Na logisch! Der genetische Fehlschluss II: Der Ad-populum-Fehlschluss

Logik-Kolumne von Daniel-Pascal Zorn. Dieses Mal: Der genetische Fehlschluss II: Der Ad-populum-Fehlschluss

Die heutige Kolumne beginnt mit einer Geschichte aus dem alten China, aus der Zeit der streitenden Reiche. Ein Minister des Reiches Wei, Pang Tsung, begleitete den Prinzen dieses Reiches in das nördliche Nachbarreich Zhao (die Kronprinzen wurden untereinander ausgetauscht, um den gegenseitigen Friedensvertrag zu garantieren). Weil der Minister um seine zukünftige Stellung besorgt war, stellte er auf dem Weg dem König ein paar Fragen. „Wenn ein Mann sagen würde, dass auf einem belebten Marktplatz ein Tiger ist, würdet Ihr ihm glauben?“ Der König verneinte. „Und wenn zwei Männer sagen würden, dass da ein Tiger ist?“ „Dann wäre ich immer noch skeptisch“, sagte der König. „Und wenn ein dritter Mann die Geschichte der beiden anderen bestätigen würde?“ Der König antwortete: „Dann würde ich ihnen glauben.“ Der Minister sagte: „Aber auf einem belebten Marktplatz, auf dem die Menschen ihren Geschäften nachgehen, ist offensichtlich kein Tiger – und doch erscheint es nach den drei Aussagen so, als wäre da ein Tiger. Nun ist die Hauptstadt weiter weg als ein Marktplatz und weit mehr als drei Männer reden schlecht über mich. Ich hoffe, Euer Majestät wird das im Auge behalten.“

„Three men make a tiger (sān rén chéng hǔ)“ ist, nach dieser Geschichte, ein bekanntes chinesisches Sprichwort. Der Denkfehler, vor dem es warnt, ist im lateinischen Westen unter dem Titel ‚ad populum‘, ‚mit Bezug auf‘ bzw. ‚für das Volk‘ bekannt: Man begründet eine Meinung, indem man darauf verweist, dass sie auch von (vielen) anderen geteilt wird. Wie das Autoritätsargument gehört dieser Fehlschluss zu den genetischen Fehlschlüssen, weil er die Geltung einer Aussage abhängig macht davon, wie diese Aussage entstanden ist.

Ebenso wie das Autoritätsargument erscheint uns das Ad-populum-Argument zunächst ganz plausibel zu sein: Wenn viele Menschen eine bestimmte Meinung teilen, dann muss etwas an ihr dran sein, oder? Einer kann sich irren, vielleicht auch zwei – aber viele Menschen? Wir setzen solche Fälle vielleicht mit Zeugenaussagen vor Gericht gleich: Wenn viele Menschen dasselbe bezeugen, dann ist das doch ein Beleg für die Richtigkeit des Bezeugten. Oder wir berufen uns auf unsere alltägliche Erfahrung: Dass wir einen Großteil unseres Lebens darüber organisieren, dass andere unsere Ansichten teilen – und dass gar nichts funktionieren würde, wenn wir alles und jeden immer hinterfragen würden. Mit anderen Worten: Menschen sind konsensorientierte Wesen, die fortlaufend nach Übereinstimmung mit anderen Menschen streben. Also, so die Intuition, muss auch die Berufung auf einige oder viele andere ein valides Argument sein.

Natürlich beruht ein Großteil unseres Alltags auf einer ungesagten Übereinstimmung mit allen anderen. 

Doch das ist ein Trugschluss. Wenn wir uns die vorgebrachten Argumente einmal genau ansehen, können wir erkennen, warum: Vor Gericht zählt keinesfalls nur die Menge der Zeugen, sondern auch die Bewertung der Qualität ihrer Aussagen: Wiederholt ein Zeuge nur den Wortlaut eines anderen? Spricht er aus eigener Erfahrung oder bezieht er seine Sichtweise aus Hörensagen? Sind die Aussagen untereinander konsistent? Sind sie jeweils in sich stimmig und realitätsgetreu? Oder vermischen sie nicht viel eher Fakten und Fiktion?

Und natürlich ist es richtig, dass ein Großteil unseres Alltags auf einer ungesagten Übereinstimmung mit allen anderen beruht. Aber nur weil wir uns auf diese Übereinstimmung verlassen – macht das gleich alle unsere Aussagen oder Handlungen deswegen richtig? Oder können nicht vielleicht auch viele Menschen dieselbe Überzeugung teilen, obwohl diese sich bei genauerer Prüfung als falsch erweist? Man muss gar nicht die offensichtlichen Beispiele des Pogroms oder Lynchmobs heranziehen – wo ja auch viele sich einig sind –, um solche Beispiele zu finden: Jeder, der schon einmal Opfer eines Gerüchts oder Geredes von anderen über seine Person geworden ist, kann bestätigen, dass nicht alles richtig ist, nur weil andere es sagen.

