittsidee hatte mit unseren heutigen Vorstellungen wenig zu tun. Als treibende Kraft der Geschichte sah man nicht das irdische menschliche Handeln, sondern die göttliche Vorsehung, die das Geschick der Menschen bestimmt.

Von Stufe zu Stufe mit Marquis de Condorcet

Unsere moderne Idee des Fortschritts ist ein Kind der Aufklärung. Beflügelt von den Erfolgen der modernen Wissen­schaft, entwickelte sich die optimistische Vorstellung eines grenzenlosen Fortschritts der menschlichen Erkenntnis. Der Marquis de Condorcet (1743–1794), ein französischer Philosoph und Politiker, wollte nichts weniger als den Nachweis führen, dass sich die menschliche Kultur von Stufe zu Stufe immer höher entwickelt, von den primitiven Gesellschaften über die Erfindung des Buchdrucks bis zur modernen Wissenschaft. Als Treiber allen menschlichen Fortschritts sah er den Fortschritt des Wissens. Sämtliche Irrwege und Verfehlungen in Politik und Moral, so glaubte Condorcet, gehen letztlich auf einen Mangel an Wissen zurück.

Schon die Denker der Aufklärung standen allerdings vor der Schwierigkeit, Phasen des Niedergangs mit der Idee des Fortschritts in Einklang zu bringen. Offenbar verläuft der Fortschritt nicht einfach linear. Immer wieder gibt es Brüche, Katastrophen und Kriege, die uns scheinbar zurückwerfen. Gerade in diesen Krisen sahen einige Denker aber auch den Motor des Fortschritts. So verstand Hegel (1770–1831) die Weltgeschichte als konfliktreichen Entwicklungsprozess, in dem sich der menschliche Geist selbst entfaltet. Sogar Kriege sind aus dieser Sicht notwendige Ereignisse, um den Fortschritt weiter voranzutreiben. Was uns als zeitweiliger Niedergang erscheint, ergibt für das große Ganze schließlich doch Sinn.

Karl Marx Fortschritt zur klassenlosen Gesellschaft

Marx übernahm Hegels Fortschrittsbegriff, interpretierte ihn aber materialistisch und revolutionär. Die zentrale Antriebskraft ist für ihn nicht die Selbstentfaltung des Geistes, sondern die Entwicklung der Produktivkräfte, die immer wieder neue Wirtschaftsformen und damit Klassengegensätze hervorbringen. Nach Marx (1818–1893) zerbricht der Kapitalis­mus am Ende an diesen Gegensätzen; der welthistorische Fortschritt mündet schließlich in die klassenlose Gesellschaft.

Mit der Dialektik des Fortschritts, mit seinen inneren Widersprüchen, hat man immer wieder furchtbare Verbrechen zu rechtfertigen versucht. Im Sinne Hegels etwa kann man selbst ein Menschheitsverbrechen wie den Holocaust als bloßes Zwischenspiel begreifen, als Teil eines historischen Fortschritts­prozesses, der einem höheren Ziel zustrebt. Gegen diese Sicht der Geschichte hat sich Theodor W. Adorno (1903–1969) gewandt: Eine Tragödie wird nicht besser dadurch, dass sie auf längere Sicht zu einer positiven Entwicklung beiträgt. Wer nur den großen welthistorischen Fortschritt im Auge hat, verliert die vielen Rückschritte und Tragödien aus dem Blick.

Jede Fortschrittsideologie läuft Gefahr, der historischen Entwicklung ein Ziel zu unterstellen, auf das sie sich angeblich hinbewegt, ob es die Selbstentfaltung des Geistes ist, das Glück aller oder die klassenlose Gesellschaft. Ein solches Ziel, einen solchen tieferen Sinn gibt es aber nicht, jedenfalls haben wir ihn noch nicht gefunden. Wir können daher nicht sagen, ob wir uns überhaupt in die richtige Richtung bewegen. Was wir für Fortschritt halten, könnte sich letztlich als Sackgasse oder gar als Rückschritt erweisen.

Fortschrittskritiker haben immer wieder bestritten, dass sich die Lage des Menschen verbessert, dass es also überhaupt Fortschritt gibt. Kulturpessimisten von Jean-Jacques Rousseau über Arthur Schopenhauer bis Sigmund Freud deuteten die moderne Zivilisationsgeschichte sogar als Geschichte des Niedergangs. Zugleich kann man skeptisch fragen, auf welchen Evidenzen unser Glaube an den Fortschritt überhaupt beruht. Wie können wir wissen, ob sich die Dinge tatsächlich zum Besseren verändern?

Was für die einen Fortschritt bedeutet, muss keineswegs ein Fortschritt für andere sein.

