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Philosophie muss auf die Menschen zugehen

Der Wuppertaler Philosophie-Professor Peter Trawny vertrat hier kürzlich die These, dass die Popularisierung der Philosophie die akademische Philosophie gefährde. HOHE LUFT Chefredakteur Thomas Vašek widersprach dieser Meinung und verfasste eine Gegendarstellung, auf die wiederum Peter Trawny antwortete. Thomas Vašeks Replik darauf, lesen Sie hier.  

Die Philosophie dürfe keine Voraussetzungen akzeptieren, schreibt Peter Trawny. Ihr »Sonderstatus« bestehe eben darin, »alles in seiner Bedeutung zu klären«. Bis hierhin unterschreibe ich Trawnys Position.
Mein Dissens mit Trawny beginnt dort, wo er meint, dass gute Philosophie nur außerhalb der ökonomischen Sphäre – und damit jenseits der »Populärphilosophie« gedeihen kann. Sein paradigmatisches Beispiel ist Sokrates. Erstens habe Sokrates mit seiner Philosophie kein Geld verdient. Zweitens sei sein Denken „ortlos“ gewesen, also „losgebunden von den Diskursformen, die auf dem Markt eben gelten.“ Beides bringt Sokrates, so meint Trawny offenbar, in einen Gegensatz zu heutigen populären Philosophen. Dazu zwei Anmerkungen.

Erstens leben wir nicht mehr in der Welt des Sokrates. Der griechische Philosoph lebte das Leben des freien athenischen Bürgers, er konnte den ganzen Tag durch die Wandelhallen schlendern und mit den Menschen schwatzen; das Arbeiten war bekanntlich Sache der Sklaven. Damit will ich Trawny nicht unterstellen, dass er zurück will in die athenische Mußegesellschaft. Aber ebensowenig glaube ich, dass Sokrates ein brauchbares Lebensmodell für heutige Philosophen abgibt.

Zweitens kann ich nicht erkennen, dass ein sokratisches Philosophieren zwangsläufig im Widerspruch zum Ökonomischen steht. Schließlich bewegte sich ja auch Sokrates auf einer Art Markt. Wenn keine Nachfrage nach seinem Denken bestanden hätte, dann hätte er es wohl auch nicht zur Berühmtheit gebracht, ja sein Denken wäre womöglich sogar folgenlos geblieben. Dass Sokrates selbst das Geldverdienen ablehnte, mag eher mit der Verachtung der Arbeit zu seiner Zeit zusammenhängen, als mit seiner Philosophie.

Populäre Philosophie bedeutet nach Trawny, „den Horizont des Lesers und seine Erwartungen als Kriterium für den Philosophen anzusetzen.“ Zwar konzediert er mir offenbar, dass ein Gedanke durch allgemeinverständliche Darstellung nicht falsch wird. Allerdings meint er auch: „Es kann aber sein, dass er falsch oder trivial wird, weil er von vielen verstanden werden soll.“

Schon richtig – das kann sein. Es muss aber nicht sein. Und umgekehrt kann man daraus nicht schließen, dass ein Gedanke, der nicht von allen verstanden werden soll, richtig oder tief sein muss. Im Geiste der „Kritischen Theorie“ scheint Trawny irgendwie zu glauben, dass die Philosophie etwas von ihrer Schärfe und Negationskraft verliert, wenn sie zu populär wird. Deswegen vielleicht auch sein Hinweis auf den Populismus, der mir allerdings etwas schwer verständlich ist, wenn nicht sogar unfair erscheint. Ich  kenne keinen »Populärphilosophen«, der für sich beanspruchen würde, die »Stimme des Volkes« zu sein. Und zugleich sind es gerade »Populärphilosophen«, die oft besonders kritische Positionen in vielen Fragen einnehmen – und damit, horribile dictu, auch noch Geld verdienen. Stecken die alle bis zum Hals im »Verblendungszusammenhang« (Adorno)?

Zu Recht fragt Trawny, „für was und für wen» Philosophie eigentlich »relevant« sein soll. Das scheint mir in unserer Diskussion die Schlüsselfrage zu sein. Das führt aber sogleich zu der – philosophischen – Frage, was Relevanz überhaupt ist. Unter dem Begriff verstehen wir gemeinhin so etwas wie »Bedeutsamkeit» oder »Wichtigkeit« in einem bestimmten Zusammenhang.

Die Etymologie belehrt dabei über eine interessante Bedeutungsverschiebung von »berechtigt« oder »schlüssig« hin zu »bedeutsam» bzw. »gewichtig». Was »richtig» oder »schlüssig« ist, muss noch lange nicht »relevant« sein. Zugleich kann etwas für ein bestimmtes Thema höchst relevant sein, aber irrelevant für ein anderes. Insofern ist Relevanz immer gebunden an den jeweiligen Kontext.

