Na logisch! Der Fehlschluss der goldenen Mitte

Logik-Kolumne von Daniel-Pascal Zorn: Der Fehlschluss der goldenen Mitte

Stellen Sie sich vor, Sie sind König eines kleinen, aber fruchtbaren Landes in grauer Vorzeit im Nahen Osten. Eines Tages kommen zwei Frauen mit einem Baby vor Ihren Thron und behaupten jeweils, die wahre Mutter des Kleinen zu sein. Wie würden Sie entscheiden?

König Salomon, so erzählt es die Bibel, fällte zunächst ein barbarisch erscheinendes Urteil: Das Kind sollte mit einem scharfen Schwert in zwei gleiche Teile gehauen werden – und jede der beiden Frauen sollte eine Hälfte erhalten. Grimmig stimmte eine der beiden Frauen zu: „Es soll weder dir noch mir gehören – zerteilt es!“ Die andere Frau aber bat den König, das Kind ihrer Rivalin zu übergeben und es nicht zu töten. Und so entschied der König: „Gebt jener das lebende Kind, und tötet es nicht; denn sie ist seine Mutter.“ Damit hatte er ein wahrhaft salomonisches Urteil gefällt: Nur einer wahren Mutter geht es noch vor ihrem Besitzanspruch um das Leben ihres Kindes. Der US-amerikanische Herausgeber Daniel Okrent fasste diese königliche Urteilskraft in einem nach ihm benannten Gesetz zusammen: „The pursuit of balance can create imbalance because sometimes something is true“, auf Deutsch: „Das Streben nach Gleichheit kann Ungleichheit erzeugen, weil etwas manchmal (einfach) wahr ist.“

Der Fehlschluss, um den es hier geht, heißt ‚Fehlschluss der goldenen Mitte‘ oder ‚Schiedsrichter-Fehlschluss‘. Was er annimmt, ist einfach erklärt: Wer ihn begeht, der geht davon aus, dass stets die Mitte zwischen zwei Extremen die Wahrheit sein muss. Nicht ganz so einfach ist die Erklärung, warum es sich um einen Fehlschluss handelt – die kann nämlich, je nach Kontext, ganz unterschiedlich ausfallen.

Ein erstes, vorläufiges Problem liegt in der Festlegung dessen, was ein ‚Extrem‘ im Sinne des Schlusses sein soll. Nach welchen Kriterien werden solche Extreme eigentlich festgelegt? Denn davon ist ja abhängig, was nach einem Schluss der goldenen Mitte als Wahrheit gelten soll. Weil die behauptete Wahrheit als Mitte von Extremen von der Lokalisierung dieser Extreme abhängig ist, verschiebt sie sich außerdem mit den Extremen. Sie kann dann also nur noch eine relative Wahrheit sein. Das zweite, damit eng verbundene Problem liegt in der Festlegung der ‚Mitte‘, von der aus die Extreme eben Extreme sein sollen: Wer hat festzulegen, wo die ‚Mitte‘ liegt – und was dementsprechend als Abweichung davon zu gelten hat? Nach welchem Kriterium wird eine ‚Mitte‘ festgelegt – und wovon eigentlich genau: die ‚Mitte‘?

Diese Fragen führen zur Grundstruktur des Fehlschlusses: Er geht davon aus, dass es ein Kontinuum gibt, auf dem sich die beiden Extreme und eine Mitte eintragen lassen – und er geht davon aus, dass der gleiche Abstand der Mitte zu den Extremen diese Mitte als wahr und entsprechend die beiden Extreme als falsch qualifiziert. Die Mitte wird also zum Kriterium erklärt und so besteht die Gefahr, dass sich wegen dieser dogmatischen Setzung die Extreme oder ihre Bewertung nur aus einem Bestätigungsfehler ergeben – und nicht aus der Natur der Sache.

Ein typisches Beispiel dafür, wie weitreichend die Konsequenzen des Fehlschlusses der goldenen Mitte sein können, ist die Extremismustheorie deutscher Sicherheitsbehörden. Über den Begriff des ‚politischen Spektrums‘ schafft sie die Illusion, dass die Mitte der Bevölkerung ideologisch die Norm darstellt, während sich die Extreme in einem ‚linken‘ oder ‚rechten Rand‘ niederschlagen. Im Umkehrschluss bedeutet das: wer ‚linksextrem‘ oder ‚rechtsextrem‘ agiert, der wird damit automatisch Bestandteil eines Randphänomens. Wenn man dieses Modell zugrundelegt, ist es unmöglich, dass die gesamte Gesellschaft extremistisches Gedankengut teilt.

Damit wird eine Einteilung in ideologisch erwünschtes und unerwünschtes Verhalten festgeschrieben, die eine Auseinandersetzung mit dem, was man als ‚Extremismus‘ bezeichnet, gerade verhindert. Der Begriff des ‚Spektrums‘ ordnet Ideologien wie einfache nebeneinander liegende Inhalte auf einer Skala an – aber eine Person kann durchaus mehrere, auch einander widersprechende, ideologische Überzeugungen haben, auch wenn er oder sie der (angeblichen) Mitte oder Mehrheit angehört.

