Schlagwort: Streiten


Richtig streiten #10: Warum streiten wir überhaupt?

Nachdem es in der letzten Folge dieser Serie darum ging, plausibel zu machen, dass Meinungen im Streit zumeist nicht als Behauptungen zu verstehen sind, denen sich die anderen Streitenden zwingen anschließen müssten, bleibt die Frage, was es denn sonst mit diesen Meinungsäußerungen auf sich hat. Wenn wir unsere Meinungen zumeist gar nicht äußern, um andere davon zu überzeugen, warum äußern wir sie dann? Warum streiten wir überhaupt?

Alles Spekulation

Nun ist die Philosophie keine empirische Wissenschaft. Wir machen also keine Umfrage, befragen streitende Menschen nicht, warum sie streiten. Im Gegenteil, Philosophie pflegt ein gewisses Misstrauen gegen solche Empirie. Warum sollten die Befragten in der Umfrage „die Wahrheit“ sagen? Vielleicht steuert die Fragestellung schon das Verständnis der Befragten vom Gegenstand der Frage? Woher sollen wir überhaupt sicher sein, dass die Streitenden selbst wissen oder sagen können, warum sie streiten?

Es könnte z.B. sein, dass die Streitenden selbst eine Vorstellung davon haben, warum man vernünftigerweise streitet. Wenn sie dann befragt werden, nennen sie gar nicht ihre eigenen Gründe (über die sie womöglich noch nie nachgedacht haben). Auf der anderen Seite haben die, die wissenschaftliche Befragen durchführen, ganz sicher schon über mögliche Antworten nachgedacht, und formulieren ihre Fragen sicherlich in Abhängigkeit von ihren Vermutungen.

Als Philosophierender halte ich deshalb einen gewissen Abstand von den empirischen Methoden der Wissenschaft. Meine Methode ist spekulativ. Als Quelle für meine Überlegungen dienen mir meine allgemeinen Vorstellungen über die Welt, über das, was die Menschen ausmacht. Zugleich ist eine ziemlich sichere Quelle meines Nachdenkens die Beobachtung eben dieses eigenen Nachdenkens – und dessen, was ich verbunden mit diesem Nachdenken selbst tue. Aus diesem spekulierenden Reflektieren heraus gewinne ich Ideen darüber, wie sich etwas verhalten könnte. Diese Ideen kann ich dann anderen vorstellen, in der Hoffnung, dass sie sie nachsichtig prüfen, mit ihren eigenen Vorstellungen von der Welt abgleichen, und als Anregung für eigene Reflexionen nutzen können.

Gemeinsamkeit macht stark

Was also sind die Annahmen, die wir über die Menschen machen, mit denen wir die Lust am Meinungsstreit erklären können? Zwei Aspekte wären zu nennen: Wir Menschen sind soziale Wesen und darauf angewiesen, uns mit anderen in einer Gemeinschaft zu wissen. Es ist wichtig, dass ich zumeist sicher bin, dass andere so sind wie ich, dass sie die Welt ähnlich sehen wie ich, dass sie auf das gleiche vertrauen und dem gleichen misstrauen. Das Erleben von Übereinstimmungen macht mich sicher, dass ich nicht allein bin mit meinem Blick auf die Welt. Mit einer Meinungsäußerung hoffe ich also auf Zustimmung von anderen, und allein die Tatsache, dass andere, die ich als mir ähnlich empfinde, mir zustimmen, genügt mir, um mit größerer Sicherheit durch mein Leben zu gehen. Das Gleiche gilt natürlich auch, wenn mir von Menschen, die ich als fremd oder anders empfinde, Ablehnung entgegenschlägt. Auch das bestätigt mich: In meinem Anderssein gegenüber denen, die anderer Meinung sind ebenso, wie in meiner Gemeinsamkeit mit denen, die mit gleich sind.

Gerade wenn ich mich in einem Umfeld bewege, das mir fremd ist und das ich ablehne, will ich also auch gar nicht „überzeugen“, dann streite ich nicht mit dem Ziel, dass die anderen einsehen, dass ich recht habe. Jeder Widerspruch bestätigt mich ja darin, dass diese eben anders sind, und diese Bestätigung sichert mein Weltbild in meinem So-Sein-Wie-Ich-Bin.

Unsicherheit beherrschen

Bevor man sich nun gedanklich über diejenigen erhebt, die den Streit für die Abgrenzung zwischen sich und den „Eigenen“ auf der einen Seite und „den Anderen“ oder „den Fremden“ auf der anderen Seite brauchen, um in der Weit zurecht zu kommen, kann man sich kritisch fragen, ob man selbst ohne solche Abgrenzungen auskommt. Selbst die Skeptiker, die „nichts glauben“ und „alles hinterfragen“ grenzen sich ja auf diese Weise im Meinungsstreit von anderen ab und bilden eine Gemeinschaft der „aufgeklärten kritischen Geister“.

