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„Wir brauchen keine geschützten Denkwerkstätten, sondern eine lebendige Philosophie“

HOHE LUFT Chefredakteur Thomas Vašek widerspricht der These Peter Trawnys, die Philosophie liefe Gefahr, sich durch ihre zunehmende Popularisierung selbst abzuschaffen. Philosophie ist in Thomas Vašeks Augen für alle da und sollte sich nicht auf elitäre Scheindiskurse beschränken. 

Der Kapitalismus ist ein Übel. Rücksichtlos drängt er sich in alle Lebensbereiche, korrumpiert unsere Werte und Beziehungen – und wenn man Peter Trawny folgt, zerstört er jetzt auch noch die Philosophie.

Die Popularisierung der Philosophie, so behauptet Trawny, laufe womöglich auf ihre
»Selbstabschaffung» hinaus. Das ist zunächst mal eine überraschende These.
Schließlich könnte man ja meinen, es sei gut für die Philosophie, wenn viele
Menschen etwa philosophische Bücher kaufen. Trawny hingegen scheint zu
denken, dass es entweder zu viele Menschen sind oder keine wirkliche
Philosophie, für die sie sich interessieren.
Es bereitet Trawny Unbehagen dass philosophische Bücher auf Bestsellerlisten
stehen, dass Philosophen im Fernsehen auftreten, dass es, nunja, philosophische
Zeitschriften gibt, die sich auf dem Markt bewähren müssen. Ich sage
»Unbehagen», er ist ja nicht dagegen. Allerdings fürchtet er, dass diese
»Popularisierung» der Philosophie irgendwie nicht gut tut.
Aber was genau unterscheidet »populäre» Philosophie von »nicht populärer»
Philosophie –
außer dass sie eben populär ist?
Trawny hat wohl kaum etwas dagegen, dass sich z. B. philosophische Bücher gut
verkaufen. Der ökonomische Erfolg selbst kann also nicht sein Problem sein.
Er scheint vielmehr zu denken, dass „populäre“ Philosophie keine gute Philosophie
sein kann. Eine wirkliche Begründung dafür gibt er nicht. Vielleicht glaubt er, dass
gute Philosophie nicht allgemein verständlich sein darf. Darüber kann man
sicherlich streiten. Einerseits wird ein philosophischer Gedanke nicht dadurch
falsch oder trivial, dass er von vielen verstanden wird. Andererseits kann man es
natürlich nicht immer den Texten anlasten, wenn die Leser nichts verstehen. Aber
mir scheint, das ist gar nicht Trawnys eigentliches Problem.
Trawny glaubt offenbar, dass das Ökonomische die Philosophie grundsätzlich
korrumpiert. Dass die Philosophie sozusagen in einem natürlichen Gegensatz zur
Marktwirtschaft steht, zumal zur kapitalistischen. Und dahinter steht ein bestimmtes
Verständnis von Philosophie und ihrer gesellschaftlichen Stellung, das Trawny
irgendwie voraussetzt, ohne es in seinem Text näher zu erläutern oder gar zu
problematisieren. Genau das wäre aber zu tun.
Trawnys Kritik an der Ökonomisierung der Universitäten ist so berechtigt wie
unspezifisch. Gewiss ist auch akademische Philosophie längst in den »Drittmittel-
Beschaffungs-Sog» (Trawny) geraten. Aber das trifft erstens die akademische
Philosophie nicht mehr als andere Disziplinen. Zweitens kann man sich fragen, ob
ökonomische Gesichtspunkte dem philosophischen Denken tatsächlich so
abträglich sind, wie Trawny anscheinend glaubt.
Philosophische Tätigkeit braucht sicherlich Zeit und Muße – wer wollte Trawny da
widersprechen. Das begründet aber weder den Anspruch auf akademische (oder außerakademische) Schonräume für Philosophen, noch widerspricht es
ökonomischem Denken.
Ich kann nichts grundsätzlich Schlechtes daran erkennen, wenn auch Philosophen
versuchen, finanzielle Mittel für bestimmte Projekte einzuwerben; es kommt eben
aufs Projekt an. Umgekehrt wird die x-te mittelmäßige Aristoteles-Interpretation
nicht dadurch besser, dass man, von ökonomischem Druck unbehelligt, jahrelang
daran herumfeilen kann. Und schließlich leuchtet mir nicht ein, warum sich
Philosophen nicht bemühen sollten, die Relevanz ihres Fachs auch einer breiteren
Öffentlichkeit zu vermitteln – und damit womöglich sogar etwas Geld zu verdienen.
Trawny scheint von einem aristokratischen Philosophieverständnis auszugehen.
Philosophie ist demnach etwas für die Wenigen, nicht für die Vielen. Ich halte das
für eine elitäre Position, die in einer modernen Gesellschaft nicht zu rechtfertigen
ist. Selbst Mathematiker scheuen sich heute nicht davor, ihr Fach „populär“
darzustellen. Und ich kann nicht erkennen, dass diese »Popularisierung« der
Mathematik irgendwie geschadet hätte.
Die Philosophen sollten aufhören, für sich einen Sonderstatus zu beanspruchen.
Wir brauchen keine geschützten Denkwerkstätten, sondern eine lebendige
Philosophie, die mitten im Leben steht, statt sich von der Gesellschaft abzukoppeln.
Dazu gehört auch, die ökonomischen Regeln zu akzeptieren, denen wir alle
unterliegen. Selbstverständlich entscheidet der Markt nicht, was gute Philosophie
ist. Aber der Markt entscheidet, was sich bei den Lesern durchsetzt.
Sicherlich muss es auch weiterhin möglich sein, hochspezialisierte akademische
Fachbücher zu veröffentlichen. Doch wer mit Philosophie kommerziellen Erfolg
haben will, muss sich eben bemühen, ein größeres Publikum zu erreichen.
Selbstverständlich hat er sich dann auch der Kritik seiner Fachkollegen zu stellen.
Und wenn ihm etwas an seiner akademischen Reputation liegt, wird er wohl
versuchen, sich möglichst wenig angreifbar zu machen.
Das Problem der »Popularisierung der Philosophie» ist ein philosophisches
Scheinproblem, das am Ende wiederum nur die Philosophen interessiert.
Weder zerstört der Kapitalismus die Philosophie, noch schafft sie sich selbst ab
durch ihre Popularisierung. Die Philosophie schafft sich dann ab, wenn sie
irrelevant wird. Wenn sie nichts mehr zu sagen hat, was die Menschen interessiert.

20 Kommentare

  1. Jörg Friedrich sagt

    Sehr schade, dass Sie Trawny so simpel missverstehen. So reden Sie aneinander vorbei, und es entsteht kein fruchtbarer Dialog. Andererseits verständlich, denn die Kritik, die an einer gewissen popularisierenden „Philosophie“ zu üben ist, müssen Sie als Chefredakteur der Hohen Luft natürlich zurückweisen – aus ökonomischen Gründen. Das ist traurig.

