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Alice und Bob #2: Im Nebel

Alice und Bob joggten am Strand entlang und Bob sann noch ihrem letzten Gespräch über die Natur nach. Er sagte sich, dass dieser Strand und das Meer, wie sie waren, ganz sicher zur Natur zählten, denn auch sie waren ja im Laufe der Zeit so geworden, wie sie jetzt waren, ganz ohne (oder wenigstens fast ohne) Zutun der Menschen.

Plötzlich wurde es neblig, der Nebel war wohl unmerklich vom Wasser aufgestiegen und waberte nun über das Land.

Bob griff nach Alices Hand: „Ich sehe nichts!“. Spöttisch zog Alice ihre Hand zurück: „Du siehst noch den Sand zu deinen Füßen, und da, die Wellen siehst du auch noch. Sand und Wellen sind nicht Nichts.“

Bob ahnte schon, was kommen würde, trotzdem wandte er ein: „Ja, ich sehe noch ein bisschen vom Strand und vom Wasser, aber wenn ich weiter schaue, dann sehe ich sonst – Nichts!“

Alice lachte: „So so, du siehst also das Nichts. Wie sieht es denn aus, das Nichts?“

Bob hatte keine Lust auf philosophische Spitzfindigkeiten: „Ich rede nicht von ‚dem Nichts‘ – ich sage, ich sehe nichts!“

Alice ließ natürlich nicht locker: „Also du sagst, du siehst – nichts. Du kannst es sogar sehen!“

„Das Nichts kann man nicht sehen! Weil es das Nichts nämlich nicht gibt!“

Plötzlich blieb er stehen: „Guck mal da, da war was! Ich habe einen Schatten im Nebel gesehen!“

Alice schaute in die Richtung, in die Bob gezeigt hatte: Sie konnte aber nur milchig-trübes Einerlei entdecken, wie in allen anderen Richtungen auch: „Da ist nichts“ sagte sie „ich sehe jedenfalls nichts“. Sie stutzte kurz und lachte: „Ich habe das Nichts entdeckt, da ist es!“

Bob ließ sich nicht beirren: „Klar war da was, ich habe deutlich einen Schatten gesehen!“

„Hm… wie bekommen wir nun raus, ob du recht hast? Gehen wir hin, und schauen wir nach?“

„Selbst wenn wir da nichts finden, heißt das nicht, dass da nichts war!“ erwiderte Bob.

„Schon wieder ein neues Problem, das heben wir uns für die nächste Gelegenheit auf. Bleiben wir mal beim Nichts. Du sagst, dass es das Nichts nicht gibt. Aber warum redest du dann immer so, als ob es da ist? Du sagst: Da ist Nichts. Du sagst: Du siehst Nichts. Du sagst: Ich finde Nichts. Du sagst: Vielleicht war da Nichts! Immerzu redest du vom Nichts, als ob es existiert, und doch sagst du, es gäbe kein Nichts!“

Bob grübelte: „Neulich hab ich durch ein Fernrohr in den Sternenhimmel geschaut. Meistens waren Sterne zu sehen, aber dazwischen war es wirklich dunkel. Da war dann, dachte ich, wirklich nichts! Aber vielleicht stimmt das ja auch nicht. Schließlich sind diese ganzen elektromagnetischen Felder ja auch irgendwie da. Dass es das Nichts nicht gibt, bedeutet vielleicht, dass immer und überall irgendwas ist, auch wenn wir nichts erkennen. So wie her jetzt im Nebel. Schließlich ist wenigstens der Nebel da.“

Alice meinte: „Aber dann wäre es völlig sinnlos, vom Nichts zu reden. Wir müssten das Wort aus unserem Wortschatz streichen, weil es nichts bedeutet.“
Bob lachte: „Nichts bedeutet nichts! Was für ein philosophischer Satz!“

Alice blieb ernst: „Und wie vieldeutig dieser kleine Satz ist. Denk mal drüber nach!“

In diesem Moment lichtete sich der Nebel, und alles, was gerade verschwunden war (oder verschwunden zu sein schien), tauchte wieder auf: Die Schiffe auf dem Wasser genauso wie die Dünen dort, wo der Strand aufhörte.

„Ich kann auf das Wort ‚nichts‘ nicht verzichten. Es sagt etwas über mich und meine Fähigkeit, die Welt zu verstehen, aus. ‚Da ist nichts‘ bedeutet, ich kann dem, was ich wahrnehme, keinen Sinn geben, weil ich nichts erkenne.“ – Wer das gesagt hat, Alice oder Bob? Was täte es zu Sache, das zu wissen? Nichts!


Jörg Phil Friedrich ist Philosoph und IT-Unternehmer. Gerade ist sein Buch Der plausible Gott erschienen, in dem es auch darum geht, dass Gott nicht Nichts ist und dass es plausible Gründe gibt, an einen Gott zu glauben.

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