Was etwa für ein bestimmtes Fachgebiet relevant ist, das entscheidet letztlich die jeweilige Fachcommunity. Wer aber entscheidet, was für eine größere Zahl von Menschen relevant ist, für gesellschaftliche Diskurse, ja für »die Gesellschaft« überhaupt? Und wie wäre »Relevanz« in diesem Sinne überhaupt sinnvollerweise zu verstehen? Unser heutiges Verständnis von Relevanz scheint mir verbunden zu sein mit Öffentlichkeit. Was kein Publikum hat, wofür sich niemand interessiert, das kann auch nicht »relevant« sein. Das sei »populistisch«, wird Peter Trawny jetzt sagen. Ich möchte ein solches Relevanzverständnis jedoch ein Stück weit verteidigen. Wie mir scheint, bin ich mir mit Trawny darin einig, dass die Philosophie die Menschen etwas angehen soll. Auch er will ja keinen akademischen Elfenbeinturm, wie er sagt. Ich frage mich allerdings, wie die Philosophie die Menschen »etwas angehen« kann, wenn sie nicht versucht, auf die Menschen »zuzugehen«.

Die Philosophie muss ihren Relevanzanspruch legitimieren, sofern sie einen hat. Selbstverständlich entscheidet der Markt nicht, was relevant ist. Aber er entscheidet wesentlich darüber, was als relevant wahrgenommen wird. Die Philosophen mögen darüber streiten, ob das als relevant Wahrgenommene auch tatsächlich relevant ist. Doch wenn sie das bestreiten, dann müssen sie dafür Gründe geben – das ist eben Philosophie, darin wird wird auch Trawny mir zustimmen. Man kann »Populärphilosophie« nicht dadurch diskreditieren, dass man ihr vorwirft, »populär« zu sein.

Interessanterweise lässt Trawny – ob bewusst oder unbewusst – die Frage offen, ob denn nun die Philosophie darüber entscheidet, was relevant ist – und mithin auch darüber, was eine über das eigene Fachgebiet hinaus relevante Philosophie ist. Das wäre eine interessante und relevante Diskussion – vielleicht sogar die Diskussion, die wir eigentlich führen sollten: Sollen Philosophen überhaupt in aktuellen Debatten intervenieren?

Sollen sie selbst etwa politische Positionen vertreten? Oder besteht ihre Aufgabe vielmehr darin, die Voraussetzungen begründender Rede zu klären? Die Fragen lassen sich unterschiedlich beantworten. Sobald man der Philosophie aber überhaupt eine öffentliche bzw. gesellschaftliche Funktion zumisst, stellt sich die Frage nach der »Popularisierung» in einem anderen Licht. Eine »relevante« Philosophie, die die Menschen etwas »angeht«, muss auch ihre Popularisierung wollen. Dass Popularisierung mit Risiken verbunden ist, versteht sich von selbst.

Aber dieses Risiko muss die Philosophie aushalten, wenn sie nicht irrelevant werden will. Auch Sokrates musste bis zu einem gewissen Grade auf die Menschen zugehen, sich also an deren »Horizont« (Trawny) orientieren, bevor er ihre Common-Sense- Überzeugungen in Frage stellen konnte. In diesem Sinne war er selbstverständlich ein „populärer Philosoph“.

Trawny will offenbar eine Philosophie, die sich ihren „Ort am Rand“ bewahrt, befreit von den disziplinierenden Mechanismen der Gesellschaft. Zugleich aber versteht er Philosophie als „universales Projekt“, das jedem Menschen offenstehe. Darin liegt in meinen Augen, wenn nicht ein Widerspruch, so doch ein gewisses Spannungsverhältnis. Ich selbst meine ja, dass wir eine Philosophie brauchen, die sich selbst nicht am »Rand« verortet, sondern mitten im Geschehen – und die das nicht bloß aushält, sondern auch kritisch und unangepasst reflektiert, statt sich auf Systemzwänge auszureden. Aber vielleicht können wir uns darauf einigen, dass die Philosophie wenigstens relevante Fragen stellen sollte, die die Menschen interessieren – wie etwa jene, „auf welche Weise man leben soll“. Die Frage stammt, wenn wir Platons „Politeia“ glauben, von einem gewissen Sokrates.

 

4 Kommentare

  1. Stellte die Philosophie Fragen, die die Menschen interessiere, da diese Fragen dann wenigstens relevant wären, zum Beispiel eine solche, auf welche Weise man leben soll, stellte sie dann nicht „man“ über das konkrete Individuum? Was wäre denn mit dem nichtssagenden Wort „man“ angesprochen, das es noch nicht einmal in allen Sprachen gibt? Die Gattung, die Nation, die Gesellschaft, die Familie, etwas anderes?