Das gilt übrigens auch für Wissenschaftler und Experten: Der heute für die Entdeckung der Vererbung weltberühmte Naturforscher und Mönch Gregor Mendel wurde seinerzeit von seinen Wissenschaftskollegen abgelehnt, weil Mendel das Konzept des Erbmerkmals nicht so verstand, wie es die herrschende Lehre vorschrieb. Erst nachdem sich die Meinung der Vielen gewandelt hatte, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, wurde Mendel zum ‚Vater der Genetik‘. Mendel selbst erlebte seine Neurezeption nicht mehr – er starb 16 Jahre vorher.

Dass der Fehlschluss ad populum als Argument ungültig ist, tut übrigens der Geltung von statistischen Aussagen oder Plausibilitätsargumenten keinen Abbruch: Sie erheben ja, richtig angewendet, gerade keinen Anspruch darauf, dass die Angabe des Prozentsatzes einer Mehrheit ein endgültiger Beweis für die Richtigkeit einer Meinung sein soll. Werden sie wissenschaftlich korrekt verstanden, sagen sie nur, dass es Anhaltspunkte – oft auch starke oder gute Anhaltspunkte – dafür gibt, dass die betreffende Meinung überprüfungswürdig ist. Sie helfen dabei, eine Frage zu klären, aber sie geben nicht schon die Antwort auf diese Frage.

Der Mitläufer-Effekt: Wir begehren etwas, nicht weil es für uns wertvoll ist, sondern weil andere es begehren.

Oft werden diese sinnvollen Werkzeuge für unsere Erschließung der Wirklichkeit aber missbraucht. Anstatt die prozentuale Angabe einer Mehrheit als Indiz dafür zu sehen, dass es zu der betreffenden Meinung viele Menschen gibt, die sie vertreten, wird sie als Beweis dafür genommen, dass die betreffende Meinung richtig ist. Das führt manchmal dazu, dass solche Meinungsumfragen sich selbstständig machen: Je mehr Menschen etwas glauben, desto mehr Menschen glauben es. Diesen Effekt beschreibt die Sozialpsychologie als Bandwagon- oder Mitläufer-Effekt: Wir begehren etwas, nicht weil es für uns wertvoll ist, sondern weil andere es begehren. Wir folgen der Mehrheit, weil wir Anteil an dem haben wollen, woran viele andere Anteil haben wollen. Handelt es sich um eine Meinung oder Sichtweise, dann beginnen wir damit, unsere Meinung der Meinung anderer anzupassen und widersprechende Meinungen zu ignorieren oder zu unterdrücken. Wir etablieren also eine ‚Schweigespirale‘ und sorgen mit unserem Mitläufertum dafür, dass die Gefahr eines Bestätigungsfehlers immer größer wird.

Das Problem dabei ist, dass auch der Vorwurf einer ‚Schweigespirale‘ selbst eine unbewiesene Meinung sein kann, die durch einen Fehlschluss ad populum um sich greift. Man wirft dann der Gegenseite vor, die eigene Meinung unterdrücken zu wollen, während man dasselbe – und zwar genau dadurch – mit der Meinung dieser Gegenseite macht. Populisten können sich beide Ebenen zunutze machen – die Ebene, auf der mit der Angst und der Sorge vieler Menschen begründet werden soll, dass diese Angst und die Sorgen der Vielen berechtigt seien und die Ebene, auf der man sich auf die Opferhaltung von vielen beruft, um damit zu behaupten, dass die Gegenseite als Gemeinschaft der Täter bewiesen sei. Beides bleibt ein Fehlschluss.

Der Fehlschluss ad populum kann schließlich auch umgekehrt werden. Wir kennen das vor allem aus bestimmten Snobismen: Wenn die Menge sich dafür interessiert, kann es nicht gut sein. Menschen, die sich entsprechend als Nonkonformisten verstehen, halten etwas für falsch, gerade weil viele es für richtig halten: „Lady Gaga? Das ist Pop für die Masse. Ich höre lieber Sólstafir“ oder „Die Antwoord? Die waren gut, als keiner sie kannte – heute ist das angepasster Pop“. Lustigerweise bilden auch solche Menschen oft eine Gruppe, die sich dadurch ständig vergrößert, dass ihre Mitglieder deswegen nicht angepasst sein wollen, weil es viele andere auch nicht sind.

Der spätere König des Reiches Wei, dessen Minister Pang Tsung wir das Sprichwort ‚Three men make a tiger‘ zu verdanken haben, hörte nicht auf ihn. Er schenkte den Gerüchten Glauben und der Minister erreichte unter ihm nie wieder eine wichtige Stellung.