Wenn man sich die eigene Unsicherheit in der Komplexität der Welt wirklich eingesteht und versucht, sein Weltbild nicht nur per Übereinstimmung und Ablehnung mit anderen zu begründen, findet sich schnell ein weiterer Grund für die Beteiligung am Meinungsstreit: Die Meinungsäußerung kann dazu bestimmt sein, Argumente dafür oder dagegen zu erhalten, die mich in meiner Meinung bestärken oder weiter verunsichern.

Die meisten Vorstellungen über die Welt gewinne ich auf der Grundlage medialer Vermittlung (Fernsehen, Zeitungen, Rundfunk sowie deren Ableger in den sozialen Medien). Daraus erzeuge ich mir ein Bild von der Welt, das vor allem auch als Befürchtungen oder Hoffnungen besteht: Ich hoffe, dass sich die Stimmung in Großbritannien noch proeuropäisch entwickelt, ich fürchte, dass es nicht mehr rechtzeitig zu einem Umsteuern in der Klimafrage kommt.

Mit meiner Meinungsäußerung im Streit suche ich Bestätigung oder Widerspruch. Das aber nicht nur, um mich zu vergewissern, dass ich mit meiner Meinung nicht allein bin, sondern auch, um meiner Meinung überhaupt sicher zu werden, oder, um mich verunsichern zu lassen. Ich suche nach Argumenten, die meine Hoffnungen stützen, oder auch nach solchen, die meine Befürchtungen fragwürdig machen. Das alles, um in einer unsicheren Welt mit einem unsicheren Bild von der Welt halbwegs sicher zurecht zu kommen.

Es ist klar, dass Meinungsäußerungen dieser Art nicht mit einem Wahrheitsanspruch verknüpft sind. Im Gegenteil, ich gehe immer davon aus, dass es andere gibt, die anderer Meinung sind als ich, und die ich mit meiner Meinung – und mit den Begründungen dieser Meinung – gerade nicht werde überzeugen können. Trotzdem ist es sinnvoll, den Streit zu führen: Er macht mich sicherer in meinen Hoffnungen und Befürchtungen und schafft mir damit ein besseres Fundament zum Handeln. Und er schafft Gemeinsamkeit mit Menschen, die ähnlich denken wie ich, sodass wir uns gemeinsam mit denen auseinandersetzen können, die anderer Meinung sind.

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Richtig streiten #9: Was heißt „Geltung“?

Als Reaktion auf den letzten Teil meiner Serie wurde unter Anderem gefragt, ob man tatsächlich annehmen kann, dass die Streitenden für ihre geäußerten Meinungen keine Geltung beanspruchen würden. Um diese Frage zu beantworten, kann man zwei Wege beschreiten: Zum einen wäre zu klären, was „Geltung beanspruchen“ eigentlich bedeutet, dazu muss natürlich gefragt werden, was Geltung heißt und was beanspruchen heißt. Zum anderen können wir überlegen, um was es wahrhaftigen und nachsichtigen Streitenden in einem Streit tatsächlich gehen kann – um anschließend zu prüfen, ob eines der gefunden Ziele als „Geltung beanspruchen“ bezeichnet werden kann. Dem ersten Weg ist dieser Teil gewidmet, im nächsten Teil geht es um den zweiten Weg.

„Geltung beanspruchen“ in der Theorie

Was „Geltung“ heißt, kann man ohne Angabe des Kontextes, in dem das Wort verwendet wird, vermutlich nicht klären. Allerdings geben uns unstrittige Verwendungsweisen in bestimmten sozialen Bereichen Hinweise darauf, was das Wort in anderen Bereichen bedeuten könnte. Wir müssen also einen kleinen Umweg machen, um zur Bedeutung dieses Wortes im Streit vorzudringen. Den ganzen Artikel lesen

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Richtig streiten #8: Geltungsansprüche und Fehlschlüsse

Haben Meinungen im Streit einen Geltungsanspruch? In dieser Serie ist schon mehrfach deutlich geworden, dass Meinungen immer eine persönliche Modulation durch die Person, die sich äußert, haben. Es ist meine Meinung, die ich äußere. Wenn man in einer Diskussion nachfragt, ob der andere sich sicher ist, dass es sich wirklich so verhält, wie er sagt, wird man oft die Antwort bekommen „Es ist meine Meinung!“. Meinungen werde selten mit dem Anspruch geäußert, dass jeder ihr zustimmen muss. Auch wenn Alice, die die Meinung äußert, dass „Trump ein Idiot ist“, sich sehr sicher ist, dass es sich so verhält, wird sie vermutlich nicht der Meinung sein, dass Bob zwingend zustimmen muss, schon gar nicht, dass ihre Argumente, mit denen sie ihre Meinung stützt, ihn zwingend überzeugen müssen.

