Wann ist Sommer?

Am 1. Juni begann der meteorologische Sommer, der kalendarische Sommeranfang steht erst diese Woche an. Und für manche ist Sommer eher ein Gefühl. Unser Kolumnist Jörg Phil Friedrich, Philosoph und Unternehmer, fragt sich: Wann ist denn nun Sommer? 

Jetzt sind wir wieder genau in diesen Tagen, in denen man, wenn es nicht so heiß wäre, darüber streiten könnte, ob nun schon Sommer ist, oder noch nicht. Kluge Menschen unterscheiden den meteorologischen Sommeranfang vom kalendarischen. Aber welcher ist der richtige? Der kalendarische ist älter, und nach ihm beginnt der Sommer genau an dem Tag, an dem die Sonne am längsten am Himmel steht. Den meteorologischen Sommeranfang haben sich – das sagt der Name schon – die Meteorologen ausgedacht, um es sich einfach zu machen: Sie haben ihn einfach auf einen Monatsanfang gelegt, damit sie beim Zusammenzählen von Sonnenstunden und Regentagen einfach die Monatswerte addieren können.

Beides sind ziemlich willkürliche Festlegungen. Sie schaffen zwar Klarheit, aber irgendwie sagt man sich: das könnte man ja auch anders festlegen. Und wenn es ganz alltäglich und praktisch um die Frage geht, ob der Sommer schön warm war oder kühl oder ob er gar ausgefallen ist, dann ist einem doch eigentlich egal, ob die beste Zeit im Juni oder im September lag und damit, je nach Festlegung, nicht mehr ganz oder gar nicht in dem, was die Wissenschaftler als Sommer definiert haben.

Sommer ist, wenn das Obst reif wird. Er beginnt mit den Erdbeeren und den Kirschen und endet mit den Äpfeln. So mag es mal gewesen sein, als die Erdbeeren noch unter freiem Himmel und ohne Bodenheizung reifen mussten und es noch keine Unmenge von Sommer-, Herbst und Winterapfelsorten gab. Sommer, könnte man auch sagen, ist die Zeit der wogenden Getreidefelder. Der Sommer fängt an, wenn man den Ackerboden nicht mehr sieht und er ist vorbei, wenn die Erntemaschinen das Korn abmähen. Das heißt, der Sommer ist in verschiedenen Region unterschiedlich lang, und vielleicht wird er immer länger, er franst am Anfang und am Ende aus.

Oder Sommer ist, wenn es so warm ist, dass man mit luftigen Kleidern und kurzen Hosen auf die Straße gehen will. Sommer ist, wenn man im See baden gehen kann. Das heißt dann aber: Es gibt eine Zeit, in der es Sommer sein sollte, und es gibt eine Zeit, in der es wirklich Sommer ist. Die Zeit, in der wir erwarten, dass es warm genug fürs Freibad sein könnte, ist der Soll-Sommer, und die Zeit, in der es wirklich so warm ist, ist der echte Sommer. So reden wir auch, wenn wir sagen, dass der Sommer in diesem Jahr sehr früh dran ist, oder dass er im letzten Jahr „ausgefallen ist“.

Praktisch sind solche Begriffsbestimmungen, die sich nicht an irgendwelche Vorschriften von Behörden oder Wissenschaftler halten, die besten, denn sie erlauben uns im Alltag, über den Sommer zu reden und zu urteilen. Wir können mit ihnen unsere Hoffnungen formulieren, unseren Ärger ausdrücken, und unsere Freude teilen. Ob der Sommer sich an die Jahreszeiten hält, die im Kalender stehen, kümmert nur den, der seinen Urlaub langfristig planen muss.

Vielleicht ist der Sommer aber auch die Zeit, in der wir am wenigsten an Weihnachten denken. Das letzte Fest liegt lang genug zurück, dass wirklich alle Nachbarn inzwischen die Lichterketten abgenommen haben, und zum nächsten ist es noch so weit, dass wirklich keiner fragt, was ich mir denn wünsche. Und in keinem Supermarkt gibt es Schokoladenweihnachtsmänner zu kaufen.

Dumm nur, dass ich Sie jetzt, wo der Sommer gerade beginnt, an Weihnachten erinnert habe. Aber warum soll es Ihnen besser gehen als mir? Ich bekam in dieser Woche die erste Werbung für den besten Ort, eine Weihnachtsfeier durchzuführen. 10% Frühbucherrabatt sind versprochen – der Sommer ist vorbei.

Jörg Phil Friedrich