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#Pandemokratie: Was wir sonst tun können

Die Ausgangsbeschränkungen greifen. Sie tun dies aber nicht ohne Einschnitte in den Alltag, die auf Dauer das Zusammenleben strapazieren dürften. Familien auf eingeengtem Raum, stillgelegte Freundschaften und entleerte Freizeitgestaltung – auch wenn das zur Stunde geboten ist, kann es kein Dauerprogramm sein. Deshalb haben wir gefragt, was man neben Händewaschen und Abstand halten noch tun kann, um Corona zu bekämpfen.

Egal wie drastisch politische Maßnahmen ausfallen, ihrer Reichweite und Wirksamkeit sind durch die Akzeptanz in der Bevölkerung Grenzen gesetzt. Deshalb brauchen wir eine Kultur, die ein gutes Leben mit Corona fördert. Der wichtigste Imperativ bleibt natürlich: Die Krankheit eindämmen! Eine gute Tat ist deshalb vor allen Dingen eine „saubere“. Anstand zeigen bedeutet Abstand halten. Das Gute in die Welt tragen heißt zu Hause bleiben. Das ist vielen mittlerweile klar, noch ist es aber noch nicht überall angekommen.

Anderes hingegen bleibt kontrovers: Handelt man im Dienste des Gemeinwohls, wenn man die Ewig-Trotzigen, die in Gruppen zusammensitzen und Hygieneregeln missachten, zur Rede stellt? Wäre es vielleicht sogar richtig, ihr Fehlverhalten der Polizei zu melden? Was sonst überzogen wirkt, kann dieser Tage geboten sein. Denn Fahrlässigkeit und Unbeschwertheit sind heute gefährlicher als so manches Strafdelikt. Richtig und falsch – das sind heute „hygienisch“ und „unhygienisch“. Das in unsere Köpfe zu bekommen ist nicht leicht. Aber machen wir uns klar, dass unsere Werte die gleichen sind, auch wenn die moralischen Fragen der Stunde andere sind: Respekt, Mitmenschlichkeit, Solidarität mit den Schwachen. Gefragt ist jetzt die Transferleistung: Was heißt es in Pandemie- Zeiten diese Werte zu leben?

Wir wollen versuchen mit ein paar Anregungen einen Beitrag dazu zu leisten:

 

  1. Tut euren Freunden etwas Gutes!

Nutzt zum Beispiel die vielen jetzt aktiven Bestellservices, um ihnen ein geliefertes Essen, ein Buch oder ein anderes Geschenk zukommen zu lassen. Gerade weil man sich gerade nicht sehen kann, muss man für einander da sein.

 

  1. Seid euch eurer Wirkung bewusst!

Jeder hat einen impact. Hört sich an wie ein gekünstelter Mutmach-Spruch. Der wahrscheinlich auch normalerweise nicht stimmt. Aber zu Zeiten von Corona ist er eine zentrale Botschaft. Unser Tun hat eine ganz andere Reichweite! Händewaschen rettet Leben, Hygiene ist so wertvoll wie Blutspenden, ein Überträgerkontakt weniger, bringt eine ganze Infektionskette zum Erlahmen und kann Ortschaften vor dem Virus bewahren. Reichweite haben, das ist für viele ein begehrtes Ziel. Heute hat sie jeder, wenn auch nicht so glamourös in Form von Aufrufen, sondern in viel wertvoller Form: durch seine Hilfe.

 

  1. Wer Demokrat ist, bleibt zu Hause! #Ausgangsscham

Gegen eine Pandemie kommt man nur als Gesellschaft an. Der zentrale Gedanke einer demokratischen Gesellschaft: Alle Menschen sind gleich. Wer Verbote überschreitet, nimmt für sich Freiheiten in Anspruch, die es nicht gäbe, wenn die anderen ebenfalls die Regeln brechen würden. Man stellt also sich über die anderen. Das tut auch, wer Regelbrüche eines Kollegen als willkommene Gelegenheit sieht, sein virologisches Fachwissen kundzutun. Gleichheit und Respekt, das heißt aufklären statt denunziatorisches Besserwissen und zu Hause bleiben statt rausgehen, das ist gelebte Demokratie!

