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Alice und Bob #1: In die Natur

Was ist die Natur? Und wodurch unterscheidet sie sich von der Wildnis? Jörg Phil Friedrich nähert sich in seiner neuen Kolumne großen philosophischen Themen und Begriffen durch die Erlebnisse zweier Hauptfiguren: Alice und Bob.

„Lass uns hinaus in die Natur fahren!“ hatte Bob am Morgen vorgeschlagen. Alice war skeptisch: „Wo soll denn das sein?“ fragte sie. Bob, der auf schwierige Fragen beim Frühstück noch keine Lust hatte, antwortete einfach: „Lass dich überraschen!“

Nun radelten sie über schmale Straßen durch Felder und Wälder, Bob genoss die Luft und den Anblick der Bäume und Pflanzen. An einer Bank, die am Wegesrand stand, machten sie Rast.

Bob wollte wissen, wie Alice die Landschaft gefiel. „Ganz schön“ antwortete diese, dann fragte sie mit spöttischem Lächeln: „… und wann kommt die Natur?“

Bob hoffte noch, der philosophischen Diskussion entgehen zu können: „Schau dich um, die Wälder, die Bäume, das alles ist doch Natur!“

Natürlich ließ Alice nicht locker: „Natur? Das ist doch alles künstlich angelegt, der Wald ist ein Forst, die Bäume sind gezüchtet, die Felder sind auf hohen Ertrag optimiert. Daran ist nichts natürliches!“

„Was ist denn für dich ‚Natur‘?“ wollte Bob wissen, der natürlich schon beim Frühstück geahnt hatte, dass er um diese Diskussion nicht herumkommen würde.

„Natur, das ist all das, was unabhängig vom Menschen gewachsen ist. Wilde Pflanzen und Tiere, Urwälder! Alles andere ist Kultur, eine künstlich vom Menschen geschaffene Welt.“ dozierte Alice.

„Hm, du meinst die unberührte Natur, die Wildnis?“

„Ja natürlich!“ Alice war sich sicher. „Natur ist das Natürliche, das unbearbeitete, ursprünglich Gewachsene und Entstandene.“

„Aber warum“ sinnierte Bob, „brauchen wir dann noch den Begriff der Wildnis?“

„Wildnis oder Natur, das ist doch das selbe!“ erwiderte Alice schnell. „Das Wort Wildnis verwenden wir nur, um die Natur zu kennzeichnen, die uns unbekannt ist und vor der wir uns zu recht fürchten.“

„Also ist Natur die bekannte, verstandene Wildnis?“

„Genau!“

„Hm. Aber es gibt nichts, was wir kennen, was wir verstanden haben, und was wir sozusagen beim Kennenlernen nicht umgestaltet hätten. Also könnte es Natur gar nicht geben, weil wir ja beim Kennenlernen die Wildnis schon verändern. Schon dadurch, dass wir einen Weg durch die Wildnis schlagen, machen wir sie – nach deiner Vorstellung – zur Kulturlandschaft!“

Alice dachte nach: „Vielleicht hast du recht. Wir könnten den Begriff der Natur auch anders von der Wildnis trennen. Das Wort stammt ja von einem lateinischen Wort ab, das „geboren werden“ und „wachsen“ bedeutet. Das entsprechende altgriechische Wort φυσιζ (physis) bedeutet „das Gewachsene“ oder „Gewordene“. Natur – damit könnten wir z.B. eine Pflanze bezeichnen, die sozusagen entsprechend ihrer eigenen Anlagen gewachsen ist, ob sie nun vom Menschen angebaut wurde, oder nicht. Ein Baum im Wald und sogar das Korn auf dem Feld wachsen ziemlich natürlich. Ein Baum im Garten, der jedes Jahr beschnitten wird, ist eher Kultur…“

„Aber das hieße, dass auch eine ganz künstliche Züchtung Natur ist…“

„Wenn sie ohne menschliche Unterstützung wachsen kann, warum nicht? Aber wenn sie nur im Glashaus gedeihen kann, und unter freiem Himmel sofort eingehen würde, dann würde ich sie nicht zur Natur rechnen…“

Bob sah nachdenklich zum Himmel – und sprang plötzlich auf: „Schau nur, da braut sich ein Regenschauer zusammen. Lass uns schnell nach Hause fahren! Ich bin nicht so ein Naturbursche, wenn ich nass werde, erkälte ich mich!“

Jörg Phil Friedrich schreibt über verschiedene Fragen der Praktischen Philosophie. Der Unterschied zwischen Natur und Kultur beschäftigte ihn schon in seinem Buch „Kritik der vernetzten Vernunft“ (Heise 2012).

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