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Catwalk für Akademiker. Antwort auf Per Leo

Der Historiker und Schriftsteller Per Leo veröffentlichte im Mai 2015 in der FAZ einen Artikel über die Heidegger-Tagung in Siegen, bei der sich internationale Heidegger-Experten kritisch mit der Bedeutung der »Schwarzen Hefte« für die Rezeption von Heideggers Gesamtwerk auseinandersetzten. Der Philosoph Gaëtan Pégny vom Marc Bloch Zentrum in Berlin antwortet hier auf Leos Beitrag und stellt sich gegen Leos These, die Frage nach Heideggers NS-Ideologie sei eine „Scheinfrage“.

Die Tagung über Heideggers „Schwarze Hefte“, die Marion Heinz und Sidonie Kellerer Ende April in Siegen veranstalteten, macht von sich reden. Von links wird den Teilnehmern vorgeworfen, nicht ganz linientreu zu sein, und das nicht ohne Grund. Per Leo, der nicht allzu ideologiekritisch denken möchte, möchte jedoch bestimmen, wer den Namen eines Denkers verdient, und wer nicht, wer hoffähig ist und wer nicht, aber diese Rolle der Deutungshoheit hat er sich selbst zugeschrieben. Den „Kunstgriff“, mit dem er in seinem Tagungskommentar über die Argumentation seiner Gegner berichtet, darf man nicht übergehen, denn die Art und Weise, mit der er ihre Körperhaltung lächerlich macht, spricht für sich – und gegen ihn. Noch dazu macht es wenig Sinn, die Interpretationen einer Tagung zu diskutieren, deren Beiträge noch nicht einmal veröffentlicht sind: Man kann sich also damit begnügen, den Artikel von Leo mit dem Bericht eines Tagungsteilnehmers, den er als guter Heidegger-Kritiker einordnet, nämlich Dieter Thomä, zu vergleichen. Die Schwäche und Fadenscheinigkeit seiner Argumentation machen es allerdings erforderlich, den intellektuellen Hintergrund Leos genauer zu untersuchen.

Eine angewandte Charakterologie

Leo behauptet in seiner Beschreibung der Siegener Tagung über die Schwarzen Hefte, dass diese von einer verborgenen Dialektik regiert wurde: „Wer auch immer es gewesen sein mag, der hier eine allzu merkliche Absicht durch seine verborgene Regie erfolgreich hintertrieb, er hatte Sinn für Dialektik. Und für Komik. Oder ist es nicht komisch, wenn eine „kritische“ Tagung zu den „Schwarzen Heften“ Martin Heideggers, zu der kein einziger Fürsprecher eingeladen worden war, mit einem Punktsieg für Heidegger endete?“ Einige Zeilen später ist von „offenen Fragen“ als erstem Ergebnis die Rede. Dieser Spott enthüllt seine Taktlosigkeit, wenn er von „der unsichtbaren Regie von Sidonie Kellerer und Marion Heinz (beide Siegen)“, die die erste Konferenz mit Heideggers schärfsten Kritiker wie Emmanuel Faye und Hassan Givsan und Heidegger-Exegeten veranstaltet haben, die Rede ist. Die Heidegger’sche Kunst, Behauptungen in rhetorische Fragen zu hüllen, mag hier mit dem postmodernen Pop Hand in Hand gehen, die Denkweise ist konsequent in der Verteidigung, bis auf die Mythologisierung des Körpers der Denker, dessen Verfall Per Leo gern in einen Sieg verkehren möchte: „Heidegger ließ es nicht nur geschehen, dass seine Philosophie als Ereignis wahrgenommen wurde. Er wollte sie genau so verstanden wissen. Ein Denken, das um die Faktizität des menschlichen Daseins kreiste, schien seine Entsprechung in einem auffälligen Philosophenkörper zu finden, der sich anders kleidete, anders sprach und mit den Schülern andere Dinge tat – Gadamer folgte dem Ruf an die Zweimannsäge, Hannah Arendt dem ins Bett – als die kopftragenden und federhalterbewegenden Knochengerüste seiner Kollegen.“
Über diese alten knöchernen Professorengestalten kann man nur lachen, die echten deutschen Männer griffen bekanntlich zusammen zur Säge, während die Jüdin im Bett landete – Jedem das Seine. Die Figuren, von denen hier die Rede ist, haben auch geschrieben, aber dass ein Artikel aus dem Feuilleton der FAZ mit dem Produkt eines (rechten) Moderessorts verwechselt werden kann, ist bezeichnend für die heutige Lage. Diese Reduzierung auf die Körperlichkeit geht auf das Buch Leos über die Charakterologie und die Judenfeindschaft in Deutschland 1890-1940, Der Wille zum Wesen, das 2013 bei Matthes und Seitz erschien, zurück, in dem es „um die Elemente des Weltanschauungsdenkens gehen soll, die es verdienen, in einem zumindest formalen Sinn als Denken ernst genommen zu werden.“ (S. 416). Dass Leo die Charakterologie eines Klages, der die wesentlichen Unterschiede zwischen Menschen durch deren Ausdruck erfassen wollte, als „Denken“ kursiv wahrnahm und dem treu geblieben ist, ist im folgenden Absatz seines Artikels zu erkennen: „In dieser Hinsicht besteht kein Unterschied zwischen Richard Wolin und Martin Heidegger. (…) Unter Wolins „Influences“ verzeichnet Wikipedia einen einzigen Namen: Habermas. An seinem Körper fällt auf, dass er es nicht auf seinem Sitz aushält.“

