Alle Artikel mit dem Schlagwort: Wirklichkeit

Die große Täuschung

Robert Habeck, Bundesvorsitzender der Grünen, zieht sich aus Facebook und Twitter zurück. Er will dort nicht mehr posten, keine politischen Statements, keine Aufrufe zur Wahl, keine Hinweise auf Fernsehsendungen und Interviews und auch keine kleinen Einblicke in die private Welt. Das wir nun von vielen Seiten kritisch kommentiert: Als Politiker, so heißt es, muss man heute unbedingt in den Sozialen Medien präsent sein, man soll nicht nur posten, sondern natürlich auch die Kommentare lesen, die man als Reaktionen erhält. Dort, bei Facebook und Twitter, spricht heute das Volk, da kann man herausfinden, was die Leute, die Wähler denken. Diesen Eindruck bekommt man auch, wenn man andere Medien verfolgt. Im Radio erzählen die Moderatoren, was die Leute gerade twittern und posten, die Hörer werden aufgefordert, ihre Meinung zum Programm per Facebook-Posting zu teilen, und gleich darauf werden die ersten Reaktionen verlesen. Alle scheinen bei Facebook zu sein, jeder scheint zu twittern. Die Öffentlichkeit, die Kneipe, der Marktplatz, so scheint es, ist heute die Social-Media-Welt.

Richtig streiten #3: Die Struktur der Meinung

Was im Streit zum Gegenstand wird, ist eine Meinung oder eine Erwartung. Diese Wörter sind geeignet, das zu benennen, was umstritten ist, weil sie wichtige Merkmale des Strittigen sofort augenscheinlich machen: Meinungen und Erwartungen sind niemals direkt und unmittelbar überprüfbar. Sie betreffen oft Zukünftiges, im gewissen Sinne vielleicht immer Zukünftiges. Sie sind persönlich. Und sie sind, auch wenn wir ihrer ziemlich sicher sind, niemals ganz gewiss. Ein paar Beispiele: „Man kann nicht mal mehr der Tageschau voll vertrauen.“ „Ich fürchte, der Trump wird auch die nächsten Wahlen gewinnen.“ „Hoffentlich gibt es bald Neuwahlen und dann kommen endlich mal andere an die Macht.“ Wenn wir mit Meinungen entsprechend des Prinzips der Nachsichtigkeit umgehen ist es Selbstverständlich, dass wir weder das Persönliche in diesen Meinungen ignorieren noch verlangen, dass es irgendwie aus den Meinungsäußerungen eliminiert werden muss. Nicht immer ist das Persönliche der Meinung schon im Satz ausdrücklich erkennbar, nicht immer steht da ein „Ich“ – aber wir können voraussetzen, dass eine Meinungsäußerung eben immer eine persönliche ist. Der erste Satz meiner Beispiele ist mit dem Satz …

Zur Ästhetik von Topfreinigern

Seit jeher produzieren Menschen Kunst – und setzen sich mit dieser auseinander. Von Platon über Arthur Schopenhauer bis hin zu Martin Heidegger wurde immer schon versucht, Kunst auch philosophisch zu ergründen. Was ist der Sinn von Kunst? Ist sie selbsterklärend? Muss jeder Mensch ein Kunstwerk gleichermaßen begreifen können? Nicht nur die Kunst selbst, auch die Ansätze zur Erklärung ihres Sinns haben sich im Laufe der Zeit immer wieder stark verändert. Platon etwa war noch davon überzeugt, Kunst müsse zu einem tugendhaften Leben erziehen. Für ihn war Kunst eine pädagogische Maßnahme – etwas, das uns nach Wahrheit und Werten streben lassen sollte. Dabei unterschied Platon zwischen Künstlern, die etwas schöpferisch herstellen, wie etwa ein Tischler, und Künstlern, die sich mit der Darstellung der Wirklichkeit befassen, wie etwa Maler. Letztere würden Ideen der Wirklichkeit immer nur nachahmen, während Erstere  Ideen verwirklichen – und der Wahrheit somit näher stehen. Heute hingegen nehmen wir diese Unterscheidung kaum mehr vor – selten werden Baumeister Künstler genannt. Ruhm und Ehre scheint jenen Künstlern vorbehalten, die „Bilder zweiter Ordnung“ schaffen. Welche Idee …

Ich knipse, also bin ich

Der Vergleich zweier Fotos zeigt es deutlich: In den acht Jahren seit der letzten Papstwahl hat sich die Welt technisch sehr verändert. Immer häufiger betrachten Menschen nicht nur besondere Ereignisse, sondern auch ihren Alltag durch das Display ihres Tablets, Handys oder der digitalen Kamera. Statt den Moment mit all ihren Sinnen zu erfassen, sind sie mehr mit ihrem technischen Gerät beschäftigt und verspüren den Drang, jede Sekunde digital festzuhalten. Die Filme und Fotos – und das ist wichtig! – werden später auf Youtube und Facebook veröffentlicht. So sieht alle Welt: Ich war dabei. Doch was hat man eigentlich davon? Wäre es nicht viel sinnvoller, zunächst das Ereignis zu genießen (von ein, zwei Erinnerungsfotos abgesehen) und sich später in Ruhe Filme und Fotos von Profis anzuschauen, als Ergänzung zum eigenen, unmittelbaren Erleben? So haben wir es früher gemacht. Aber das genügt nicht mehr. Fast scheint es so, als wäre man sich im digitalen Zeitalter seiner selbst nicht mehr sicher, wenn man nicht sein ganzes Leben in Bild und Ton festhalten würde. Das beinah zwanghafte Knipsen und …