Na logisch! Der psychologistische Fehlschluss

Daniel-Pascal Zorn schreibt in seiner Kolumne »Na logisch!« über Rhetorik, Logik und Argumentationstheorie. Heute: Der psychologistische Fehlschluss

Wer den öffentlichen Diskurs in den vergangenen Monaten beobachtet hat, dem konnte eine Entwicklung nicht verborgen bleiben: Die gegenseitige Zuschreibung von ideologischen Haltungen als Kampfmittel in der rhetorischen Auseinandersetzung. Mittlerweile vergeht kein Tag auf Facebook, an dem man nicht von „rechtsbraunverdrehten Nazis“, „linksgrünversifften Gutmenschen“ oder anderen seltsamen Konstruktionen lesen kann, die die Leute sich in einer beliebigen Kommentarspalte gegenseitig an den Kopf werfen. Die Welt, sie scheint eingeteilt in feste ideologische Positionen – davon profitieren dann immer die, die immer profitieren, wenn es um Alles oder Nichts gehen soll.

Doch nicht nur ideologische Zuschreibungen haben den öffentlichen Diskurs erobert. Allenthalben bezeichnen sich die Gesprächsteilnehmer als „psychisch krank“ oder als „vollkommen gestört“. Sie hängen sich gegenseitig pseudowissenschaftlich begründete psychiatrische Diagnosen an oder simulieren Gelehrsamkeit, indem sie die Abweichung einer Meinung von ihrer eigenen, vermeintlich fachmännisch, mit psychoanalytischem Blick bewerten. Überhaupt bietet die Psychoanalyse ein bequemes Schema an, um sich dem Anderen gegenüber uneinholbar ins Recht zu setzen: Akzeptiert er die Diagnose nicht, kann man eben diese Ablehnung wieder auf die diagnostizierte Krankheit schieben.

In solchen Bezugnahmen auf die Psyche des Gegenübers steckt allerdings ein Fehlschluss. Er beruht darauf, dass wir von der Äußerung unseres Gegenübers auf einen von uns konstruierten Ursprung dieser Äußerung schließen. Wir nehmen also ein Argument und machen es zum Symptom eines psychischen Zustandes. Wir schließen von der Äußerung auf eine generelle psychische Disposition oder eine ideologische Einstellung.

Wir setzen Grenzen durch psychologische Zuschreibungen

Der Effekt dieses Fehlschlusses besteht darin, dass wir unser Gegenüber tendenziell nicht mehr als gleichberechtigten Teilnehmer ernst nehmen müssen. Wir haben ihm, durch unsere psychologische Zuschreibung, Grenzen gesetzt. Und weil alles, was er sagen wird, von diesem Zeitpunkt an für uns nur noch in diesen Grenzen erscheint, haben wir, so scheint es uns, ihm gegenüber einen Vorteil gewonnen. Er versetzt uns nicht nur in die Lage, jede weitere Äußerung als Bestätigung unserer Diagnose zu nehmen. Wir können ihn auch dafür verantwortlich machen, was wir ihm mit unserem psychologistischen Pappkameraden zugeschrieben haben.

Wer Argumente vorbringt, die wir als „sozialistisch“ definiert haben, den machen wir verantwortlich für die Gräuel der stalinistischen Säuberungen. Wer so argumentiert, dass er uns als „Nazi“ erscheint, bei dem steckt der Wille zum Völkermord dahinter. Wer sich als Frau gegen den Vorwurf verteidigt, „hysterisch“ zu sein, scheint mit dieser Verteidigung den Vorwurf nur umso mehr zu bestätigen. Und wer in einer Gesprächssituation ein Argument vorbringt und dabei zufällig als Mann mit einer Frau diskutiert, der sieht sich dem Vorwurf des „mensplaining“, eines herablassenden und herabwürdigenden Erklärverhaltens älterer Herren ausgesetzt.

Was uns in diesen extremen Formen als polemische Strategie erscheint, basiert allerdings zunächst auf einem gebräuchlichen Verständnis des gemeinsamen Gesprächs, das von der Wahrnehmung der eigenen Erfahrung ausgeht. Jeder kann sich stillschweigend Gedanken machen, ohne sie aussprechen zu müssen. In unserer privaten Gedankenwelt überlegen wir uns dies und das, finden zu festen Überzeugungen oder zweifeln an uns. Nichts davon teilen wir mit – so entsteht der Eindruck einer privaten Hinterwelt, eben einer Welt der Psyche. Wenn wir dann mit anderen Menschen sprechen, gehen wir davon aus, dass sie dieselbe Wahrnehmung teilen – jeder von uns nimmt also vom anderen eine Welt der Psyche an, für die die Welt der Sprache, des gemeinsamen Gesprächs, nur Ausdruck und Vehikel ist. Anders gesagt: Was jemand sagt, das erscheint uns – von unserer Selbstwahrnehmung her – auch als Abbild seiner eigenen, privaten Welt.