„Per Leos fröhliche Unwissenschaft spricht für ihn.“

Dass durch diese Betonung der Emotionen Wolins der Sinn seiner Reaktion entstellt wird, ist hinlänglich klar. Wichtiger ist es, hier anzumerken, dass Richard Wolin und Martin Heidegger für Leo zwar darin einander ähneln, dass ihre Philosophie eine Entsprechung in ihren Körpern findet, aber als entgegengesetzte Pole dargestellt sind: Entsprechend möchte Leo in der scharfen Kritik von Emmanuel Faye eine „Heideggermanier“ sehen. Es gehört zur Sache, dass der bodenständige und sportliche deutsche Holzsäger dem angelsächsischen Vertreter eines Habermas, der hier das Schreckbild der Moderechten repräsentiert, entgegengestellt wird – und dass dieser Vertreter des amerikanisierten Rationalismus, nämlich Richard Wolin, es nicht auf seinem Platz aushält. Ist sich Per Leo über die Assoziationen, die er hervorruft, im Klaren? Seine fröhliche Unwissenschaft spricht jedenfalls für ihn.

Die Auflösung des Nationalsozialismus

In Der Wille zum Wesen liest man, es sei müßig, zwischen Wissenschaft und Pseudo-Wissenschaft zu unterscheiden. Leider reicht die pauschale Behauptung der Nichtigkeit eines Problems bzw. eines Wirklichkeitsgebietes nicht aus, um seine Mitmenschen von dieser Nichtigkeit zu überzeugen, wie schon andere erfahren mussten. Man liest dennoch in dem Artikel über Siegen, dass „die seit Jahrzehnten wiedergekäute Frage, wie viel Nationalsozialismus in Heidegger stecke, sinnlos ist. Unterstellt sie doch, man könne die Erforschung einer historischen Gesellschaft von beispielloser Komplexität und Dynamik durch eine Definition ersetzen“. Die Begriffe ersetzen die lebendige Wirklichkeit, die sich dem kalten Verstand entzieht. Im Gewand des postmodernen Sonntagsstaates hat diese Plattitüde der Lebensphilosophie neue Farben gewonnen, aber das Make-up versteckt nur schlecht die tiefen Falten. Wie die Geschichte der Institutionen ohne eine Definition des Staates, bzw. ohne Typologie und Vergleich auskommen sollte, lässt solch ein Irrationalismus dahingestellt. Für den Fall des NS aber hat Per Leo eine eigenartige Antwort: Die nationalsozialistische Ideologie existiere nicht und habe nie existiert, sie zu erforschen sei also sinnlos.

Der NS habe allein als „Machtsystem“ (Wesen, S. 571) existiert, das sich in geistiger Hinsicht nur negativ beschreiben lässt (S. 572). Die NS-Ideologie sei also nur eine seltsamerweise als „Projektionsfläche“ benutzte „Chimäre“ (S. 573) für die gebildeten Schichten sowie für die „konservativen Meisterdenker“, die so naiv waren, zu träumen, ihr tiefes Denken könne die „weltanschauliche »Leere« der nationalsozialistischen Bewegung“ (S. 572) füllen. War die Tatsache, dass die so respektablen „konservativen Meisterdenker“, die Leo erwähnt (nämlich Klages, Schmitt und Heidegger), pogromistische Antisemiten waren, also zweitrangig für ihre Auswahl der „Projektionsfläche“? Per Leo hat beschlossen, dass diese Frage nicht zu stellen sei. Dass der NS keine Ideologie im eng gefassten Sinne war, der Antisemitismus jedoch stets der Kern dieses intellektuellen Chaos blieb, ist bereits oft genug festgestellt worden, so beispielsweise von Hans Mommsen, dem Hauptvertreter des Funktionalismus: „Eine Ideologie im präzisen Sinne des Begriffs war der Nationalsozialismus nicht (…) Die überkommene Identifikation von Liberalismus und Bolschewismus mit dem Judentum brachte es mit sich, daß in dem Ideenkonglomerat, das als nationalsozialistische »Weltanschauung« bezeichnet wurde, der Antisemitismus als weitgehend verfestigter Kern fungierte.“ Sind solche Stellen gezielt ausgeblendet oder schlicht nicht gelesen worden?