 

  1. Sei Teil einer Transformation! #Pandemokratie 

Corona bietet einen Nährboden der Solidarität. Gerade gründen sich viele Bewegungen und Initiativen, die auch nach Corona weiterbestehen werden. Viele Menschen sind in diesen Tagen motiviert, etwas zu ändern. Der Status quo ist aufgebrochen. Was vorher unmöglich war, scheint jetzt machbar! Grundsätzliche Fragen werden zurzeit wieder neu gestellt: Wie wollen wir zusammenleben, welche Rolle übernimmt dabei die Wirtschaft, was ist für eine Gesellschaft von Wert? Sei Teil der Transformation!

 

  1. Macht das Netz zu einem lebenswerteren Raum!

Jetzt ist die Zeit, die gebündelte zivilgesellschaftliche Handlungsfähigkeit, die sich gerade vor den Rechnern versammelt, zu nutzen, um das Web ein bisschen aufzupolieren. Damit digital halbwegs ersetzen kann, was real gerade nicht möglich ist, muss das Netz mehr Lebensqualität bieten. Was Sport- und Kulturvereine boten, müssen heute Online-Workouts und Cyber-Vernissages leisten. Entertainment und Arbeit müssen getrennt werden, das Werbeaufgebot reduziert werden und Surfen interaktiver werden.

 

  1. Verbindet euch mit Professoren und Lehrern!

Personen, die beruflich Wissen vermitteln, sei es in der Universität, der Fachhochschule, der (Berufs-)schule, der Volkshochschule oder einem Verein, tun das auch gerne unter Quarantäne-Bedingungen. Fragt Lehrer oder Professoren, ob sie ein Thema eurer Wahl – vielleicht Corona? – via Videokonferenz besprechen wollen!

 

  1. Karten von Veranstaltungen, die wegen Corona ausfallen, nicht stornieren!

Künstler, Kulturschaffende und Selbstständige in freien Berufen können – wenn Veranstaltungen und Termine ausfallen – meist nur ein paar Wochen von früheren Einnahmen leben. Verzichtet Ihr auf die Stornierung Eurer Tickets, kostet das Euch ein paar Euro, sichert dafür aber vielleicht Existenzen. Und das ist wichtig, damit es auch nach der Krise eine Vielzahl von Selbstständigen, Projekten, Musik und Kunst gibt, die mit ihrer Arbeit das öffentliche Leben bereichern.

 

  1. Nutzt bestehende Netzwerke und Vereinsstrukturen, um euch auszutauschen.

Nachbarschaftshilfen, Einkaufshilfen und kostenlose Gassi-Geh-Services lassen sich im Fußballteam, im Chor oder der Theatergruppe – kurzum im Team – viel leichter realisieren. Führt euer Vereinsleben digital fort und nutzt die Strukturen, um anderen zu helfen. Beispiel: Eine Kirchengemeinde, die ein Sonntagscafé organisiert, liefert den Kuchen für Ältere an die Haustür.

 

  1. Gestaltet den öffentlichen Raum! #Anti-Corona Infrastruktur

Der öffentliche Raum muss Corona-kompatibel umgestaltet werden, damit nach den Ausgangsbeschränkungen, das öffentliche Leben wieder beginnen kann. Überlegt mit, wie er dann aussehen könnte und mit welchen Ideen Ihr das Zusammenleben in eurer Stadt hygienisch machen könnt. Ein paar Anregungen: Öffentliche Gebäude und U-Bahn-Haltestellen müssen eine höhere Dichte an Hygienespendern haben, Abstandsmarkierungen, wo sich normalerweise Menschen ansammeln (an den Kassen, vor Imbissbuden), mehr Take-Away Angebote von Restaurants und Cafes, sodass man Essen und Trinken mitnehmen und sich draußen hinsetzen kann, Tische mit Mindestabstand, Maximalbesucherzahlen, Test-Negativ-Veranstaltungen.

 

  1. Bildet Einkaufsgemeinschaften!

Einkaufshilfen für Ältere – das hat sich schon etabliert. Auch praktisch und gut für die Viruseindämmung sind Einkaufsgemeinschaften. Ein Beispiel: Kauft eine Person aus einer Familie für vier Familien ein, geht nur ein Viertel der Personen einkaufen und jede Person geht nur ein Viertel mal so oft – heißt alle vier Wochen – einkaufen. So sind insgesamt viel weniger Personen unterwegs. Das entlastet die Supermärkte, heißt keine Warteschlagen und mehr Freiraum. Wichtig bleibt aber natürlich eine kontaktfreie Übergabe.

 

von Paul Healy

 

 

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