Der Fluch der Potenz

Bis vor kurzem schien die Welt in bester patriarchaler Ordnung. Dann kam #MeToo. Eine sexistisch geführte Debatte gegen Sexismus, die die Menschheit in zwei Lager spaltete. Weibliche Opfer vs. Männliche Täter. Wer hat diese Rollenverteilung zu verantworten? Das Patriarchat, sagt die Feministin Margarete Stokowski. Der „totalitäre Feminismus“, findet der Feuilletonist Jens Jessen. Die Frauen selbst, meint die Philosophin Svenja Flaßpöhler, die mit ihrem aufklärerischen Appell zur Selbstermächtigung der „potenten Frau“ die Vernunft ins Spiel bringen möchte.

Flaßpöhler mahnt zu Recht, dass der Opferfeminismus eben die patriarchalen Muster reproduziert, die er überwinden will. Leider führt ihre Alternative zur angenommenen weiblichen Impotenz in eine ähnliche Sackgasse. Die „potente Frau“ ist nicht real – sie verkörpert vielmehr die kantisch inspirierte Idealnorm eines rationalen weiblichen Subjekts, das sich selbst durchsichtig ist. Sie steht für die Möglichkeit des perfekt reflexiven Ichs, welches fähig ist, qua selbstbewusster Sexualität den Weg zu einem ausgeglichenen Geschlechterverhältnis zu ebnen.

Flaßpöhler geht davon aus, dass sich emanzipiertes weibliches Begehren und selbstbestimmtes Leben direkt proportional zueinander verhalten. Eine Frau, die klar weiß und dem Mann einfühlbar machen kann, worauf sie sexuell Lust hat und worauf nicht, so die Annahme, kann auch klar artikulieren und einfordern, welcher berufliche Status und welche Bezahlung ihr zusteht. Ein Ideal, das die reale Frau allerdings nur schwer verwirklichen kann.

Denn für die reale Frau heißt weibliche Autonomie eben nicht, zur selbstreflexiven Potenten zu werden – sondern eher, Wonderwoman und Supermom in Personalunion zu verkörpern. Die reale Frau ist sich selbst nicht durchsichtig – sie möchte sich selbst optimieren. Was sie zu wollen scheint, führt faktisch in ein Dilemma. Einerseits: die seit der Aufklärung männlich besetzte Sphäre der Selbstbestimmung und Fortschrittlichkeit erobern, andererseits: das Alternativprogramm der weiblich konnotierten Sphäre des Sorgens, Bedienens, Nettseins bespielen. Die reale Frau hält sich für autonom und fühlt sich zugleich überfordert, weil sie sich vom „Postpatriarchat“ (Flaßpöhler) ermutigt und ermächtigt sieht, in beide Richtungen zu expandieren; das perfekte Zwei-Sphären-Glück zu verwirklichen.

Berücksichtigt man dieses sich selbst behindernde Autonomieverständnis der realen Frau, wird klar, warum sie nicht müde wird, „ich auch!“ zu rufen. Endlich sieht man ihre Wut, endlich glaubt man ihr – ein historisches Novum. #MeToo hat die „Epistemologie der Ignoranz“ (Charles W. Mills) des potenten, hierarchisch dominanten Mannes erfolgreich angegriffen. Was nun dominiert, ist die Epistemologie weiblicher Zeugenaussagen. Mit teils zu Recht, teils auch zu Unrecht brutalen Folgen für den Täter.

Und nun? Wenn post #MeToo ein (nicht nur rechtliches) Gleichheitszeichen zwischen den Geschlechtern stehen und wenn Vernunft über Ideologie triumphieren soll, müssen wir nicht nur die Frauenfrage differenziert betrachtet. Sondern endlich auch die Männerfrage in Angriff nehmen. Versuchen wir es mit einer neuen Ordnung. Auf der einen Seite steht die Frau, auf der anderen der Mann. Die weibliche Seite ist von zahlreichen Kämpfen, Studien, Gerichtsurteilen illuminiert. Die männliche Seite scheint dagegen wie in Dämmerlicht getaucht. Was ist, darf, soll der Mann? Kann ein „guter“ Mann kein „echter“ mehr sein? Es sind diese Fragen, die sich jetzt aufdrängen.

Nicht alle Männer sind Nutznießer und Ausnutzer des patriarchalen Systems. Nicht alle sind privilegierte Anzug tragende Cowboys in Führungspositionen. Denn nicht alle spielen den autonomen, potenten Part, wie es das Männlichkeitsstereotyp suggeriert. Wie viele Männer werden (meist von anderen Männern) missbraucht, schlecht bezahlt, eingesperrt, um ihre Autonomie gebracht? Genug, um festzustellen: Der Mann ist nicht nur Profiteur, sondern auch Opfer des Patriarchats. Da er dieses System selbst geschaffen hat, hat er, anders als die Frau, keinen klar umrissenen ideologischen Gegner – das macht seine Emanzipation so kompliziert. Es geht nicht darum, Männer als die „wahren“ Opfer zu stilisieren, Misogynie und Sexismus gegen Frauen zu beschönigen, lächerlich zu machen, zu marginalisieren. Was jetzt gefragt ist, ist ein positives Männerbild jenseits der regressiven, von Ressentiments und Potenzverlustangst geprägten Machokultur einerseits und einem vermeintlich progressiven männlichen Profeminismus andererseits, der ein neues männliches Rollenideal mit weiblichen Zügen favorisiert. Eines, das Männer beziehungsfähiger, gesünder und glücklicher, weil menschlicher macht.

Das Problem mit diesen an sich begrüßenswerten Vorstößen männlicher Feministen ist deren Annahme, Frauen seien die gewaltlosere, moralisch hochwertigere Spezies. Davon auszugehen, Gewalt habe „ein Geschlecht“ (Rebecca Solnit) – nämlich das männliche – ist einfach nicht wahr. Auf beiden Seiten der Gleichung stehen Menschen. Menschen, die andere vergewaltigen, ihnen schaden, sie quälen – genauso, wie es Menschen gibt, die andere trösten, umarmen, aus der Sackgasse helfen.

Potenz ist nichts ohne Empathie. Autonomie ist nichts ohne Zugehörigkeit. Um den Mann aus der Dämmerung ins Licht zu führen, helfen weder Appelle zur weiblichen Selbstermächtigung noch einseitige Schuldzuweisungen. Am Schnittpunkt zwischen persönlichen Überzeugungen und politischen Machtfragen endet die Vernunft und beginnt die Ideologie. Wie und worüber wollen wir künftig miteinander reden? Solange Männer überall, wo Frauen über Sexismus und Misogynie diskutieren, schweigen, jammern, sich einen Bart wachsen lassen oder ex post einen feministischen Standpunkt einnehmen – statt sich zu überlegen und zu sagen, wer sie sein wollen – solange muss der wichtige Diskurs um die Zukunft geschlechtsspezifischer Machtverhältnisse einseitig, vage, nervig bleiben. Solange sich Feministen wie Antifeministen weiterhin in ihrer jeweiligen ideologischen Ecke räkeln, wird sich nichts ändern. Wenn es wahr ist, dass auch Männer Opfer des Patriarchats sein können und wenn es gut und gerecht ist, zum Wohle aller auch ihre Befreiung aus diesem System voranzutreiben, dann muss sie – wie die weibliche Emanzipation – mit der Befreiung aus Ideologie beginnen. Freie Menschen können nur solche sein, die sich trauen, vorurteilslos und empathisch zu denken. Und die souverän genug sind, sich einzugestehen, dass sich kein Mensch je wirklich durchsichtig ist.

Rebekka Reinhard

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