„Leo beraubt die NS-Weltanschauung ihres Inhaltes.“

Die alte Apologetik begrenzte einen kleinen Kreis von düsteren Figuren als Quelle des NS, um die sogenannte „Konservative Revolution“ schonen zu können. Leo modernisiert diesen Kunstgriff, indem er die NS-Weltanschauung ihres Inhaltes beraubt. Damit missbraucht er die Debatten über die Natur des NS: Dass die geschichtswissenschaftliche Forschung seit Frank-Lothar Krolls Utopie als Ideologie von einem „Polyzentrismus der ideologischen Konzeptionen“ spricht und seit längerer Zeit verschiedene Strömungen innerhalb der NS-Ideologen anerkennt impliziert selbstverständlich nicht, dass kein Konsens möglich war. Und wenn der NS sich als Bewegung verstand, deren Analyse sich nicht in der Definition als Ideologie erschöpft, so war diese Sammlung divergierender radikaler Standpunkte institutionell und weltanschaulich eine Sammlung der radikalen Rechten (Stefan Breuer). Dadurch ist die angebliche „Leere“ der NS-Doktrin zumindest inhaltlich bestimmt.
Liest man aber bei Leo auf S. 575 vom NS als einem „politisch kontrollierten, aber intellektuell offenen Weltanschauungsfeld“, so stellt sich die Frage: Wie „offen“? Gab es etwa einen philosemitischen Nazismus? Man liest eine Seite später: „Gerade weil es keine Instanz gab, die allgemein-verbindlich klärte, was ein Jude sei und warum genau die Juden als schädlich erachtet wurden, konnte sich jeder das Seinige zu dieser Frage denken. Die inhaltliche Unschärfe des negativen Schlüssel-Symbols erlaubte es, situationsabhängig zu entscheiden, was genau man darunter verstehen wollte.“ Der Verweis auf die Nürnberger Rassengesetze genügt, die Schwäche der Arbeit von Leo offenzulegen, nämlich die fehlende Frage nach dem institutionellen Zusammenhang der Diskurse. Wenn Patrick Bahners in seiner wohlwollenden Rezension von Per Leos Buch notiert, dass seine „Konzentration auf eine reine Dogmengeschichte für eine geschichtswissenschaftliche Arbeit ganz und gar ungewöhnlich ist“, so ist das eine sehr zuvorkommende Ausdrucksweise. Leo, der auf S. 584 seines Buches dekretiert, dass „die monographische Erforschung der nationalsozialistischen Tätergesellschaft längst einen Grad an Sättigung erreicht“ hat, zitiert die großen Namen der Forschung über den NS, wie Michael Wildt, als ginge es lediglich um Verzierungen.

Hätte er nur Rassenhygiene als Erziehungsideologie des Dritten Reichs von Harten, Neirich und Schwerendt, 2006 im Akademie Verlag erschienen, aufgeschlagen, so hätte er lesen können, dass die Angriffe von Strömungen des Rassenpolitischen Amtes der NSDAP, die vom Biologismus inspiriert waren, den Rassentheoretiker und „Charakterologen“ Ludwig Clauß (dessen Briefwechsel mit Klages von Leo zitiert wird) weder hinderten, mit dem Dienstgrad eines Sturmmanns der Waffen-SS 1944 von der Propaganda-Zeitschrift SS-Standarte »Kurt Eggers« angestellt zu werden, noch den Hauptsturmführer der SS Bruno Berger auszubilden. Letzterer wurde in Auschwitz beauftragt, die Häftlinge auszuwählen, die, für die Schädel-Sammlung von August Hirt in Straßburg bestimmt, später im Struthof vergast wurden.
Ist es wirklich ein gleichgültiger Punkt, wenn man behauptet, von der „Charakterologie“ eines Klages bzw. eines Clauß unter dem NS zu sprechen? Welche Autorität, und vor allem welche Kompetenz erlauben es Leo zu dekretieren, dass die Frage „Ob der Antisemitismus der „Schwarzen Hefte“ nun als „seinsgeschichtliche“ Verirrung eher philosophisch oder als Ausdruck „eliminatorischen“ Hasses eher nationalsozialistisch zu deuten ist“, „zur Scheinfrage“ wird?

Besonders, wenn er gleich hinzufügt, dass Heidegger keine „weltanschaulichen Überzeugungen“ hatte: „Er ließ sich vom politischen Diskurs treiben, dessen jeweils aktuelles Vokabular er sich philosophierend anverwandelte“. Heidegger – der Philosoph Heidegger – hatte also keine Überzeugungen, er begnügte sich damit, der NS-Propaganda eine philosophische Form, eine Heidegger’sche Form, zu geben… Da der Autor die Fragen und Probleme aufgelöst und die Leere seiner Objekte entschieden hat, versteht man, dass er am Ende des Textes den Sinn- und Kohärenzverlust schlicht eingesteht. Der Gipfel ist erreicht, wenn Leo in seinem Buch behauptet, Klages habe sich „ebenso klar vom vulgären wie vom rassenbiologischen Antisemitismus“ abgegrenzt (S. 576), aber bereits auf der nächsten Seite erzählt, dass er meinte, „gereinigt“ vom „odor judaicus“ erschiene ihm Wien 1943 „so schön wie nie zuvor“. Schon auf S. 519-520 liest man bestürzt, Klages habe zeitlebens einen „ambivalenten“ Umgang mit Juden gehabt, denn er habe im Haus seines Jugendfreundes Lessing einen „odor judaicus“ wahrgenommen, mit „etwas entschieden Abstoßendem und etwas Anziehendem“. Gibt es vielleicht eine nicht vulgäre Art, nach Jüdischem zu riechen?

Nichts erlaubt Per Leo, die Frage des Zusammenhanges der Diskurse aus dem Weg zu räumen. Die Bedeutung dieses Zusammenhanges interessiert den Philosophen ebenso wie den Historiker. Wenn Philosophie und Geschichte als Legitimationswissenschaften dienen können, im Sinne eines Diskurses, „der die generelle Bereitschaft erzeugt, staatliche Entscheidungen, die inhaltlich noch unbestimmt sind, innerhalb gewisser Toleranzgrenzen hinzunehmen bzw. zu verteidigen“ (Peter Schöttler), dann muss dies entsprechenden Widerhall finden. Das muss sich in der Weise, wie wir Theorien deuten, niederschlagen.