  2. Jörg Friedrich sagt

    Ich glaube jedenfalls, dass Philosophen, gerade, wenn sie sich öffentlich äußern, nicht danach gehen sollten, was „die Menschen interessiert“ sondern danach, was sie für wichtig halten. Und sie sollten zwar versuchen, sich verständlich zu machen, aber nicht um den Preis der Simplifizierung.

  3. Es ist davon zu lesen, dass in einer Universität jemand den Wegweiser zur Philosophie mit den Satz „unbeantwortete Fragen“, und den Wegweiser zur Theologie mit dem Satz „ungefragte Antworten“ versah.
    Gegenstand der Philosophie ist die Fähigkeit, zu fragen, was Ludwig Wittgenstein zu der Aussage führte, er könne Philosophie lehren, indem er ausschließlich Fragen stelle.
    Der darin enthaltene Sinn erschließt sich bereits dadurch, da unklar ist, was sinnvoller wäre: von etwas überzeugt zu sein, oder sich mit etwas zu begnügen
    Philosophie, wie der Philosoph Daniel-Pascal Zorn festhielt, kommt ohne Text nicht aus, ist somit an Sprache gebunden. Die eine Sprache ermöglicht eine Aussage, der eine sei von etwas „überzeugt“, wogegen der andere „sich begnüge“, die andere Sprache ermöglicht nur die Aussage, dass beide in dem Punkt identisch sind, denn das zweite wird bereits durch das erste ausgesagt, wie das erste durch das zweite.
    Womit eine Art von Philosophie beschrieben: Die Kompetenz, durch Fähigkeit zur Frage. Das Mittel, also Sprache und deren Inventar. Und der Beweggrund, also die Ahnung, dass ein Leben mehr zu bieten habe als Überzeugungen.
    Insofern ist ein Philosoph ein Berater mit der Kompetenz, Fragen stellen zu können, in einer Welt voller Antworten.
    Es ist bekannt, dass Berater, die Antworten geben, sich ihre Antworten bezahlen lassen. Es erschließt sich daher nicht, wozu ein Berater, der Fragen stellt, dies unentgeltlich zu tun habe. Sind es doch die Fragen, die Irrtümer aufdecken, und nicht die Antworten. Es ist auch bekannt, dass die Fähigkeit zur Frage eine Eigenschaft des Menschseins ist, somit die Kasernierung dieser Fähigkeit nur eine Form sein kann, die andere Formen nicht ausschließen sollte. Tut sie das, sucht sie nur Antworten, in einem Elfenbeinturm.
    Der Hinweis, dass der Markt darüber entscheide, was sich bei den Lesern durchsetze und was nicht, überlässt der Laune des Leser, welche Fragen gerade für ihn interessant wären, und welche nicht. Was jedoch unerheblich ist, es sei denn, Durchsetzung wäre der Beweggrund einer Philosophie. Dann wäre sie aber auch keine, stellt sie doch dann den Erfolg über die Frage.
    Was erklärte, dass bis heute unbekannt ist, welcher Vertreter der doppelten Wahrheit es damals war, der in der Universität flugs die beiden Sätze entfernte, wie auch dessen Begründung fehle, die sein Handeln rechtfertige.

    • Jörg Friedrich sagt

      „Insofern ist ein Philosoph ein Berater mit der Kompetenz, Fragen stellen zu können, in einer Welt voller Antworten.“
      Schöne Formulierung, die allerdings zwei Fragen aufwirft. Erste Frage: Wer möchte diese Fragen kennen, wozu sollen sie „gut sein“? Letztlich hat ja auch der angeblich so große Frager Sokrates zumeist nur rhetorisch gefragt, um bestimmte Antworten zu provozieren und letztlich eine „wahre“ Antwort zu formulieren, als Frage, die man dann immer nur mit Ja beantworten kann.

      Die andere, viel spannendere Frage: wie sollen denn die Texte aussehen, wie sollte der Diskurs aussehen, in dem die Philosophen diese Fragen stellen? Das frage ich mich schon länger, für mich ist das ein Grund, selbst kaum noch Artikel zu schreiben. Auch in Social-Media-Zeiten ist die Textform der philosophischen Äußerung der Aufsatz oder das Buch: Ein Text, der eine Frage aufwirft und eine Antwort vorschlägt oder gar zu geben vorgibt. Auch das Interview ist ein Frage-Antwort-Modell, in dem der Philosoph befragt wird und Antworten geben soll, auch der Vortrag, auch die Podiums-Diskussion.
      Stellen wir uns einen Hohe-Luft-Artikel vor, in dem ein Philosoph eine Reihe von Fragen an einen vorgegebenen Text, etwa an einen anderen Hohe-Luft-Artikel, stellt, um die unhinterfragten Selbstverständlichkeiten aufzudecken, die darin eigentlich stecken. Wie würde es dann weitergehen? Würde man nicht auch von diesem Philosophen Antworten fordern?

      • Danke für das Lob.

        Zu Ihrer ersten Frage „Wer möchte diese Fragen kennen, wozu sollen sie „gut sein“?“:

        Sind das nicht zwei Fragen? Ist es nicht so, dass ein Befragter die Frage bereits kennen muss, um eine Aussage darüber treffen zu können, ob er diese Frage kennen möchte oder nicht? Und kenne er die Frage nicht, wie kann er dann sagen, dass er diese nicht mag? Ist es Aufgabe eines Beraters, nur jene Antworten zu geben, die der Auftraggeber sich von ihm wünscht? Wozu rief er dann den Berater? Falls Sie der Ansicht sind, es sei keineswegs die Aufgabe eines Beraters, nur jene Antworten zu geben, die der Auftraggeber sich von ihm wünscht, wieso sollte das nur für Berater und deren Antworten gelten, und nicht auch für Philosophen und derer Fragen? Und damit nicht hinreichend geklärt, wozu das „gut ist“?

        Zu Ihrer zweiten Frage „Wie sollen denn die Texte aussehen, wie sollte der Diskurs aussehen, in dem die Philosophen diese Fragen stellen?“:

        Sind das nicht auch zwei Fragen? Habe ich die Frage, wie die Texte aussehen können, mit meinem Text, den Sie im Augenblick gerade lesen, nicht bereits hinreichend beantwortet? Ist es verständlich, wenn ich sage, dass die Frage, wie der Diskurs aussehen wird, nun von Ihnen abhängt, und nicht von mir?

        Zu Ihrer dritten Frage „Wie würde es dann weitergehen?“:

        Ist es nicht so, dass nur zwei Möglichkeit zur Wahl stehen, und diese Schweigen oder Nichtschweigen genannt? Und ist es nicht so, dass sowohl das eine wie auch das andere eine gute Antwort ist?

        Zu Ihrer letzten Frage „Würde man nicht auch von diesem Philosophen Antworten fordern?“

        Da ich weder Philosoph bin, noch ein Mensch, der von Philosophen Antworten fordern würde, wären Sie mir dann böse, wenn ich die Auffassung teile, dass Forderung allein noch keinen Anspruch auf das Geforderte herstellt?

