Catwalk für Akademiker. Antwort auf Per Leo

Der Historiker und Schriftsteller Per Leo veröffentlichte im Mai 2015 in der FAZ einen Artikel über die Heidegger-Tagung in Siegen, bei der sich internationale Heidegger-Experten kritisch mit der Bedeutung der »Schwarzen Hefte« für die Rezeption von Heideggers Gesamtwerk auseinandersetzten. Der Philosoph Gaëtan Pégny vom Marc Bloch Zentrum in Berlin antwortet hier auf Leos Beitrag und stellt sich gegen Leos These, die Frage nach Heideggers NS-Ideologie sei eine „Scheinfrage“.

Die Tagung über Heideggers „Schwarze Hefte“, die Marion Heinz und Sidonie Kellerer Ende April in Siegen veranstalteten, macht von sich reden. Von links wird den Teilnehmern vorgeworfen, nicht ganz linientreu zu sein, und das nicht ohne Grund. Per Leo, der nicht allzu ideologiekritisch denken möchte, möchte jedoch bestimmen, wer den Namen eines Denkers verdient, und wer nicht, wer hoffähig ist und wer nicht, aber diese Rolle der Deutungshoheit hat er sich selbst zugeschrieben. Den „Kunstgriff“, mit dem er in seinem Tagungskommentar über die Argumentation seiner Gegner berichtet, darf man nicht übergehen, denn die Art und Weise, mit der er ihre Körperhaltung lächerlich macht, spricht für sich – und gegen ihn. Noch dazu macht es wenig Sinn, die Interpretationen einer Tagung zu diskutieren, deren Beiträge noch nicht einmal veröffentlicht sind: Man kann sich also damit begnügen, den Artikel von Leo mit dem Bericht eines Tagungsteilnehmers, den er als guter Heidegger-Kritiker einordnet, nämlich Dieter Thomä, zu vergleichen. Die Schwäche und Fadenscheinigkeit seiner Argumentation machen es allerdings erforderlich, den intellektuellen Hintergrund Leos genauer zu untersuchen.

Eine angewandte Charakterologie

Leo behauptet in seiner Beschreibung der Siegener Tagung über die Schwarzen Hefte, dass diese von einer verborgenen Dialektik regiert wurde: „Wer auch immer es gewesen sein mag, der hier eine allzu merkliche Absicht durch seine verborgene Regie erfolgreich hintertrieb, er hatte Sinn für Dialektik. Und für Komik. Oder ist es nicht komisch, wenn eine „kritische“ Tagung zu den „Schwarzen Heften“ Martin Heideggers, zu der kein einziger Fürsprecher eingeladen worden war, mit einem Punktsieg für Heidegger endete?“ Einige Zeilen später ist von „offenen Fragen“ als erstem Ergebnis die Rede. Dieser Spott enthüllt seine Taktlosigkeit, wenn er von „der unsichtbaren Regie von Sidonie Kellerer und Marion Heinz (beide Siegen)“, die die erste Konferenz mit Heideggers schärfsten Kritiker wie Emmanuel Faye und Hassan Givsan und Heidegger-Exegeten veranstaltet haben, die Rede ist. Die Heidegger’sche Kunst, Behauptungen in rhetorische Fragen zu hüllen, mag hier mit dem postmodernen Pop Hand in Hand gehen, die Denkweise ist konsequent in der Verteidigung, bis auf die Mythologisierung des Körpers der Denker, dessen Verfall Per Leo gern in einen Sieg verkehren möchte: „Heidegger ließ es nicht nur geschehen, dass seine Philosophie als Ereignis wahrgenommen wurde. Er wollte sie genau so verstanden wissen. Ein Denken, das um die Faktizität des menschlichen Daseins kreiste, schien seine Entsprechung in einem auffälligen Philosophenkörper zu finden, der sich anders kleidete, anders sprach und mit den Schülern andere Dinge tat – Gadamer folgte dem Ruf an die Zweimannsäge, Hannah Arendt dem ins Bett – als die kopftragenden und federhalterbewegenden Knochengerüste seiner Kollegen.“
Über diese alten knöchernen Professorengestalten kann man nur lachen, die echten deutschen Männer griffen bekanntlich zusammen zur Säge, während die Jüdin im Bett landete – Jedem das Seine. Die Figuren, von denen hier die Rede ist, haben auch geschrieben, aber dass ein Artikel aus dem Feuilleton der FAZ mit dem Produkt eines (rechten) Moderessorts verwechselt werden kann, ist bezeichnend für die heutige Lage. Diese Reduzierung auf die Körperlichkeit geht auf das Buch Leos über die Charakterologie und die Judenfeindschaft in Deutschland 1890-1940, Der Wille zum Wesen, das 2013 bei Matthes und Seitz erschien, zurück, in dem es „um die Elemente des Weltanschauungsdenkens gehen soll, die es verdienen, in einem zumindest formalen Sinn als Denken ernst genommen zu werden.“ (S. 416). Dass Leo die Charakterologie eines Klages, der die wesentlichen Unterschiede zwischen Menschen durch deren Ausdruck erfassen wollte, als „Denken“ kursiv wahrnahm und dem treu geblieben ist, ist im folgenden Absatz seines Artikels zu erkennen: „In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen Richard Wolin und Martin Heidegger. (…) Unter Wolins „Influences“ verzeichnet Wikipedia einen einzigen Namen: Habermas. An seinem Körper fällt auf, dass er es nicht auf seinem Sitz aushält.“

