Na logisch! Die Confirmation Bias

Logik-Kolumne von Daniel-Pascal Zorn. Heute: Die Confirmation Bias

Kennen Sie den? Ein Mann fährt auf der Autobahn. Plötzlich hört er im Radio eine Meldung: „Achtung! Auf der Autobahn ist ein Geisterfahrer unterwegs. Fahren Sie bitte vorsichtig!“ Der Mann schnaubt verächtlich: „Einer? Hunderte!“

Dieser Witz macht auf einen Blick deutlich, wie eine ‚Confirmation Bias‘ – auf Deutsch: der ‚Bestätigungsfehler‘ – funktioniert: Jemand macht etwas, von dem er ausgeht, dass es als richtig gilt. Von diesem Ausgangspunkt aus sieht es dann für ihn so aus, als würden es alle anderen falsch machen, nur er nicht. Seine Vorannahme strukturiert seine Wahrnehmung – sie wird ‚biased‘, verzerrt. Und sie sorgt dafür, dass Aspekte, die sie bestätigen, stark erscheinen, während solche, die ihr widersprechen, abgeschwächt oder ganz ignoriert werden. Im Extremfall, wie bei unserem Geisterfahrer, sorgt die Vorannahme dafür, dass das eigene Weltbild Garant dafür ist, wie falsch alle anderen mit ihrem Weltbild liegen.

Die ‚Confirmation Bias‘ ist eine weit verbreitete und sehr mächtige kognitive Verzerrung. Das liegt daran, dass sie für einen ständigen Nachschub an Bestätigung sorgt. Und Bestätigung wiegt uns in Sicherheit; wir hören lieber Stimmen, die uns beipflichten als solche, die uns widersprechen; ohne ein Mindestmaß an Subjektivität, wie die ‚Confirmation Bias‘ sie herstellt, können wir wahrscheinlich schwer ein Leben innerhalb einer Gesellschaft führen.

Reicht diese Verzerrung aber in unsere Meinungsbildung und Argumentation hinein, dann kann sie schwerwiegende Folgen haben. Vergleichsweise bekannt ist etwa das Phänomen der ‚selektiven Wahrnehmung‘: Wer einmal schlechte Erfahrungen mit etwas gemacht hat, wird es in Zukunft vermeiden wollen, auch wenn die schlechte Erfahrung selbst vollkommen situationsabhängig war. Wir sind der Überzeugung, dass alle Menschen mit Migrationshintergrund kriminell sind und schon achten wir vor allem auf Nachrichten, die uns genau darin bestärken. Und auch wer sich gerade emotional mit einem bestimmten Thema beschäftigt, der wird überall Instanzen dieses Themas entdecken. Wer etwa eine Dokumentation über junge Eltern gesehen hat und selber eine Familie plant, wird womöglich selbst überall die jungen Familien um ihn herum wahrnehmen, die ihm vorher gar nicht aufgefallen sind. Egal welchen Aspekt wir als wichtig oder richtig voraussetzen, er kann dafür sorgen, dass unsere Wahrnehmung sich nach ihm richtet – oder eben durch ihn verzerren lässt, wie ein Gummituch durch eine Bleikugel.

Auch in wissenschaftlichen Zusammenhängen ist die ‚Confirmation Bias‘ bekannt. Sie führt dann dazu, dass vor dem Hintergrund einer bereits in Geltung gesetzten Annahme die Daten so ausgewählt werden, dass sie diese Annahme bestätigen. Daten, die dieser Annahme widersprechen, werden als unwichtig deklariert oder schlicht nicht in Betracht gezogen. Das Betonen von Ähnlichkeiten und das gleichzeitige Ignorieren von Differenzen, das bei einer solchen Interpretation von Daten auftritt, wird auch als ‚texas sharpshooter‘ bezeichnet – benannt nach dem Cowboy, der erst schießt und dann eine Zielscheibe um die Löcher malt, die er geschossen hat. In der Wissenschaft gibt es naturgemäß viele verschiedene Beispiele, in denen eine bestimmte Vorannahme die Interpretation von Daten strukturiert. Sie alle beinhalten dann meistens noch weitere Fehlschlüsse oder besondere Unterformen, z. B. wenn ein bloß assoziativer Zusammenhang oder die bloße Häufung von Daten zu einem kausalen Zusammenhang gemacht wird. Ihnen allen gemeinsam ist aber, dass der Forscher seine eigenen Vorannahmen nicht noch einmal kritisch daraufhin befragt hat, ob nicht vielleicht sie – und nicht die Gegenstände – für das Ergebnis verantwortlich sind.

