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Post-Faktisch – Über die unheimliche Macht der Fake-News

Wie entfalten Fake-News ihre Wirkung, obgleich sie nicht wahr sind? Manuel Güntert meint: Selbst eine falsche Information kann reale Folgen haben und trägt insofern eine »doppelte Wahrheit« in sich. 

Obschon es in jüngerer Vergangenheit omnipräsent wirkt, ist das Phänomen der Fake-News mitnichten eines, das erst kürzlich in den Diskurs gerutscht ist. Im Gegenteil ist die Geschichte der Menschheit eine, die durchsetzt ist von Lügen, Intrigen, Verdrehungen, Verzerrungen und Verfälschungen. Dem amerikanischen Soziologen William Isaac Thomas verdanken wir eine profunde Einsicht, anhand derer sich potentielle Folgewirkungen der Fake-News beschreiben lassen. Dem nach ihm benannten „Thomas-Theorem“ zufolge werden Situationen, die von Menschen als wirklich definiert werden, in ihren Konsequenzen tatsächlich wirklich.[1] Denn wer glaubt oder zu glauben vorgibt, eine Situation, die vorgängig als wirklich aufgefasst wird, wäre das auch, der neigt dazu, zu handeln, als ob sie wirklich wäre. Dadurch erst macht er sie wirklich(er).

Im Zuge dieses Theorems wäre der Begriff „post-faktisch“ zu deuten, dem die zweifelhafte Ehre zuteil geworden ist, zum Wort des Jahres 2016 erkoren zu werden. Er besagt, dass ein vermeintlicher „Fakt“ erst ex post, durch unseren Glauben und eine auf diesem Glauben beruhende Handlung, seine Faktizität annimmt. Wir behandeln dann das, von dem wir bislang nur glauben (oder glauben wollen!), es sei ein Fakt, so, als wäre es bereits einer. Wenn unsere Handlungen nun dem, was wir vorgängig als Fakt begreifen und infolgedessen auch behandeln, tatsächlich zur Faktizität verhelfen, baut die Faktizität des Fakts sich von hinten auf. Das, was uns a priori als Fakt erscheint, entwickelt sich eigentlich erst a posteriori zu einem solchen.

Wenn unsere Handlungen also auf dem Glauben an einen „falschen Fakt“ basieren, dann besteht die Gefahr, dass wir diesen „Fehl-Fakt“ durch ebendieses Handeln „wahr zu machen“ beginnen. Durch das Handeln, das sie auf diese Weise hervorrufen, werden die Fake-News zumindest indirekt selbst produktiv. Ob es sich nun um ein bewusstes Missverstehen handelt oder es eher der Unfähigkeit zu verstehen geschuldet ist, sobald Falschmeldungen an den Grund einer Handlung gelegt werden, erzeugen sie sich ihre eigenen Realitäten.

Hierin liegt die unheimliche Macht der Fake-News. Von diversen „Fakten“ kann zum Zeitpunkt ihrer Streuung noch gar nicht letztgültig bekannt sein, ob sie verifiziert sind. Das eröffnet der versierten Falschmeldung die Möglichkeit, sich durch ihre Publikation und eine anschließende effiziente Streuung als Fakt selbst in Existenz zu bringen. Eine als Fakt verbreitete Falschmeldung kann also dann verfälschend auf den Diskurs einwirken, wenn sie ein Handeln auslöst, das die Falschmeldung so behandelt, als ob sie wahr wäre. Ein solches Handeln schafft sich eine Empirie, die das, was vordem als Fakt behandelt worden ist, rückwirkend als solchen bestätigt.

Wenn der „Fakt“ verbreitet wird, A hätte etwas gestohlen, und der Glaube, das sei wahr, B veranlasst, A dafür zu verprügeln, dann erlangt der vermeintliche Diebstahl rückwirkend insofern eine Quasi-Faktizität als der vermeintliche Dieb A mit Prügeln bestraft worden ist. Unabhängig davon, ob A tatsächlich etwas gestohlen hat oder nicht, die Prügel, die er kassiert hat, sind überaus real. Sie sind der eigentlich zählende Fakt. Ihre Faktizität bleibt auch dann von unumstößlicher Natur, sollte sich später herausstellen, dass A fälschlicherweise beschuldigt worden ist. Was aus dem verbreiteten (Fehl-)Fakt hervorgeht, ist zumeist größer als das, was ihm zugrundeliegt. In ihrer Streuung multipliziert sich die ursprüngliche Meldung – ob wahr oder falsch – und sie erweitert ihren Ausdehnungsbereich ex-post durch das „Handeln als ob“, das sie auslöst.