„Per Leos fröhliche Unwissenschaft spricht für ihn.“

Dass durch diese Betonung der Emotionen Wolins der Sinn seiner Reaktion entstellt wird, ist hinlänglich klar. Wichtiger ist es, hier anzumerken, dass Richard Wolin und Martin Heidegger für Leo zwar darin einander ähneln, dass ihre Philosophie eine Entsprechung in ihren Körpern findet, aber als entgegengesetzte Pole dargestellt sind: Entsprechend möchte Leo in der scharfen Kritik von Emmanuel Faye eine „Heideggermanier“ sehen. Es gehört zur Sache, dass der bodenständige und sportliche deutsche Holzsäger dem angelsächsischen Vertreter eines Habermas, der hier das Schreckbild der Moderechten repräsentiert, entgegengestellt wird – und dass dieser Vertreter des amerikanisierten Rationalismus, nämlich Richard Wolin, es nicht auf seinem Platz aushält. Ist sich Per Leo über die Assoziationen, die er hervorruft, im Klaren? Seine fröhliche Unwissenschaft spricht jedenfalls für ihn.

Die Auflösung des Nationalsozialismus

In Der Wille zum Wesen liest man, es sei müßig, zwischen Wissenschaft und Pseudo-Wissenschaft zu unterscheiden. Leider reicht die pauschale Behauptung der Nichtigkeit eines Problems bzw. eines Wirklichkeitsgebietes nicht aus, um seine Mitmenschen von dieser Nichtigkeit zu überzeugen, wie schon andere erfahren mussten. Man liest dennoch in dem Artikel über Siegen, dass „die seit Jahrzehnten wiedergekäute Frage, wie viel Nationalsozialismus in Heidegger stecke, sinnlos ist. Unterstellt sie doch, man könne die Erforschung einer historischen Gesellschaft von beispielloser Komplexität und Dynamik durch eine Definition ersetzen“. Die Begriffe ersetzen die lebendige Wirklichkeit, die sich dem kalten Verstand entzieht. Im Gewand des postmodernen Sonntagsstaates hat diese Plattitüde der Lebensphilosophie neue Farben gewonnen, aber das Make-up versteckt nur schlecht die tiefen Falten. Wie die Geschichte der Institutionen ohne eine Definition des Staates, bzw. ohne Typologie und Vergleich auskommen sollte, lässt solch ein Irrationalismus dahingestellt. Für den Fall des NS aber hat Per Leo eine eigenartige Antwort: Die nationalsozialistische Ideologie existiere nicht und habe nie existiert, sie zu erforschen sei also sinnlos.

Der NS habe allein als „Machtsystem“ (Wesen, S. 571) existiert, das sich in geistiger Hinsicht nur negativ beschreiben lässt (S. 572). Die NS-Ideologie sei also nur eine seltsamerweise als „Projektionsfläche“ benutzte „Chimäre“ (S. 573) für die gebildeten Schichten sowie für die „konservativen Meisterdenker“, die so naiv waren, zu träumen, ihr tiefes Denken könne die „weltanschauliche »Leere« der nationalsozialistischen Bewegung“ (S. 572) füllen. War die Tatsache, dass die so respektablen „konservativen Meisterdenker“, die Leo erwähnt (nämlich Klages, Schmitt und Heidegger), pogromistische Antisemiten waren, also zweitrangig für ihre Auswahl der „Projektionsfläche“? Per Leo hat beschlossen, dass diese Frage nicht zu stellen sei. Dass der NS keine Ideologie im eng gefassten Sinne war, der Antisemitismus jedoch stets der Kern dieses intellektuellen Chaos blieb, ist bereits oft genug festgestellt worden, so beispielsweise von Hans Mommsen, dem Hauptvertreter des Funktionalismus: „Eine Ideologie im präzisen Sinne des Begriffs war der Nationalsozialismus nicht (…) Die überkommene Identifikation von Liberalismus und Bolschewismus mit dem Judentum brachte es mit sich, daß in dem Ideenkonglomerat, das als nationalsozialistische »Weltanschauung« bezeichnet wurde, der Antisemitismus als weitgehend verfestigter Kern fungierte.“ Sind solche Stellen gezielt ausgeblendet oder schlicht nicht gelesen worden?