    War vor Entwicklung der Medien wie Zeitung, Buch, Radio, TV und Internet die umgebende Welt für den darin sich Aufhaltenden noch nachvollziehbar, zeigt diese sich nun komplex. Wo vordem nur Wissen über unmittelbar umgebende Welt, tritt nun die gesamte Welt, bzw. das, worüber Informationen – in welcher Form und zu welchem Zweck auch immer – her- und bereitgestellt. Mit dem Ergebnis, dass die gesamte Welt als eine solche aufgefasst, die durch solche selektierten Informationen beschrieben, damit als „bereits vollumfänglich“ bzw. wenigstens „hinreichend“ von breiter Masse beurteilt und angesehen. Was einen Irrtum herstellt.

    Mit fatalen Folgen. Werden doch darüber Vorstellungswelten generiert, die einzig das Beschriebene als das Gegebene auffassen, und das Nichtbeschriebene als Nichtgegebenes, somit als irrelevant vernachlässigen, da es nicht beschrieben, auf welche Art und Weise auch immer.

    Womit der Gegenstand hinreichend umrissen, der mit dem Modalverb „soll“ dann intensiv bearbeitet. Was zur Frage berechtige, welche Art von Nutzen aus solchem generiert, und welche Art von Schaden. Ob es sich eventuell nicht so verhalte, dass vordem aus unmittelbar umgebender Welt, die nur aus jenem sich zusammensetzte, was die jeweils unmittelbar umgebende Welt abwarf, sich hinreichender Sinn für jene ergab, die sich darin aufhielten. Wogegen der Sinn, den nun „die Völker draußen in der großen Welt mit ihrem ganzen internationalen Denken im Bildungskoffer“ (Satz des isländischen Dichters Guðbergur Bergsson) herstellen, sich einem nicht erschließe, es sei denn, einer gehe davon aus, so etwas erfülle bereits an sich einen Sinn, oder führe zu einem.

    Dann wäre aber zu fragen: Für wen? Etwa für jene, die – auf solche Art und Weise selektierter Informationen, wie oben beschrieben – nicht erfasst, die Nichtbeschriebenen? Wären diese dann nicht das Opfer jener Beweggründe, die dazu führten, dass eben diese Informationen aus der Vielfalt der Informationen entnommen, und nicht die sonst noch vorhandenen? Da der Mensch immer nur jenen Gockel hört, der am lautesten kräht?

    Da der Mensch in der Masse gewöhnlich jenem Gockel am ehesten folgt, der am lautesten kräht. Die Konsistenz des Gehalts darin ist sekundär.

    Womit mehr Sinn darin zu vermuten ist, die „disziplinierenden Mechanismen der Gesellschaft“ zu untersuchen, statt sich diesen zu unterwerfen.

  2. csd sagt

    Diese Kontroverse beweist, wie schwierig das Selbstverstaendnis der akademischen Philosophie heutzutage ist. In welcher anderen akademischen Fachdisziplin gibt es solche Diskussionen ueber die „Relevanz“ der Popularisierung wie in der Philosophie? In keiner.

    Wissenschaft schoepft aus dem Leben und wirkt in dieses zurueck, als Kreislauf menschlichen Kulturschaffens. Eine Wissenschaft, die keine Selbstvermittlung in Form von Popularisierung will, schafft sich ueber kurz oder lang selbst ab.

    ABER: Popularisierung ist nicht gleich Popularisierung. Es kann nicht darum gehen, ob es Popularisierung von Philosophie geben soll, denn diese ist notwendig und im Grund selbstverstaendlich, sondern vielmehr, welche Form von Popularisierung.

    Wir leben in einer hochentwickelten Medienkultur, die ihre eigenen Gesetzmaessigkeiten hat – vom simplen Gesetz von Angebot und Nachfrage bis hin zu der komplexen Struktur der Rundfunk- und TV-Aufsichtsraete und der darin enthaltenen Lobbys.

    Diese Medienkultur schafft Produkte und sucht gezielt nach deren geeigneten Protagonisten. So ist es bei der Autowerbung, bei den virtuellen Rollenbildern und ebenfalls, auch wenn es vielen nicht konveniert, bei der (populaeren) Philosophie.

