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Großbritannien geht

Überraschung und Entsetzen weithin in Europa: Die Briten haben sich dafür entschieden, die Europäische Union zu verlassen.

Großer Fehler, ist nun in Kommentaren zu lesen, und auch schlimm für den Rest der EU. Den Brexit-Befürwortern jedoch mochte das nicht einleuchten: Wie kann das besser sein? Wer kann besser wissen als die Briten selbst, was gut für sie ist? Wieso soll es besser für sie sein, Mitverantwortung für die 440 Millionen nichtbritischen EU-Bürger zu übernehmen, ihnen Zugang zu britischen Bildungs- und Sozialsystem zu gewähren, Migranten einlassen zu müssen, Abgaben nach Brüssel zu zahlen, sich der EU-Regulation zu fügen?

Dahinter stecken zwei grundlegend verschiedene Denkweisen. Die eine ist, sein Wohl in Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zu suchen. Die andere ist, die Gestaltungsmöglichkeiten von Kooperationsbeziehungen zu nutzen. Zunächst scheint die erste Denkweise die zeitgemäße zu sein: Soll jeder auf seinem Weg sein Glück suchen! Britain first! Tatsächlich aber ist diese Denkweise von gestern, und die andere von heute – gerade die EU zeigt es eindrucksvoll.

Gerade weil die EU eine so überkomplizierte, bürokratische, überhebliche Institution ist, demonstriert sie die erstaunliche Macht von Kooperationsbeziehungen. Ein Haufen von noch 28, künftig nur noch 27 Staaten zieht mit mäßiger Begeisterung an einem Strang, es hakt und ruckelt, und trotzdem geht es unterm Strich allen besser. Alle haben mehr, ohne dass irgendwer irgendwem irgendwas wegnehmen muss.

Dank beständiger, wenn auch keineswegs immer berauschender Kooperation in Europa leben wir in einer Zeit beispielloser Stabilität und ungekannten Wohlstands. Wissenschaft, Wirtschaft, Sport: Wer sich heute nur auf sich selbst verlässt, benachteiligt sich. Wie großartig wären erst die Möglichkeiten einer wirklich gut funktionierenden Europäischen Union!

Tobias Hürter

(Dies ist die HOHE LUFTpost von Freitag, 24.6.2016. Falls Sie die HOHE LUFTpost jeden Freitag per Mail erhalten möchten, schreiben Sie bitte an kontakt@hoheluft-magazin.de)

1 Kommentare

  1. H.U. sagt

    Wer sagt, dass Ereignisse und menschliche Verhaltensweisen nur mit Denkweisen zu tun haben oder dadurch begründbar sind? Was ist z.B. mit stammesgeschichtlichen Gründen? Denken und Verhalten können durchaus entkoppelt sein.

    „Alle haben mehr…“. Mehr von was? Und stimmt das überhaupt? Wer behauptet, dass menschliche Gemeinschaften nur über ökonomischen Kitt stabil sind oder bleiben?

    Es ist noch nicht lange her, da sagte ein englischer Politologe in einem Diskussionsforum im Deutschlandfunk zu seinem Land sinngemäß: die englische Wirtschaftskraft außerhalb Londons gleicht einem Schrotthaufen. Das ist sicher übertrieben – aber die Übertreibung ist ein Mittel der Karikatur. Und die aktuelle Abstimmung war eine Karikatur.

    Ich habe heute in der Tagespresse mindestens zehnmal das Wort „Mini Cooper“ und BMW gehört und welche Konsequenzen das für die (Auto-)Industrie hat. Das scheint der falsche Kitt gewesen zu sein, zumindest reichte er nicht aus.

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