Wenn im Fehlschluss der goldenen Mitte die Extreme stets auf die Mitte hin und von ihr her verstanden sind, dann kommt es entscheidend darauf an, wie man diese Mitte bestimmt. Wenn in der Mitte etwa eine Zustimmung zum gegenwärtigen demokratischen System gesetzt wird, dann gilt als Extremismus das, was dieses System in Frage stellt. Dass Extremismus aber nicht nur mit Gewalt gegen das System, sondern z. B. auch mit Gewalt gegen Minderheiten einhergehen kann, gerät dann nicht mehr in den Blick. Umgekehrt sind diejenigen, die von vornherein als zur Mitte gehörig gesetzt werden, von jedem Verdacht befreit.

Eine Unterform des Fehlschlusses der goldenen Mitte ist der sogenannte Falsche Kompromiss. Nehmen wir an, Anton will Bernd schlagen, aber Bernd möchte nicht geschlagen werden. Die Extreme dieser Handlung wären Schlagen und Nichtschlagen. Ein Falscher Kompromiss würde nun vorschlagen, dass sich diese beiden Wünsche nur dann richtig vermitteln lassen, wenn Bernd sich ein bisschen schlagen lässt, die beiden sich also in der Mitte treffen.

Das lässt sich auch in die Situation der Rede übertragen, im sogenannten Schiedsrichter-Fehlschluss. Nehmen wir an, Bernd äußert seine Meinung – und Anton antwortet darauf, indem er Bernd persönlich angreift. Bernd setzt sich dagegen natürlich zur Wehr, aber nicht mit einem persönlichen Angriff, sondern indem er Anton darauf hinweist, dass persönliche Angriffe nicht in Ordnung sind. Anton reagiert darauf erneut mit einem persönlichen Angriff – die beiden geraten eine Diskussion. Nun hat Claudia die Diskussion der beiden beobachtet und interveniert, indem sie beiden ihren Streit zu gleichen Teilen vorwirft: „Das ist ja nicht auszuhalten, wie ihr beide Euch hier streitet! Hört sofort auf damit!“

Claudia hat damit aber einen Schiedsrichter-Fehlschluss begangen: Sie ist davon ausgegangen, dass der Streit zwischen Anton und Bernd zu gleichen Teilen die Schuld des einen und des anderen ist. Und so kann Claudia sich nun als Schlichterin inszenieren. Dabei hat sie aber den Weg missachtet, den der Streit gegangen ist, seine Pfadabhängigkeit: Anton und Bernd sind nicht etwa mit gleichberechtigten Meinungen über einen dritten Gegenstand in Streit geraten, sondern Anton hat Bernd persönlich attackiert. Eine faire Schlichtung hätte also Anton zur Ordnung gerufen. In einem Schiedsrichter-Fehlschluss werden solche Feinheiten einfach übersehen – beide streiten, also sind auch beide schuld: Basta!

Claudia glaubt sich im Besitz des Kriteriums, wie eine gute Diskussion auszusehen hat. Deswegen nennt man den Fehlschluss der goldenen Mitte auch Argument ad temperantiam, lat. für ‚Mäßigung‘ oder ‚Selbstbeherrschung‘. Ironischerweise ist es aber gerade Claudia, die ‚maßlos‘ handelt, eben indem sie ein Maß an die Diskussion anlegt, das sie ohne Zustimmung der anderen festgelegt hat.

In dieser Hinsicht ist der Schiedsrichter-Fehlschluss verwandt mit anderen Versuchen, eine Diskussion zu kontrollieren: Ton-Argumente etwa versuchen den in Gesprächen subjektiv mitgehörten Tonfall zum Kriterium zu machen und damit das Gespräch zu beherrschen. Form-Argumente legen bestimmte Kriterien für Beiträge und Antworten fest, z. B. was die Länge oder Art und Weise der Antwort betrifft. Das berühmte Kürzel ‚tl;dr‘ (‚too long, didn’t read‘, dt. ‚zu lang, habe (ich) nicht gelesen‘), das als regulatives Instrument durchaus sinnvoll ist, kann in dieser Weise missbraucht werden, um eine beliebige Länge und damit eine Verkürzung und leichtere Angreifbarkeit des Arguments herauszufordern. Und typisch sophistisch ist es, den Antwortenden z. B. auf ‚Ja / Nein‘-Antworten festzulegen und die Verweigerung dieses Diktats dann unter ‚keine Antwort‘ zu verbuchen.

Und so gilt das Gesetz von Okrent auch in seiner Umkehrung: ‚Das Streben nach Gleichheit kann Ungleichheit erzeugen, weil etwas manchmal (einfach) falsch ist.‘ Etwas Falsches wird dadurch nicht richtiger, dass man versucht, einen Kompromiss zwischen richtig und falsch zu finden. Es bleibt falsch.