Heidegger seinerseits hat deutlich geantwortet, indem er etwa als Rektor Vergünstigungen für jüdische und marxistische Studenten abschaffte, oder zur völligen Vernichtung des inneren Feindes aufrief, aber auch als Philosophieprofessor in seinen Vorlesungen sein Engagement für die NS-Politik auf die Grundbegriffe von Sein und Zeit stützte und auf den christlich-jüdischen Komplex sowie die Latinität verwies als Schuldige des Verlustes des ursprünglichen und mythisierten Begriffs der griechischen „Wahrheit“. Dies wussten wir schon vor der Veröffentlichung der schwarzen Hefte:

Wenn heute der Führer immer wieder spricht von der Umerziehung zur national-sozialistischen Weltanschauung, heißt das nicht: irgendwelche Schlagworte beibringen, sondern einen Gesamtwandel hervorbringen, einen Weltentwurf, aus dessen Grund heraus er das ganze Volk erzieht. Der Nationalsozialismus ist nicht irgendwelche Lehre, sondern der Wandel von Grund aus der deutschen und, wie wir glauben, auch der europäischen Welt. (Martin Heidegger, Vom Wesen der Wahrheit)

Der Widerstand der Realität gegen feuilletonistische Erlösungsverordnungen ist angesichts von solchen Kommentaren wie demjenigen von Leo immer wieder auf das Deutlichste herauszustellen.

 

– Gaëtan Pégny (Marc Bloch Zentrum, Berlin)

 

Literatur-Hinweise:

Hans Mommsen, „Der Nationalsozialismus – eine ideologische Simulation?“, in: Hilmar Hoffmann, Heinrich Klotz (Hg.), Die Kultur unseres Jahrhunderts 1933-1945, Düsseldorf u.a., Econ Verlag, 1991, S. 42-53, hier S. 45 und 47.

Maurizio Bach, Stefan Breuer (Hg.), Faschismus als Bewegung und Regime: Italien und Deutschland im Vergleich, Wiesbaden, VS Verlag, 2010, S. 46-67, besonders S. 60-61.

„Schmuggelgut für den Rassenwahn“, FAZ, 6. Februar 2014, S. 29.

 

 

15 Kommentare

  1. Daniel-Pascal Zorn sagt

    Dieser selbst auf Unterstellungen und Pappkameraden beruhende Diffamierungsartikel folgt getreulich der Linie der Siegener Ideologiekritik (nicht: Philosophie): Wer die eigene Sache kritisiert, muss mit dem Feind gemeinsame Sache machen. Wer den eigenen Bestätigungsfehler kritisiert – auf den Pegny mit keinem Wort eingeht – wird selbst eines Bestätigungsfehlers bezichtigt (das ist tu-quoque und ein Fehlschluss). Und worauf sich Vaseks HOHE LUFT zu spezialisieren scheint: Wer Kritik übt, dessen Werk wird aus dem Kontext gerissen in einer en-passant-Rezension verrissen und mit Autoritätsargumenten aus dem eigenen Paradigma konfrontiert. Insofern bleibt Pegnys Doktorarbeit abzuwarten – sie verdient sicherlich eine Rezension, die seiner Rigitität in nichts nachsteht.

    Schon in Siegen hat Fayes Musterschüler durch wirre Unterstellungen und hanebüchene Ableitungen geglänzt, die deutlich machen, wie schädlich es sein kann, wenn man ohne jede logische Ausbildung mit einer wild wuchernden Hermeneutik des Verdachts an Texte herangeht. Auch dieser Artikel führt das wieder vor, z. B. wenn in der in der Absurdität gipfelt, dem Autoren die eigenen Assoziationen vorzuwerfen – „guilt per association“. Das Tribunalistische und Denunziatorische dieses Diskurses bedient sich so ironischerweise genau derselben Mittel wie die Ideologie, gegen die er sich so heroisch zu stemmen scheint. Und genau das macht solche Polemiken dann eben unglaubwürdig.

  2. Ich danke Daniel-Pascal Zorn für seinen freundlichen Beitrag. Es ist schade, dass er in Siegen nach meinem Vortrag nicht sofort reagiert hat. Dennoch kommt seine „tu quoque“-Argumentation nicht zu spät, die den Lesern von ‚Hohe Luft’ wohl verdeutlichen soll, dass meine Kritik an Heidegger eine Form nationalsozialistischer Gewalt ist.
    Die Leser werden sich vielleicht trotzdem von anderen Fragestellungen dieses Artikels angesprochen fühlen, denn die Reduzierung auf Körperlichkeit, von der Leos Charakterologie nur eine Variation darstellt, fand inzwischen ihren Weg bis ins Feuilleton. Als Begleiterscheinung dieser Reduzierung scheint sich allmählich eine Hermeneutik der Beliebigkeit in den Geisteswissenschaften durchzusetzen. In Leos Arbeit tritt dies einerseits durch seine Ablehnung der Definitionen, andererseits durch die Auflösung seines eigenen Forschungsobjektes zutage. Dass diese Reduzierung und Beliebigkeit alles ermöglichen, gehört zur Sache, selbst wenn die Intentionen als solche nicht unter Verdacht stehen.
    Was Herr Zorns Wunsch nach Rezensionen betrifft, kann ich auf folgende Beiträge verweisen, die meine Arbeit über Heidegger erwähnen bzw. diskutieren und die seine Lust auf eine offene Debatte erfüllen können:
    2014.1: „Heidegger : la tentation gnostique“. Rezension von Jean-Claude Giabicani auf Memoresist.org und Massorti.com (ONLINE):
    http://www.massorti.com/spip.php?page=imprimer&id_article=1479
    2014.2: Rezension von Édith Fuchs für Actu philosophia und die Revue d’histoire de la Shoah (201, Oktober 2014): http://www.actu-philosophia.com/spip.php?article529 (erste Fassung)
    2014.3: Rezension von Jean-Clet Martin für Actu philosophia (ONLINE):
    http://www.actu-philosophia.com/spip.php?article532
    2014.4: „Heidegger, brun foncé“, G.-A. Goldschmidt in Allemagne d’aujourd’hui (209, juillet-septembre 2014), S. 36-38
    http://www.editions-beauchesne.com/product_reviews_info.php?products_id=1038&reviews_id=238
    2015.1: Rezension von Claude Vishnu Spaak in Bulletin heideggérien 5, (ONLINE) S. 142-154:
    https://www.uclouvain.be/cps/ucl/doc/isp/documents/Bhdg_2015.pdf

