Reflexe #12: Wege ins griechische Denken

Es gehört zu den Selbstverständlichkeiten der europäischen Philosophietradition, dass sie ihre Wurzeln bei den Denkern im alten Griechenland hat. Viele der Sätze, die Thales, Heraklit, Anaximander und anderen zugeschrieben werden oder die sich in den Schriften von Platon, Aristoteles finden lassen, haben es in unsere Alltagssprache geschafft, wenn auch oft zum Sprichwort verkürzt und kaum noch wiederzuerkennen. Und bis in die Philosophie unserer Tage hinein kreist das philosophische Denken um Fragen, die in den Fragmenten der Vorsokratiker, den Dialogen des Platon und Aristoteles‘ Schriften gefunden werden können.

Man könnte daraus schließen, dass jeder ernsthafte Philosoph versucht, die Gedanken den alten Griechen in ihrem Wortlaut zu folgen und dass es sicherlich einige Einführungen in die Sprache der alten Griechen gibt, die uns das Denken dieser Philosophen in ihrem Wortlaut erfahrbar machen. Doch so viele gibt es davon nicht.

Eine gute Nachricht

Die gute Nachricht ist aber: Seit wenigen Tagen gibt es ein Buch, dass jedem, der ernsthaft gewillt ist, sich dem europäischen philosophischen Denken an seiner Quelle zu nähern, eine gute Hilfe ist. Es handelt sich um die „Griechische Terminologie“ von Wilfried Apfalter, die in ihrem Untertitel „Einführung und Grundwissen für das Philosophiestudium“ verspricht.

Das Buch löst dieses Versprechen nicht nur für Menschen ein, die in einem Philosophiestudium an einer Universität eingeschrieben sind, sondern für alle, die sich ernsthaft und konzentriert der griechischen Sprache der ersten europäischen Philosophen widmen möchten. Es ist, das muss erwähnt werden, zu diesem Zweck in einer ausgezeichneten Qualität produziert, die griechischen Buchstaben mit ihren Akzenten und Hauchzeichen sind auch im freundlichen Licht der abendlichen Leselampe ausgezeichnet erkennbar und es ist ein Vergnügen, sich den fremden Zeichen zu widmen.

Apfalter hat zudem dem eigentlichen Textteil einen informativen Grundlegungsteil vorangestellt, in dem man vielfältige und hilfreiche Informationen über die Herkunft und die Veränderung der griechischen Sprache sowie die Arbeit mit Quellen und Hilfsmitteln erhält.

Eine Fundgrube von Anregungen zum Nachdenken über das griechische Denken ist dann der umfangreiche Textstellenteil, der von Homer über die Vorsokratiker bis zu Sextus Empiricus reicht und somit fast ein Jahrtausend des Denkens umfasst. Dabei bietet Apfalter zu jedem Textstück, das er auswählt, zuerst eine eigene Übersetzung an, um dann den Bedeutungsspielraum jedes Wortes auszuloten sowie Verweise auf seine Herkunft und seine Beziehungen zu heutigen Sprachen aufzuzeigen. So wird es dem Leser möglich, zunächst ohne weitere Hilfsmittel über die Gedankenweite eines jeden Fragments zu sinnieren.

Wie das europäische Denken entsteht

So gewinnt man einen Eindruck davon, wie das seinen Anfang nahm, was wir heute das „europäische Denken“ nennen. Mehr noch, mit Apfalters Textsammlung und Begriffsauslegung gelingt es, zu den Quellen dieses Denkens zurückzukehren, zu der Zeit vor den möglichst eindeutigen Begriffssprachen. Man kann erahnen, dass es ein Denken gegeben hat – und dass somit ein Denken möglich ist, welches die Welt nicht auf Eindeutigkeit festzustellen versucht und dennoch – oder gerade deshalb – etwas Wahres über die Welt sagen kann. Wenn wir mit Apfalters „Griechischer Terminologie“ Wege in ein solches Denken erkunden können, dann wäre für unser heutiges Denken womöglich viel gewonnen.

Wilfried Apfalter: Griechische Terminologie. Einfführung und Grundwissen für das Philosophiestudium. Verlag Karl Alber Freiburg / München 2019.

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Phil Friedrich lebt und arbeitet in Münster (Westf.).