Das verfälschende Potential der Fake-News liegt also mitunter weniger in den irreführenden Informationen selbst, als in den überaus realen Fakten, die ihre Publikation potentiell schaffen können. Wenn gezielt gestreute Fehlinformationen sich selbst zu einer Quasi-Wahrheit verhelfen können, indem sie ein Handeln nach sich ziehen, das sie als wahr begreift, dann hat dieses Handeln zu einem Zeitpunkt ihrer eventuellen Entlarvung, sich mitunter schon so viel „Wahrheit“ geschaffen, dass die trügerische Spur zurück zur fehlerhaften Ausgangsbehauptung nur noch schwer adäquat nachzuzeichnen ist. Die falsche Grundinformation wird dann von den realen Folgewirkungen verdeckt, die sie selbst erzeugt hat. Ist die Falschmeldung einmal als solche enttarnt, mag es deshalb bereits zu spät sein.

Aus diesem Grund liegt in der Empfänglichkeit für bestimmte Fehlinformationen ein veritables Problem: Sie können „falsche Fakten“ schaffen, weil Menschen an sie glauben wollen, und daraufhin handeln, als ob das schon wahr wäre. In solchen Fällen werden sie als Bestätigungsfehler aufgenommen: Die Vorannahme strukturiert die Wahrnehmung, sie wird „biased“, verzerrt. Die Fehlinformation wird daraufhin zwar nicht eigentlich „wahr“, aber unter Umständen in ihren Folgewirkungen irreversibel. Die jüngere Vergangenheit hat eine regelrechte Entfesselung des Bestätigungsdenkens erlebt.[2] Deshalb ist der Kampf gegen Fake-News eigentlich weniger ein Kampf gegen diese selbst als ein Kampf gegen ihr Potential „wahr zu werden“ oder sich ihre „Wahrheit zu erzeugen“.

Deshalb gilt es, die Fake-News zwischendrin, auf ihrem Weg zu ihrer „Wahrheit“, abzufangen oder zumindest zu entschärfen. Die Bedrohung durch die „Fake-News“ ist die Drohung ihrer Macht, „wahr zu werden“. Da die Korrektur von Fake-News zwischendrin eingreift – nach ihrer Publikation, vor ihrem potentiellen „Wahr-Werden“ –, handelt es sich dabei zwar um eine nachträgliche Korrektur, eigentlich aber um einen vorbeugenden Eingriff: Der „falsche Fakt“ wird aufgedeckt, auf dass er so wenig „wahre Fakten“ wie möglich hervorruft. Eine solche Korrekturbewegung ist insofern kontra-faktisch, als sie verhindern will, dass falsche Fakten sich rückwirkend als die Fakten bestätigen, als die sie sich vorgängig in Szene gesetzt haben. Irreführende Informationen sollen als solche enttarnt und ihres potentiellen Gewichtes beraubt oder zumindest in kontrollierte Bahnen gelenkt werden, das möglichst bevor sie irreversiblen Schaden angerichtet haben. Der Eingriff, der Fake-News als solche überführt, greift damit nie nur nachträglich korrigierend, sondern immer auch schon vorgängig lenkend in den Lauf der Dinge ein. Eingegriffen wird weniger in das, was wahr oder falsch ist, als in das, was wahr wird oder wahr werden kann.

Der Kampf um das Post-Faktische wird sinnigerweise tendenziell ante-faktisch, vor den Fakten, geführt, vor dem, was „Fakt“ zu werden droht. Es handelt sich damit eher um einen Kampf darum, ob und inwieweit potentiell „falsche Inhalte“ in unser Handeln einfließen können, um sich sodann ihre Fakten zu schaffen. Dementsprechend handelt es sich nicht unbedingt, zumindest nicht nur um einen Kampf die Deutungshoheit über vermeintliche und tatsächliche Fakten, sondern um die Hoheit darüber, was sich überhaupt zu einem Fakt entwickeln kann. Der präventive Eingriff ist dabei immer auch schon eine nachträgliche Korrektur, denn eine Richtigstellung bleibt notwendig auf die falsche Information angewiesen, die sie korrigieren will.