    Eine letzte Bemerkung zu seiner schulmeisterlichen Argumentation: „Diffamierung“ ist eine juristische, keine akademische Kategorie. Sofern sich also jemand diffamiert fühlen sollte, sollte er nicht zögern, Anzeige zu erstatten.

  3. Reine Verschwörungstheorie, die längst von den Fachleuten widerlegt wurde. Deshalb diese „private“ Tagung.

  4. Daniel-Pascal Zorn sagt

    Fünf Anmerkungen zu Pégnys Antwort:

    (1) Auf den begründeten Vorwurf eines tu-quoque-Fehlschlusses in einem tu-quoque-Fehlschluss mit der unbegründeten Unterstellung einer „tu-quoque-Argumentation“ zu reagieren, ist reflexiv eher ungünstig.
    (2) Auf den begründeten Vorwurf eines Pappkameraden mit einem weiteren Pappkameraden zu reagieren, bestätigt nur den ersten Vorwurf: Ich habe an keiner Stelle behauptet, dass „meine Kritik an Heidegger eine Form nationalsozialistischer Gewalt ist.“
    (3) Wenn einem die Unterstellung von Bestätigungsfehlern vorgeworfen wird, ist es ungünstig, genau das zu tun: „Dass diese Reduzierung und Beliebigkeit alles ermöglichen, gehört zur Sache.“
    (4) Von der Wiederholung der eigenen Unterstellung via assoziativem Fehlschluss – „Charakterologie“ – vollkommen beliebig zu einer Verdammung der gesamten Zunft – „scheint sich allmählich eine Hermeneutik der Beliebigkeit in den Geisteswissenschaften durchzusetzen“ – zu springen, ist reflexiv ebenfalls eher ungünstig.
    (5) Die Rezension eines Sammelbandbeitrags wird die kommende Rezension der Doktorarbeit weder ersetzen, noch aufhalten. Aber netter Versuch.

    Ich danke meinem Kontrahenten für die fleißige Selbstdekonstruktion und die performative Bestätigung meiner Polemik. Außerdem weise ich – ganz schulmeisterlich – darauf hin, dass „Diffamierung“ im Deutschen durchaus auch in nichtjuristischen Kontexten gebraucht wird. Und: Reflexive Fallen (z. B. in Form von Polemiken unter Polemiken) sollte man vorher erkennen. Nachher ist’s zu spät… Viel Glück bei der Heidegger-Lektüre!

  5. Tom Outor sagt

    # Daniel-Pascal Zorn
    -a- Ich verstehe nicht ganz, was mit der Zuweisung der Eigenschaft „rigide“ für den Text Pégnys gemeint ist, und was die Ankündigung soll, eine Dissertation muesse rigide rezensiert werden. Wünscht sich Zorn, dass Pégny weniger rigide wäre, was doch aber an der Sache nichts ändern würde, oder es verletzend, rigide zu sein, weshalb der Verletzte dann Rache ueben moechte, indem er seinerseits rigide kritisiert?
    -b- Wer hat dem Autor die eigenen Assoziationen vorgeworfen? Geht es dabei um Klages Assoziationen? Assoziationen sind für mich genauso Argumente wie alles andere. Wer also von Gewalt fantasiert, darf das, wer zu Gewalt aufruft, darf das nicht?

  6. DPZ sagt

    Lieber Tom Outor,

    „Ich verstehe nicht ganz, was mit der Zuweisung der Eigenschaft ‚rigide‘ für den Text Pégnys gemeint ist, und was die Ankündigung soll, eine Dissertation muesse rigide rezensiert werden“

    Das meint einfach nur, dass an die Rezension von Pegnys Doktorarbeit dieselbe Strenge („Rigidität“) angelegt wird, die er an andere anlegt. Das ist deswegen bedeutsam, weil genau darin Pegnys Denkproblem liegt: Er wirft gerne anderen vor, was er selbst am laufenden Band falsch macht. Deswegen ist es nur konsequent, ihn an seinen eigenen rigiden Maßstäben zu messen.