Eine der Schwierigkeiten der Fortschritts-idee besteht offenbar darin, verschiedene Entwicklungen über die Zeit hinweg miteinander zu vergleichen. So könnte etwa der Wohlstand in einer Gesellschaft zunehmen, während zugleich die Ungleich-heit wächst. Hat sich die Gesellschaft nun zum Besseren verändert, also einen Fortschritt gemacht? Schwer zu sagen. Ob man die Entwicklung unterm Strich als Fortschritt betrachtet, hängt offenbar davon ab, wie man die beiden Zustände gewichtet. Und das ist keine Frage der Fakten, sondern eine der Werte. Wer Fragen der Gerechtigkeit für zentral hält, wird selbst ungeheures Wirt-schaftswachstum schwerlich als Fortschritt sehen können, wenn dadurch die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird. Zugleich sehen wir Fortschritte auf bestimmten Gebieten nicht unbedingt nur positiv. Und was für die einen Fortschritt bedeutet, muss keineswegs ein Fortschritt für andere sein.

Lange Zeit haben wir unter Fortschritt einseitig den wissenschaftlich-technischen Fortschritt verstanden. Doch heute ist diese Sicht fragwürdig geworden. Die digitalen Technologien etwa haben sicherlich viele Fortschritte gebracht. Aber zugleich greifen sie auf eine Weise in unser Leben ein, die von vielen Menschen zunehmend kritisch gesehen wird.

Wer von Fortschritt redet, muss immer sagen können, welchen Fortschritt er meint, für wen und im Hinblick auf welche Ziele. Es gibt nicht »den« Fortschritt, sondern viele Fortschritte auf verschiedenen Gebieten, die verschiedenen Menschen dienen. Und alle diese Fortschritte addieren sich nicht einfach zum Fortschritt der Menschheit. Vielmehr kann der Fortschritt auf einem Gebiet sogar den Fortschritt auf einem anderen unterminieren. Insofern brauchen wir vielleicht eine andere, bescheidenere Fortschrittsidee, die besser zu unserer immer komplexeren Welt passt. Womöglich ist die Idee des Fortschritts überhaupt nur eine nützliche Fiktion, die unserem Handeln einen Sinn verleiht. Das heißt aber nicht, dass wir auf sie verzichten können. Wenn wir aufhören zu glauben, dass wir die Möglichkeit haben, die Dinge zum Besseren zu verändern, können wir auch gleich alles beim Alten lassen. Um Fortschritt zu erreichen, müssen wir daran glauben, dass es Fortschritt gibt.

Ein neues Fortschrittsdenken muss allerdings darauf verzichten, der Geschichte einen tieferen Sinn zu unterstellen. Es muss davon ausgehen, dass wir nicht sicher wissen, was das »Bessere« ist – und ob wir uns in die richtige Richtung bewegen. Das bedeutet aber keineswegs die Rückkehr zum Alten. Selbst wenn früher »alles besser« war als heute, heißt das noch nicht, dass wir diese Verhältnisse wiederherstellen sollten. Wir leben eben heute und nicht in der Vergangenheit. Und was für die alten Griechen gut war, muss keineswegs für uns heute gut sein. Fortschrittlich zu denken heißt vielleicht einfach nur, sich den heutigen Fragen und Problemen praktisch zu stellen, die darin liegenden Möglichkeiten zu ergreifen, statt angeblich besseren Zeiten nachzutrauern. Und diese Möglichkeiten gibt es immer und überall. Dazu gehört auch die Möglichkeit, bestimmte Dinge einfach nicht zu tun, obwohl man sie tun könnte.

Den Glauben an den Fortschritt aufzugeben, das hieße, keine Ziele und Ideale mehr zu haben.

An den Fortschritt glauben, das heißt also, Dinge zu verändern, Probleme zu lösen, neue Ideen auszuprobieren, und zwar auch dann, wenn wir nicht mit Sicherheit wissen, ob wir unterm Strich damit richtig liegen. In Bezug auf bestimmte Ziele können wir zwar sagen, ob wir damit erfolgreich sind, ob wir also einem Ziel näherkommen oder nicht. Wer etwa im Job ein Projekt vorantreibt, wer eine neue Sprache erlernt, der erzielt tatsächlich einen Fortschritt. Und genauso können wir mit Erfolg politische und gesellschaftliche Ziele verfolgen, die wir für wichtig und richtig halten. Wir können allerdings nicht sagen, ob diese Ziele selbst die richtigen sind – und ob all die Fortschritte die Welt wirklich zum Besseren verändern. Vielleicht ist sogar das Gegenteil der Fall. Aber das können wir nur herausfinden, indem wir es versuchen. Den Glauben an den Fortschritt aufzugeben, das hieße, keine Ziele und Ideale mehr zu haben. Nichts mehr zu versuchen, nichts mehr zu wagen.

Vielleicht bedeutet Fortschritt einfach, weiterzumachen in der Hoffnung, dass etwas Gutes dabei herauskommt. Dazu gehört immer die Möglichkeit des Irrtums. Ein vermeintlicher Fortschritt kann sich unterm Strich sogar als »Rückschritt« herausstellen. Trotzdem kommen wir nur voran, wenn wir Neues wagen. Das Gegenteil von Fortschritt ist nicht Rückschritt. Es ist Stillstand.

Dieser Text erschien ursprünglich in der Ausgabe (2/2015)

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