Na logisch! Der dogmatische Fehlschluss

Der dogmatische Fehlschluss

Na logisch! Folge 2 der Logik-Kolumne von Daniel-Pascal Zorn. 

Wer schon einmal versucht hat, mit jemandem zu diskutieren, der davon überzeugt ist, von Vorneherein recht zu haben, der weiß, wie frustrierend das sein kann: Jedes unserer Gegenargumente wird mit dem Hinweis auf eine Annahme zurückgewiesen, die unser Gegenüber schon als richtig anerkannt hat. Entsprechend enden solche Diskussionen oft auch eher unschön: weil wir uns aus der Sicht des ‚Rechthabers‘ weigern, seine richtige Position anzuerkennen, gelten wir schnell als ‚verblendet‘ oder irrational.

Wir alle kennen solche Diskussionen. Unser Gegenüber beginnt seine Sätze dann beispielsweise mit Wendungen wie „Fakt ist…“ oder „Tatsache ist…“ oder er behauptet, eine Annahme sei „alternativlos“ oder „selbstverständlich“. Oft werden wir von ihm auch in die eigene Argumentation mit einbezogen: „Du musst doch einsehen, dass…“ oder „Du weißt, dass es so ist“. In solchen Wendungen nimmt er explizit in Anspruch, eine nicht weiter hinterfragbare Tatsache zu äußern, die wir tunlichst akzeptieren sollen. Weniger explizit funktioniert die unbegründet kategorische Aussage: „X ist Y.“ Sie spielt mit der Möglichkeit, dass wir sie nicht weiter hinterfragen – tatsächlich bleibt sie aber, solange sie nicht begründet wird, eine bloße Behauptung.

Der dogmatische Fehlschluss, der die Position des ‚Rechthabers‘ charakterisiert, ist bereits seit der Antike bekannt. Viele sophistische und eristische Positionen nehmen ihn schon zu Platons Lebzeiten ihn in Anspruch, um extreme All-Aussagen wie ‚Alles ist rechtfertigbar‘ oder auch ‚Nichts ist rechtfertigbar‘ zu ‚beweisen‘. Entsprechend ergibt sich auch die Philosophie insgesamt, ausgehend von Platons kritischer Auseinandersetzung mit solchen Positionen, aus der Frage, wie man mit solchen dogmatischen Ansprüchen umgehen soll.

Ein Beispiel des Umgangs mit ihnen hat Platon im ersten Buch seiner Politeia, dem Thrasymachos, gegeben: Der titelgebende Gesprächspartner des Sokrates entspricht auch in seinem Auftreten ganz der Bedeutung seines Namens – ‚Thrasymachos‘ bedeutet so viel wie ‚heftige Schlacht‘. Er bezeichnet die bisherigen Diskussionen als „leeres Geschwätz“ und „Albernheiten“, stellt Begriffsverbote auf und vertritt auch inhaltlich die Position, die zu seinem Auftreten passt: Gerechtigkeit ist das, was dem Stärkeren nutzt und nur die Einfältigen glauben an so etwas wie eine gemeinsame Ordnung der Gerechtigkeit. Das Recht des Stärkeren versucht er auch in der Diskussion durchzusetzen – und scheitert an Sokrates, der ihn ruhig aber bestimmt immer wieder zur Rechtfertigung seiner Rede auffordert. Derart mit Gegenwind konfrontiert wechselt Thrasymachos die Strategie: Sokrates würde ihn nur mit seiner Sophistik täuschen wollen, er, Thrasymachos, sei also Opfer dieser perfiden Strategie des Sokrates, seine Meinung zu unterdrücken. Nach einem weiteren Monolog über das alleinige Recht des Stärkeren will er die Runde verlassen – aber nun fordern ihn alle anderen auf, wie Platon schreibt, „die Rede zu übergeben“. Sokrates hat solange ruhig und sachlich reagiert, bis das ungestüme und gewalttätige Auftreten des Thrasymachos zum Einschreiten der Zuhörer führt, die nun ihrerseits die Rechtfertigung seiner Rede einfordern. Damit konfrontiert, dass die bloße Wiederholung seiner Behauptung nicht zur Rechtfertigung ausreicht, muss sich Thrasymachos der Befragung durch Sokrates stellen – aber, wie der Erzähler genüsslich berichtet, „nicht so leicht, wie ich es jetzt erzähle, sondern […] mit Mühe und unter gewaltigem Schweiß.“

