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HOHE LUFTpost – Im Fegefeuer der Mathematik

HOHE LUFTpost vom 05.02.2016: Im Fegefeuer der Mathematik

Denken Sie zurück an den Mathe-Unterricht in der Schule: Kam es manchmal vor, dass Sie nur Bahnhof verstanden haben? Dass der Sinn der Zeichen an der Tafel sich Ihnen einfach nicht erschließen wollte? Normalität für viele Schüler. Aber einige Weltklasse-Mathematiker machen diese Erfahrung derzeit zum ersten Mal. Ihr japanischer Kollege Shinichi Mochizuki, anerkanntermaßen einer der besten der Zunft, hat einen Beweis für einen berühmten Satz namens abc-Vermutung veröffentlicht – aber niemand sonst kapiert ihn. Die Koryphäen bemühen sich, zu verstehen, Mochizuki bemüht sich, zu erklären. Doch außer ihm hat bisher niemand auch nur die Grundidee seines Beweises durchschaut. Die Stars der Mathematik sitzen vor Mochizukis Beweis wie Schulkinder mit Mathephobie. So etwas gab es noch nie in der Mathematikgeschichte, und es wirft eine grundlegende Frage auf: Welchen Status hat die abc-Vermutung jetzt? Kann sie als wahr gelten, oder bleibt sie weiterhin offen? Keine der beiden Möglichkeiten stimmt ganz. Die abc-Vermutung ist der erste Satz im Fegefeuer der Mathematik, und dort wird sie wohl auch noch ein paar Jahre bleiben.

– Tobias Hürter

2 Kommentare

  1. Tatsächlich gilt der Beweis als nicht anerkannt, solange es an einer Überprüfung fehlt.
    Das ist nicht so erstaunlich, wenn man den Umfang der Arbeit betrachtet: Über 500 Seiten und mehrere Beweisteile, die nach 2012 sukzessive erschienen sind. Zur Einführung in die Thematik hält M. Seminare für Hochmathematiker ab, die 1 Woche dauern. Dass die Stars wie „Schulkinder“ davor sitzen, ist vermutlich leicht übertrieben, andererseits ja ein Grundproblem unserer zeitgenössischen Wikipedia-Illusion. Je spezieller ein Wissens-Segment, desto mehr Menschen können nur hoffen, dass es mit dem Glauben an ihr Wissen seine Richtigkeit hat. Und so sitzt der Taxonomie- Biologie eben auch vor der modernen Biophysik wie ein Schulkind. Und Philosophen kommen natürlich bei den Naturwissenschaften ohn ehin nicht mehr aus dem Staunen heraus, erinnernsich vielleicht aber noch daran, wie sie einst buchstäblich vor der „Kritischen Vernunft“ wie Schulbuben vor der Lateinarbeit saßen 😉
    However, Menschen vertrauen Menschen, und daher würde ich vorschlagen: Redet mit Gert Faltings (Max Planck für Mathe, Bonn). M. hat bei Faltings promoviert, rekurriert wohl auch auf Vorarbeiten von Faltings und Faltings hat sich in den 90er Jahren schon mal daran versucht, die Gedankenrichtungen der modernen Mathematik für mathematische Laien zu beschreiben (im Spektrum Verlag erschienen, sollte er mal neu auflegen). Ein philosophisches Interview könnte interessant sein – wo liegt das „Bahnbrechende“, was sind die größten Schwierigkeiten, welche neuen Thesen sind nun vielleicht möglich und vor allem, was ist diese verdammte Interuniversalität? ;))

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