„Leo beraubt die NS-Weltanschauung ihres Inhaltes.“

Die alte Apologetik begrenzte einen kleinen Kreis von düsteren Figuren als Quelle des NS, um die sogenannte „Konservative Revolution“ schonen zu können. Leo modernisiert diesen Kunstgriff, indem er die NS-Weltanschauung ihres Inhaltes beraubt. Damit missbraucht er die Debatten über die Natur des NS: Dass die geschichtswissenschaftliche Forschung seit Frank-Lothar Krolls Utopie als Ideologie von einem „Polyzentrismus der ideologischen Konzeptionen“ spricht und seit längerer Zeit verschiedene Strömungen innerhalb der NS-Ideologen anerkennt impliziert selbstverständlich nicht, dass kein Konsens möglich war. Und wenn der NS sich als Bewegung verstand, deren Analyse sich nicht in der Definition als Ideologie erschöpft, so war diese Sammlung divergierender radikaler Standpunkte institutionell und weltanschaulich eine Sammlung der radikalen Rechten (Stefan Breuer). Dadurch ist die angebliche „Leere“ der NS-Doktrin zumindest inhaltlich bestimmt.
Liest man aber bei Leo auf S. 575 vom NS als einem „politisch kontrollierten, aber intellektuell offenen Weltanschauungsfeld“, so stellt sich die Frage: Wie „offen“? Gab es etwa einen philosemitischen Nazismus? Man liest eine Seite später: „Gerade weil es keine Instanz gab, die allgemein-verbindlich klärte, was ein Jude sei und warum genau die Juden als schädlich erachtet wurden, konnte sich jeder das Seinige zu dieser Frage denken. Die inhaltliche Unschärfe des negativen Schlüssel-Symbols erlaubte es, situationsabhängig zu entscheiden, was genau man darunter verstehen wollte.“ Der Verweis auf die Nürnberger Rassengesetze genügt, die Schwäche der Arbeit von Leo offenzulegen, nämlich die fehlende Frage nach dem institutionellen Zusammenhang der Diskurse. Wenn Patrick Bahners in seiner wohlwollenden Rezension von Per Leos Buch notiert, dass seine „Konzentration auf eine reine Dogmengeschichte für eine geschichtswissenschaftliche Arbeit ganz und gar ungewöhnlich ist“, so ist das eine sehr zuvorkommende Ausdrucksweise. Leo, der auf S. 584 seines Buches dekretiert, dass „die monographische Erforschung der nationalsozialistischen Tätergesellschaft längst einen Grad an Sättigung erreicht“ hat, zitiert die großen Namen der Forschung über den NS, wie Michael Wildt, als ginge es lediglich um Verzierungen.

Hätte er nur Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs von Harten, Neirich und Schwerendt, 2006 im Akademie Verlag erschienen, aufgeschlagen, so hätte er lesen können, dass die Angriffe von Strömungen des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, die vom Biologismus inspiriert waren, den Rassentheoretiker und „Charakterologen“ Ludwig Clauß (dessen Briefwechsel mit Klages von Leo zitiert wird) weder hinderten, mit dem Dienstgrad eines Sturmmanns der Waffen-SS 1944 von der Propaganda-Zeitschrift SS-Standarte »Kurt Eggers« angestellt zu werden, noch den Hauptsturmführer der SS Bruno Berger auszubilden. Letzterer wurde in Auschwitz beauftragt, die Häftlinge auszuwählen, die, für die Schädel-Sammlung von August Hirt in Straßburg bestimmt, später im Struthof vergast wurden.
Ist es wirklich ein gleichgültiger Punkt, wenn man behauptet, von der „Charakterologie“ eines Klages bzw. eines Clauß unter dem NS zu sprechen? Welche Autorität, und vor allem welche Kompetenz erlauben es Leo zu dekretieren, dass die Frage „Ob der Antisemitismus der „Schwarzen Hefte“ nun als „seinsgeschichtliche“ Verirrung eher philosophisch oder als Ausdruck „eliminatorischen“ Hasses eher nationalsozialistisch zu deuten ist“, „zur Scheinfrage“ wird?