Was bei Platon eher indirekt, als aktiv vertretene Position im Dialog, vorkommt, hat sein Schüler Aristoteles begrifflich festgehalten. Ihm verdanken wir entsprechend auch den Ausdruck, unter dem der dogmatische Fehlschluss bis heute bekannt ist: ‚Petitio principii‘. Dieser lateinische Terminus ist eine Übersetzung aus dem Griechischen, wahrscheinlich aus den Sophistischen Widerlegungen des Aristoteles: „to aiteîsthai kaì lambánein tò en archê“ – „das Fordern und Sich-Nehmen der Anfangsnahme“. Die ‚Anfangsnahme‘, das ist der Ausgangspunkt oder das ‚Prinzip‘, das man für eine Behauptung voraussetzt – das ‚Fordern‘ dieser ‚Anfangsnahme‘ ist die Aufforderung an den Anderen, sie ebenfalls vorauszusetzen. Und das ‚Sich-Nehmen‘ bringt zum Ausdruck, dass der ‚Rechthaber‘ sich selbst dazu ermächtigt, von etwas auszugehen, von dem er glaubt, dass alle anderen es auch voraussetzen müssen. Von daher erklärt sich auch ‚petitio principii‘, als ‚Anspruch auf das Prinzip‘ – oder die wörtliche Übertragung ins Englische, ‚begging the question‘. Aristoteles gibt an anderen Stellen, in den Analytiken und der Topik, auch konkrete Beispiele: Die ‚petitio principii‘ besteht darin, „dass man das vorliegende Problem unbewiesen lässt“, dass man die Behauptung aufstellt, „das sei, weil das sei. So aber ist es leicht, alles zu beweisen.“ „Es ist so, weil es eben so ist“ – für diese Behauptung des ‚Rechthabers‘ kennt Aristoteles nur eine Reaktion: Sie ist selbst dann zurückzuweisen, wenn das Behauptete als allgemein anerkannt gilt. Denn sie verrät, dass der Andere „von Gesprächsführung nichts versteht.“

Eine Diskussion mit jemandem, der fest daran glaubt, im Recht zu sein, ist sinnlos. Denn sie untergräbt von vorneherein den Sinn einer Diskussion, in der Argumente und verschiedene Sichtweisen ausgetauscht werden. Wer davon ausgeht, dass er recht hat, der hat diese Debatte von Anfang an für sich entschieden. Schlimmer noch: Wenn er glaubt, richtig zu liegen, dann geht er davon aus, dass er prinzipiell für alle anderen sprechen kann. Denn ‚richtig‘ kann in dem Kontext ja nur bedeuten: Alle anderen müssen ihm zustimmen. Es kann gar nicht anders sein. Deswegen erscheint derjenige, der eine dogmatische Behauptung in Frage stellt, auch als ‚verblendet‘ – denn aus Sicht des ‚Rechthabers‘ wollen wir das vermeintlich Offensichtliche, Eigentliche, Wirkliche einfach nicht einsehen. Da er voraussetzt, dass wir das aber tun müssen, muss er eine Erklärung dafür finden, warum wir ihm immer noch widersprechen: Wir verschließen die Augen vor der Wahrheit oder werden von einer Ideologie daran gehindert, sie zu sehen.

Aber ist es immer nur der andere, der dem dogmatischen Fehlschluss verfällt? Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass wir diesen Fehlschluss zumeist bei Anderen, selten aber bei uns selbst feststellen. Es fällt uns nicht schwer, einen Fundamentalisten oder Dogmatiker zu erkennen. Aber diese Erkenntnis fußt eventuell ebenfalls auf Voraussetzungen, die wir als selbstverständlich angenommen haben. Diese Ironie prägt ganze Debatten in der Philosophie: Positionen, die der Religion pauschal ein fundamentalistisches Weltbild unterstellen – und selbst die wissenschaftliche Perspektive als einzig rationale betrachten. Positionen, die anderen Sichtweisen eine Ideologie unterstellen und sie entsprechend überall wiederfinden – und die übersehen, dass eben diese Unterstellung einer Ideologie selbst ideologisch funktioniert – bis in Pauschalverurteilungen hinein, die eher stalinistischen Tribunalen als wissenschaftlichen Diskussionen gleichen.