Geltungsanspruch für mich

Alices Meinung gibt darüber Auskunft, wie sie die Welt sieht. Sie beansprucht keine Geltung in dem Sinne, dass Bob ihre Sicht teilen muss. Deshalb ist jede Argumentation, in der Bob dies behauptet, schon ein ungeeigneter Einstieg in den Streit, gesetzt, beide haben die Absicht, dem jeweils anderen ihre Meinung plausibel zu machen und womöglich sogar den anderen von der eigenen Meinung zu überzeugen und ihn in der bisherigen Überzeugung zu erschüttern. Wenn Bob, im Gegensatz zu Alice, der Meinung ist, Trump sei ein kluger Mann und ein guter Präsident, dann tun beide gut daran, wenn sie abgleichen, was für die eine und was für die andere Meinung spricht. Beide sollten darüber einig sein, dass es sein kann, dass sie beide irren. Den ganzen Artikel lesen

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Richtig streiten #7: Die Spontanität der Äußerung

Wenn jemand für das kritisiert wird, was er sagt, liegt der Kritik zumeist die Vorstellung zugrunde, dass der Sprecher sich zuvor überlegt hat, was er sagen wird. Das gilt sicherlich, wenn jemand eine Rede hält, zumal, wenn er sie vom Blatt abliest. Es gilt aber sicherlich nicht unbedingt beim Streit. Häufig fordert man zwar von Anderen, dass sie erst nachdenken sollen, bevor sie sprechen. Aber ist das wirklich möglich? Wie wäre es umgekehrt: Wenn wir besser streiten wollen, müssen wir bedenken, dass Äußerungen im Streit spontan erfolgen, undurchdacht, intuitiv und emotional. Sowohl Zuhörer als auch Sprecher müssen mit dieser Spontanität umgehen. Auch das gehört zu dem bereits genannten Prinzip der Nachsichtigkeit.

Was heißt „spontan?

Wir wollen als spontan eine Äußerung dann bezeichnen, wenn sie vor der Mitteilung nicht ausdrücklich gedacht und erst recht nicht gedanklich in Worten ausformuliert worden ist. Wie viele spontane Äußerungen man in Gesprächen zum Besten gibt, kann jeder Mensch nur durch Selbstbeobachtung herausfinden. Der Schreiber dieser Zeilen muss zugeben, dass die meisten seiner Äußerungen in Gesprächen spontan sind. Es gibt zwar durchaus den Fall, dass ich mir überlege, was ich sagen will, aber vieles von dem, was ich sage, habe ich zuvor nicht genau bedacht. Es „kommt in mir hoch“ und „es will hinaus“. Den ganzen Artikel lesen

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Richtig streiten #6: Der Beweggrund der Meinungsäußerung

Wir hatten bisher gesehen, dass eine Meinungsäußerung im politischen Meinungsstreit niemals eine bloße Tatsachenbehauptung ist, sondern dass sie immer durch ein persönliches Interesse des Sprechenden moduliert ist. Das gilt auch, wenn die Aussage für sich genommen wie ein Aussagesatz klingt, etwa, wenn Alice sagt: „Trump wird die nächste Wahl auch gewinnen!“ oder wenn Bob äußert „In den Medien herrschen überhaupt keine Qualitätsstandards mehr!“. Im Falle von Alice ist noch klar, dass es sich nicht um eine Tatsachenbehauptung handelt, da ihr Satz die Zukunft betrifft. Allerdings könnte man auch hier vermuten, dass es sich um eine sachliche Hypothese handelt, die nicht durch persönliche Modulation eine Angst, Hoffnung oder Sorge ausdrücken soll. Bobs Satz, für sich genommen, hat allerdings die Form einer einfachen Tatsachenbehauptung. Trotzdem wird es sich in einer Diskussion unter Freunden nur sehr selten um eine sachliche Hypothese handeln. Vielmehr darf man vermuten, dass Alice und Bob davon überzeugt sind, dass die anderen die jeweilige Modulation kennen. Wenn Alice äußert, dass Trump auch die nächste Wahl gewinnen wird, ist sie sicher, dass die anderen wissen, dass ihr diese Aussicht Sorgen macht. Man wird es aus ihren bisherigen Äußerungen sicher und intuitiv schließen. Wenn es sie nicht mit Sorgen erfüllen würde, so können wir annehmen, würde sie es gar nicht sagen. Aus dem Satz spricht mehr Sorge als eine sichere Prognose. Ebenso ist es be Bob, dem es Sorgen macht, dass er in den Medien immer mehr Beiträge liest, die qualitativ minderwertig sind. Würde ihn diese Tatsache gar nicht bekümmern, dann würde er sich zu dieser Frage wahrscheinlich gar nicht äußern.