Das zugrundeliegende Muster trägt Charles Baudelaires Geschichte über das falsche Geldstück.[3] Als Erzähler staunt er darüber, dass sein Freund einem Bettler eine erheblich umfangreichere Gabe spendet als er selbst. Darauf angesprochen erwidert dieser gelassen, er habe ihm ein falsches Geldstück in die Mütze gelegt. Baudelaire, mit der beschwerlichen Gabe des Alles-Durchdenken-Müssens ausgestattet, sinniert über die Möglichkeiten dieses Geldstückes, sich zu vervielfältigen.

Wir wollen seine Gedanken aufgreifen und fortführen. Vielleicht wird das falsche Geldstück zum Grundstock eines späteren Reichtums. Vielleicht verleiht es dem Bettler insoweit Flügel, als er glaubt, es sei „wahr“, es sei also echtes Geld. Der derart geweckte „falsche Glaube“ ist dann wohl ein falscher, einer aber, der ihm endlich das Vertrauen gibt, ein Projekt in Angriff zu nehmen, das er nie in die Hand genommen hätte, wäre ihm nicht dieses falsche Geldstück untergekommen. Denn der Glaube, die falsche Münze sei echt, lässt ihn handeln, als ob sie echt wäre. Dem falschen Geldstück wohnt dann das Potential inne, tatsächlich zum echten, zum „wahren“ Reichtum zu werden. Es handelt sich um ein „Fake-Ereignis“, das sich eine eigene Realität erzeugt. Der Umlauf des falschen Geldstücks, so Jacques Derrida in einer minutiösen Analyse dieser Kurzgeschichte, kann bei einem „kleinen Spekulanten“ die realen Zinsen eines echten Kapitals erzeugen.[4]

„Sie haben Recht“, meint Baudelaires Freund denn auch, „es gibt kein süßeres Vergnügen, als einen Menschen dadurch zu überraschen, dass man ihm mehr gibt, als er erwartet.“ Irritierenderweise hat er dem Bettler selbst dann mehr gegeben, wenn etwas Gegenteiliges eintritt: Wenn der Bettler beispielsweise beim Brotkauf verhaftet wird, weil er Falschgeld verbreitet. Schließlich hat der Bäcker immer die Option gewahr, „übers Ohr gehauen“ zu werden. Prüft er nun die Münze, dann führt er eine Prüfung durch, die auf (der Möglichkeit von) dem Falschgeld basiert, das er dabei aussortieren will. Bei der Polizei, die die Verhaftung ausführt, handelt es sich um eine Institution, die auf die Bekämpfung von Verbrechen gegründet ist, weshalb auch sie auf die Möglichkeit des Falschgeldes gegründet worden ist. Der Sold, den die Polizisten dafür in Empfang nehmen, einen Dealer von Falschgeld seines Verbrechens zu überführen, ist ein Sold gegen das (verbrecherische Potential von) Falschgeld, weshalb es immer ein Sold bleibt, den letztlich das Falschgeld entrichtet. Die Polizisten werden von gerade jenem Falschgeld bezahlt, das sie aus dem Verkehr schaffen sollen. Deshalb bleibt das Falschgeld immer in jenem Verkehr, den es ebenso permanent antreibt, wie es aus ihm ausgeschieden werden soll.

Wird das Falschgeld nun aus der Zirkulation entfernt, in die es sich einspeisen will, bleibt es deren eigentlich begründende Instanz. Zu dem Zeitpunkt, zu dem die falsche Münze aus dem Kreislauf suspendiert wird, und so vom „wahren“, vom „echten“ Geld geschieden wird, hat sie sich insofern längst reingewaschen – he-reingewaschen –, als all das echte Geld, das dafür aufgebracht wird, sie daraus zu entfernen, sich allein gegen sie wendet. Das echte Geld schuldet seine Existenz hier dem Falschgeld. Die falsche Münze hat sich selbst einen nicht mehr reversiblen, einen echten Geldstock geschaffen. Aber all das echte Geld bleibt stets von Falschgeld durchdrungen.

Über das Falschgeld finden wir den Weg zurück zur Falschmeldung, von der prinzipiell derselbe Zwang ausgeht. Wer vermeiden will, dass die Falschmeldung sich ihre Fakten schafft, indem sie als wahr begriffen und behandelt wird, der muss einen bisweilen erheblichen Aufwand in Kauf nehmen, sie zu berichtigen. Das bedeutet, die Falschmeldung zwingt zur Reaktion. Alle Handlungen nun, die vorgenommen werden, um sie als falsch zu entlarven, bleiben dabei auf ihrem Grund stehen.