Wer einen dogmatischen Fehlschluss beim Anderen bemerkt, sollte entsprechend immer nachsehen, ob er nicht selbst einen begangen hat. Aber wie können wir das überhaupt entscheiden? Endet nicht alles in dogmatischen Behauptungen? Ist Philosophie nicht der ‚Kampfplatz der Metaphysik‘, in der – frei nach Thrasymachos – diejenige siegt, die sich mit allen verfügbaren Mitteln als stärkste herausstellt?

Sehen wir uns noch einmal die ‚DNA‘ des dogmatischen Fehlschlusses an: Er entsteht dadurch, dass wir etwas schon als richtig voraussetzen. Wir nehmen an, dass alle anderen uns notwendigerweise zustimmen müssen oder schon zugestimmt haben und das nun nur noch selbst einsehen müssen. Wovon aber soll uns der dogmatische Fehlschluss befreien? Was fordert Sokrates, was fordert schließlich das Publikum von Thrasymachos ein? Was der dogmatische Fehlschluss zu verhindern versucht, das ist die Rechtfertigung seiner Rede. Was schon als selbstverständlich gilt, das muss nicht mehr gerechtfertigt werden. Wer dogmatisch argumentiert, der versucht entsprechend, die Verpflichtung zu suspendieren, Gründe für seine Behauptung anzugeben. Mit diesem Trick lässt sich ganz leicht verschleiern, dass man vielleicht gar nicht weiß, wie man die eigene Behauptung eigentlich begründen soll.

Der einfachste Weg also, um den dogmatischen Fehlschluss in der eigenen Rede zu vermeiden und in der Rede des ‚Rechthabers‘ zu unterlaufen, ist, die jeweilige Rede im Modus der Behauptung zu verstehen, die stets einer Begründung bedarf. Wenn uns zum Beispiel jemand sagt: „Fakt ist“ oder auch „Tatsache ist, dass der Fall so liegt, wie ich es darstelle“, dann können wir fragen: „Warum ist das ein Fakt / eine Tatsache? Wie begründest Du, dass es ein Fakt / eine Tatsache ist?“ Der ‚Rechthaber‘ wird so genötigt, die von ihm umgangene Verpflichtung zur Rechtfertigung seiner Rede wieder wahrzunehmen.

Genau das tut auch Sokrates mit Thrasymachos: Er nimmt geduldig und sachlich jedes der Argumente und prüft es, ohne dem überhöhten Anspruch seines Gegenübers schon von Vorneherein stattzugeben. Wer dem ‚Rechthaber‘ so begegnet, der weist den impliziten Anspruch, bereits im Recht zu sein, zurück, indem er die Rede wieder auf das zurechtstutzt, was sie tatsächlich sagt. Eine Rede, die keine Begründung gibt, kann auch keinen Anspruch auf Geltung erheben. Eine Lektion im Umgang mit dem ‚Rechthaber‘ könnte also lauten: Fordere ihn vor den Augen eines Publikums immer wieder auf, Gründe zu nennen, konfrontiere ihn mit Gegenargumenten und nimm die Wiederholung seiner Behauptung nicht schon als Argument.

Vor diesem Hintergrund wird auch klar, warum sich der ‚Rechthaber‘ in einem solchen Fall als ‚Opfer‘ sehen muss: Seine Selbstermächtigung geht ja davon aus, dass wir uns in einem ungleichen Verhältnis befinden. Indem wir ihm seine Selbstermächtigung aber nicht zugestehen, verkleinern wir seinen absoluten zu einem relativen Geltungsanspruch – und eben das nimmt er als Versuch der Diskriminierung wahr. Doch seine Wahrnehmung täuscht: Solange man den gleichen Fehler macht, ist die Relativierung des Geltungsanspruches einfach nur die Wiederherstellung der prinzipiellen Gleichberechtigung aller Gesprächsteilnehmer, Recht haben zu können, wenn es gute Gründe dafür gibt.

Dogmatismus lässt sich nicht ganz verhindern – wir müssen, damit unsere Gesellschaft und unsere Wirklichkeitserschließung funktionieren, stets Voraussetzungen machen. Wir können nicht immer alles hinterfragen. Aber gerade deswegen können wir die Philosophie als eine Art Diskursraum begreifen, in dem wir bestehende Geltungsansprüche ohne jede Zurückhaltung hinterfragen und dadurch neue Erkenntnisse gewinnen können.

– Daniel-Pascal Zorn