        • Jörg Friedrich sagt

          In einer Welt voller Antworten möchte vielleicht gerade niemand die unbeantworteten Fragen kennen. Derjenige, der nach diesen Fragen sucht, macht sich vielleicht gerade unbeliebt, weil sich ja herausstellen könnte, dass all die Antworten nur die Fragen zudecken, die uns wirklich betreffen und angehen. Wenn wir mit den vielen Antworten recht gut durchs Leben kommen, warum sollten wir uns dann Fragen stellen, die all diese Antworten selbst frag-würdig machen?

          Ein Beispiel: Sie können ganz gut intuitiv entscheiden, was Sie für Gut und was Sie für Böse halten. Zwar wissen Sie, dass es Leute gibt, die das ganz anders sehen, aber mit Ihrer Umgebung sind Sie sich ziemlich einig, und Sie treffen mit den Leuten, denen Sie sich nahe fühlen, auch meist die gleichen moralischen Urteile.

          Nun kommt jemand und fragt: Was ist den der Grund dieses Urteilens? Woher kommt diese Einigkeit, woher die Intuition des Urteilen-Könnens? Und ist das alles plausibel? Haben die, die anders urteilen, nicht vielleicht auch gute Gründe?

          Dieser Frager stellt das Fraglose in Frage. Wer sollte den brauchen, wer sollte ihn rufen? Welchen Bedar nach solcher Beratung sollte es geben, zumal, wenn der Berater nicht mal neuen stabilen Grund schafft, sondern nur zeigt, dass der alte Grund ein Abgrund ist?

      • Sorry, ich lese gerade, dass Sie zertifizierter Master der Philosophie sind. Wie Sie nun wissen, bin ich kein Philosoph, geschweige denn ein Master darin. Es wäre daher vermessen von mir, würde ich annehmen, ich könnte Ihnen auf diesem Gebiet das Wasser reichen, und habe daher einen Entschluss gefasst: Das Beste ist, ich gehe mit meinen Antworten, und Sie mit Ihren Fragen.

        • Jörg Friedrich sagt

          Ein Master of Arts in Philosophie bedeutet nicht, dass derjenige ein Meister der Philosophie ist, es ist nichts weiter als ein hochtrabender Name für einen Leistungsnachweis. Er bedeutet, dass man dies und das gelesen hat und das man das Gelesene einigermaßen intelligen wiedergeben kann. Was natürlich als Vorraussetzung zum meisterhaften Philosophieren nicht schaden muss.

  4. DPZ sagt

    @Jörg Friedrich:

    „Letztlich hat ja auch der angeblich so große Frager Sokrates zumeist nur rhetorisch gefragt, um bestimmte Antworten zu provozieren und letztlich eine ‚wahre‘ Antwort zu formulieren, als Frage, die man dann immer nur mit Ja beantworten kann.“

    Können Sie für diese Praxis des Sokrates ein Beispiel geben? Das wäre doch erstaunlich – soweit ich sehen kann, enden die Dialoge mit Sokrates als Lehrerfigur stets in einer Aporie, also gerade nicht mit einer „‚wahre[n]‘ Antwort … die man dann immer nur mit Ja beantworten kann.“

    Was mir auch nicht ganz einleuchtet, ist die Qualifizierung des sokratischen Fragens als „rhetorisches“. Rhetorische Fragen sind nach meinem Verständnis Scheinfragen, die keine wirkliche Antwort erwarten – weil die ‚richtige‘ Antwort dem Sprecher schon bekannt scheint.

    Sokrates jedoch tut in den Dialogen nichts dergleichen. Er geht von den jeweiligen Antworten seiner Gesprächspartner aus und befragt sie nach den Voraussetzungen für diese Antworten. Dabei reflektiert er fortlaufend seine Praxis im Gespräch, inklusive dem Angebot, das Befragen umzukehren. Sokrates fragt seine Gesprächspartner auch in regelmäßigen Abständen, ob ihnen die Vorschläge für mögliche Antworten, die er macht, recht sind.

    Soweit ich sehen kann, enden zudem folgende Dialoge mit Sokrates aporetisch, d. h. gerade ohne eine abschließende Antwort: Charmides, Euthyphron, Ion, Lysis, Laches, Theaitetos, Kratylos, Protagoras, Gorgias (weil Kallikles am Schluss das Gespräch verweigert, endet Sokrates mit einem Mythos), Menon, Hippias major und minor, sowie der. Kleitophon.

    Der Kritias ist unvollendet; Euthydemos eine Karikatur megarischer Dialektik. Der Menexenos ist (wenn er denn echt ist) eine Kritik der Rhetorik. In der Politeia wird die die Frage nach der ‚Gerechtigkeit‘ zwar beantwortet, die Antwort darauf, was das ‚Gute‘ ist, aber nicht gegeben. Sie endet – wie auch der Gorgias – mit einem Mythos.

    Phaidon und Kriton inszenieren die sokratische Haltung und enden jeweils ohne Antwort (Kriton) bzw. mit dem Tod des Sokrates (Phaidon). Der Phaidros fragt nach dem Erkenntniswert des Mythos und endet mit einer Aufgabenstellung, nicht mit einer Antwort – ebenso Alkibiades I und Theages. Und das Symposion inszeniert eine Komödie, in der gerade nicht Sokrates die relevante Antwort gibt, sondern Diotima. Im Philebos rekapituliert Sokrates (weil Philebos schweigt) mit Protarchos die Diskussion. – In Timaios, Sophistes und den Nomoi ist Sokrates nicht die Lehrerfigur.

    Wenn Sie also behaupten, Sokrates würde „zumeist“ nur „rhetorische Fragen“ formulieren, „um bestimmte Antworten zu provozieren und letztlich eine ‚wahre‘ Antwort zu formulieren, als Frage, die man dann immer nur mit Ja beantworten kann“ – auf welchen Dialog genau beziehen Sie sich da?

    • Jörg Friedrich sagt

      Ich habe jetzt einfach mal willkürlich einen Dialog aufgeschlagen, es ist Euthyphron, 7a, es geht um die Frage, was das Fromme ist.

      Anderes Beispiel, ebenso willkürlich: Gorgias, 460ff es geht um die Rhetorik.

      Was Sie mit der Aufzählung von Texten bezwecken, in denen der Sokratische Dialog gar nicht praktiziert wird, ist mir unklar.

      • DPZ sagt

        @Jörg Friedrich:

        Weder in Euthyphron 7a noch in Gorgias 460ff. gibt Sokrates „eine ‚wahre‘ Antwort […] als Frage, die man dann immer nur mit Ja beantworten kann“.

