Alle Artikel mit dem Schlagwort: Ästhetik

Das Schöne darf glatt sein

Kolumne »Schöne Gedanken« Er ist ein Star der deutschen Denkerszene: der Berliner Philosoph Byung-Chul Han. Seine Spezialität ist die Provokation. Mit seinen Büchern will er, das ist sein erklärtes Ziel, seine Leser wachrütteln, und er schreibt nicht für seine gelehrten Kollegen, sondern wendet sich an uns alle. In seinem neuen Werk »Die Errettung des Schönen« will er unseren Sinn fürs Schöne kurieren, der, wie er überzeugt ist, gründlich verdorben ist. »Warum finden wir heute das Glatte schön?«, fragt er. »Das Glatte ist die Signatur der Gegenwart. Es verbindet Skulpturen von Jeff Koons, iPhone und Brazilian Waxing miteinander. Über die ästhetische Wirkung hinaus spiegelt es einen allgemeinen gesellschaftlichen Imperativ wider. Es verkörpert nämlich die heutige Positivgesellschaft. Das Glatte verletzt nicht. Von ihm geht auch kein Widerstand aus. Es herrscht Like. Der glatte Gegenstand tilgt sein Gegen. Jede Negativität wird beseitigt.« Alles wolle nur noch gefallen, aber nicht mehr wirklich schön sein. Es fehlten das »Doppelbödige«, die »Innerlichkeit«, die »Rückseiten«, beklagt Han. Leben wir wirklich in einer armseligen Zeit, in der das Schöne nur noch Oberfläche ist? Ich …

Die Ästhetik der Gewalt

Es gibt derzeit viele Versuche, das durch radikalisierte Islamisten in die Welt getragene Böse rhetorisch zu bannen. Wie dem Terror antworten? Mit „Krieg“ (Gustave Hollande), „Wiedereinsetzung des internationalen Rechts“ (Etienne Balibar) oder „Klassenkampf“ (Slavoj Žižek)? Vokabeln wie diese implizieren, dass die Gewalt des Islamischen Staats und anderer terroristischen Organisationen einem Angriff auf unsere Vorstellungen von Moralität und Menschlichkeit gleichkommt.

Precht und die Frauen

Er sieht gut aus, ist charmant und unkompliziert – damit sticht Richard David Precht unter Philosophen hervor. Wie wirkt Precht auf Frauen? Hier auf dem Philosophicum in Lech, wo er heute morgen vortrug, hatten wir Gelegenheit, dieser Frage nachzugehen. Wir befragten Zuschauerinnen verschiedenen Alters und unterschiedlicher Sozialisation, wie Precht bei ihnen rüberkam.

Zur Ästhetik von Topfreinigern

Seit jeher produzieren Menschen Kunst – und setzen sich mit dieser auseinander. Von Platon über Arthur Schopenhauer bis hin zu Martin Heidegger wurde immer schon versucht, Kunst auch philosophisch zu ergründen. Was ist der Sinn von Kunst? Ist sie selbsterklärend? Muss jeder Mensch ein Kunstwerk gleichermaßen begreifen können? Nicht nur die Kunst selbst, auch die Ansätze zur Erklärung ihres Sinns haben sich im Laufe der Zeit immer wieder stark verändert. Platon etwa war noch davon überzeugt, Kunst müsse zu einem tugendhaften Leben erziehen. Für ihn war Kunst eine pädagogische Maßnahme – etwas, das uns nach Wahrheit und Werten streben lassen sollte. Dabei unterschied Platon zwischen Künstlern, die etwas schöpferisch herstellen, wie etwa ein Tischler, und Künstlern, die sich mit der Darstellung der Wirklichkeit befassen, wie etwa Maler. Letztere würden Ideen der Wirklichkeit immer nur nachahmen, während Erstere  Ideen verwirklichen – und der Wahrheit somit näher stehen. Heute hingegen nehmen wir diese Unterscheidung kaum mehr vor – selten werden Baumeister Künstler genannt. Ruhm und Ehre scheint jenen Künstlern vorbehalten, die „Bilder zweiter Ordnung“ schaffen. Welche Idee …

Die Lust am Original

Im größten Kunstfälscherprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte ist letzte Woche das Urteil gefallen. Der Fälscher Wolfgang Beltracchi muss sechs Jahre ins Gefängnis, seine Frau und seine Komplizen müssen ebenfalls jahrelang in Haft. Juristisch ist der Fall erledigt. Philosophisch bleiben Fragen: Was genau stört uns so sehr an Fälschungen? Warum haben wir so viel weniger Freude an ihnen als an Originalen? Die Beltracchis haben betrogen, das ist klar, aber irgendwie scheint ihr Betrug über andere Betrügereien hinauszugehen, sie haben nicht nur betrogen, sondern auch gefälscht. Was ist es, das ihnen jetzt so viel Aufmerksamkeit verschafft? Das sind Fragen, mit denen sich Soziologen und Psychologen seit langem beschäftigen. Eine gängige Antwort ist: Wir hängen an Originalen, weil wir Snobs sind. Originale haben einen sozial höheren Status als Imitate. Dieser höhere Status überträgt sich auf die Besitzer, und Status ist, was wir alle wollen. Unsere Versessenheit auf Originale sei nichts als ein kulturelles Konstrukt.