    Und in dieser populaeren Philosophie gibt es vieles, was akademischen Philosophen unangenehm auffallen kann:
    – Protagonisten, die ihr angebliches Fach nicht studiert haben und nur bruchstueckhaftes und teilweise falsches Halbwissen vermitteln
    – Populaerliteratur, die ebensolche sachlichen Fehler oder irrefuehrenden Vereinfachungen enthaelt, die mitunter auch noch dogmatisch oder apodiktisch vorgetragen werden
    – Sendeformate, die weltanschauliche und politische Subtexte erzeugen, welche direkt dem Geist des Philosophierens als offener Wahrheitssuche widersprechen

    Ich gehe davon aus, dass der urspruengliche Widerspruch von Prof Peter Trwany gegen Populaerphilosophie sich auf diese Produkte der medialen Kultur und manche ihrer Protagonisten bezogen hat. Solcher Widerspruch hat eine Berechtigung, denn er gruendet auf einem Verstaendnis von Philosophie, das die persoenliche und fachliche Qualifikation und die Bereitschaft zur Wahrheitssuche voraussetzt. Es liegt an uns Philosophen, nicht brachial „fuer und wider“ zu streiten, sondern uns gemeinsam und mit guten Ideen fuer mehr Qualitaet in der populaeren Vermittlung von Philosophie einzusetzen. Das waere zum Wohl Aller – des inneren Kreises der Fachexperten und der Oeffentlichkeit.

  3. Wer entscheidet, was „relevant“ ist?

    Thomas Vašek schreibt „Die Philosophie muss ihren Relevanzanspruch legitimieren, sofern sie einen hat“ – wer aber ist „die Philosophie“, wen meint Vašek?

    Meint er irgendwie den philosophischen Betrieb an den Universitäten, meint er den Betrieb der Produktion philosophischer Werke und der Organisation philosophischer Veranstaltungen? Oder meint er gar eine mehr oder minder abgestimmt und koordiniert vorgehende Gruppe von Philosophen, die da einen Konsens produzieren, gewollt oder ungewollt?

    Die Rede von „der Philosophie“ als Subjekt geht in die falsche Richtung. Sie konstruiert einen Akteur, den es nicht gibt, sie ist unpräzise, und genau diese Präzisierung ist doch notwendig, um das Problem der „popularisierenden“ oder „populären“ Philosophie zu lösen.

    Als Philosoph, als philosophierender Mensch, entscheide ich ganz persönlich, was für mich relevant ist und was ich als relevant für die Gesellschaft, in der ich lebe, ansehe. Ich kann etwa das Durchdenken des Moralischen als gerade gegenwärtig besonders relevant ansehen. Also tue ich das, ich lese Kant, ich setze mich mit ihm kritisch auseinander, auch mit anderen, die sich mit ethischen Fragen beschäftigt haben. Und ich fange selbst an, zu denken, zu reflektieren, zu graben, zu prüfen, wie sicher mein Grund ist.

    Das ist eine komplizierte Angelegenheit, und wenn ich das aufschreibe, dann ist es ein kompliziertes Textgeflecht mit komplizierten Sätzen. Trotzdem halte ich dieses Nachdenken für relevant, und ich glaube auch, dass ein solches Nachdenken Relevanz für die Gesellschaft hat.

    Wie aber soll mein Nachdenken die Gesellschaft erreichen? ich kann darüber bloggen und bei Facebook diskutieren, da gibt es ein paar Leute, die finden diese gedanken auch relevant. Ich kann versuchen, ein Buch zu schreiben oder einen Artikel, oder Vorträge zu halten.

    Verlage und redanktionen meinen nun, dass das, was man da schreibt, und sie haben viele Angebote, verständlich sein muss, viel verständlicher, als das, was ich da schreibe. Es soll nicht so komplex, nicht so verwirrend sein. Es soll sich auf einen Punkt konzentrieren, und nicht alle Aspekte, die doch relevant (!) sind, mit hineinbringen. Vor allem: Es soll nicht so viele Fragen stellen, die immer weiter, immer tiefer führen. Es soll Antworten geben auf die Fragen, die die Leser interessant finden.

    Kann ich mich darauf einlassen? Muss ich das sogar, weil ich doch mein denken für relevant halte? Aber kommt dann nicht genau das falsche dabei heraus? Denn eigentlich soll alles Philosophieren doch zeigen, dass es keine einfachen Antworten gibt, dass man aber durch ein bestimmtes Fragen trotzdem zu einem besseren Weltverstehen und einer besseren Orientierung kommt. dazu muss man von den Lesern aber eben auch Anstrengung verlangen, den Denkweg mitzugehen, nachzufragen, sich anzustrengen, so wie man sich als Philosoph ja auch ständig anstrengen, sich den Kopf zerbrechen muss.

  4. Pingback: HOHE LUFT » Der Markt soll Verantwortung für die Philosophie übernehmen

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