        Vielleicht hätten Sie nicht „willkürlich einen Dialog“ aufschlagen sollen, dann wären womöglich die Beispiele überzeugender gewesen:

        In Euthyphron ist es gerade der namengebende Teilnehmer, der in 6e auf Sokrates Bitte hin sagt: „Wenn du es so willst, Sokrates, kann ich es dir auch so erklären.“ Wenn Sokrates dann in 7a sagt: „so wie ich wünschte, daß du antworten möchtest, hast du itzt geantwortet“, bezieht sich das nicht auf den Inhalt der Antwort, sondern auf die Art und Weise des Antwortens. Die wurde nämlich vorher problematisiert, etwa in 6c-d, wo Sokrates sagt: „Jetzt aber versuche das, wonach ich dich so eben fragte, mir genauer zu erklären. Denn Freund, du hast mich vorher nicht hinlänglich belehrt auf meine Frage […]; sondern du sagtes mir nur, dieses wäre fromm, was du jetzt tust […].“

        Sokrates weist damit einfach die apodiktische Art des Antwortens zurück, die meint, mit bloß rhetorischer Inanspruchnahme von Lehrautorität sei eine Frage bereits beantwortet. Als Beispiel kann man sich Antworten denken, die ihr „zumeist“ dadurch zu ‚beweisen‘ versuchen, dass sie den Hinweis geben, man müsse nur „willkürlich“ einen Dialog aufschlagen, um ein Beispiel zu finden – oder der „sokratische Dialog“ fände in bestimmten Dialogen gar nicht statt. Soweit ich sehen kann, findet dieser Dialog in allen genannten Dialogen statt – natürlich gemessen an den Dialogen, nicht an einem aus der Sekundärliteratur enlehnten doxographischen Kriterium.

        Die Angabe 460ff. ist äußerst ungenau für die doch sehr dezidierte Behauptung, Sokrates gebe eine „‚wahre‘ Antwort … die man dann immer nur mit Ja beantworten kann“. Man kann aber – umgekehrt – auf die vorherigen dialektischen Metareflexionen verweisen, in denen sich Sokrates immer wieder der Zustimmung seines Dialogpartners zu einem gemeinsamen und gleichberechtigten Gesprächs versichert (und damit auch seine Praxis im Gespräch reflektiert), z. B. in 453b-c, 454c, 455c-d, 457c-e sowie 457e-458a. – Interessanterweise liegen alle diese Stellen vor der von Ihnen genannten – was die Frage aufwirft, warum Sie sie nicht in Betracht gezogen haben…

        Möglicherweise verwechseln Sie allerdings auch die fortlaufende Bejahung von Sokrates‘ Vorschlägen als Nachweis einer „Wahrheit“. Dass dem natürlich nicht so ist, kann man insbesondere in den Sophistendialogen Protagoras, Gorgias, Thrasymachos oder Menon nachlesen. Gerade Thrasymachos oder Kallikles bejahen Sokrates‘ Vorschläge um des Gesprächs willen, um sie dann – in längeren Monologen – wieder in Frage zu stellen. Das ‚Dialogspiel‘ dient also dem Aufbau eines Arguments, bei dem die Bejahung einer bestimmten Annahme entspricht. Wie etwa der dritte Teil des Theaitetos deutlich macht, ist es von daher kein Problem, die Antwort auf eine Frage wieder zurückzunehmen und anders zu geben.

        Aus dem Textbefund der platonischen Dialoge sehe ich also weiterhin keinerlei Bestätigung für Ihre Behauptung.

        • Jörg Friedrich sagt

          Nehmen wir mal gleich die erste Stelle, von der Sie sagen, dass Sokrates da seine eigene Praxis im Gespräch reflektieren würde. Gorgias 453 b-c. Sokrates sagt, dass er eigentlich schon ahnt, was Gorgias sagen wollen würde, es aber lieber fragend herausbekommen möchte. dann sagt er „Weshalb aber, da ich es ja schon ahne, ich dich noch fragen will, und es nicht selbst sage? Nicht deinetwegen, sondern unseres Gesprächs wegen, damit es so fortgehe, dass uns das möglichst deutlich werde, wovon die Rede ist.“ Sokrates, wie ihn Platon darstellt, hat also ein rein didaktisches Interesse, er weiß schon bescheid, in diesem Falle: Er weiß schon, was Gorgias denkt (!), aber er will es fragend darstellen. Was dann folgt ist eine Reihe von Fragen, deren rhetorischen Charakter man besonders schön sieht, wenn man Gorgias‘ Antworten mal untereinander aufschreibt:
          – „Gewiss“
          – „Ja“
          – „Wie sollte sie nicht“
          – „Bewahre, sondern ganz gewiss überredet er“
          – „Freilich“
          – „Ja“
          – „So scheint es“
          – „Ja“
          – „Freilich nicht“

          So stelle ich mir, und das war der Punkt meines Beitrags oben, ganz gewiss keinen philosophischen Dialog vor, in dem es um radikales Fragen nach Gründen und Grundlagen gehen soll. Wie ein solcher Dialog aussehen könnte, welche öffentlichen Formen er haben könnte, dem gilt mein eigentliches Interesse, nicht dem Kampf gegen die Mainstream-Interpretation des Platon’schen Sokrates. Vielleicht mache ich das mal, wenn ich alt bin, deshalb bitte ich um Nachsicht, wenn ich auf weitere Kommentare zu dieser hier momentan absoluten Nebensächlichkeit nicht reagieren werde.

          • DPZ sagt

            „Sokrates, wie ihn Platon darstellt, hat also ein rein didaktisches Interesse, er weiß schon bescheid, in diesem Falle: Er weiß schon, was Gorgias denkt“ – Nein. Sokrates ist – vor einer Runde von Gorgias-Anhängern – mit dem größten Redelehrer seiner Zeit konfrontiert. Das „Ahnen“ ist also kein „schon Bescheidwissen“, sondern eine ironische Verbeugung. Auch hier hilft der Kontext weiter. So stellt Gorgias vorher fest:

            „[D]u scheinst sie [die Redekunst] mir vollständig erklärt zu haben. Denn dies ist ihre Hauptsache.“

            Gorgias will hier offenbar einen Punkt machen. Sokrates möchte aber einen Schritt weiter gehen. Also sagt er: „Diese durch die Redekunst entstehende Überredung, von der du sprichst [452d-e], was für eine die ist, und in Bezug auf welche Gegenstände sie Überredung ist, dies […] weiß ich noch immer nicht recht.“ Sokrates bekennt also, einen bestimmten von Gorgias in seiner Erklärung in Anspruch genommenen Aspekt noch nicht richtig zu kennen. Darauf bezieht sich nun der von Ihnen zitierte Satz: „Ich ahne freilich wohl was für eine du, wie ich glaube, meinst, und wovon; nichts desto weniger aber werde ich dich doch weiter fragen […].“

            Sophisten neigen dazu – das sieht man ja auch an Ihrer Phrase „werden Sie sicherlich selber wissen“ -, sich aus der Rechtfertigungs-Verantwortung zu stehlen, indem sie das, was eigentlich zu begründen wäre, als selbstverständlich, unmittelbar einsichtig, evident inszenieren. Dem beugt Sokrates hier vor: Indem er zugibt, dass er es „ahnt“, aber doch über das Fragen verstehen will, verunmöglicht er diesen Zug. Übrigens explizit:

            „Weshalb aber, da ich es ja schon ahne, ich dich noch fragen will und es nicht selbst sage? Nicht deinetwegen, sondern unseres Gesprächs wegen, damit es so fortgehe, damit uns das möglichst deutlich werde [!], wovon die Rede ist. Denn überlege nur, ob Dich nicht dünkt, ich habe Recht, dich weiter zu fragen.“

            Sokrates lenkt also die Aufmerksamkeit weg von einem vermeintlich von ihm und Gorgias geteilten selbstverständlichen Wissen hin zu dem Gespräch, in dem „möglicht deutlich“ werden soll, worum es geht, ’selbst wenn (*zwinkerzwinger*) Du und ich schon wissen, worum es geht.‘ Was Ihnen also wie Rhetorik erscheint (die hier ja gerade problematisch ist), ist präzise das Ausmanövrieren ihrer meistgebrauchten Tricks.