Die private Hinterwelt ist in unserer Erfahrung immer da. Wir können nachdenken, ohne jemals etwas sagen zu müssen. Aber wir können nicht nicht nachdenken. Wenn wir das versuchen, haben wir schon wieder nachgedacht. Wir können freilich versuchen, uns auf etwas Besonderes zu konzentrieren und so dem ‚monkey mind‘, wie die Buddhisten unsere Plappermaschine im Kopf nennen, einen Job geben. Aber trotzdem bleibt eine Aufmerksamkeit darauf, dass wir eine Aufmerksamkeit auf etwas richten.

Der psychologistische Fehlschluss verabsolutiert die Selbst- und Fremdwahrnehmung

Weil wir die private Hinterwelt als etwas wahrnehmen, was immer schon bei uns ist, kommt sie uns wie eine Sache vor. Denn auch Gegenstände erscheinen uns als immer schon da – bevor ich sie wahrnehme und nachdem ich sie wahrgenommen habe. So schließen wir von unserem Verhältnis, das wir still zu uns selbst einnehmen können, auf eine Sache, die so und so ist. Und dann schließen wir von uns auf andere.

Der psychologistische Fehlschluss heißt nun aber psychologistisch, weil er diese Selbst- und Fremdwahrnehmung verabsolutiert. Er geht davon aus, dass das Psychische, die als unmittelbar wahrgenommene Selbstwahrnehmung – oft auch ausgedrückt in Instanzen wie Gespür, Spürsinn, ahnendes Gefühl und dergleichen – bei jedem Menschen immer die Grundlage bildet. Aus dieser Sicht ist der Einsatz von Logik und Argumentation immer nur Ausdruck einer tiefer liegenden psychologisch beschreibbaren Schicht. Der psychologistische Fehlschluss basiert also auf dem dogmatischen Fehlschluss, dass eine mögliche Beschreibung des reflexiven Selbstbezugs von vornherein die einzig mögliche oder grundlegende ist. Wer einen psychischen Vollzug beschreibt, der tut so, als sei das die einzig authentische Weise, über das zu sprechen, was jeder immer schon voraussetzen muss.

Der Fehlschluss wird dadurch aufgelöst, dass man darauf hinweist, dass auch eine psychologische Beschreibung eine psycho-logische Beschreibung sein muss. Das heißt, dass sie vor jeder Thematisierung eines Inhalts als Psyche oder psychischen Vollzug logische Verhältnisse und Gesetze vorausgesetzt haben muss. Um für den Gegenstand der Psychologie zu argumentieren, muss man eben argumentieren. Und wer diesem Befund widerspricht, der hat die logische Ordnung von Argument und Gegenargument ebenso vorausgesetzt, wie das logische Prinzip des ausgeschlossenen Selbstwiderspruchs.

Dass sich der psychologistische Fehlschluss auch im öffentlichen Diskurs so hartnäckig durchgesetzt hat, liegt aber wahrscheinlich nicht nur an der scheinbaren Evidenz der beschriebenen Selbsterfahrung. Diese Selbsterfahrung kann sich nämlich auf ständig aktualisierte Forschungsergebnisse der Psychologie und Kognitionswissenschaften berufen. Auch in diesen Wissenschaften gibt es aber Unterschiede. Es gibt Forscher, die ihre Perspektive ernst nehmen und ihre Grenzen anerkennen. Sie wissen, dass eine bestimmte Blickrichtung nicht gleich alle anderen dominieren muss, nur weil man sie selbst gewohnt ist. Es gibt aber auch Forscher, die den psychologistischen Fehlschluss zum Ausgangspunkt ihrer Forschungen machen. So bieten sie fatalerweise eine wissenschaftliche Legitimation für diesen Fehlschluss an.

Wir dürfen ein Argument nicht von vornherein als Ausdruck der psychischen Verfassung deuten

Für die psychologische Beschreibung des Menschen gilt also, was auch für die empirische Beschreibung gilt: sie ist eine mögliche, aber nicht die einzig mögliche Beschreibung. Sie kann Motivationen, Emotionen und Probleme beschreiben, die Menschen mit sich und anderen haben. Aber was beschrieben wird, das ist, nur weil es reflexiv ist, nicht deswegen schon Grundlage von allem anderen. Was psychologisch beschrieben wird, das muss außerdem wissenschaftlich und methodisch gesichert beschrieben werden. D. h. es muss immer den Zweifel zulassen, dass die Beschreibung falsch oder nicht zutreffend ist.

Der psychologistische Fehlschluss verweist uns darauf, dass wir das Argument unseres Gegenübers nicht von vornherein als Ausdruck seiner psychischen Verfassung deuten dürfen. Tun wir das, widersprechen wir uns selbst: wir schwingen uns zu seinem Therapeuten auf und wollen zugleich, dass er unserem Urteil zustimmt, obwohl wir ihn durch dieses Urteil soeben entmündigt haben. Vielleicht sollte das psychologische Urteil, wenn es nicht wissenschaftlich abgesichert ist, also besser dort bleiben, wo es hergekommen ist: in den stillen Gedanken, die man sich macht, die man aber nicht ausspricht.