Im Grunde – der hier ein doppeldeutiger ist –, basiert der ganze medial-wissenschaftliche Diskurs über „Fake-News“, inklusive dem hier vorliegenden Text, auf ebendiesen Fake-News. Nicht nur, wer handelt, als ob die Falschmeldung wahr wäre, behandelt sie als Fakt, sondern auch wer sie als falsch überführen will, toleriert implizit ihre Faktizität, versucht aber, ihrer Geltung vorzubeugen. Die Maßnahmen, die unternommen werden, um zu vermeiden, dass eine Falschmeldung Geltung annimmt, werden dennoch von gerade der Faktizität vor sich her getrieben, die dabei negiert oder ausgelöscht werden soll.

Irritierend dabei ist, dass Akteure der Desinformation und Propaganda sich mitunter kaum mehr bemühen, ihre diesbezüglichen Ambitionen zu verschleiern: Oft erheben sie nicht einmal mehr den Anspruch auf Wahrheit. In diesbezüglichen Verdacht geraten ist, einmal mehr, die Post-Moderne: Das postfaktische Zeitalter, so der an sie gerichtete Vorwurf, hielte der Postmoderne einen Zerrspiegel vor. Dem Generalverdacht gegen die Postmoderne liegt indes eine Verdrehung von Ursache und Wirkung zugrunde. Eingedroschen wird auf einen Pappkameraden oder auf ein Gespenst. Wohl gelten Tatsachen und Fakten in aktuell dominanten Wissenschaftstheorien als konstruiert, was im Umkehrschluss gerade nicht meint, sie seien beliebig, bloße Erfindungen, Meinungen oder gar Lügen. Der Antrieb liegt hier durchaus im Bemühen um Wahrheit. Der Theoretiker, der die Konstruktion beschreibt, wird damit nicht zu ihrem Urheber.

Wie die aufklärenden Eingriffe vorgängig zitierter Texte nun zeigen, verlangt es einem einiges ab, die Postmoderne – bzw. die postmoderne Philosophie[5] – richtig zu verstehen. Und ein so erwirktes „richtiges Verstehen“ wird das „Fehlverstehen“ nicht nur nicht los, es ist nachgerade seine Bedingung. Denn infolge ihrer Bloßstellung als solche halten die Pappkameraden und Gespenster schließlich doppelt Einzug in die Realität. Das tun sie zunächst eben, indem man sie als solche entlarvt. Durch den ihnen innewohnenden Zwang, das Fehlverständnis, das sie in sich tragen, aufzulösen oder aufzuklären, haben sie zum Zeitpunkt, zu dem das geschieht, gerade dadurch längst in den Lauf der Dinge eingegriffen. Zudem wirken nicht nur die Fake-News, sondern auch die sie richtigstellenden Eingriffe realitätserzeugend. Die Handlungen, die Korrekturmaßnahmen derart hervortreiben, sind in diesem Sinne zwar „richtiger“, sie basieren aber nach wie vor auf dem, nunmehr korrigierten, falschen Grund.

Das Verhältnis bleibt dabei stets von doppeldeutiger Natur. So lässt sich eine Destabilisierung qua Fake-News recht schnell und ohne allzu große Mühen erwirken, während der Zeitaufwand, um Ordnung (wieder) herzustellen, unendlich viel grösser ist. Demgegenüber sind die ordnungserrichtenden oder –erhaltenden Organe den destabilisierenden gegenüber zumeist die Mächtigeren. Dennoch sind auch die Machtverhältnisse keineswegs von eindeutiger Natur. So kann Falschmeldungen zwar eine ordnende Struktur entgegengesetzt werden, die weitaus mächtiger ist, als sie selbst es sind, aber selbst wenn es dieser gelingt, (fast) alle Falschmeldungen als solche zu enttarnen und zu entschärfen, bleibt ein dafür errichteter Mechanismus seinen Falschmeldungen doch insoweit unterlegen, als er bei seinem korrigierenden oder reinigenden Akt von ihnen vor sich her getrieben wird. Zudem bleibt der korrigierende Mechanismus auf Falschmeldungen angewiesen, das allein, um sich am Leben zu erhalten. Ihr Korrekturmechanismus tilgt Fake-News zwar permanent aus dem Verkehr, aber er darf sie nie ganz austilgen, weil das seiner eigenen Austilgung entspräche. Es führt somit kein Weg hinter einmal etablierte Falschmeldungen zurück. Ihre Korrektur/Entlarvung/Entschärfung/Suspendierung stellt somit keinen ursprünglich „wahren“ Zustand wieder her, sondern er etabliert eine „neue Wahrheit“, einen, so oder so(!), auch von der Falschmeldung erwirkten Zustand. Denn auf ihr basieren sowohl die Handlungen, die sie als wahr begreifen, als auch jene, die sie als falsch überführen wollen.