            Warum Gorgias so antwortet, habe ich oben erläutert. Es zu ignorieren, macht diese Erläuterung nicht unsichtbar.

            „So stelle ich mir, und das war der Punkt meines Beitrags oben, ganz gewiss keinen philosophischen Dialog vor…“ – Ich denke nicht, dass – zumal nach der Betrachtung Ihrer allein in diesem Dialog in Anspruch genommenen rhetorischen Entgleisungsversuche – Ihre Vorstellung von einem philosophischen Dialog ein Kriterium für uns sein kann.

            „Wie ein solcher Dialog aussehen könnte, welche öffentlichen Formen er haben könnte, dem gilt mein eigentliches Interesse…“ – Nun, dann könnten Sie mal damit beginnen, das von Ihnen fortlaufend (auch in anderen Diskussionen) in Anspruch genommene vermeintlich selbstverständliche Wissen darüber, was Sprache ist, wie sie funktioniert, was Philosophen tun, was sie eigentlich meinen usw. usw. einmal kritisch daraufhin zu überprüfen, ob dieses vermeintlich selbstverständliche Wissen wirklich so selbstverständlich ist. Erst dann sehe ich die Voraussetzung gegeben, Sie – in langer und mühevoller Arbeit – an das Verstehen eines Dialogs in einem solchen heranzuführen. Ich folge darin – rigider als Sokrates – dem guten Rat des Aristoteles:

            „Man darf aber nicht mit jedem disputieren und sich nicht mit dem ersten besten einlassen; denn je nachdem der
            Gegner ist, kann aus den Disputationen nichts Rechtes werden. Wollte man einen Widerpart, der um jeden Preis
            den Schein behaupten will, daß ihm nicht beizukommen sei, um jeden Preis matt stellen, so wäre das zwar gerecht,
            aber man würde sich selbst vergeben.“ (Topik, 164b)

            „… nicht dem Kampf gegen die Mainstream-Interpretation des Platon’schen Sokrates“ – Ich vertrete viel, nur keine „Mainstream-Interpretation des Platon’schen Sokrates“. Sehen Sie? Genau das hält mich von einer Diskussion mit Ihnen ab. Sie kleben überall Etiketten drauf und nehmen das dann als Diskussionsgrundlage.

            „Vielleicht mache ich das mal, wenn ich alt bin, deshalb bitte ich um Nachsicht, wenn ich auf weitere Kommentare zu dieser hier momentan absoluten Nebensächlichkeit nicht reagieren werde.“ – Wie wenig „nebensächlich“, wie sehr, im Gegenteil, die Angelegenheit im Kern Ihr eigenes Denkproblem betrifft, das werden Sie dann hoffentlich ebenfalls erkennen, wenn Sie alt sind…

    • Jörg Friedrich sagt

      Aber vielleicht können Sie ja mal ein Beispiel geben, wo Sokrates fortlaufend seine Praxis im Gespräch reflektiert?

    • Jörg Friedrich sagt

      Noch eine Anmerkung, Sie geheinnisvoller DPZ: Auch wenn Platon hin und wieder einen Dialog scheinbar in einer Aporie enden lässt, gibt er auf dem Weg dahin ständig Erklärungen, Definitionen, Begründungen. Meine beiden kleinen Beispiele sind da ja wirklich nur zwei von unzähligen, das werden Sie sicherlich wissen. Und selbst wenn der Sokrates, den.Platon da erfunden hat, eine auf solche Weise gefundene Definition oder Erklärung im weiteren Dialogverlauf wieder verwirft, hat er eben zuvor seinen Gesprächspartnern, soweit sie nicht seine Anhänger sind und demzufolge ohnehin nur kleine Abziehbilder von Sokrates, nie eine Chance gegeben, wirklich einen eigenen Denkweg zu gehen. Die meisten Gegenspieler sind so simpel dargestellt, dass es Sokrates leicht fällt, ihre Argumente zu erschüttern, schon nach der zweiten Frage muss der arme Gegner in den „In der tat, du hast Recht“-Modus wechseln. Nehmen Sie mal den Armen Thrasymachos im ersten Buch der Politeia, der sich ja wirklich tapfer wehrt, aber gegen Sokrates‘ bohrende rhetorische Fragen hat er natürlich keine Chance. Das sind alles nur Pappkammeraden.
      Als ich Ihren Kommentar zuerst las, lieber DPZ, vermutete ich ja, da hätte jemand, der Platon nie gelesen hat, sich was aus dem Internet zusammenkopiert, weile ja doch sehr abstrakt und unstrukturiert daherkam. Aber beim Nachdenken über die Initialen DPZ (könnte ja z.B. Deutsche Philosophen–Zentrale heißen 😉 ) kam ich auf die Idee, es könnte sich ja auch um einen hoffnungsvollen jungen Philosophen handeln, der Platon nebst Sekundärliteratur durchaus studiert hat mit heißem Bemühn. Da wäre es natürlich tragisch, dass selbst so vielversprechende junge Talente der populären und didaktisch motivierten Lesart der Platonschen Dialoge nicht entgehen können oder wollen.

      • DPZ sagt

        @Jörg Friedrich: Dass an meinem Kürzel nichts „geheimnisvoll“ ist, sehen Sie dann, wenn Sie bemerken, dass ich Kommentare zu meiner Kolumne ebenso signiere.

        „Auch wenn Platon hin und wieder einen Dialog scheinbar in einer Aporie enden lässt, gibt er auf dem Weg dahin ständig Erklärungen, Definitionen, Begründungen.“ – Ich sehe immer noch nicht, mit welcher Lehrautorität Sie festzulegen haben, was Platon macht. Die Wiederholung einer Behauptung ist auch kein Ersatz für eine Begründung derselben. Dass die Aporie „scheinbar“ ist, ist ebenso wenig nachgewiesen wie die angeblichen „Erklärungen, Definitionen, Begründungen“, die „Platon“ gibt. Natürlich sind die Dialoge Inszenierungen (von daher sind die Aporien ebenfalls inszeniert) und werden bestimmte Thesen von bestimmten Dialogpartnern angesprochen. Aber weder berechtigt Sie die Metalepse der Dialoge, einfachhin eine Antwort – auch nicht die von Sokrates oder dem Xenos – als „Wahrheit“ zu bezeichnen, noch ergibt sich aus der Inszenierung einer Aporie, dass sie auch logisch eine „scheinbare“ ist. Dass man „Platon“ nicht einfach mit den redenden Personen gleichsetzen kann, auch wenn er der (mutmaßliche) Verfasser der Dialoge ist, dürfte Ihnen bekannt sein.