Besonders, wenn er gleich hinzufügt, dass Heidegger keine „weltanschaulichen Überzeugungen“ hatte: „Er ließ sich vom politischen Diskurs treiben, dessen jeweils aktuelles Vokabular er sich philosophierend anverwandelte“. Heidegger – der Philosoph Heidegger – hatte also keine Überzeugungen, er begnügte sich damit, der NS-Propaganda eine philosophische Form, eine Heidegger’sche Form, zu geben… Da der Autor die Fragen und Probleme aufgelöst und die Leere seiner Objekte entschieden hat, versteht man, dass er am Ende des Textes den Sinn- und Kohärenzverlust schlicht eingesteht. Der Gipfel ist erreicht, wenn Leo in seinem Buch behauptet, Klages habe sich „ebenso klar vom vulgären wie vom rassenbiologischen Antisemitismus“ abgegrenzt (S. 576), aber bereits auf der nächsten Seite erzählt, dass er meinte, „gereinigt“ vom „odor judaicus“ erschiene ihm Wien 1943 „so schön wie nie zuvor“. Schon auf S. 519-520 liest man bestürzt, Klages habe zeitlebens einen „ambivalenten“ Umgang mit Juden gehabt, denn er habe im Haus seines Jugendfreundes Lessing einen „odor judaicus“ wahrgenommen, mit „etwas entschieden Abstoßendem und etwas Anziehendem“. Gibt es vielleicht eine nicht vulgäre Art, nach Jüdischem zu riechen?

Nichts erlaubt Per Leo, die Frage des Zusammenhanges der Diskurse aus dem Weg zu räumen. Die Bedeutung dieses Zusammenhanges interessiert den Philosophen ebenso wie den Historiker. Wenn Philosophie und Geschichte als Legitimationswissenschaften dienen können, im Sinne eines Diskurses, „der die generelle Bereitschaft erzeugt, staatliche Entscheidungen, die inhaltlich noch unbestimmt sind, innerhalb gewisser Toleranzgrenzen hinzunehmen bzw. zu verteidigen“ (Peter Schöttler), dann muss dies entsprechenden Widerhall finden. Das muss sich in der Weise, wie wir Theorien deuten, niederschlagen.

Heidegger seinerseits hat deutlich geantwortet, indem er etwa als Rektor Vergünstigungen für jüdische und marxistische Studenten abschaffte, oder zur völligen Vernichtung des inneren Feindes aufrief, aber auch als Philosophieprofessor in seinen Vorlesungen sein Engagement für die NS-Politik auf die Grundbegriffe von Sein und Zeit stützte und auf den christlich-jüdischen Komplex sowie die Latinität verwies als Schuldige des Verlustes des ursprünglichen und mythisierten Begriffs der griechischen „Wahrheit“. Dies wussten wir schon vor der Veröffentlichung der schwarzen Hefte:

Wenn heute der Führer immer wieder spricht von der Umerziehung zur national-sozialistischen Weltanschauung, heißt das nicht: irgendwelche Schlagworte beibringen, sondern einen Gesamtwandel hervorbringen, einen Weltentwurf, aus dessen Grund heraus er das ganze Volk erzieht. Der Nationalsozialismus ist nicht irgendwelche Lehre, sondern der Wandel von Grund aus der deutschen und, wie wir glauben, auch der europäischen Welt. (Martin Heidegger, Vom Wesen der Wahrheit)

Der Widerstand der Realität gegen feuilletonistische Erlösungsverordnungen ist angesichts von solchen Kommentaren wie demjenigen von Leo immer wieder auf das Deutlichste herauszustellen.

 

– Gaëtan Pégny (Marc Bloch Zentrum, Berlin)

 

Literatur-Hinweise:

Hans Mommsen, „Der Nationalsozialismus – eine ideologische Simulation?“, in: Hilmar Hoffmann, Heinrich Klotz (Hg.), Die Kultur unseres Jahrhunderts 1933-1945, Düsseldorf u.a., Econ Verlag, 1991, S. 42-53, hier S. 45 und 47.

Maurizio Bach, Stefan Breuer (Hg.), Faschismus als Bewegung und Regime: Italien und Deutschland im Vergleich, Wiesbaden, VS Verlag, 2010, S. 46-67, besonders S. 60-61.

„Schmuggelgut für den Rassenwahn“, FAZ, 6. Februar 2014, S. 29.