    Ihre Fragen „Wünscht sich Zorn, dass Pégny weniger rigide wäre[?]“ und „[ist] es verletzend, rigide zu sein, weshalb der Verletzte dann Rache ueben moechte, indem er seinerseits rigide kritisiert?“ können also verneint werden. Worauf Zorn hinweist, können Sie hier nachlesen: http://www.hoheluft-magazin.de/2016/01/na-logisch-die-uebergriffe-von-koeln-relativierung-tu-quoque-und-der-doppelte-standard/

    „Wer hat dem Autor die eigenen Assoziationen vorgeworfen?“ – Pegny. Er schreibt Leo am laufenden Band Absichten zu – per „möchte, „wollte“ usw. – und arbeitet sich dann an den eigenen Unterstellungen ab. Der damit verbundene Argumentationsfehler ist dieser hier: http://www.hoheluft-magazin.de/2015/11/na-logisch-der-pappkamerad/

    „Assoziationen sind für mich genauso Argumente wie alles andere“ – Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber was für Sie Argumente sind, das sind nicht für alle anderen deswegen auch gleich Argumente. Warum Assoziationen und Unterstellungen keine guten Argumente sind, können Sie im vorigen Link und hier nachlesen: http://www.hoheluft-magazin.de/2016/05/na-logisch-der-assoziative-fehlschluss/

    „Wer also von Gewalt fantasiert, darf das, wer zu Gewalt aufruft, darf das nicht?“ – Es geht nicht um’s Dürfen, sondern um’s Gelten. Ansonsten verstehe ich den Bezug nicht.

  7. Gernot sagt

    „Das ist deswegen bedeutsam, weil genau darin Pegnys Denkproblem liegt: Er wirft gerne anderen vor, was er selbst am laufenden Band falsch macht. Deswegen ist es nur konsequent, ihn an seinen eigenen rigiden Maßstäben zu messen.“

    Dieses „Denkproblem“ ist ja nun aber keins, was diesen einen betrifft und jenen anderen nicht. Sondern es ist dem Denken selbst inhärent. Es betrifft den Diagnostiker genauso wie es Pegny betrifft, auch wenn er erbost aufschreien wird, dass er unschuldig ist und es sogar beweisen kann: darin zeigt sich allenfalls, dass er die Verdrängung der eigenen Verstrickung ebenso gut oder gar besser als andere zu leisten im Stande ist.

  8. DPZ sagt

    @Gernot: „Dieses ‚Denkproblem‘ ist ja nun aber keins, was diesen einen betrifft und jenen anderen nicht. Sondern es ist dem Denken selbst inhärent.“ – Dass dem nicht so ist, zeigt Ihnen mein Artikel über eben dieses Denkproblem.

    Ihr Denkproblem ist dagegen, dass Sie voraussetzen, dass jeder schon Ihren Begriff vom „Denken selbst“, dem aus irgendwelchen Gründen diese Denkprobleme „inhärent“ seien, teilen muss. Das muss aber leider niemand. Ich verwende ‚Denken‘ im Begriff des ‚Denkproblems‘ präzise nicht in einer Bedeutung, die man mit der Konzeption „das Denken selbst“ wiedergeben könnte – sondern im Sinne einer Rede- und Argumentationspraxis.

    Anders gesagt: Ich begreife ‚Denken‘ logisch, während Sie es psychologisch zu begreifen scheinen. Aus logischer Sicht macht die Behauptung, dem „Denken selbst“ seien „Denkprobleme“ irgendwie „inhärent“, gar keinen Sinn.

    „Es betrifft den Diagnostiker genauso wie es Pegny betrifft“ – Das ist entsprechend eine Schlussfolgerung aus einer unbegründeten Prämisse.

    „auch wenn er erbost aufschreien wird, dass er unschuldig ist und es sogar beweisen kann“ – Das baut einen Pappkameraden auf, der mir ein bisschen der Funktion zu dienen scheint, dass der Diagnostiker soviel schreien kann wie er will, Sie sind ihm in jedem Fall überlegen. Dieser Verdacht erhärtet sich durch die folgende Passage:

    „darin zeigt sich allenfalls, dass er die Verdrängung der eigenen Verstrickung ebenso gut oder gar besser als andere zu leisten im Stande ist.“ – Das ist ein Argumentationsschema, das sich typischerweise bei ideologiekritischen oder psychoanalytischen Argumenten findet: Der Kritiker nimmt an, dass er bereits a priori die Wahrheit kennt – daraus folgt, dass sowohl Annahme wie Ablehnung seiner These nur zur Bestätigung seiner These führen kann.

    Sie geraten also folgerichtig durch den dogmatischen Fehlschluss qua „Denken selbst“ in einen Bestätigungsfehler, vgl. http://www.hoheluft-magazin.de/2015/12/na-logisch-die-confirmation-bias/

    Wichtig: Alles das, was ich Ihnen gerade geschrieben habe, ist weder eine psychologische noch eine sonstige Unterstellung – es lässt sich präzise an (!) Ihrer Rede beschreiben. Sie setzen sozusagen in Ihrer Rede das ins Werk, was ich ‚Denkproblem‘ nenne und was Sie deswegen nur so verstehen können, wie Sie es verstehen, weil Sie Ihre Sichtweise von vornherein in Geltung gesetzt haben.

    • Um es mal mit ganz einfachen Worten zu sagen: „Er wirft gerne anderen vor, was er selbst am laufenden Band falsch macht“ – diese Aussage über eine „Rede- und Argumentationspraxis“ trifft nicht nur auf den zu, von dem ein DPZ das sagt, sondern vermutlich auf viele, unter Umständen auf alle Denker, möglicherweise sogar auf DPZ selbst. Auch ein DPZ sollte das erwägen, auch wenn das für ihn ganz unwahrscheinlich erscheint. Meiner Meinung nach spricht in seiner Rede einiges dafür.