        „Meine beiden kleinen Beispiele sind da ja wirklich nur zwei von unzähligen, das werden Sie sicherlich wissen.“ – Nein. Ihre beiden kleinen Beispiele sind zunächst einmal nicht einmal „Beispiele“, sondern nur ein „Beispiel“ mit einer konkreten Stelle und eine Sammelbezeichnung ohne klare Angabe. Dann beziehen sie sich auf komplett unterschiedliche Gesprächskontexte, die außerdem nichts von dem, was Sie behaupten, belegen.

        In Ihrem ersten Beispiel verwechseln Sie das Lob der nun passenden Art und Weise des Antwortens (des nichtapodiktischen, nicht von vornherein festlegenden Belehrens) mit dem Lob einer vermeintlich „wahren“ Antwort. Warum das so ist, darauf könnte Ihre eigene Art und Weise des Antwortens (und die dazu sich inkonsistent verhaltende Weise des Einforderns von Antworten) Ihnen Aufschluss geben. Im zweiten Beispiel übergehen Sie gerade die Stellen, die Ihre Behauptung widerlegen. Schließlich ist „werden Sie sicherlich selber wissen“ eine simple Phrase, die scheinbar selbstverständliches auch dem Anderen zuschreibt. Dabei kann ich das gar nicht „sicherlich selber wissen“ – weil es eben kein „Wissen“ ist. Es ist nachweislich falsch.

        „… selbst wenn der Sokrates, den Platon da erfunden hat, eine auf solche Weise gefundene Definition oder Erklärung im weiteren Dialogverlauf wieder verwirft, hat er eben zuvor seinen Gesprächspartnern, soweit sie nicht seine Anhänger sind und demzufolge ohnehin nur kleine Abziehbilder von Sokrates, nie eine Chance gegeben, wirklich einen eigenen Denkweg zu gehen.“

        Soweit ich sehen kann, ist keiner von Sokrates‘ Dialogpartnern wirklich sein „Anhänger“. Selbst Glaukon und Adeimantos stehen ihm, angereizt durch die Auseinandersetzung mit Thrasymachos, recht offensiv gegenüber. Im Menon wird eine Bemerkung des Sokrates zum mutmaßlichen Grund der Anklage stilisiert, die zu seiner Verurteilung führt. In demjenigen Dialog, in dem tatsächlich eine gute Antwort gegeben wird, wird sie fein säuberlich von Theaitetos und dem Xenos herausgearbeitet – als Korrektur von Aporien, in die Sokrates geführt hat. In demselben Dialog schweigt Sokrates – und wird zugleich recht deutlich als Sophist dargestellt.

        Sie machen zudem den Fehler, sich mit dem Gesprächspartner des Sokrates zu identifizieren. Nur dann kommt einem Sokrates (wie bei Szlezák) wie ein herablassender Lehrer vor. Wie verschiedene Metalepsen und Rollenwechsel (im Theaitetos / Sophistes / Politikos, im Menon, im Symposion usw.) anzeigen, geht es aber nicht darum, Sokrates als unhinterfragbare Lehrerfigur zu begreifen, sondern sein Spiel mit dem Gesprächspartner zu durchschauen – und ggf. zu überschreiten. Der Dialog ist als Ganzes der Lehrer – und der Leser der Schüler. Wie auch oben haben Sie sich also einfach auf eine bestimmte Rezeptionshaltung versteift, die sich keinesfalls notwendig aus dem Dialogzusammenhang ergibt.

        Anders gesagt: Versuchen Sie mal, die Dialoge aus einem anderen Winkel zu lesen. Dabei geht Ihnen natürlich die Möglichkeit zur fortlaufenden Rechthaberei verloren – weil man sich nicht mehr ständig auf irgendwelche angeblichen durchschnittlichen Überzeugungen über Platon stützen kann, die die meisten teilen. Dafür lernt man aber eventuell etwas dazu, was diese Meisten gerade nicht wissen – eben weil sie sich auf Doxographie verlassen, anstatt auf eigene Lektüre. Die Wahl liegt – wie schon in Platons Dialogen selbst – aber ganz bei Ihnen.

        „Die meisten Gegenspieler sind so simpel dargestellt, dass es Sokrates leicht fällt, ihre Argumente zu erschüttern…“ – Anstatt sich selbstgerecht an diesem Befund aufzuhängen, könnte man sich die Frage stellen, wie man selbst Dialoge – also: im Modus einer Theaterinszenierung gebaute philosophische Auseinandersetzungen – konzipieren würde, die von philosophischen Schülern in einem Garten zusammen gelesen und analysiert werden. Würde man sie – gerade wenn man sich ständig gegen die autoritäre Lehrform der Sophisten richtet – als dogmatische Lehrtexte verfassen, in denen ein unfehlbarer Lehrer die „Wahrheit“ verkündet? Oder würde man sie als dialektische Spiele verfassen, in denen der Schüler – neben den vielen Positionen, die darin vertreten werden – auch und vor allem die Art und Weise lernt, mit der man mit diesen Positionen umgeht? Was ist mit offensichtlichen Fehlern, die Sokrates (im Theaitetos) oder die auch Parmenides (im gleichnamigen Dialog) machen? Wie könnten sie Teil dieser dialektischen Didaktik sein, die in den Dialogen selbst immer wieder thematisch wird und das Vorgehen reflektiert?

        „Nehmen Sie mal den Armen Thrasymachos im ersten Buch der Politeia, der sich ja wirklich tapfer wehrt, aber gegen Sokrates‘ bohrende rhetorische Fragen hat er natürlich keine Chance. Das sind alles nur Pappkammeraden.“ – Sie haben noch an keiner Stelle nachgewiesen, dass Sokrates „rhetorische Fragen“ stellt. Sie haben es behauptet. Sie können natürlich davon ausgehen, dass Sie schon im Recht sind – und dann allerlei Stellen nennen, die Ihre Perspektive angeblich ‚belegen‘. Aber dann bewegen Sie sich in einem Bestätigungsfehler.

        Thrasymachos scheitert nicht an den „rhetorischen Fragen“ des Sokrates. Er scheitert daran, dass er seine Behauptungen nicht gut begründen kann. Er möchte gerne – wie Sie das hier tun – am laufenden Band Behauptungen aufstellen, andere herabsetzen, sich polemisch und rhetorisch ausgefeilt äußern – aber begründen, das will er nicht. Die geduldige Befragung durch Sokrates führt nicht dazu, dass Thrasymachos geschlagen wird – es ist das Eingreifen aller anderen, die seine fortlaufende Verweigerung des Logon didonai nicht mehr akzeptieren.

        Wenn Sie sich den Thrasymachos-Dialog mal genauer ansehen, dann sehen Sie eine recht ausgefeilte Argumentationsstruktur, die von Thrasymachos‘ eigenen Thesen abhängig ist (338c, 343b-343c). Es ist Thrasymachos, der sich rhetorisch als allwissend inszeniert – und Sokrates, der diese Inszenierung auflöst. Interessant daran (weil ausgefeilt dargestellt) ist, wie Sokrates das tut – nicht dass er es tut.