Die ‚Confirmation Bias‘ steht in einem engen Zusammenhang mit der Petitio Principii, die ich in der zweiten Folge dieser Kolumne besprochen habe. In einer konkreten Gesprächssituation äußert sie sich meistens darin, dass für die Richtigkeit der eigenen Vorannahme etliche Beispiele angeführt werden oder das Gegenüber als Geisterfahrer erscheint, obwohl man selber einer ist. Im Gespräch kann sie sich dann weiter zuspitzen, etwa wenn jemand als ‚Nachweis‘ für die eigene These nur solche Experten zitiert, die derselben Ansicht sind. Impfgegner verweisen gerne auf Internetseiten von Impfgegnern; Rechtspopulisten auf rechtspopulistisch ausgerichtete Medien als ‚Nachweis‘. Überzeugend sind solche Zitierkartelle keineswegs, aber sie machen deutlich, warum Menschen in ‚Confirmation Biases‘ gleichsam gefangen sein können.

Entsprechend beschreibt die ‚Confirmation Bias‘ auch und vor allem Gruppen, denen wir ein geschlossenes Weltbild attestieren: religiösen und politischen Fanatikern, Fundamentalisten, totalitär denkenden Menschen oder Dogmatikern. Die Geschlossenheit ihres Weltbildes ist der ‚Confirmation Bias‘ zuzuschreiben; nicht umsonst sorgt etwa eine religiöse Sekte dafür, dass ihre Mitglieder sich möglichst von allen Kontexten fernhalten, die ihr Weltbild in Frage stellen könnten. Politische Fanatiker lesen dieselben Texte und bewegen ihre Meinung nur innerhalb einer stark begrenzten, einander bestätigenden und verstärkenden Lektüre. Und Dogmatiker sehen in beidem, Bestätigung und Widerspruch zu ihrer These, nur die Bestätigung derselben. Das kann dann auch das eigene Selbstbild betreffen: Wer felsenfest davon überzeugt ist, nie gewalttätig zu sein, der wird immer nur die Gewalt der anderen beklagen, auch dann, wenn er für diese anderen gewalttätig ist.

Im extremen Fall entwickelt sich ein solches geschlossenes Weltbild zu einer Verschwörungstheorie. Denn wenn einem fortlaufend alle anderen als ‚Geisterfahrer‘ entgegenkommen, man selber aber ‚immer in die richtige Richtung fährt‘, dann muss es dafür einen Grund geben. Man nimmt dann eine Instanz an, die dafür sorgt, dass alles so ‚falsch‘ läuft, wie man es wahrnimmt. Und weil diese Instanz nur von einem selbst, nicht aber von den ‚anderen Geisterfahrern‘ erkannt wird, kann man sich sogar als etwas Besonderes fühlen, als jemand, der etwas weiß, was alle anderen nicht wissen. Der Schritt zur krankhaften paranoiden Phantasie ist dann nur noch ein sehr kleiner.

Um der ‚Confirmation Bias‘ zu entgehen, muss man darauf achten, die eigene Vorannahme als Annahme und nicht schon als Tatsache zugrundezulegen. Eine Annahme kann sich immer noch als falsch erweisen – eine Tatsache nicht mehr. Wer so über den Status des eigenen Denkens nachdenkt, wird die eigenen Annahmen allererst überprüfen wollen, bevor er sie als Instanz einer Erklärung einsetzt. Dabei muss man nicht davon ausgehen, dass man eh nichts wissen kann – auch dafür werden sich überall Anzeichen finden lassen und auch diese Vorannahme wird in einer ‚Confirmation Bias‘ landen, wenn man sie verabsolutiert. Die Negation von ‚Alles‘ ist nicht ‚Nichts‘, sondern ‚ nicht Alles‘. Und so kann man eben versuchen, ausgehend von konkreten Fällen sich das zu erschließen, was man davon wissen und was man (noch) nicht davon wissen kann.

Karl R. Popper hat einmal geschrieben: „wenn wir unkritisch sind, werden wir stets finden, was wir suchen: Wir werden nach Bestätigungen Ausschau halten und sie finden, und wir werden über alles, was unseren Lieblingstheorien gefährlich werden könnte, hinwegsehen“. Wir sollten also auf unserer Suche nach der Wahrheit nicht die Perspektive dieser Suche ignorieren – denn es könnte sein, dass wir diese Perspektive mit der Wahrheit verwechseln.