      • DPZ sagt

        @Jörg Friedrich: „Auch ein DPZ sollte das erwägen, auch wenn das für ihn ganz unwahrscheinlich erscheint. Meiner Meinung nach spricht in seiner Rede einiges dafür.“

        Warum sollte das für mich „unwahrscheinlich“ erscheinen? Und: Was spricht Ihrer Meinung nach in meiner Rede dafür? Es ist ja offenbar „einiges“, also dürfte Ihnen ein Beispiel nicht schwerfallen. Und Ihre Behauptung betrifft die Umkehrung meiner Behauptung auf mich, man würde „am laufenden Band [!]“ falsch machen, was man anderen vorwirft. Sie stellen also damit die Behauptung auf, dass Sie „einige“ Belege in meiner Rede oben haben, dass ich „am laufenden“ Band falsch mache, was ich anderen vorwerfe. Diese Belege hätte ich gerne gesehen. (Beachten Sie dabei bitte, dass mein erster Kommentar von mir explizit als „Polemik“ gekennzeichnet wurde).

        Freilich könnte man jetzt darauf verweisen, dass meine Kritik an Pegny seine Angewohnheit betrifft, Vorwürfe, die man ihm macht, ohne Begründung oder Beleg auf das Gegenüber umzukehren. Soweit ich sehen kann, geben Sie, Herr Friedrich, für Ihre Behauptung, ich würde denselben Fehler machen, keinen Beleg an.

        Haben Sie die Ironie bemerkt, Herr Friedrich? Ich frage nur, weil Sie schon aus der letzten Diskussion, die mit Ihren vollmundigen Behauptungen begann, etwas kleinlaut ausgestiegen sind. Das sollte einem – gerade bei der Diskussion von Tu-qoque-Argumentationen – nicht zu oft passieren…

  9. Tom Outor sagt

    -1- Für mich ist die Bewertung eines Urteils als rigide ein negatives Urteil. Rigide heisst, im Zweifel ein Argument, dass sich so oder anders verstehen lässt, nicht als undeutlich stehen zu lassen, sondern seine Schwäche und eventuell seinen irrtümlichen Inhalt herauszustellen.
    Wenn ich also las, Pegnys Dissertation verdiene ein Rezension, die der Rigidität der Texte Pegnys nicht nachstehen möge, so las ich darin einen Wunsch nach turn the tables. Man kann ja wohl Heidegger kritisieren, ohne mit einem eigenen, fehlerfreien, universalen Gegenentwurf aufwarten zu müssen, oder?
    -2- Was eine Assoziation ist, scheint mir mehrdeutig. Für mich ist eine Assoziation etwas die die Ideen Klages, die Leo referiert und die Penny ebenfalls behandelt, nämlich eine Assoziation einer Rasse mit einer negativen Eigenschaft. Für Zorn scheint eine Assozation etwas zu sein, mit dem man die Verwendung desselben Wortes durch Heidegger und die Nazis zum Argument nehmen will für eine Einordnung Heideggers als Nazi. Diese zweite Art von Assoziation ist mir nicht wichtig. Aber die erste Art von Assoziation, für die Leo und andere untersuchen, was für assoziative Ideenfelder sich denn finden lassen bei Autoren, die wohl keine Nazis waren, diese Art von Assoziation scheint mir ein geeignetes Vorgehen zum Erhellen von Motiven.

    • DPZ sagt

      @Tom Outor: „Für mich ist die Bewertung eines Urteils als rigide ein negatives Urteil.“ – Das kann sein, aber was ein Begriff für Sie ist, hat für mich erst einmal keine Bedeutung. Sie erläutern aber:

      „Rigide heisst, im Zweifel ein Argument, dass sich so oder anders verstehen lässt, nicht als undeutlich stehen zu lassen, sondern seine Schwäche und eventuell seinen irrtümlichen Inhalt herauszustellen.“ – Hier könnte ein logisches Problem bestehen – denn natürlich ist die Strenge in der Anwendung bestimmter Kriterien auf Texte nicht dasselbe wie die Anwendung gut gerechtfertigter Kriterien auf Texte. So argumentiert Pegny rigide – also: streng, im Sinne einer ideologiekritischen Untersuchung – und ich deute an, dass ich diese Haltung, Texte sehr streng zu lesen – aber natürlich nicht mit fehlschlüssigen Kriterien -, auch auf seinen Text anwende.

      „so las ich darin einen Wunsch nach turn the tables“ – Nein. Es bedeutet einfach das, was ich oben schon deutlich gemacht habe: Der angelegte Standard wird auf einen selbst angewendet. Sonst entsteht nämlich ein falsches Argument (ein doppelter Standard).

      „Man kann ja wohl Heidegger kritisieren, ohne mit einem eigenen, fehlerfreien, universalen Gegenentwurf aufwarten zu müssen, oder?“ – Selbstverständlich. Aber niemand hat diesen „Gegenentwurf“ gefordert. Sondern: Dass die Kritik sich nicht fehlschlüssiger oder autoaffirmativer Strategien bedienen soll. Sonst hat die Kritik nämlich in jedem Fall recht – und ist keine Kritik mehr, sondern Dogmatismus.

      „Was eine Assoziation ist, scheint mir mehrdeutig“ – Noch einmal: Was für Sie ein Begriff ist, das ist für andere kein Kriterium. Und wenn Sie die Begriffsbedeutung, die Sie selber benutzen, auf alle anderen projizieren, dann erscheinen Ihnen dadurch automatisch alle anderen als falsch, wenn sie nicht zufällig die ihrige gebrauchen.