        Ich finde es übrigens ebenso interessant, dass Sie hier ganz wie Thrasymachos selbst die sophistische Sichtweise vertreten, ohne Begründungen zu geben. Denn Thrasymachos sagt ja: „O Herakles, das ist ja jene bekannte Verstellung des Sokrates! Aber das habe ich auch diesen schon vorhergesagt, daß du gewiß nicht würdest antworten wollen, sondern wieder Rückhalt suchen in der Verstellung […].“ Ich weiß also nicht genau, ob es reflexiv so günstig ist, diese Sichtweise zu vertreten – ist sie doch genau diejenige, die hier, als sophistische Haltung, dekonstruiert wird.

        „Als ich Ihren Kommentar zuerst las, lieber DPZ, vermutete ich ja, da hätte jemand, der Platon nie gelesen hat, sich was aus dem Internet zusammenkopiert, weile ja doch sehr abstrakt und unstrukturiert daherkam.“ – Der Schein trügt manchmal. Allerdings zeigen solche Herabsetzungsgesten freilich an, dass man sie nötig hat. Wo sachliche Gegenargumente und präzise oder redliche Stellenangaben fehlen, muss man sich eben anders behelfen. Es ist dann eher ungünstig, wenn man sich eben noch über „Pappkammeraden (sic!)“ mokiert hat, im nächsten Schritt selbst einen aufzustellen. „abstrakt“ und „unstrukturiert“ sind recht lässliche Vorwürfe; da Sie nicht festlegen, wann etwas konkret oder strukturiert ist, können wir beide das unter die bereits oben zur Genüge inszenierte Autoritätssimulation verbuchen.

        Warum es Ihnen allerdings so vorkommen kann, dass jeder andere, der Ihre Sichtweise nicht teilt, falsch liegt, habe ich hier erklärt: http://www.hoheluft-magazin.de/2015/12/na-logisch-die-confirmation-bias/ – Wie viel oder wenig Platon ich gelesen habe, davon können Sie sich qua Lektüre selbst überzeugen, basiert doch meine eigene philosophische Position hauptsächlich auf Platon und daran anschließenden platonischen Denkfiguren. Ich darf Sie aber darauf hinweisen, dass ich in meinem Buch genau von dem Problem ausgehe, dass eine einmal in Geltung gesetzte Überzeugung den gesamten Blick verzerrt. Womöglich finden Sie also auch hier nur die Bestätigung Ihrer Sichtweise. Für einen Hammer sieht alles wie ein Nagel aus…

        „… beim Nachdenken über die Initialen DPZ … kam ich auf die Idee, es könnte sich ja auch um einen hoffnungsvollen jungen Philosophen handeln, der Platon nebst Sekundärliteratur durchaus studiert hat mit heißem Bemühn“ – Sehen Sie? Der Schein trügt manchmal. Das wäre die Gelegenheit gewesen, sich eine alternative Sichtweise auf meine Darstellung zu überlegen…

        „Da wäre es natürlich tragisch, dass selbst so vielversprechende junge Talente der populären und didaktisch motivierten Lesart der Platonschen Dialoge nicht entgehen können oder wollen“

        … was leider nicht funktioniert hat. „Tragisch“ ist wohl nur, dass gerade derjenige, der nachweislich Meinungen aus der – von mir mit „heißen Bemühn'“ durchaus studierten – Sekundärliteratur übernimmt, auf Platon aufpappt und dann als eigene Einsicht verkauft (wörtlich, denn Ihre YouTube-Videos sind ja allesamt so aufgebaut), anderen eine „populär[e] … Lesart“ unterstellt. Ein kleines bisschen lustig ist dann noch, dass, wenn man die Sekundärliteratur so mit „heißem Bemühn“ gelesen hat wie ich, man von meiner Deutung alles Mögliche behaupten kann – außer, dass sie „populär“ ist. Inwiefern die platonischen Dialoge ganz ohne mein Zutun „didaktisch motiviert“ sind, sieht man, wenn man die darin immer wieder angesprochene Erziehung des Philosophen wahrnimmt.

        Vielleicht lesen Sie die Dialoge einfach mal. Dann wissen Sie, was ich meine…

        P. S.: Es macht natürlich immer Spaß, Leute mit viel Anspruch aber wenig Substanz in der Argumentation in ihre (wörtlich: die von ihnen selbst aufgestellten) Schranken zu weisen. Ich muss Sie aber darauf hinweisen, dass ich Ihrem Aufmerksamkeitsbedürfnis (drei bissige Kommentare waren fast nicht genug…) nicht immer entsprechen kann. Bitte haben Sie also Nachsicht, wenn ich nicht zum Antworten komme. Dass rhetorisches Geplänkel für Sie ein Sport ist, konnte ich auch früher schon in Ihren Beiträgen feststellen. Bitte haben Sie Verständnis, dass Philosophie für mich ein Beruf ist, bei dem ich nicht jedem die ihm eigentlich (und didaktisch) zustehende Aufmerksamkeit schenken kann. In meinen Texten finden Sie aber sicherlich etwas, woran Sie sich aufhängen können – womöglich genug, dass es Sie für eine sehr lange Zeit beschäftigt. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg.

        • Jörg Friedrich sagt

          Ich lese Ihre „Logik-Kolumne“ nicht und schon gar nicht schaue ich danach, wie Sie Ihre Kommentare signieren.

          Was ich nicht verstehe ist, warum Sie so viel Aufwand darauf verwenden, mich der „Sophisterei“ zu überführen (der Spaß sei Ihnen gegönnt), aber überhaupt keinen Beitrag zur eigentlichen Frage leisten wollen. Das hat mich schon immer so massiv genervt, wenn Sie sich in die Dialoge auf meinem Facebook-Account gemischt haben und ich bin heilfroh, dass Sie mich da inzwischen nicht mehr behelligen. Hier geht es um die Frage, wie Philosophie sich heute in einen öffentlichen Dialog einbringen könnte oder sollte. Ich habe dazu Stellung genommen und eine kleine Nebenbemerkung zu Platon eingefügt, die ich vorhin ja noch mal begründet habe. Sie lenken jetzt die ganze Sache hier auf ein Nebenfeld, ohne zur Hauptsache auch nur einen Nebensatz beizutragen. Sie monologisieren Ihr Platon-Verständnis, wo es doch um wichtigeres geht als um die Frage, ob nun Herr Friedrich oder Herr Zorn den Platon richtig verstanden haben. Warum?

          • DPZ sagt

            @Jörg Friedrich: Ein letztes Mal, einverstanden? Und vor allem weil ich meine, dass Sie noch einmal eine wichtige Frage aufwerfen, die auch andere Leser interessiert.