Deshalb tragen Falschmeldungen immer auch schon „Wahrheit“ in sich, eine doppelte Wahrheit sogar. Zum einen geben Falschmeldungen, die sich zumindest vorübergehend behaupten und sich so ihre Fakten erzeugen, „wahre“ Auskunft darüber, für welche Art von Falschmeldungen bestimmte Menschen in jenen Situation empfänglich sind, in denen sie sie hervorbringen. An diesen spezifischen Fake-News lassen sich die Schieflagen ablesen, die sie hervorrufen. Es handelt sich dann um „Wahrheiten“, von denen anzunehmen ist, dass sie nach Bestätigung suchen, weil sie selbst gerade nicht oder nur bedingt an sich glauben; keine Wahrheiten also, aber Ausrufe von etwas, das wahr werden will, etwas, das mit seiner „Wahrheit“ droht. Zum anderen implementieren Falschmeldungen selbst eine „Wahrheit“, und das sowohl, wenn ihnen zufolge als auch, wenn ihnen zuwider gehandelt wird. Insofern gibt es eine „Wahrheit“, die Falschmeldungen hervorbringt und es gibt eine „Wahrheit“, die von Falschmeldungen hervorgebracht wird. Auch die „Wahrheit“ also, die (Wieder-)Herstellung der Wahrheit, die gegen eine Falschmeldung in Stellung gebracht wird, bleibt in irgendeiner Form von der Falschmeldung durchdrungen, die sie aus sich entfernen will. Eine solcherart etablierte „Wahrheit“ wird dann ihren falschen Grund kaum mehr los.

Manuel Güntert hat Soziologie, Philosophie und Politikwissenschaften an der Universität Konstanz studiert und dort auch promoviert. Er veröffentlicht demnächst ein Buch über den ontologischen Gottesbeweis und schreibt einen Blog

 

[1] D. S. Thomas/W. I. Thomas, The Child in America. Behavior Problems and Programs. New York 1928: S. 528.

[2] Die digitale Sphäre hat laut Bernhard Pörksen einen Zustand der Ungewissheit etabliert, den Menschen als in einem hohen Maße sinn- und sicherheitsbedürftige Wesen nur schwer aushalten können. Eingehüllt in ihre Sehnsucht nach Bestätigung, verkapselt im Kokon ihrer Urteile und Vorurteile würden sie sich äußerst energisch in dem Versuch zeigen, eigene Überzeugungen und auch bloß diffus gefühlte Gewissheiten zu verteidigenB. Pörksen, Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Empörung. 2018: S. 26 und 51.

[3] C. Baudelaire, Le Spleen de Paris. Gedichte in Prosa. Sämtliche Werke/Briefe. Band 8. München/Wien 1985: S. 221-223.

[4] J. Derrida, Falschgeld. Zeit geben I. München 1993: S. 162.

[5] Einer der postmodernen Philosophen schlechthin hat die Gefahr des Missverstehens implizit erkannt. Über „Die Ordnung der Dinge“ sagt Foucault, es sei „an Wissenschaftshistoriker und Wissenschaftler gewendet, ein Buch für vielleicht 2000 Personen. Es wurde aber von weit mehr Personen gelesen, da kann man nichts machen.“ M. Foucault. Dits et Ecrits. Schriften in vier Bänden. Band II 1970-1975. Frankfurt am Main 2002: S. 651. In einer Aussage, die sich sowohl als nüchtern/realistisch, wie auch als doch leicht herablassend einstufen ließe, weist Foucault damit daraufhin, dass das Missverstehen allein aufgrund des Erfolges unvermeidlich geworden ist. Das Buch ist von weit mehr Menschen gelesen worden, die er für nicht imstande hält, es auch zu verstehen. Insofern hat dieses Werk etwas ausgelöst, das sein Verständnis eigentlich nicht verkraftet. Das Missverstehen ist „größer“ als das Verstehen. So erfordert das „richtige“ Verstehen des Buches bereits eine der beschriebenen Korrekturbewegungen.

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