      „Für mich ist eine Assoziation etwas die die Ideen Klages, die Leo referiert und die Penny ebenfalls behandelt, nämlich eine Assoziation einer Rasse mit einer negativen Eigenschaft“ – Das wäre in meinem Sprachgebrauch eine behauptete Assoziation. Eine Assoziation im Sinne des assoziativen Fehlschlusses, der hier ja eingeklagt wird, ist die Annahme, dass diese Relation bereits als gerechtfertigt besteht. Leo betrachtet solche Assoziationen als historisches Faktum, um damit etwas zu erklären. Er nimmt sie nicht als gültig an. Pegny betrachtet solche Assoziationen in Bezug auf Leo (und auf Heidegger) nicht als Faktum, sondern als Beweis. Darin liegt der Unterschied (s. u.)

      „Für Zorn scheint eine Assozation etwas zu sein, mit dem man die Verwendung desselben Wortes durch Heidegger und die Nazis zum Argument nehmen will für eine Einordnung Heideggers als Nazi“ – Richtig. Das wäre eine Verwechslung von Korrelation (Assoziation) und Kausalität. Eben: Eine Assoziation, die dadurch, dass man sie herstellen kann, als gerechtfertigt betrachtet wird.

      „Diese zweite Art von Assoziation ist mir nicht wichtig.“ – Was Ihnen wichtig ist oder nicht, das besitzt hier leider keine Relevanz.

      „die erste Art von Assoziation, für die Leo und andere untersuchen, was für assoziative Ideenfelder sich denn finden lassen bei Autoren, die wohl keine Nazis waren, diese Art von Assoziation scheint mir ein geeignetes Vorgehen zum Erhellen von Motiven.“ – Das wäre wiederum nicht die erste, sondern eine dritte Art von Assoziation. Denn es geht bei Leo nicht um „assoziative Ideenfelder“, sondern um den Gebrauch von Begriffen, aus denen gerade NICHT der Schluss gezogen wird, dass diejenigen, die sie gebrauchen, Nazis sind. Und deswegen liegt dort auch kein assoziativer Fehlschluss wie bei Pegny vor. Der nämlich unterstellt Leo eine ideologische Haltung (die er aus einer Assoziation von bestimmten Begriffen bei Leo mit ihm bekannten Begriffen gewinnt) – und versucht, damit seine Rede zu rechtfertigen.

      Ich glaube, Sie haben Probleme damit, die Ebenen auseinanderzuhalten: 1) Pegny spricht über Heidegger, 2) Pegny spricht über Leo, 3) Leo spricht über Heidegger, 4) Leo spricht über das Sprechen von Heidegger und anderen, 5) Zorn spricht über 1) und 2) (oben) – und jetzt auch über den Rest.

      „Ich fände es gut, wenn hier nicht nur ueber Leos Faz Artikel diskutiert wuerde, sondern auch ueber seinen im Merkur, der frei zugänglich ist.“ – Ich denke, Sie können Leos Artikel auf der Seite der FAZ diskutieren. Hier geht es um Pegnys Argumentation.

      Leider kann ich nicht weiter auf Einwände von Ihnen eingehen, sofern sie das betreffen, was ich bereits mehrfach erläutert habe. Bitte haben Sie dafür Verständnis. Danke für die Diskussion!

  10. Tom Outor sagt

    -3-
    Ich fände es gut, wenn hier nicht nur ueber Leos Faz Artikel diskutiert wuerde, sondern auch ueber seinen im Merkur, der frei zugänglich ist.

  11. Tom Outor sagt

    zu Leos Aufsatz im Merkur: Ich habe ihn gelesen und sehe im Ton dieses Aufsatzes die Herablassung, die Pegny bereits im Faz Artikel sieht. Deshalb bekommen Pegnys Argumente für mich durch den Merkur Artikel eine allgemeinere Gültigkeit als vor dem Erscheinen des Artikels. Ich finde Leos neuerliche Herablassung und Belehrung der Zunft der Philosophen deshalb so bemerkenswert, weil der Faz Artikel eine Reportage über das Treffen in Siegen ist und er deshalb ruhig launische Töne nehmen konnte, der Merkur Artikel eine Diskussion, in der Siegen nur der Anlass ist, und die deshalb sachlich bleiben sollte. Für mich gelingt das Leo nicht, Zorn auf diesem Blog auch nicht.

    • DPZ sagt

      @Tom Outor: „im Ton … die Herablassung“ – Das ist ein Tone-Argument, ein Schiedsrichter-Fehlschluss, der wie der Rest Ihrer Argumentation funktioniert: beliebige Eigenkriterien voraussetzen und andere daran messen, vgl. http://www.hoheluft-magazin.de/2016/04/na-logisch-der-fehlschluss-der-goldenen-mitte/

      „Belehrung der Zunft der Philosophen“ – Als Philosoph und Historiker sage ich Ihnen: diese Belehrung hat uns ganz gut getan. Nicht jede Belehrung ist „herablassend“. Wäre das so, könnte niemand irgendjemandem etwas beibringen, ohne zugleich herablassend zu sein.

      Was mir aus Ihrer Sicht und mit offen fehlschlüssiger Begründung – in der dritten Wiederholung – „gelingt“ oder nicht, ist für mich nicht relevant. Erst dann, wenn Sie in der Lage sind, das ohne dogmatischen Fehlschluss (s. o.) zu begründen.

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