            „Ich lese Ihre ‚Logik-Kolumne‘ nicht…“ – Vielleicht sollten Sie mal damit anfangen…

            „Was ich nicht verstehe ist, warum Sie so viel Aufwand darauf verwenden, mich der ‚Sophisterei‘ zu überführen…“ – Eben das kann man gerade aus der Lektüre der platonischen Dialoge verstehen: Idealerweise, damit Sie etwas dazulernen. Aber selbst wenn Sie sich als unbelehrbar entpuppten, dann, damit zumindest die Leser etwas dazulernen. Jeder Dogmatiker, jeder, der sein Wissen (oder Halbwissen) in einer Monstranz der Selbstverständlichkeit, des rhetorisch unterfütterten Gestus der Autorität herumträgt, ist ein willkommenes Beispiel dafür, wie man sich gegen die Anmaßungen solcher Positionen zur Wehr setzen kann.

            „aber überhaupt keinen Beitrag zur eigentlichen Frage leisten wollen“ – Sehen Sie? Sie versuchen schon wieder, etwas festzulegen – was die „eigentliche Frage“ sei. Dabei war ich es, der Sie auf eine These hin befragt hat, die Sie aufgestellt haben – und für die Sie keine überzeugenden Gründe darlegen konnten. Sie versuchen ebenfalls – wieder unbegründet – festzulegen, dass ich „keinen Beitrag“ dazu geleistet hätte. Soweit ich sehen kann, habe ich aber sehr wohl Ihre Behauptungen umfänglich und mit Textbezug widerlegt.

            Genau hier kann der Leser lernen: Der Sophist wird immer versuchen, so zu tun, als hätte der andere gar nichts geleistet. Ein kluger Sophist anerkennt einen Teil, um ihn gegen einen anderen auszuspielen. Aber wem es nur und ausschließlich ums Rechthaben geht, der kann sich so etwas nicht leisten. Er muss – und sei es umwillen seiner eigenen Glaubwürdigkeit – ad nauseam, bis zum Erbrechen die Unfähigkeit des Gesprächspartners nur behaupten, ohne sie jemals – was redlich wäre – begründen zu können. Und er wird sich zugleich, in derselben Weise, als die Autorität inszenieren, die das alles festzulegen hat.

            „Das hat mich schon immer so massiv genervt, wenn Sie sich in die Dialoge auf meinem Facebook-Account gemischt haben…“ – Natürlich. Kritik nervt immer. Und bei Ihnen ist Kritik eben deswegen so leicht und so vielfältig anzubringen, weil Sie eben auch so viel Anlass dazu bieten. Die Formulierung, dass ich mich in die Dialoge „gemischt“ habe, ist bei dem Hinweis auf Ihr Facebook-Profil ein wenig seltsam – denn ist es nicht gerade Sinn eines sozialen Netzwerks und insbesondere solcher Kommentarfunktionen, miteinander ins Gespräch zu kommen? Aber wie Sie sehen können, habe ich Ihrem Versuch, sich die Gesprächspartner nach Genervtheit (vulgo: prinzipieller Zustimmung zu Ihren Thesen) auszuwählen und alles, was „nervt“ (vulgo: wogegen Sie kein gutes Gegenarguemnt haben), auszuschließen, entsprechend vorgebeugt.

            Wenn es Sie freilich nervt, hier in dem Blog, in dem ich selber schreibe, auf Thesen hin befragt zu werden, die Sie selber aufgestellt haben, kann ich Ihnen nicht weiterhelfen. Denn anders als auf Ihrem Facebook-Profil ist das hier wirklich ein öffentlicher Raum, der nicht dem Kriterium Ihrer Genervtheit (Ihres Interesses, Ihrer Sympathie usw.) untersteht. Gerade deswegen eignet er sich so gut für entsprechende Lektionen.

            „Hier geht es um die Frage, wie Philosophie sich heute in einen öffentlichen Dialog einbringen könnte oder sollte“ – Richtig. Und darauf haben Sie mit einem Hinweis auf Sokrates reagiert. Und ich habe mit einer Frage zu Ihrer unbegründeten und unbelegten These reagiert. Genau so funktioniert Diskussion. Sie können nicht gleichzeitig alle möglichen unbegründeten Behauptungen aufstellen und dann bei Kritik versuchen, die Diskussion mit einem angeblich verfehlten Themenbezug zu kontrollieren. Sie verwechseln Ihr Interesse am Thema mit dem Interesse aller anderen (eben das ist der Grundton meiner Kritik an Ihren Beiträgen: das Eigene grundlos zu verabsolutieren). Faktisch versuchen Sie dadurch aber nur, dem Anderen die Richtung seiner Antwort zu diktieren.

            „Sie monologisieren Ihr Platon-Verständnis, wo es doch um wichtigeres geht als um die Frage, ob nun Herr Friedrich oder Herr Zorn den Platon richtig verstanden haben. Warum?“ – Nein. Ich beantworte die Fragen, die Sie selbst gestellt haben. Und: Es geht darum, dass Sie eine These vertreten haben, für die Sie keine Begründung vorgebracht haben. Auch Ihre nachgelieferten Belege unterstützen diese These nachweislich nicht.

            Dann zielen Sie mit Ihrer Frage, die Sie mit der Behauptung über Sokrates verbinden, ja selbst ins Zentrum der von Trawny und Vašek diskutierten Problematik: „Wer möchte diese Fragen kennen, wozu sollen sie ‚gut sein‘?“ Das ist m. E. eine gute Frage. Aber sie wird von jemandem gestellt, der Fragen stellt, um sie teilweise mit Antworten zu beantworten, die er schon kennt. Das wirft die Frage auf, wie offen Ihre Frage eigentlich zu verstehen ist? Und im Zusammenhang der Diskussion: Wer genau diese Frage stellt – und wozu sie gut ist? Gerade weil sie eine gute Frage ist, muss man sie m. E. davor bewahren, von Gelehrsamkeits- und Autoritätssimulationen zugedeckt zu werden. Weil das präzise die Differenz zwischen Trawny und Vašek anzeigt.

            Zudem stellen Sie noch eine „andere, viel spannendere Frage: wie sollen denn die Texte aussehen, wie sollte der Diskurs aussehen, in dem die Philosophen diese Fragen stellen?“ – Und hier kann es nicht schaden, Ihnen einmal zu demonstrieren, wie ein Diskurs aussehen könnte, indem man Ihnen demonstriert, wie er gerade nicht aussehen darf, damit Philosophen diese Fragen stellen können.

            Vor dem Hintergrund Ihrer Äußerung, dass Vašek „Trawny so simpel missversteh[t]“ und dass die beiden „aneinander vorbei[reden], und … kein fruchtbarer Dialog [entsteht]“, ging es mir darum, diese Beobachtung und die sich aus ihr letztendlich ergebenden guten Fragen gegen Ihre eigenen sophistischen Impulse in Schutz zu nehmen.

            Anders gesagt: Sie haben mit Ihren Beiträgen ein prima Beispiel, metonymisch sozusagen, für die Debatte abgegeben. Und zugleich hat es den genannten Lerneffekt – wenn nicht für Sie (was wünschenswert wäre), dann zumindest für diejenigen, die hier mitlesen.

            Ich hoffe, damit habe ich die Frage, die Sie offenbar schon länger beschäftigt, zur Genüge beantwortet.

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