„Das ist meine Meinung!“

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Richtig streiten #5: Die Kontinuität des Begründens

Zur Logik, zum vernünftigen Sprechen, gehört, dass man bereit ist, Gründe für seine Aussagen anzugeben. Diese Gründe müssen aber wenigstens so sein, dass man vermuten kann, dass der andere sie als Begründung akzeptiert. Wer wahrhaftig ist, muss auch nachsichtig sein: Er weiß, dass es zwischen Begründung und Aussage oft eine Lücke gibt, die aus Gemeinsamkeiten der Diskussionsteilnehmer erst geschlossen werden muss. Zudem wird er vermuten, dass alle Äußerungen des Gesprächspartners – sowohl die Meinungen als auch die Begründungen – sinnvoll verstanden werden können, auch wenn sie mit der eigenen Sprachpraxis nicht zusammenpassen. Ein wahrhafter und nachsichtiger Streit wird nicht mit dem Ziel geführt, die Sprachpraxis des anderen zu korrigieren, sondern den Sinn seiner Äußerungen zu verstehen und die Lücken zwischen seinen Begründungen und den geäußerten Meinungen zu schließen.

Eine notwendige Gemeinsamkeit ist, dass eine gemeinsame Vorstellung davon existiert, wie es zu Ereignissen in der Wirklichkeit kommen kann, welche Gründe als Begründungen für Meinungen  dienen können. Den ganzen Artikel lesen

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Richtig streiten #3: Die Struktur der Meinung

Was im Streit zum Gegenstand wird, ist eine Meinung oder eine Erwartung. Diese Wörter sind geeignet, das zu benennen, was umstritten ist, weil sie wichtige Merkmale des Strittigen sofort augenscheinlich machen: Meinungen und Erwartungen sind niemals direkt und unmittelbar überprüfbar. Sie betreffen oft Zukünftiges, im gewissen Sinne vielleicht immer Zukünftiges. Sie sind persönlich. Und sie sind, auch wenn wir ihrer ziemlich sicher sind, niemals ganz gewiss.

Ein paar Beispiele:

„Man kann nicht mal mehr der Tageschau voll vertrauen.“

„Ich fürchte, der Trump wird auch die nächsten Wahlen gewinnen.“

„Hoffentlich gibt es bald Neuwahlen und dann kommen endlich mal andere an die Macht.“

Wenn wir mit Meinungen entsprechend des Prinzips der Nachsichtigkeit umgehen ist es Selbstverständlich, dass wir weder das Persönliche in diesen Meinungen ignorieren noch verlangen, dass es irgendwie aus den Meinungsäußerungen eliminiert werden muss. Nicht immer ist das Persönliche der Meinung schon im Satz ausdrücklich erkennbar, nicht immer steht da ein „Ich“ – aber wir können voraussetzen, dass eine Meinungsäußerung eben immer eine persönliche ist. Der erste Satz meiner Beispiele ist mit dem Satz „Ich meine, dass man nicht mal mehr der Tagesschau voll vertrauen kann“ identisch. Wenn man jemanden auf einen der Beispielsätze hin fragen würde: „Ist das deine Meinung?“ würde der wohl meistens antworten: „Ja natürlich!“ Den ganzen Artikel lesen

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Richtig streiten #2: Das Prinzip der Nachsichtigkeit

Vernünftig streiten heißt, die Frage nach dem Grund einer Meinung oder einer Erwartung zu akzeptieren und bereit zu sein, Gründe anzugeben. Das reicht aber noch nicht: Die Gründe müssen für den, dem sie gegeben werden, als Grund akzeptabel sein. Das heißt nicht, dass er ihnen zustimmen muss, dass er sie als richtig ansehen muss.  Sie müssen ihm nicht einleuchten, er kann sie bestreiten, aber sie müssen überhaupt als Gründe in Frage kommen. Sie müssen irgendetwas mit der geäußerten Meinung zu tun haben, was sie als Begründung in frage kommen lässt.

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